10.06.2006 - Das sonst sehr präzise Online-Lexikon Wikipedia verfehlt das zehnjährige Jubiläum des Chess960 nur um knapp 10 Tage - ein Wimpernschlag in der Jahrhunderte alten Geschichte des Schachspiels. So bezieht sich Wikipedia in der Einleitung zum Artikel über Chess960 auf den Gründungsort Buenos Aires: "Fischer Random Chess, auch Chess960, ist eine von dem Schach-Großmeister Bobby Fischer entwickelte Schachvariante mit 960 möglichen unterschiedlichen Ausgangsstellungen. Zum ersten Mal vorgestellt wurde diese Variante am 19. Juni 1996 in Buenos Aires. Fischers Ziel war es, eine Schachvariante zu entwickeln, die mehr Gewicht auf die Kreativität und das Talent des Spielers legte, als auf das Auswendiglernen und Analysieren von Eröffnungen. Dies sollte durch zufällige Eröffnungsstellungen erreicht werden, die ein Auswendiglernen von Eröffnungszügen wenig hilfreich erscheinen lassen."
Ullrich Bonnaire und Hans-Walter Schmitt: Chess960
und das etwas andere Objekt der Begierde
Hans-Walter Schmitt, einer der bekanntesten
Chess960-Protagonisten deutet in einer Mitteilung zum Jubiläumstag darauf
hin, daß das erste Chess960-Turnier von Spielern des SC Frankfurt-West in
Schollbrunn im Spessart stattfanden. Ob der Jubiläumstag am 9.6.1996 aus
Gründen der späteren Namensgebung "Chess960" bewusst gewählt wurde oder
einfach nur, weil dieses Datum auf einen Sonntag fiel bleibt bis heute
unklar. Klar hingegen bei der Namensbezeichnung ist der Verzicht auf den Teutonismus "Schach960" und die Präferenz von "Chess960" gegenüber
"Fischer Random Chess". Und hätten die Schachspieler des SC Frankfurt-West
diesen historischen Tag mit ihrem Essbesteck in die umliegenden Bäume
eingeritzt, wäre es vielleicht in die Annalen des keltischen Baumhoroskop
eingegangen - doch so nutzen die Schachspieler Gabel und Messer, um den
kulinarischen Produkten von Kurt Haas, dem Wirt "Zur Sonne" in Schollbrunn, zu Leibe zu rücken.
Entwicklungspotential: Markus Busche (rechts) und
Hans-Walter Schmitt (links)
"Heute
ist der 10.Jahrestag – quasi die Geburtsstunde – des Chess960. Ehemals
hatten wir es FRC = Fischer Random Chess genannt, als wir uns im „Gasthaus
zur Sonne“ in Schollbrunn / Spessart zum ersten Mal ernsthaft mit der Idee
von Robert James „Bobby“ Fischer beschäftigten.
Man
muss sich einfach das Datum ansehen 09.06.96 – ein unglaublicher Zufall,
man kann zweimal die Zahl 960 bilden – für Weiß und Schwarz? 960 verschiedene
Stellungen und eine kannten wir schon, bzw. 1,5 weil die Königs- und
Damenstellung oft verwechselt wird", so Schmitt weiter.
Der Vorsitzende des SC
Frankfurt-West konnte seine Mitstreiter überzeugen, diese
außergewöhnliche Idee auszuprobieren. Dass diese Idee nicht ohne eine
gehörige Portion Alkohol zu realisieren war, muss jedem guten Strategen
klar gewesen sein, zumal genau 10 Tage später der geplante inoffizielle
Start in Buenos Aires zwischen GM Eugenio Torre und GM Pablo Ricardi an
der Exzentrik von Bobby Fischer selbst und der Ignoranz der
argentinischen Veranstalter scheiterte – die Rochaderegeln."
Soweit die
Meldung zum Jubiläum. Das Protokoll des denkwürdigen Gründungs-Turniers
von Ullrich Bonnaire finden wir in den Archiven des SC Frankfurt-West:
Berichte aus dem Wirtshaus im Spessart 1996: Der Spessart ruft!
Wenn sich an einem Samstagmorgen im Frühsommer die besten Kräfte des SC
Frankfurt-West versammeln, dann ist es wieder soweit - die letzte
Bewährungsprobe der Saison steht bevor: das Schachwochenende in
Schollbrunn im Spessart.
Ferdi Niebling beim Main-Taunus-Chess960-Cup in Bad
Soden.
Foto: Schulze Generators Communication
Mit nur 11 Teilnehmern haben wir in diesem Jahr zwar eine recht kleine,
dafür aber um so hochkarätigere Gruppe beisammen. Vielleicht hat die
letztjährige Berichterstattung, mit ihrer starken Betonung der sportlichen
Höchstleistungen, den ein oder anderen verschreckt?!
Vor unserem neuen Domizil, der Stadthalle Zeilsheim, warten wir noch auf
Rudi, der dann aber pünktlich von seiner treusorgenden Ehefrau angeliefert
wird. Damit er in den zu erwartenden Wirren nicht verlorengeht, hat sie
ihm ein rotes Käppie verpaßt.
Während der Anfahrt zu unserer Wettkampfstätte, dem Gasthof „Zur Sonne“,
läßt sich schon am Fahrstil die innere Verfassung der Kämpfer ablesen. An
der Spitze unser Präsident Hans-Walter (HWS) - vormals 1.Vorsitzender -
der mit einem neuen Streckenrekord gleich klarmacht, wie ernst ihm die
Sache diesmal ist. Titelverteidiger Ferdi läßt es dagegen ruhig angehen,
der erfahrene Stratege weiß, wann er zuschlagen muß.
Die "Sonne" in Schollbrunn
Am Zielort angekommen, herrscht schon bald nach dem herzlichen Empfang
durch Familie Haas gespannte Vorfreude, denn jetzt werden die beiden
Mannschaften „Sonne“ und „Kartause“ gebildet. Vereinsmeister Ferdi, dem in
der abgelaufenen Saison so ziemlich alles gelungen ist, demonstriert sein
Selbstvertrauen, indem er freiwillig als Kapitän der „Kartause“ antritt,
obwohl Mannschaften mit diesem Namen bisher immer den Kürzeren zogen!
Allerdings hat die „Sonne“ in diesem Jahr mit Ulli einen
Mannschaftsführer, der in einem Formtief steckt und erst am Vorabend von
Ferdi erwartungsgemäß aus dem Vereinspokal geworfen wurde.
Nach drei von vier Runden (15-Min.-Partien) steht der Kampf 7,5:7,5 -
reißt die Serie der „Sonne“?. Aber nein, mit einem phänomenalen 5:0 wird
die „Kartause“ in der Schlußrunde von den Brettern gefegt. Das muß,
zusammen mit dem jetzt folgenden Mittagessen, erst ´mal verdaut werden.
Sind hier doch höhere Mächte im Spiel?
Jürgen Wienecke und Frau Brigitte
Mit bei allen Athleten optimal eingestelltem Flüssigkeitshaushalt beginnt
das Mannschaftsblitz nach Scheveninger System. Die „Kartause“ will es noch
einmal wissen und haut in Runde 1 einen 4:1 Sieg ´raus, hat damit aber ihr
Pulver fast schon wieder verschossen. Der Halbzeitstand von 15:10 für die
„Sonne“ läßt ein Debakel befürchten.
In der Rückrunde halten sich die Kartäuser dann aber wacker, so daß die
Niederlage mit 22:28 im Rahmen bleibt.
Während sich die Eifrigsten nun unverzüglich auf den Weg zur Kartause
Grünau machen, trösten sich andere vor der Glotze mit der Erkenntnis, daß
es Steffi - in Paris - auch nicht leicht hat, am Ende aber doch noch
siegt.
In der Kartause gilt es dann erst einmal Abstand vom Wettkampfstreß zu
gewinnen. Das gelingt erfahrungsgemäß am besten beim Kartenspielen. Hier
weicht der Druck aus den Kesseln, werden Gegner und Mitspieler je nach
Spielverlauf gelobt oder angeschnauzt. Die Doppelkopfrunde kommt diesmal
allerdings nur schleppend in Gang, da der Präsi und die beiden Jürgens dem
konsternierten Rudi in jedem zweiten Spiel eine weitere Sonderregel aus
der Alt-Unterliederbacher Kuriositätensammlung unterjubeln. Mehrfach kann
der Geplagte nur mit Mühe zum Weiterspielen überredet werden.
Nach den letztjährigen, teilweise schmerzvollen Erfahrungen bereitete der
Umgang mit dem Spezialdopingmittel Walnußschnaps diesmal keinerlei
Probleme mehr, so daß beide Mannschaften nach der Rückkehr von der
Kartause vollzählig zum Abendessen antreten können. Die Stimmung ist
prächtig, alle fiebern dem Blitzturnier als Höhepunkt des Tages entgegen -
da verläßt Ulli, leicht blaß um die Nase, trotz halbgefüllten Tellers die
Tafel.
Macht sich stark für Chess960:
Hans-Walter Schmitt beim Training
Kurz nach 22.00 Uhr, man sitzt wieder an den Brettern und wartet mehr oder
weniger kampftüchtig auf das Startkommando des Turnierleiters, fehlt der
Mannschaftsführer der Sonne immer noch. Droht hier zum ersten Mal eine
vorzeitige Aufgabe? Hans-Peter wird auf den mühseligen Weg zum Zimmer im
3. Stock geschickt, um letzte Gewißheit zu erlangen. Das bange Warten
währt allerdings nur kurz. Noch etwas schlaftrunken, aber frisch gestärkt,
stolpert Ulli ans Brett und nimmt die neueste Skandinavische Geheimwaffe
des völlig verdutzten HWS auseinander. Jetzt weicht das Mitgefühl der
unausgesprochenen Frage, ob sich hier einer mittels Schlafpause einen
unerlaubten Vorteil verschafft hat. Sei´s drum, außer Ferdi kann keiner
Ulli´s Siegeslauf bremsen, so daß am Ende - nach einer zwischenzeitlichen
Niederlage Ferdi´s gegen das Rotkäppchen - an der Spitze Gleichstand
herrscht.
Um 1.00 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit beginnt der Stichkampf um Platz
1 im mörderischsten Blitzturnier Unterfrankens. Wieder einmal übertölpelt
Ferdi seinen Gegner schon in der Anfangsphase und fährt überzeugend den
ersten Punkt ein. In der zweiten Partie steht Ulli nach frevelhafter
Eröffnungsbehandlung erneut jenseits von Gut und Böse. Unserem
Meisterspieler ist jedoch das leicht zu erzwingende Remis zu banal und
einen Moment geistiger Ermattung nutzt Ulli zu einem „Lucky Punch“ - 1:1.
Die Nachwirkungen dieser Keule zeigen sich in der letzten Partie, die Ulli
ungewohnt souverän gewinnt und damit den Prestigekampf für sich
entscheidet.
Was nun folgt oder besser gesagt nicht folgt, darf sich in dieser Form
nicht mehr wiederholen! Einer nach dem anderen verzieht sich unter Hinweis
auf die vorgerückte Stunde oder irgendwelche eingebildeten Wehwehchen in
Richtung Koje. Hier zeigt sich ein fataler Hang zur Bequemlichkeit. Nur
der Präsi und Rudi kommen ihrer Informationspflicht nach und unterhalten
die Wirtsleute Helma und Kurt - immerhin unser einziges Mitglied im
Freistaat - mit Neuigkeiten vom SC West. Mangels Unterstützung müssen aber
auch diese letzten Aufrechten lange vor dem Morgengrauen den Rückzug
antreten.
Am Sonntagmorgen verhindert der Regen unseren traditionellen Besuch der
Wildsäue, was aber in Anbetracht des engen Turnierplans auch seine
Vorteile hat. Auf Vorschlag des Präsi´s, er hat wohl heimlich geübt, wird
nämlich zusätzlich „Fischer-Schach“ gespielt.
Zunächst steht aber die Blitz-Revanche an. Selten gelingt es dem Sieger
des Vorabends seinen Erfolg zu wiederholen, die Anforderungen sind einfach
zu unterschiedlich. Während samstags die (Theken-) Steher, die als
Resultat der freitäglichen Trainingseinheiten auch am Ende eines langen
Tages noch Leistung bringen können, im Vorteil sind, ist der Sonntag die
Domäne der Frühaufsteher, welche gewöhnlich schon während des Frühstücks
durch ihre penetrant gute Laune auffallen.
Ganz gegen die Regel gewinnt Ulli, mit nur einer Niederlage gegen Daddy,
auch die Revanche und setzt sich im Kampf um den Gesamtsieg weiter von
seinem härtesten Verfolger HWS ab. In der unteren Tabellenhälfte
demonstriert Jürgen der Kassierer - offensichtlich beschwingt durch den
Erfolg, den größeren Teil des Vereinsvermögens über den gestrigen Tag
gerettet zu haben - den etwas abgeschlafften „Jungspunden“ Hans-Peter und
Markus, was Morgenfrische ist und erklimmt Rang 6. Am Tabellenende
beharken sich der Älteste und der Jüngste im Feld unerbittlich - noch
einmal siegt die Routine.
Bobby Fischer spielt Chess960 gegen
Susan Polgar
Nach kurzer Verschnaufpause beginnt dann das „Fischer-Schach“-Turnier. Vor
jeder Runde werden die Positionen aller Figuren auf der Grundreihe, für
beide Farben getrennt, ausgelost. Nur die letzte Schamschwelle - das
Verbot zweier gleichgeschlechtlicher Läufer - wird respektiert. Mitunter
stellt sich trotzdem schon vor dem ersten Zug eine gewisse Beklemmung ein,
wenn sich beispielsweise der eigene König allen feindlichen Schwerfiguren
gegenübersieht oder einer Eckdame der gegnerische Läufer entgegengrinst.
Die Favoriten kommen aus dem Kreis der Schwindler, Hudler und
Zeitnotpeitscher. Vorneweg Jürgen R. und Ulli, Leute, die stil- und
charakterlos die fragwürdigsten Stellungen provozieren, nur um ihre Gegner
zum Denken zu verleiten und sie dann über die Zeit zu heben. Aber auch
mittelspielstarke Zocker ohne oder mit stark verengtem
Eröffnungsrepertoire wie Rudi, HWS oder Hans-Peter sollten hier,
unbehindert von der Theorie, aufspielen können. Ferdi, als ausgewiesenem
Schachästheten, werden von vornherein nur Außenseiterchancen eingeräumt.
Die erste Runde beginnt gleich mit einem Knaller. Markus zerlegt
unwiderstehlich Ulli´s „Stellung“, dessen Dame von a8 aus machtlos
zusieht. Von diesem Sieg beflügelt sammelt Markus Punkt um Punkt, hart
verfolgt von den Top-Favoriten, die langsam nervös werden. Bis zur letzten
Runde hält er einen halben Punkt Vorsprung. In dieser trifft er auf Ferdi,
der sich im Verlauf des Turniers zu oft, auf Kosten seines Blättchens, an
seinen wundervoll exotischen Angriffsstellungen ergötzt hat und deswegen
im Mittelfeld dümpelt. Zum Kummer von Markus ergibt die Auslosung auf
Ferdi´s Seite eine durchaus schachähnliche Aufstellung, worauf der ihm,
ohne sich in abenteuerlichen Varianten zu verlieren, nicht einmal das zum
Sieg ausreichende Remis gönnt. Dadurch gewinnt Ulli auch noch dieses
letzte Turnier der Schollbrunnserie.
Turnier Schollbrunn-“Fischer-Schach“, 09.06.96:
Rang
Name
Punkte
1.
Bonnaire, U.
7,5
2.
Busche, M.
7,0
3.
Ramerth, J.
7,0
4.
Bonnaire, R.
6,0
5.
Niebling, F.
5,5
6.
Schmitt, H.W.
4,5
7.
Birneder, H-P.
4,0
8.
Wienecke, J.
2,5
9.
Dressler, D.
1,0
10.
Koch, H.
0,0
Das abschließende Mittagessen findet naturgemäß in etwas gedämpfter
Stimmung statt. Die Arbeit ist getan, die Kämpfer sind ausgelaugt. Kaum
einer weiß genau, was ihn zuhause erwartet. Die Lieben daheim wissen es
oft nicht zu würdigen - von Begeisterung ganz zu schweigen - , welche
Anstrengungen wir an einem solchen Wochenende im Trainingslager auf uns
nehmen, um auch in Zukunft unser hohes schachliches Niveau halten zu
können. Alle freuen sich jedenfalls auf Schollbrunn ´97, dann hoffentlich
mit Rekordbeteiligung! (Ulrich Bonnaire)