Chess960 Exzentriker, Erfinder, Eremit Was haben Otto Schily, Boris Spassky und Ruslan Ponomariov gemeinsam?
28.10.2004 - Es ist still geworden und Ex-WM Bobby Fischer sitzt immer noch in Auslieferungshaft im Gefängnis in Japan. Zahlreiche Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und der Schachwelt haben sich bemüht: Bundesinnenminister Otto Schily, Ex-WM Boris Spassky, Ex-WM-Rusland Ponomariov und viele andere aus der Schachwelt. "Free Bobby Fischer" war der Slogan - außer einem Zeitaufschub vor der drohenden Auslieferung in die USA und publik gemachten Heiratsplänen hat die Aktion wenig konkrete Resultate gebracht. Bobby Fischers Leben als Exzentriker, Erfinder und Eremit.
Exzentriker, Erfinder, Eremit: Bobby Fischers Leben zwischen Schwarz und Weiß
Die Geburtsstunde
Mit allen möglichen Besuchern hatte Kurt Haas, Wirt
des Spessart-Restaurants "Zur Sonne" in dem gottverlassenen Flecken Schollbrunn - irgendwo auf dem Weg zwischen Aschaffenburg und Würzburg
gelegen - gerechnet. Mit Wanderern, mit Dorfbewohnern, mit
gelegentlichem Besuch der bayerisch-fränkischen Blasmusik, ja sogar der
Besuch des Zirkelschmieds und des Goldarbeiters aus Christian Hauff's Märchen "Das
Wirtshaus im Spessart" hätten ihn nicht sonderlich überrascht. All
seinen bodenständigen Gästen serviert er dann bodenständige Kost,
fränkische Zipfel, Kraut und Bier, oder gar einen Frankenwein, wenn's
denn was besseres sein soll.
Das Wirtshaus im Spessart:
Restaurant Zur Sonne, Schollbrunn
Doch als am 9. Juni 1996 eine sonderbare
Gruppe von Großstädtern aus dem fernen Frankfurt am Main sich in die
Gaststube zwängte, angeführt von einem bärtigen, untersetzen Mitt-Vierziger
mit Schalk in den Augen, war es um die Contenance des Wirts geschehen.
Als diese dann auch noch Schachbretter aufstellten und eine richtige
Geheimniskrämerei um die Aufstellung der Figuren machten, war es mit der
Ruhe endgültig vorbei.
Das
Wikinger-Syndrom
Was der Wirt im tiefsten Spessart erlebte - ohne den
historischen Moment so richtig würdigen zu können - , war die
eigentliche öffentliche Geburtsstunde des Fischer-Random-Chess oder auch Chess960
genannt. (Die
Chronik: Berichte aus dem Wirtshaus im Spessart). Doch wie schon der sagenumwobene
Entdecker Nordamerikas, der Wikinger Leif Eriksen, wurden auch die Frankfurter Schachspieler um Hans-Walter
Schmitt ein Opfer des Wikinger-Syndroms: Columbus und später Bobby
Fischer bedienten sich einfach einer besseren
Public-Relations-Maschinerie. Doch wo war Bobby Fischer?
Wenige Wochen später kam
Bobby Fischer jedoch wie ein Columbus der Schachwelt daher. Als leibhaftiger ex-US-Weltmeister hatte er 1972 im Schach-Match des Jahrhunderts der Phalanx des sowjetrussischen Schachs
Paroli geboten - und sich dann aus dem aktiven Turnierschach
zurückgezogen. Jetzt im Jahre 1996 wollte er seine Erfindung gebührend
mit einem prestigeträchtigen Eröffnungs-Match in Buenos Aires zwischen
dem zweifachen Argentinien-Schach-Meister Pablo Ricardi und dem ersten
asiatischen Großmeister, Eugene Torre aus den Philippinen,
propagieren. Doch die offiziell geplante Geburtsstunde des Fischer-Random-Chess
geriet zur Fehlgeburt: Bobby Fischer überwarf sich mit den Organisatoren
des Matches, und das war das Ende der Geburt bevor sie überhaupt
begonnen hatte.
Die Erfindung
Fischer ist seiner Zeit weit
voraus und seine Ideen sind Meilensteine für das 21. Jahrhundert.
GM Ljubojevic
Als Bobby Fischer zur Vorbereitung seines WM-Rematch gegen Boris
Spassky in Jugoslawien nach 20 Jahren Abwesenheit vom Welt- und
Turnierschach sich auf diesen
Zweikampf vorbereitete, wurde er von seinen Sekundanten mit Kilogramm
schweren
Neuerungen in der Eröffnungstheorie konfrontiert.
Spätestens da
erkannte der Ex-Weltmeister, daß sich Schach in immer feineren
Verästelungen der Theorie weiter entwickelt hat, das ursprüngliche Spiel drohte verloren zu gehen.
Bevorteilt wurden nicht nur das schachliche Talent eines Spielers,
sondern Trainingsfleiß, Gedächtnis, nahezu unbegrenzte Zeit für Theorie-
und Eröffnungsstudien. Computerschach, Datenbanken und Internet ließen
später den weltweiten Wissensstand explodieren.
Aus dieser Erkenntnis heraus
schuf Bobby Fischer das Konzept Fischer-Random-Chess: Die Ausgangsposition der Figuren sind
nicht wie beim klassischen Schach in immer der gleichen Aufstellung,
sondern werden kurz vor Beginn der Partie ausgelost, so daß der Zufall im
Rahmen gewisser Einschränkungen die Anfangsstellung bestimmt.
Bei dieser
Auslosung können insgesamt 960 verschiedene Startpositionen entstehen,
deshalb wird dieses Konzept auch Chess960 genannt. Die allseits bekannte
"klassische" Ausgangsposition ist übrigens in Chess960 die Startposition
518. Es wäre wichtig, so Fischers Überzeugung, zu den Wurzeln des schachlichen Denkens
zurückzukehren und ausgetretene Pfade der Eröffnungstheorie zu
verlassen.
Die Fischer Random Chess
Regeln im Überblick:
Bevor die Partie anfängt, werden die Bauern
auf beiden Seiten wie im klassischen Schach auf der 2. und 7. Reihe
aufgestellt.
Während alle Figuren wie gewohnt ziehen und die Bauern auf der
zweiten Reihe bleiben, werden die Positionen der Offiziere ausgelost.
Dabei gibt es einige Regeln, die zum Beispiel garantieren, daß jeder
einen weiß- und einen schwarzfeldrigen Läufer bekommt. Um die
Chancengleichheit beider Seiten zu wahren, erhält Schwarz die
spiegelbildliche Grundstellung. Außerdem ist es wichtig , daß ein Turm
links vom König steht und der andere Turm sich auf der rechten Seite des
Königs befindet. Bei der Auslosung der Grundstellung gibt es 960
verschiedene mögliche Anordnungen.
Eine wichtige Nuance, die FRC vom Shuffle Chess unterscheidet, ist
das Rochade-Recht. Weil nicht weniger als 960 Grundstellungen möglich
sind, wurde das Rochade-Recht angepasst und erweitert. (Eric van Reem)
Bobby Fischers Leben ist eine Achterbahn zwischen Weiß und
Schwarz: Wunderkind, Weltmeister, Alptraum der Sowjet-Allmacht im
Welt-Schach. US-Hero im Kalten Krieg, Enfant Terrible für
Veranstalter und Verbandsfunktionäre, Vorkämpfer für besser dotierte
Turnierteilnahmen, Erfinder, Eremit, Embargo-Ignorant.
Robert (Bobby) James
Fischer wird am 9. März 1943 in Chicago, Illinois geboren.
Seine Mutter
Regina Wender, eine
Krankenschwester, trennte sich von Bobbys Vater, dem aus
Berlin stammenden Gerhardt Fischer, als Bobby zwei Jahre alt war.
Seine Mutter zog mit
Bobby und seiner älteren Schwester Joan nach New York, um dort ein
Studium an der New York University aufzunehmen.
Für die allein erziehende
Mutter fehlte das Geld vorne und hinten - Bobbys
ältere Schwester Joan
mußte auf ihn
aufpassen, während die Mutter jobbte.
Im zarten Alter von sechs Jahren lernte Bobby das
Schachspiel, und es dauerte nur ein Jahr, bis Bobby von dem Spiel
so fasziniert war, daß er diesem alles unterordnete.
Am 17.
Januar 1951 spielte er in einem Simultan-Match gegen Max Pavey,
verlor in 15 Minuten und wurde kurz danach Mitglied im Brooklyn Chess Club in New York.
1953, gerade mal 10 Jahre alt, spielte er in seinem ersten
Schachturnier, den Brooklyn Chess Club Champions und erreichte
Rang 5. Es folgte eine Bilderbuch-Karriere des
Schach-Wunderkindes: jüngster US-Meister, jüngster Großmeister und
Gewinner des Weltmeister-Kandidaten-Turniers.
Der Sohn:
Bobby Fischer
Während seines unaufhaltsamen Aufstiegs in der
Schachwelt verlies er er schon früh die Schule, um sich vollzeitig
dem Schach zu widmen. Nach formalen Schulbildungskriterien war
Bobby nur ein mittelmäßiger Schüler, doch er besaß einen IQ von
180 und ein ungewöhnliches Gedächtnis.
Als er 1970 in Herci Novi
im damaligen Jugoslawien die inoffizielle Weltmeisterschaft im
5-Minuten-Schach gewann, gab er nach dem Turnier eine Kostprobe
seines Gedächtnisses ab: Auswendig demonstrierte er alle Züge
seiner gespielten 22 Partien, die insgesamt mehr als 1000 Züge
umfaßten.
Seit 1962 begann Bobby Fischer, FIDE Turniere zu
boykottieren, weil er damit gegen die russische Pläne, Turnier- und
Spielergebnisse vorher abzusprechen, protestierte.
Am 1. September 1972 gewann Bobby Fischer den
Weltmeistertitel in einem sensationellen Match gegen Boris Spassky
(Sowjetunion).
Mit dem Sieg in Reykjavik (Island) in diesem als
"Schach-Match des Jahrhunderts" bezeichnet, war Bobby Fischer auf dem
Höhepunkt seines Ruhms. Sein Bild zitierte die Titelseite von LIFE
Magazin, er wurde vom New Yorker Bürgermeister Lindsay empfangen - und
er symbolisierte wie wenige vor ihm, daß eine einzelne Person quasi wie
ein IQ-Rambo im Kalten Krieg die Phalanx der Sowjet-Schach-Maschine
besiegen konnte.
Bobby Fischer mit Fidel Castro in Cuba, mit Susan
Polgar in Ungarn, mit Boris Spassky in Island
Es zeigten sich jedoch
schon damals die Anzeichen einer als Monomanie bezeichneten
Verhaltensweise, die absolute Konzentration auf eine einzige Idee oder Sache.
Zunächst war es in jungen Jahren Schach, später wurde es zu einer
paranoiden Sowjetphobie, wie die BBC-Reporter David Edmonds und John Eidinow in ihrem Buch "Bobby Fischer goes to War" enthüllten
(Spiegel-Online).
Am 3. April 1975 verlor er seinen
Weltmeisterschaftstitel kampflos gegen Anatoly Karpov, weil er
sich mit den FIDE-Organisatoren überworfen hatte.
Original-Spiel-Notation der
"Jahrhundert-Partie Byrne - Fischer
>>>zum nachspielen
1977 spielte Bobby Fischer 3 Spiele gegen ein
Computer Programm von MIT. Er lehnte ein $ 250.000 Angebot für ein
Match in Las Vegas ab und verzichtete auf $ 3 Millionen, um in
einem Turnier auf den Philippinen zu spielen.
1978 verklagte er ein US-Magazin auf $ 3.2
Millionen unter dem Vorwurf, seine Unterhaltungen ohne
Einwilligung aufgezeichnet zu haben.
Im Mai 1981 wurde Bobby Fischer in Pasadena (California)
verhaftet, weil ein Polizist geglaubt hatte, daß er mit der
Personenbeschreibung eines Bankräubers übereinstimmt.
1988 ließ Bobby Fischer eine Digitale Schachuhr
patentieren, die jeweils zwei Minuten pro Zug hinzuaddieren
konnte.
Am 1. September 1992 beendete er seine
freiwillige Abstinenz vom Weltschach und gab eine
Pressekonferenz in Jugoslawien. Dort präsentierte er auch ein
Schriftstück des amerikanischen Schatzamts (U.S. Treasury) mit
einer Warnung, daß er gegen U.S. Sanktionen verstoßen würde,
falls er in Jugoslawien ein Schach-Match bestreiten würde. Voll Verachtung spuckte er auf diese Anweisung. Als Embargo-Brecher
wurde ein Haftbefehl gegen Bobby Fischer ausgestellt, ihm drohen bis zu
10 Jahren Gefängnis und 250.000 Dollar Geldstrafe, falls er je in
die USA zurück kehren sollten. (Video)
Am 30. September 1992 begann er sein WM-Rematch
gegen Boris Spassky in Sveti Stefan, Jugoslawien. Er gewann das
Match und kassierte dafür 3.65 Millionen Dollar, Boris Spassky
erhielt 1.5 Millionen Dollar.
1996 besuchte Bobby Fischer Argentinien, um dort
seine Erfindung "Fischer Random Chess" oder Chess960 zu promoten.
Das Phänomen
Private Briefe aus Budapest:
Zita Rajcsanyi
Bobby Fischer ging wieder ins Exil und verschwand
einfach von der Bildfläche.
Einige Zeit lebte er in Budapest ganz in der
Nähe des berühmten St. Lukac Badehaus im alten Stadtteil Buda.
Während
dieser Zeit entwickelte sich auch eine Beziehung zwischen Bobby Fischer
und der damals 18-jährigen Zita Rajcsanyi, die zunächst als
Brieffreundschaft begann.
Als diese Romanze nach weniger als einem Jahr
in die Brüche ging, war Bobby Fischer Hausgast bei den Polgar-Schwestern
in Budapest.
Private Spiele in Budapest: Susan Polgar,
Susan und Judit Polgar waren Schach-Stars in Ungarn und dominierten das Frauen-Schach.
Judit war so gut, daß
sie auf Wettkämpfe gegen andere Frauen verzichtete und sich dem eher
ebenbürtigen Kampf mit Männern stellte.
Dort stieß sie sogar unter die
TOP-10 der Weltrangliste vor. Doch wo war Bobby Fischer?
Im Jahre 1990
verbrachte er fast ein ganzes Jahr in Seeheim an der Bergstrasse, nahe Darmstadt.
Private Telefonate nach Seeheim: Petra Dautov
Petra Stadler hatte 1988 einen Brief an Bobby Fischer geschrieben,
Bobby Fischer griff impulsiv zum Telefon und sie verabredeten sich zu
einem Besuch in Los Angeles - kurz darauf zog Bobby Fischer dann nach
Deutschland.
Später
schrieb Petra Stadler, die 1992 den russischen Schachgroßmeister Rustem
Dautov geheiratet hatte, das Buch "Bobby Fischer - wie er wirklich ist.
Ein Jahr mit dem Schachgenie".
GM Rustom Dautov, gebürtig in Ufa
(Rußland) wiederum war während seines Militärdienst in
Ostdeutschland mit der deutschen Sprache in Berührung gekommen.
Nach
der Wende
quittierte er seinen Militärdienst, siedelte
1991 nach Deutschland (Seeheim an der Bergstraße) um, heiratete 1992 Petra Stadler und erhielt
1996 die deutsche Staatsangehörigkeit.
GM Dautov (links) und GM
Anand (rechts) in Dortmund
Als Sekundant betreute er GM
Vishy Anand beim Dortmunder Sparkassenturnier 2003, spielt beim SC
Baden-Oos mit GM Anand in der Schachbundesliga.
Die Vorbereitung auf die
anstehenden Turniere in Dortmund und den Chess Classic Mainz führen GM Anand und GM Dautov nach Bad Soden,
wo sie mit Chess Classic Präsident und Excecutive
Director der World New Chess Association Hans-Walter Schmitt
gelegentlich auch mal über Chess960 fachsimpeln und über den Mythos der
Zahlen zu diskutieren.
Der Zufall wollte es, daß das erste Spessart-Turnier am 09.06.96
gespielt wurde, ein Datum, welches die Ziffern 960 enthält und das gar
zweimal, wie sie auch in Chess960 oder/und Schach960 vorkommt.
Und wenn die Sprache auf
die Ausgangsposition 518, der Ausgangsposition im "klassischen" Schach
kommt, behaupten böswillige Bekenner bisweilen, es wäre ja so routinemässig langweilig wie 08/15, die umgekehrte Ziffernfolge von 518.
So schliesst sich der
Kreis. Doch wo war Bobby Fischer?
Das Paranoia-Gambit
Fischer
zog im Januar 2000 nach Japan und
lebte dort für weitere drei Jahre, später auf den Philippinen.
Fischer war süchtig nach Anonymität - im fernen Japan fand er sie und
blieb in der japanischen Öffentlichkeit weitgehend unerkannt.
Doch schon 1992, zum Zeitpunkt seines
WM-Revanche-Kampf gegen Boris Spassky in Jugoslawien zeigte sich, daß
Eremit und Exzentriker Bobby Fischer einen veritablen Gegenspieler
bekam, der ihm zwar nicht am Brett gegenüber saß, aber durch seine
allgegenwärtige Präsenz das Leben zur Hölle machte.
Hinter der OFAC
(Office of Foreign Asset Control) verbarg sich der verlängerte Arm der
US-Regierung, die mit Regelwerk und Gesetzen ein globales
Spinnen-Netz zur Überwachung und Konfiszierung unliebsamer Personen,
Organisationen und deren Finanztransaktionen aufgebaut hat.
"It would appear from this information that has
been reported in the New York Newspapers concerning BOBBY FISCHER,
that he has difficulty adjusting himself and getting along with
people wherever he might be."
Auszug
aus einer Akte des US-Geheimdienstes FBI aus dem Jahr 1957 über
Regina Fischer.
Der
Eröffnungszug im Paranoia-Gambit zwischen Bobby Fischer und der
US-Regierung begann schon zu Beginn des "Kalten Kriegs" in den 1950er
Jahren, als Bobby Fischers Mutter vom FBI beobachtet
wurde. Regina Fischer - so wurde vermutet - könnte eine Sowjet-Spionin
sein: Sie beherrschte 8 Sprachen, lebte von 1933 bis 1938 in Moskau,
später in Chicago und New York und war mit dem deutschen Wissenschaftler
Hans-Gerhardt Fischer verheiratet.
Sie scheute sich nicht, die
schachlichen Interessen ihres Sohnes Bobbys auch mit ungewöhnlichen
Mitteln zu vertreten. So berichtete die New York Times am 6. Oktober
1960 vom Hungerstreik Regina Fischers, um die American Chess Federation
die Finanzierung und damit Teilnahme des US-Schach-Teams an der
Schach-Olympiade 1960 zu ermöglichen. Es ging um die Summe von 6.818
US-Dollar.
Bobby Fischers weitere Züge im Paranoia-Gambit
konzentrierten sich auf die Auseinandersetzung im Zusammenhang mit dem
Weltmeisterschaftskampf 1972 in Reykjavik - diese Details sind Thema des
gerade veröffentlichten Buchs "Bobby Fischer Goes to War".
Im
Zusammenhang mit dem WM-Rematch 1992 in Jugoslawien kam dann von der
US-Regierung die bisher schärfste Widerlegung des Paranoia-Gambit: Bobby
Fischer wurden Verhaftung, Gefängnis und Geldstrafen angedroht, weil er
mit dem Schach-Showdown gegen das Jugoslawien-Embargo verstoßen hatte.
Department of the Treasury
Washington
Aug 21, 1992
Order to Provide Information and Cease and Desist Activities
FAC No. 129405
Dear Mr. Fischer:
It has come to our attention that you are planning to play a chess
match for a cash prize in the Federal Republic of Yugoslavia (Serbia and
Montenegro) (hereinafter "Yugoslavia") against Boris Spassky on or about
September 1, 1992. As a U.S. citizen, you are subject to the
prohibitions under Executive Order 12810, dated June 5, 1992, imposing
sanctions against Serbia and Montenegro. The United States Department of
the Treasury, Office of Foreign Assets Control ("FAC"), is charged with
enforcement of the Executive Order.
The Executive Order prohibits U.S. persons from performing any
contract in support of a commercial project in Yugoslavia, as well as
from exporting services to Yugoslavia. The purpose of this letter is to
inform you that the performance of your agreement with a corporate
sponsor in Yugoslavia to play chess is deemed to be in support of that
sponsor's commercial activity. Any transactions engaged in for this
purpose are outside the scope of General License No. 6, which authorizes
only transactions to travel, not to business or commercial activities.
In addition, we consider your presence in Yugoslavia for this purpose to
be an exportation of services to Yugoslavia in the sense that the
Yugoslav sponsor is benefiting from the use of your name and reputation.
Violations of the Executive Order are punishable by civil penalties
not to exceed $10,000 per violation, and by criminal penalties not to
exceed $250,000 per individual, 10 years in prison, or both. You are
hereby directed to refrain from engaging in any of the activities
described above. You are further requested to file a report with this
office with 10 business days of your receipt of this letter, outlining
the facts and circumstances surrounding any and all transactions
relating to your scheduled chess match in Yugoslavia against Boris
Spassky. The report should be addressed to: The U.S. Department of the
Treasury, Office of Foreign Assets Control, Enforcement Division, 1500
Pennsylvania Avenue, N.W., Annex - 2nd floor, Washington D.C. 20220. If
you have any questions regarding this matter, please contact Merete M.
Evans at (202) 622-2430.
Sincerely, (signed)
R. Richard Newcomb
Director
Office of Foreign Assets Control
Bobby Fischer mußte in diesem Gambit mehr Opfer bringen, als ihm
lieb war. Er verlor jegliche Zugriffsmöglichkeiten auf die
Verlags-Kontrakte für seine US-Schachbücher und damit auf Tantiemen aus
den Buchverkäufen, war quasi bankrott und ohne Wohnsitz (Radio-Interview
mit Rene Chun, Bobby-Fischer-Biograf und Melissa Block bei NPR). Als seine Mutter in Jahre 1997 an Krebs starb, mußte
er auf seine Teilnahme an der Beerdigung verzichten - es drohte ihm die
Verhaftung, sobald er US-Territorium betreten würde.
Es folgte ein
Leben in der ausländischen Anonymität mit Stationen in Europa, Japan und
den Philippinen. Seine Anti-US-Paranoia verstärkte sich und
manifestierte sich in einigen berühmt-berüchtigten Radio-Interviews und
kritischen Äußerungen zu Antisemitismus und den Terror-Anschlägen
auf das New Yorker World-Trade-Center vom 11. September 2001.
Miyoko Watai
Japan Chess Association
Foto: FIDE
Nun trat am
15. Juli 2004 am Narita-Flughafen in Tokio das Paranoia-Gambit in seine
kritische Phase. Unter dem Vorwand, daß Bobby Fischers US-Reisepaß von
der Regierung eingezogen und ungültig erklärt wurde, konstruierten die
Behörden einen Verstoß gegen die Einreisebestimmungen.
Bobby Fischer
wurde verhaftet, als er einen Flug nach den Philippinen besteigen wollte
und sitzt nun im Flughafen-Gefängnis in Tokio. Miyoko Watai von der Japan Chess
Association und eine Vertraute von Fischer sprach mit ihm
unmittelbar nach seiner Verhaftung und deutete an, daß gegen die
Verhaftung und drohende Auslieferung in die USA Beschwerde eingelegt
würde.
Im Umgang mit unliebsamen Schachspielern oder ausländischen
Regierungen waren die US-Behörden auch schon in der Vergangenheit nicht
ganz frei von - nun ja, man könnte es diplomatisch mit "Gelassenheit" umschreiben.
Als in 1965 in Havanna
das Capablanca Memorial Turnier stattfand, durfte Bobby Fischer aufgrund
des Cuba-Embargos nicht
persönlich anreisen. Er spielte seine Partien im Marshall Chess Club in
New York, welcher über Telex mit dem Spiel-Lokal in Havanna verbunden
war. Jede der Partien dauerte bis zu sieben Stunden, und am Ende des
Turniers präsentierten die USA eine Rechnung von über US-$ 10'000.- für
angefallene Telex-Kosten.
Mehr als ein Jahrzehnt später belegte Guillermo Garcia, dreifacher
kubanischer Meister, beim 1988 New York Open Turnier den zweiten Platz
und erhielt ein Preisgeld von US-$ 10'000.- Doch er konnte sich nicht
lange darüber freuen: Das US-Schatzamt konfiszierte den Gewinn auf der
Grundlage eines Kriegshandelsgesetz von 1917 (Trading with the Enemy Act),
weil Garcia kubanischer Staatsbürger war.
Boris Spassky, Bobby Fischers Kontrahent im bedeutungsvollen
1992-Embargo-Match lebt in der Nähe von Paris in Frankreich
und mußte sich bisher über keinerlei Maßnahmen der US-Behörden oder der
französischen Regierung beunruhigen.
Die weitere Entwicklung nach der Verhaftung von Bobby Fischer ist
noch nicht abzuschätzen, doch schon jetzt sind die Zeichen klar: Der
Umgang mit unbequemen Sporthelden der US-Nation gestaltete sich
schon immer als schwierig.
Kriegsdienstverweigerer und Querulant:
Box-WM Muhammed Ali
Als Muhammed Ali, Olympia-Sieger und Box-Weltmeister aller
Klassen sein Gewissen und Haltung in der Anti-Vietnam-Kriegsbewegung äußerte
und konsequent die Einberufung zum Militärdienst ablehnte, war der
Konflikt vorgegeben.
Ali erhielt einen Vorschlag, wie ein solcher
"Kriegsdienst" denn aussehen könnte: er könne Schaukämpfe führen, genau
wie es Joe Louis während des Zweiten Weltkriegs zum Amüsement der
Soldaten getan hatte.
Als dann Alis Name während der
Einführungszeremonie in Houston ('Texas) aufgerufen wurde, weigerte er
sich nach vorne zu treten und demonstrierte seine moralische Haltung.
Innerhalb einer Stunde wurde ihm der Box-Titel aberkannt und seine Box-Lizenz
entzogen, später wurde er zu einer fünfjährigen Gefängnisstrafe
und einer Geldstrafe in Höhe von 10.000 Dollar verurteilt. Es sollte der
Beginn eines dreijährigen Exils vom Boxring werden. Ali mußte sieben
Jahre warten um sich seinen Titel zurück zu holen.
Déja-Vu
Ungeachtet der weltweiten Publizität um Bobby
Fischers Verhaftung in Tokio wird Fischers Erfindung weiter propagiert.
Die World New Chess Association (WNCA) wurde gegründet, um Chess960
unabhängig von bestehenden Verbänden und Organisationen zu fördern.
Hans-Walter Schmitt beglückwünscht
Levan Aronian als neuen Herausforderer von Weltmeister Peter Svidler
im Chess960.
Und Hans-Walter Schmitt, vor 8 Jahren als Geburtshelfer von Chess960 im
Spessart dabei, hat dieser Schachvariante bei den Chess Classic Mainz einen
würdigen Rahmen verliehen.
Im Jahre 2003 kam es zum Duell der
Chess960-Spitzenspieler Peter Svidler und Peter Leko, nach harten
Kämpfen konnte sich Peter Svidler über den Weltmeistertitel in Chess960
freuen.
Im Qualifikations-Turnier setzte sich GM Levan Aronian durch und
ist daher Herausforderer #1 von Peter Svidler um die Krone im Chess960.
Bei der Wahl des Veranstaltungsorts in Mainz hat Schmitt einmal mehr ein
glückliches Händchen gehabt: In unmittelbarer Nähe der Spielsäle liegt
das Gutenberg-Museum mit der historischen Buchdrucker-Presse, die im
Mittelalter eine Revolution für die Weiterverbreitung des geschriebenen Worts
bedeutete.
Ob mit der WM-Runde Chess960 ein ähnlicher
Impuls für diese Schach-Revolution ausgeht, bleibt abzuwarten. Die Weichen
sind gestellt.
Bobby Fischer
Video Fragmente:
das Jugoslawien-Embargo, Sofia Polgar über Bobby Fischer, Bobby
Fischer beim Simultan, ein Interview mit Bobby Fischer im Park,
Szenen aus dem WM-Match 1972.