Unterhaltung Schachmacher (III) Joop van Oosterom: Schuhplattler im Blindenheim
05.04.2005 - Eigentlich hat Joop van Oosterom alles erreicht, was der landläufigen Meinung nach als Erfolgskriterium gilt: Reichtum, Familienglück, Weltmeister und Berühmtheit. Eigentlich könnte er sich nun gemütlich zurücklehnen und die Früchte seines Lebens ernten: seine Tochter Melody Amber aufwachsen sehen, mit seiner Frau Muriel das süsse Leben in Monaco geniessen, sich auf seinen finanziellen und sportlichen Lorbeeren ausruhen. Eigentlich. Doch das Feuer der Motivation als Schachmacher ist noch lange nicht erloschen - er zieht weiterhin die wirklich Grossen der Schachwelt alljährlich zu seinem Kult-Turnier "Melody-Amber" in das Fürstentum Monaco - und die Großmeister kommen nur allzu gerne.
Der Holländer mit dem Englischen Angriff
Joop J. van Oosterom
Foto: Tim Harding Archiv
Schon in frühen Jahren besaß van Oosterom alle
Ingredienzen, um seine vielfältigen Talente und Interessen umzusetzen.
Als der holländische Billionär und Schach-Mäzen
Joop van Oosterom die 18. Korrespondenz-Schachweltmeisterschaft mit
beträchtlichem Vorsprung gewann, setzte er als seine bevorzugte Waffe
den Englischen Angriff in der Najdorf-Variante der Sizilianischen
Verteidigung ein - und zwar sowohl mit den weißen als auch den schwarzen
Figuren.
Der amerikanische Schach-Autor Dennis Monokroussos kommentiert:
"Es ist immer wieder überraschend zu sehen, wenn ein Schach-Sponsor auch
erfolgreich als Spieler ist. In seiner Partie mit Weiß gegen Dr. Manfred Nimtz entwickelte sich eine scharfe Eröffnung.
Als Nimtz mit einer
Neuerung überraschte, war es jedoch Oosterom, der im 23. Zug eine
verblüffende und tiefgründige Idee entwickelte, die Nimtzs Bewertung
seiner Neuerung komplett auf den Kopf stellte."
Der Schachmacher als Innovator
Joop van Oosterom entwickelte einige originelle
Ideen, um das Schachspiel zu promoten und zu fördern. Er fungierte als
Sponsor einiger Schach-Zweikämpfe, die holländischen Spieler
unterstützen, so zum Beispiel den Zweikampf zwischen Piket und Timman.
Ebenso konzipierte er innovative Turnierformate, die mit dem Melody-Amber-Blind-Schnellschachturnier in Monaco weltweite
Aufmerksamkeit gewonnen haben, das Turnierhotel könnte während der
Blindschachpartien fast als "Blindenheim" für Schach-Grossmeister
bezeichnet werden. Das Themen-Turnier mit der Sizilianischen
Verteidigung im Mittelpunkt waren typische neue Turnierformen, ebenso
wie seine Turnierserie "Veteranen gegen Damen". Diese Turnierserie wurde als
"Tanz-Turniere" bekannt, denn je nach Veranstaltungsland wurde der Name
des Turniers nach einem landestypischen Tanz benannt.
Jahr
Turnier
Veranstaltungsort
Endergebnis
Damen gegen Veteranen
1992
Tumba Turnier
Aruba
33.0 - 39.0
1993
Walzer Turnier
Wien
40.5 - 31.5
1994
Palladienne Turnier
Monaco
37.0 - 35.0
1995
Polka Turnier
Prag
26.5 - 23.5
1996
Foxtrot Turnier
London
22.5 - 27.5
1997
Hostdans Turnier
Kopenhagen
23.0 - 27.0
1998
Can Can Turnier
Roquebrune
36.0 - 36.0
1999
Flamenco Turnier
Marbella
19.5 - 30.5
2000
Schuhplattler Turnier
München
27.0 - 23.0
2001
Klompendans Turnier
Amsterdam
24.0 - 26.0
Im Jahre 2002 wurde in Amsterdam das letzte
Klompensdans-Turnier durchgeführt, es war gleichzeitig die
Abschiedsvorstellung des grossen russischen GM Vassily Smyslov, der
am 24.3.2005 sein 84. Lebensjahr vollendet.
GM Vassily Smyslov
Foto: Eric van Reem
Die traditionellen "Klompen" waren Namensgeber des
Klompendans-Turniers in Amsterdam.
Foto: Eric van Reem
Bei der Nach-Analyse einer Partie: Ex-Weltmeisterin
Xie Jun (links) und
LajosPortisch (rechts).GMLjubovic erklärt
seine Idee, GM John Nunn schaut zu.
Foto: Eric van Reem
Der
Schuhplattler
Der Schuhplattler-Tanz
Der
Schuhplattler ist ein ganz besonderer Tanz, den Paare aber auch
einzelne Burschen in der Gruppe oder alleine Tanzen. Aus heute nicht
mehr genau nachweisbaren Anfängen, die wahrscheinlich bis ins
Mittelalter zurückgehen, entstand das, was wir heute als "schuhplatteln"
bezeichnen.
Tango-Tanzpaar
Seine Erfinder waren einfache Leute wie Bauern, Jäger
und Holzfäller. Getanzt wurde damals selten. Wenn sich aber die
Gelegenheit bot, hat der Bursch sein Dirndl zum Tanz eingeladen um
ihr deutlich zu machen, was ihn bewegte. Man muss sich vergegenwärtigen,
dass die Bauernburschen und Holzknechte vergangener Jahrhunderte weder
lesen noch schreiben konnten und ihre verbale Ausdrucksweise oft recht
unbeholfen gewesen sein dürfte.
Sie verfügten aber über
überdurchschnittliche Muskelkräfte und waren auf Grund der harten Arbeit
zu erstaunlichen Dauerleistungen fähig. Dazu kam wohl auch ein Gefühl
für Musikalität und Rhythmus. Mit diesen Gaben der Natur wollten sie
sich ihrem Dirndl offenbaren.
Was läge da näher als durch einen
draufgängerischen, kraftstrotzenden Tanz das Dirndl zu beeindrucken.
Insoweit war der Schuhplattler von Anfang an ein Werbetanz, mit dem der
Bursch versuchte die Gunst des Dirndls zu erwerben.
Deshalb unterscheidet sich der
Schuhplattler nicht unwesentlich von jenen Tänzen bei denen die Partner
körperlichen Kontakt suchten. Angefangen beim Walzer, der ersten
weitverbreiteten Tanzform mit Tuchfühlung, der deshalb seinerzeit als
unmoralisch galt, bis hin zum sinnlichen Tango.
Der Weltmeister
In einer Pressemitteilung der International
Correspondence Chess Federation (ICCF) vom 9. Februar 2005 wird Joop van
Oosterom's Gewinn der 18. Weltmeisterschaft gewürdigt. Oosteroms erste
Erfolge in Schachwettbewerben sind beeindruckend: Er gewann die Niederländische
Korrespondenz-Meisterschaft 1980-81 mit 12.5 Punkten aus 14 Spielen und
teilte sich den zweiten Platz ein Jahr später, in welchem Gert-Jan
Timmermann die Meisterschaft gewann. Der Gewinn der 18. Weltmeisterschaft im
Fernschach kumulierte seine Schach-Karriere.
Eric van Reem
Foto: Thilo Gubler
So berichtet Eric van Reem in seinem Portrait "Schachmäzen wird
Fernschachweltmeister", erschienen im Schach Magazin 64 (5/2005):
"Selbstverständlich kann ich irgendwann
Fernschachweltmeister werden, mir stehen schließlich die schnellsten
Computer und die besten Großmeister zur Verfügung". (van Oosterom)
Der Milliardär, bereits seit Jahren in den Top
der reichsten Niederländer, mit einem geschätzten Vermögen von 1,1
Milliarden Euro, ist schon seit seiner Jugend ein sehr guter
Schachspieler.
Joop van Oosterom, am 12. Dezember 1937 in Hilversum
geboren, wurde als 17-jähriger Jugendmeister in den Niederlanden und
spielte 1955 die Jugendweltmeisterschaften in Antwerpen, Belgien.
In
einem Teilnehmerfeld von 24 Spielern landete van Oosterom auf einem
hervorragenden 7. Platz. Boris Spasski gewann das Turnier und Lajos
Portisch wurde Vierter.
Van Oosterom war bereits 1970 in den Top 5 des niederländischen
Fernschachverbands. Deshalb könnte man sagen dass er auch ohne
Unterstützung von GM Jeroen Piket vielleicht Weltmeister geworden wäre.
Piket ist der persönliche Sekretär von Van Oosterom und ist vor wenigen
Jahren mit seiner Familie nach Monaco gezogen. Van Oosterom hat
insgesamt 10 Matches für Piket organisiert.
In zwei Stufen zum Milliardär
Joop van Oosterom.
Foto: Notichess
Joop van Oosteroms Vermögen baute er sich mit
der Gründung der niederländischen Software-Firma VOLMAC auf. Ein Börsengang von
Volmac brachte ihm die erste Tranche seines Vermögens, und als dann die
französiche Software-Unternehmensgruppe CAP Sogeti Gemini (CSG)
Interesse an VOLMAC zeigte, wurde Volmac Teil dieser Holding und
firmierte fortan als CAP Volmac mit Sitz in Utrecht (Niederlande). Und
so kam er in der zweiten Welle zu weiterem Vermögen.
Branchenschwerpunkte von CAP Volmac waren Industrie, Handel, Transport und
Finanzdienstleistungen. CAP Volmac war auf dem niederländischen IT-Markt
ertragreicher als einige ihrer grösseren Konkurrenten, wie z.B. die
englisch-holländische CMG (Computer Management Group). Im Jahre 1995
erzielte CAP VOLMAC einen Beratungsumsatz in Höhe von 157 Millionen
Gulden, eine Steigerung von 37% gegenüber dem Vorjahr 1994.
Die
Cap Gemini Gruppe entstand 1975 durch die Fusion von drei
Informations-Technologie- und Consulting-Firmen: Sogeti, gegründet 1967
von Serge Kampf, C.A.P, die in 1962 aus der Taufe gehoben wurde und
schliesslich Gemini Computer Systems, die 1973 gegründet wurde. Die
Unternehmensgruppe konzentrierte sich zunächst auf die Entwicklung ihres
IT-Dienstleistungsgeschäfts in Europa und den USA. Danach wurde eine
Management Consulting Division unter dem Namen Gemini Consulting
aufgebaut. In der Zeit von 1990 und 1992 wurde das Geschäftswachstum
entscheidend durch verschiedene strategische Akquisitionen in wichtigen
geographischen Gebieten gesteigert. In den USA wurden die
Consulting-Firmen United Research und MAC Group übernommen, in
Großbritannien übernahm man den Outsourcing-Spezialist Hoskyns und in
Benelux wurde der IT-Dienstleister Volmac übernommen. 1997 erwarb die
Gruppe den debis-Bereich von Daimler-Benz.
Gruppenbild mit Damen
Von der Premiere des Melody-Amber-Turniers im Jahr 1992 stammt das
nachstehende Foto - und noch heute sind einige Teilnehmer der ersten
Stunde zu Gast in Monaco.
Teilnehmer des ersten Melody Amber
Turniers von 1992.Von links nach rechts: Zsuzsa Polgar, Jon Speelman,
Judit Polgar, Bent Larsen, J.J. van Oosterom, Viktor Korchnoi,
Lev Polugaevsky, Larry Christiansen, Vishy Anand, Vassily Ivanchuk;
Kniend: Yasser Seirawan, Frau van Oosterom mit ihrer Tochter Melody
Amber, Anatoly Karpov, Ljubomir Ljubojevich, Jeroen Piket.
Foto: Chessbase
Das Melody-Amber Turnier findet mittlerweile in der 14. Neuauflage
statt, die meißten Turniersiege konnte bisher Wladimir Kramnik mit fünf
Siegen verbuchen, den Turniersieg in 2004 musste er sich allerdings mit
seinem Landsmann Morozevich teilen. GM Vishy Anand brachte es bis zum
letzten Jahr auf drei Turniersiege.
In der Serie "Schachmacher" sind bisher folgende
Berichte erschienen:
Schachmacher
(I): Wie Manager Bessel Kok den dritten Prager Fenstersturz inszenierte
- Quo Vadis Kasparov
Auch Kasparov wirft das Handtuch im Kampf um die WM
index_news.php?id=93&rubrik=5
Kasparovs
Rücktritt erschüttert die Schach- und Medienwelt - Insider und Schachmacher Bessel Kok
erläutert in einem Interview mit den Chess Tigers die wahren
Hintergründe rund um das WM-Chaos
index_news.php?id=163&rubrik=1
Das
Ende einer Kult-Veranstaltung? Schachmacher (II) Rentero auf der Suche
nach neuen Zugpferden
index_news.php?id=171&rubrik=5