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Das Ende einer Kult-Veranstaltung? Schachmacher (II) Rentero auf der Suche nach neuen Zugpferden
21.03.2005 - Nicht auszudenken, wenn die Öffentlich-Rechtlichen Fernsehanstalten die alljährliche Kult-Fernsehsendung "Dinner for One" aus ihrem Neujahrs-Programm streichen würde. Ähnlich schlimmes könnte dem spanischen Schachmacher Don Luis Rentero drohen, der für sein Turnier-Klassiker in Linares nun auf sein bestes Zugpferd Garry Kasparov wohl verzichten muss.

Freddie Frinton feiert fortlaufend in der  "Dinner for One" Kultveranstaltung. Auch ein Tigerfell bringt ihn nicht aus dem Gleichgewicht.
Gemälde von Renato Casaro

Nach Kasparovs Rücktritt vom aktiven Turnierschach hinterlässt der führende Schachspieler und Buchautor eine Lücke - wird sie von anderen Spitzenspielern gefüllt?

Linares - der Klassiker unter den internationalen Schachturnieren ist untrennbar mit Don Luis Rentero als Schachmacher verbunden. Der spanische Schachjournalist Leontxo Garcia beschreibt die Wechselbeziehung zwischen Rentero und Linares: "Linares und Schach sind zwei Synonyme. Aber es ist trotzdem erstaunlich, dass sich diese Stadt mit 60.000 Einwohnern in der Provinz Jaén als jährlicher Treffpunkt und als ein Muss für die großen Stars am Schachbrett etabliert hat. Die Schlüsselfigur heißt Luis Rentero, ein Kaufmann, der sich wegen eines schweren Autounfalls aus dem Geschäftsleben zurückziehen musste. Doch selbst ohne ihn, mit der Organisation in den Händen der Stadtverwaltung, bleibt das unvergleichliche Prestige des Turniers erhalten. Oder wie der Inder Viswanathan Anand, Ex-Weltmeister, zu sagen pflegt: „Wer in Linares triumphiert, gewinnt den Oscar.” Warum?

Die Bleiminen von Linares und der spektakuläre Tod des Torreros Manolete, aufgespießt von einem Stier im Jahre 1946, machten Linares berühmt. Was der Stadt aber ihren tatsächlichen Ruhm einbrachte, war das Schachspiel. In seiner Jugend lieferte Rentero auf einem Moped Brot aus. Später besaß er eine große Supermarktkette, die er für mehrere Milliarden Peseten an einen internationalen Konzern verkaufte. Rentero kaufte das Hotel Aníbal (in dem das Turnier regelmäßig ausgetragen wird) und das Restaurant Himilce. Wenn diese Mauern heute sprechen könnten, hätten sie sehr viel über die Geheimnisse des Weltschachs zu erzählen.

Don Luis Rentero

 

Ausgestattet mit dem Nonkonformismus eines karthagischen Generals, ging Rentero im Jahre 1980 eines Tages in Jugoslawien auf Anatoli Karpov zu, um ihn überzeugen, bei seinem dritten bescheidenen Turnier in Linares mitzuspielen. Der damalige Weltmeister akzeptierte und zog alle seine Weltklassekollegen mit sich. Rentero hatte den ersten Schritt getan, um zum Kaiser von Linares zu werden. Aber des Pudels Kern für seinen Erfolg kommt erst jetzt: angestachelt von der breiten Unterstützung seiner Idee – in einigen Schaufenstern glänzten die Fotos und Flaggen der Spieler direkt neben herab baumelnden Chorizo-Würsten und Konservendosen – verkörperte der Urheber des Wimbledon des Schachs die spanische Schlitzohrigkeit schlechthin und tat alles, damit sein Turnier das einzig Wahre werden würde im Bezug auf Kampfeslust, Spielqualität und Weltruf. Unter dem Motto “Blut in allen Partien”, erreichte er dies mit speziellen Prämien für jeden Sieg, Geldstrafen für Remisschieber und einer Reihe von Skandalen, deren Schilderungen mehrere Seiten füllen würden.

2000 Jahre nachdem Hannibal sich Himilce zur Frau nahm, wurde der jugoslawische Großmeister Ljubomir Ljubójevic zum Lokal-Idol: er heiratete eine Frau aus Linares. Weit über die Jagd nach Autogrammen und der Neugier auf die Absonderlichkeiten der Schachspieler hinaus sind die Bürger von Linares sehr stolz auf ihr Turnier. “Wenn irgendeine politische Partei sich trauen sollte, dieses Turnier in Frage zu stellen, würde sie sehr viele Stimmen verlieren“ , versichert Francisco Albalate, enger Mitarbeiter Renteros."

Die Selbst-Vermarktung der weltbesten Schachspieler war nun keine neue Erfindung von Garry Kasparov. Schon der legendäre Ruy Lopez, aus dessen Kochbuch (Libro de la invención liberal y arte del juego del Axedrez oder zu deutsch Die Erfindungsgabe und Spielkunst im Schach) sich noch heute die Schachspieler ihre Eröffnungs-Rezepte abschauen, war Nutznießer wohlhabender Schachmäzene geworden.

Anlässlich eines Besuchs in Rom trat er 1560 gegen den italienischen Meister Leonardo da Cutri, der wegen wegen seines schmächtigen Wuchses "Il Puttino" oder "der Kleine" genannt wurde. zu einem Schachwettkampf an, den Lopez klar gewann. Lopez verfügte über ein hervorragendes theoretisches Wissen und gleichzeitig über eine enorme praktische Spielstärke. "Il Puttino", der Kleine aus Kalabrien, unterlag in diesem Wettkampf. Diese vernichtende Lektion stachelte seinen Ehrgeiz an. Er ging für zwei Jahre nach Neapel und studierte dort intensiv das Schachspiel. Als er nach Rom zurückkehrte, besiegte er den italienischen Meister Paolo Boi  in einem Wettkampf und beendete weitere Matches gegen führende Meister in verschiedenen Städten erfolgreich.

Nun fühlte er sich stark genug für einen Revanchekampf gegen Lopez. Im Jahr 1575 reiste er bestens vorbereitet zusammen mit Paolo Boi und Giulio Cesare Polerio nach Madrid, wo am Hofe von König Phillip II  von Spanien das erste internationale Schachturnier der Geschichte stattfand.

Das Schachspiel als Brücke der Kulturen: Christlicher Ritter und Muslim beim Spiel. Aus dem Schachbuch von Alfons dem Weisen.

Gespielt wurde direkt am Hofe unter den Augen des Königs, der interessiert die Partien verfolgte, wenn die Staatsgeschäfte es zuließen. Für den Wettkampf zwischen Lopez und Leonardo über drei Gewinnpartien setzte er 1000 Scudi als Preis aus, eine gewaltige Summe für damalige Verhältnisse.

Leonardo verlor die erste Partie mit den schwarzen Steinen in einem forschen Königsgambit schon nach 12 Zügen. Auch in der zweiten Partie unterlag er. Dann aber trug die profunde Beratung seines Trainers und Sekundanten, des großen Theoretikers Polerio Früchte: Leonardo gewann die nächsten drei Partien. Da auch Paolo Boi gegen Lopez und Seran gewann, war der italienische Triumph vollkommen.

Es kam zum Stichkampf um den Gesamtsieg zwischen Boi und Leonardo. Die ersten beiden Partien gingen Remis aus, dann unterlag auch Boi und Leonardo wurde der erste internationale Turniersieger nach heutigen Begriffen.

Der König schenkte ihm einen kostbaren Hermelinmantel und einen mit Edelsteinen verzierten Salamander. Außerdem erhielt er die Zusicherung, dass seine Heimatstadt Cutro 20 Jahre lang keine Steuern zahlen musste.

Wenn auch die heutigen Schachmacher der klassischen Schachturniere keinen Königsstatus eines Philipp II von Spanien mehr vorweisen, ist diesen Turnierorganisatoren doch etwas gemeinsam: Der Ehrgeiz, Sponsoren für Turniere zu gewinnen und die Motivation, Spitzen-Schachspieler auf hohem Niveau zusammenzuführen.

Bisher sind in der Serie "Schachmacher" erschienen:

  1. Schachmacher (I): Wie Manager Bessel Kok den dritten Prager Fenstersturz inszenierte
     
  2. Insider Bessel Kok erläutert in einem Interview mit den Chess Tigers die wahren Hintergründe rund um das WM-Chaos

 

Gerhard Kenk

Published by Gerhard Kenk

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