TopTurniere Shirov und Kramnik dürfen nach Bilbao Aronian unterliegt im Blitz-Tiebreak / Nachtrag zur fünften Runde
08.09.2010 - Die Geschichte der sechsten Runde beim Shanghai Masters 2010 ist rasch erzählt. Während Vladimir Kramnik mit Weiß gegen Wang Hao bemüht war, eine verwertbare Stellung aufzubauen, knallten Alexei Shirov und Levon Aronian doppelt so schnell ein spanisches Marshall-Remis aufs Brett. Ersterer ist daher mit einer Performance von 2953 der souveräne Sieger in Shanghai. Aronian verurteilte sich selbst zum Abwarten. Bei einem Sieg gegen Wang Hao wäre Kramnik direkt für das Grand Slam Finale in Bilbao qualifiziert gewesen, doch ihm wollte so recht nichts einfallen gegen die solide Stellung des Chinesen und so stimmte er bald einer Zugwiederholung zu. Ganz im Sinne der Sofia-Regel war dies zwar nicht, doch man ließ es ihnen seitens der Schiedsrichter durchgehen. Insgesamt endeten 7 der 12 Partien in Shanghai ohne Sieger, was etwa einer moderaten Quote von 58 Prozent entspricht. Nach dem Doppelremis mussten Kramnik und Aronian in den Blitz-Tiebreak um Platz 2, und dieser war nochmals so richtig spannend. Letztlich konnte sich Kramnik im Armageddon durchsetzen, aber Aronian machte ihm das Leben so schwer wie möglich.
Tiebreak um Platz 2
Da Alexei Shirov bereits als Sieger feststand, galt alle Aufmerksamkeit dem Duell um Rang 2. In der regulären Spielzeit fiel keine Entscheidung und so musste der Tiebreak zwischen Aronian und Kramnik entscheiden. Angesetzt waren zwei Blitzpartien mit vertauschten Farben und der Bedenkzeit 4 Minuten plus 3 Sekunden.
Vladimir Kramnik 2780 – Levon Aronian 2783
Shanghai Masters 2010 - Tiebreak um Platz 2 (1)
Stellung nach zuletzt 42...Tc8-c6
Die erste Tiebreak-Partie war eine klare Angelegenheit aus Sicht von Kramnik. Erst hatte er einen Bauern gewonnen und zudem einen Freibauern erhalten. Danach bildete er einen zweiten Freibauern und steht in der Diagrammstellung nun unmittelbar vor der Verwertung. Besonders schön ist es natürlich, wenn man dies mit einem Opfer tun kann. 43.Txb5! Txb5 44.Tc7 Der d-Bauer geht durch, wenn Schwarz jetzt nicht hoffnungslos auf d6 schlägt. Es folgte noch 44...Tbb6 45.Txc6 und Aronian gab auf. 1–0
Levon Aronian 2783 – Vladimir Kramnik 2780
Shanghai Masters 2010 - Tiebreak um Platz 2 (2)
Stellung nach zuletzt 57...De4-e3+
Aronian hatte in dieser Partie keine Wahl, er musste alles auf eine Karte setzen. Das hatte ihm zwischenzeitlich eine glatte Verluststellung eingebracht, doch Kramnik hatte nochmals Luft 'reingelassen und musste hier nun auf Remis spielen. In der Diagrammstellung ist ihm dies gelungen. Er hat Dauerschach oder mehr. Eine "Runde" über h2-g1–f2-g3 hatte der weiße König bereits gedreht. Weiß hat die Wahl zwischen dem Remis oder einer verlorenen Stellung. 58.Kh4??!! Aronian wählt die zweite Option! Er hatte ein paar Sekunden mehr auf der Uhr als sein Gegner und zwingt diesen nun zum Rechnen. 58...Df4+ Das sollte auch reichen.
Aber einfacher ist natürlich 58...De7+ 59.Kg3 Dxf8-+.
59.Tg4 Df2+ Mit der Ausführung des richtigen Zuges überschritt Kramnik die Zeit. 1–0
Armageddon
Es stand also 1-1 und für diesen Fall war eine Armageddon-Partie vorgesehen. Weiß erhielt 5 Minuten gegenüber 4 für Schwarz und war dafür zum Gewinnen verdonnert, während dem Nachziehenden ein Remis reichte. Wer die Farbwahl gewann ist noch nicht aus China bis zu mir gedrungen, aber Aronian erhielt die weißen Steine und musste also erneut siegen. Die ganze Partie über konnte Kramnik das positionelle Gleichgewicht wahren und so landete man in folgendem Endspiel.
Levon Aronian 2783 – Vladimir Kramnik 2780
Shanghai Masters 2010 - Armageddon um Platz 2 (3)
Stellung nach zuletzt 78...g4-g3
Positionell ist die Messe hier gelesen, denn Weiß musste ja gewinnen, um das Finale in Bilbao zu erreichen. Hier hat er so gerade die schwarzen Freibauern im Griff, aber mehr ist nicht drin. Jetzt kam es auf reine Geschwindigkeit an. Wer würde die Zeit zuerst überschreiten? Immerhin hatte Weiß zu Beginn mal eine Minute mehr auf der Uhr, aber dieses Polster war längst verbraucht. 79.Sg2?? Das verliert. 79...Kc2?? So allerdings nicht!
Mit 79...Lf1–+ konnte Kramnik sofort gewinnen.
So wurden noch die folgenden Züge aufs Brett gedonnert. 80.Se3+ Kb3 81.Sxc4 g2 82.Lf2 Kc2 83.Ke3 Kb3 84.Sd2+ Kc3 85.Se4+ Kc4 86.Sd2+ Kd5 Aronian überschritt die Zeit und musste Kramnik eine gute Reise nach Spanien wünschen. 0–1
Nachtrag zu Runde 5
Aronian - Kramnik nach 54.Lc2-g6
Es gibt noch eine erwähnenswerte Ergänzung zu dem Bericht der fünften Runde beziehungsweise der Partie Aronian - Kramnik. Dort stellte ich die Theorie auf, Kramnik habe womöglich nicht 54...Th4? sondern 54...Th3+ gespielt. Nachdem ich Peter Doggers von ChessVibes.com, welcher sich vor Ort befindet, darauf aufmerksam gemacht hatte, dass dort Klärungsbedarf besteht, hat dieser beide Spieler nochmals befragt. Es stellte sich heraus, dass die bis dahin überall verbreitete Notation tatsächlich korrekt ist. Sowohl Kramnik als auch Aronian haben das Remis nach 55.Kxa3 übersehen! Amüsant ist, dass auf bekannten Schachseiten kurzerhand das nicht gespielte aber richtige 54...Th3+ als Partiezug eingefügt und daraufhin Kramniks filigrane Endspielkunst gepriesen wurde. Selbige steht natürlich auch jetzt nicht in Frage, aber wie er selbst zugab, war 54...Th4? ein Fehler und Aronian seinerseits dachte, er habe mit Kb3-b4 eine Festung.
Der erwähnte Peter Doggers fertigte übrigens aus Shanghai wieder seine berühmten Videos mit Kommentaren der Spieler zu den jeweiligen Runden an und erwischte nach der fünften Runde einen regelrecht verzweifelten Wang Hao. Der Chinese hat, was für viele Asiaten untypisch ist, eine herrliche Mimik, wie Kasparov in seinen besten Zeiten. Der erfahrene Shirov versuchte zwar, dem jungen Mann Trost zuzusprechen, aber dieser versteht im Augenblick die (Schach-)Welt nicht mehr. Doch schauen Sie sich dieses und die anderen Videos einfach mal selbst an!