TopTurniere Vorentscheidung und dennoch Hochspannung in Shanghai Shirov ist durch, doch wer wird Zweiter und darf mit nach Bilbao?
07.09.2010 - Nach der fünften und vorletzten Runde des Shanghai Masters 2010 steht der Sieger bereits fest. Um noch reelle Chancen auf das Erreichen des Grand Slam Finals in Bilbao zu haben, musste Wang Hao unbedingt gegen den führenden Alexei Shirov gewinnen. Der gebürtige Lette ist hinlänglich dafür bekannt, einem offenen Schlagabtausch nicht aus dem Weg zu gehen, aber gelegentlich übertreibt er es auch mal. Gegen Wang Hao schwebte er einige Zeit in akuter Lebensgefahr, doch nicht zum ersten Mal präsentierte sich der Chinese als zu ungeduldig. Er verspielte seinen recht beachtlichen Vorteil mit einem übereilten Qualitätsopfer zum Remis, um danach selbst dieses noch zu verzocken. Um Shirov in der Tabelle jetzt noch abfangen zu können, hätte Levon Aronian gegen Vladimir Kramnik gewinnen müssen, aber dieser hat(te) ganz eigene Pläne und setzte diese in einer hochgradig spannenden Partie in die Tat um. Doch ist es möglich, dass Aronian an einer Stelle eine einfache Remiswendung verpasste? Wir haben die Lupe herausgeholt und fanden einige Ungereimtheiten...
Das Duell Kramnik contra Aronian schwelt seit einiger Zeit in der Weltspitze. Man ringt um den vierten Platz in der Weltrangliste hinter Viswanathan Anand, Veselin Topalov und Magnus Carlsen. Aktuell ist Aronian mit drei Elopunkten vorne, doch das könnte sich mit dem laufenden Shanghai Masters wieder ändern. In der ersten Partie war Aronian seinem Kontrahenten noch so gerade von der Schippe gehüpft, aber in der heutigen Partie konnte Kramnik seinen Vorteil sehenswert verwerten. Sein armenischer Gegner opferte früh und auch korrekt eine Qualität, aber der Russe fand bis ins Endspiel Turm plus Bauer gegen Läufer plus Bauer immer wieder den besten Zug. Dort machte sich Aronian berechtigte Hoffnungen auf das Remis, aber tatsächlich war die Stellung laut der Nalimov Endgame Tablebases verloren. Die spannende Frage lautete: Wusste das auch die russische numero uno? Ganz offensichtlich war dem so, wobei der begründete Verdacht besteht, dass der 54. Zug von Kramnik nicht korrekt erfasst wurde. Statt 54...Th4?, was den a-Bauer einstehen lässt, ist 54...Th3+ wahrscheinlicher. Doch urteilen Sie selbst:
An dieser Stelle soll Kramnik 54...Th4? gespielt haben.
Logisch sieht dagegen 54...Th3+ mit ansonsten gleicher Partiefolge aus. 55.Kb4 Th6 56.Lf7 Ta6 etc.
55.Kb4? Dieser Zug verdient sein Fragezeichen, wenn er tatsächlich so gespielt wurde.
Einfach 55.Kxa3 führt nämlich zum Remis. Oder übersah Aronian (und dann auch Kramnik), dass nach 55...Kc3 Weiß keineswegs verliert? Er kann sich sogar das neckische 56.Le4 leisten, da der Läufer wegen Patt tabu ist.
Analysediagramm
Nach beispielsweise 56...Th6 57.Ka4= zappelt Weiß nicht im Mattnetz und sollte ohne Probleme das Remis erreichen, sofern er weiß, wie man mit Läufer gegen Turm spielen muss. Aber davon darf man bei Aronian ruhigen Gewissens ausgehen. Keiner der beiden Spieler befand sich in akuter Zeitnot, weshalb einfach Zweifel an der Richtigkeit von 54...Th4 bleiben.
Der Rest der Partie ist nicht minder lehrreich. Die Nalimov Tablebases geben in der Diagrammstellung einen forcierten Gewinn (also bis zum Matt) für Schwarz in 52 Zügen an, sofern sich Weiß optimal verteidigt. Aber wie geht das von statten? Ein Plan ist recht einfach: Schwarz verlockt den Anziehenden, den a-Bauer zu nehmen, um dann mit bekannten Mattmotiven den Läufer zu gewinnen. Weigert sich Weiß, den Bauer zu nehmen, kann Schwarz zu Plan B greifen und den gegnerischen König so weit gen Königsflügel treiben, bis er auf a2 den Turm gegen den Bauern und den Läufer opfern kann. Doch zunächst muss natürlich der eigene a-Bauer gedeckt werden. Also 55...Th6 56.Lf7 Ta6 57.Lg8 Ta7!
Der schwarze König will über d3 nach b2, damit der Turm von seiner Deckungsarbeit entbunden werden kann. Dafür muss dieser aber weg von a6. 58.Le6 Kd3!
Erneut zu früh ist 58...Tb7+? 59.Kxa3 Kc3 60.Ka4=.
59.Lb3 Kd2 60.La4
Hier dachten sicherlich nicht wenige Kiebitze, dass die Stellung remis ist, aber dem ist nicht so. Weiß kann zwar den schwarzen Bauern erobern, wird dann aber Opfer eines Standardmotivs. 60...Tb7+! 61.Kc4 Aronian wählt die zäheste Verteidigung.
61.Kxa3 hat 61...Kc3 zur Folge und dieses Mal wird Weiß durch Zugzwang forciert den Läufer verlieren.
Analysediagramm
z. B. 62.Lc6 Ta7+ 63.La4 Kc4-+
61...Kc1 62.Kc3 Kb1 63.Lb3 Tc7+ 64.Kd3
64.Kb4 Kb2 65.Kb5 Tb7+ 66.Kc4 Txb3 67.axb3 a2-+
64...Kb2–+
Das Wichtigste ist geschafft. Es führen mehrere Wege zum Sieg. Kramnik entschied sich für das Abdrängen des weißen Königs, was auch die letzten Tricks aus der Stellung nimmt. 65.Kd2 Td7+ 66.Ke3 Kc3 67.Lg8 Te7+ 68.Kf2 Kd2 69.Kf3 Kd3 70.Kf2 Te2+ 71.Kf3 Te8 Danach folgt auch noch Tf8+ und danach macht sich der weiße König auf den Rückweg zum a-Bauer. Aronian gab auf. 0–1
Mit diesem Sieg ist Kramnik mit Aronian in der Tabelle gleichgezogen, während sowohl Shirovs Turniersieg als auch Wang Haos letzter Rang feststehen. Doch wer sichert sich das zweite Ticket nach Bilbao? Kurioserweise sehen die nachlesbaren Turnierregeln unter Punkt 11 diese Situation nicht vor. Es ist geregelt, was passieren sollte, falls zwei Spieler im Kampf um den ersten Platz punktgleich sein sollten, und auch für die gleiche Situation im Ringen um Rang 3 und 4 ist erklärt, doch ein Duell um Platz 2 wurde wohl vergessen?! Der Tipp des Autors lautet: Gleiche Regeln wie beim Tiebreak um Platz 1 - also Blitzmatch! Doch noch ist es ja nicht soweit, denn eine Runde steht noch aus. Aronian muss mit Schwarz gegen Shirov 'ran und Kramnik hat Weiß gegen Wang Hao.
Die Bedenkzeit in Shanghai beträgt 90 Minuten/40 Züge + 60 Minuten + 10 Sekunden/Zug ab dem 41. Zug. Rundenstart ist täglich um 8:30 Uhr unserer Zeit, wobei offenbar kein Ruhetag eingelegt wird. Gespielt wird unter den immer beliebter werdenden Anti-Kurzremis-Regeln, die den Namen der bulgarischen Hauptstadt tragen. Eine weitere Besonderheit ist das Punktesystem. Für einen Sieg gibt es drei und für ein Remis einen Punkt.