Nachrichten FIDE plant neues WM-System für 2010 Ilyumzhinov im Interview mit Sport Express
27.11.2008 - Wenn wundert es, hatten wir doch vor wenigen Tagen bereits das erste leise Rascheln im Unterholz des Weltschachverbandes vernommen, die FIDE ändert mal wieder das WM-System. Auf ihrer Homepage steht es noch nicht, doch einem Interview zufolge, welches Kirsan Ilyumzhinov unmittelbar nach der Schacholympiade in Dresden dem russischen Sport Express gab, wird ab 2010 wieder auf das bewährte Kandidatenturnier zurückgegriffen, welches anschließend in ein Match um die Krone gipfeln wird. Soweit der Nunn-Plan, doch FIDE wäre nicht FIDE, wenn die Verantwortlichen nicht noch ein separates Süppchen dazu kochen würden.
Auf ihrer scheinbar immer währenden Suche nach dem heiligen Gral der WM-Systeme hat die FIDE ihren nächsten Fund gemacht. Um jedoch nicht das Gesicht zu verlieren, indem man den Grand Prix und den World Cup über Bord wirft, mussten sich die Herren etwas einfallen lassen. Und sie waren wieder mal sehr kreativ ... Jetzt überlässt man doch tatsächlich dem Veranstalterland die Wahl, welches System es zur Ermittlung des WM-Herausforderers anwenden möchte! Man greift also - wenn auch halbherzig - die Idee von John Nunn auf und pflanzt wahlweise ein doppelrundiges Kandidatenturnier (Challenger) mit acht Spielern vor das entscheidende Match. Doch anstatt nach der ELO-Liste soll das Turnier mit den zwei Besten des Grand Prix, den zwei Besten des World Cup, dem Vize-Weltmeister (2009!), dem Verlierer(!) des Matches Topalov - Kamsky und dann den ELO-Besten - sofern sie unter den ersten sechs der Weltrangliste sind - bestückt werden. Delikates Detail dabei ist noch, dass das Veranstalterland einen der zwei verbliebenen Plätze mit einem einheimischen Spieler besetzen darf, sofern dieser eine ELO über 2700 hat. Alternativ können sich diese Spieler nach Gutdünken des Veranstalters aber auch in K.O-Matches duellieren. In der ersten Runde und dem Semifinale würden vier Partien gespielt und im Finale dann sechs. Verstanden?
Vladimir Kramnik
Genau, das Match zwischen Veselin Topalov und Gata Kamsky im Februar kommenden Jahres entscheidet nicht nur, wer anschließend Weltmeister Vishy Anand herausfordern darf, es ist zugleich auch für alle drei genannten Spieler die Garantie, 2010 das Challenger spielen zu dürfen, selbst wenn sie ihre jeweiligen Matches verlieren. Was an sich schon abenteuerlich anmutet, wird dadurch gekrönt, dass die FIDE vom 01. Dezember 2008 bis 31. Januar 2009 Angebote der Länder (Städte) erwartet, die das Challenger veranstalten und einen ihrer Landsleute mitspielen lassen möchten. Bisher ist allerdings noch völlig unklar, nach welchen Kriterien der Veranstaltungsort ausgewählt wird, aber plötzlich steigen beispielsweise die Aktien von Vladimir Kramnik, doch früher als erhofft wieder am WM-Zyklus teilnehmen zu können, ungemein. Man stelle sich nur mal vor, keines der eingehenden Angebote findet Wohlgefallen bei den FIDE-Bossen. Ilyumzhinov wäre ja quasi dazu gezwungen, neuerlich sein Chess City in Elista (Russland) zur Verfügung zu stellen, und wen würde man dann wohl zum Challenger bitten ...? Oder wie wäre es mit Sofia (Bulgarien)? Topalov ist ohnehin "qualifiziert", also sendet man ihm noch Kumpel Ivan Cheparinov zur Seite. Chic wäre auch mal wieder eine deutsche Stadt, denn bei Arkadij Naiditsch beispielsweise liegt der Verdacht nahe, dass er bald die 2700 knackt, und urplötzlich hätten wir seit Robert Hübner endlich wieder einen WM-Kandidaten! Bekommen Sie da nicht auch eine leichte Gänsehaut? Wie unmoralisch darf ein Land sein, wenn es darum geht, einen der Ihren zu einer WM-Qualifikation zu verhelfen, die er ohne dieses (finanzielle) Engagement nicht geschafft hätte? Und wie "macht" man im Zweifelsfalle aus einem, sagen wir, 2670er just in time einen 2700er?
Der Meister und sein Schüler - Veselin Topalov & Ivan Cheparinov
Zur Stunde gibt es noch keine Reaktionen der bis jetzt in Frage kommenden Spieler oder anderer kompetenter Stellen, aber nachdem der erste Schock verdaut ist, wird sich schon jeder seine Chancen ausrechnen und dann entsprechend reagieren.