Nachrichten FIDE Grand Prix 2008/09 – Sand im Getriebe John Nunn schlägt modifiziertes „Back to the rules“ WM-System vor
24.11.2008 - Die Gründe haben sich noch nicht herumgesprochen, doch das dritte Turnier der FIDE Grand Prix-Serie wird vom 13. bis 29. Dezember diesen Jahres nicht wie geplant in Doha der Hauptstadt von Katar sondern kurzfristig in der Hauptstadt der russischen Teilrepublik Kalmückien ausgetragen. Da Elista im August 2009 ohnehin Austragungsort des fünften der insgesamt sechs angesetzten Turniere sein sollte, wird nun nach einer Alternative für den nächsten Sommer gesucht. Konkrete Reaktionen der betroffenen Spieler gibt es bis dato noch nicht, aber man darf gespannt sein, ob da jeder mitzieht. Letztlich tauscht man nur den Sand im Getriebe aus. Vom arabischen Sand geht’s nun zum kalmückischen, denn der Name Elista ist schlicht das Hydronym für ein nahes Flüsschen, welches übersetzt „Sand“ oder „sandig“ bedeutet.
Um den Herausforderer für den nächsten(!) Weltmeister zu ermitteln, hatte die FIDE 2007 einen sechsrundigen Grand Prix beschlossen. Der Gewinner dieser Serie soll dann in einem Match über 8 Partien gegen den Gewinner des World Cup 2009 antreten. Der Sieger dieses Matches darf dann den amtierenden Weltmeister 2009 herausfordern. Drei Kandidaten für Letzteren wären Viswanathan Anand (Weltmeister 2008), Gata Kamsky (World Cup Sieger 2007) oder Veselin Topalov. Der Bulgare wurde auf Druck des bulgarischen Schachverbandes seinerzeit an allen Qualifikationsturnieren vorbei von der FIDE zum WM-Kandidaten gemacht und wird laut dem Weltschachverband nach endlosen Querelen um das Finanzielle vom 16. bis zum 28. Februar 2009 gegen Kamsky antreten. Sogar das Heimrecht hat sich der Bulgare sichern lassen, sodass nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre nur schwer daran zu glauben ist, dass der Amerikaner trotz seines neuen Managers GM Emil Sutovsky ausgerechnet in Sofia auf faire Bedingungen treffen wird. Die Sympathien der Schachfans werden ihm dagegen wohl zum Großteil sicher sein. Seit seinem Rücktritt vom Rücktritt hat der Amerikaner im Vergleich zu früher in puncto Beliebtheit kräftig zugelegt.
Führt den Grand Prix nach zwei Turnieren an - Wang Yue
Gata Kamsky
Das Grand Prix-Thema könnte sich spätestens nach dem WM-Match 2009 Anand – Topalov / Kamsky jedoch schon wieder in Wohlgefallen auflösen, denn wie Chess Today in seinem heutigen Newsletter berichtet, denkt man bei der FIDE bereits darüber nach, ein Kandidatenturnier auszurichten. Damit würde man sich nicht nur zum x-ten Male selbst Lügen strafen, man würde auch die laufende Grand Prix-Serie zu einer Farce verkommen lassen. Und ein Schelm, wer Böses dabei denkt, wenn man davon ausgeht, dass Vladimir Kramnik bei einem Kandidatenturnier mit höchster Wahrscheinlichkeit mit am Start wäre. Im aktuellen „System“ ist der Vize-Weltmeister nämlich quasi auf dem Abstellgleis gelandet und wäre bei einer neuerlichen Neuregelung nicht dazu verdammt, sich durch den lästigen World Cup kämpfen zu müssen. Aber noch ist das ja angeblich graue Theorie.
Einen Vorschlag zur Güte hat nun im Rahmen der 38. Schacholympiade in Dresden ChessBase auf Vorschlag von GM Dr. John Nunn der FIDE unterbreitet. Na ja, ehrlich gesagt hat der bekannte ChessBase-Redakteur Frederic Friedel seinen Freund, den FIDE-Vize Zurab Azmaiparashvili, bei einer Live-Sendung von TV-ChessBase mit sanftem Zwang dazu überredet, den unten folgenden Vorschlag seinem Boss Kirsan Ilyumzhinov vorzulegen. Wirklich interessiert oder gar überzeugt sah der Georgier nicht aus, nachdem er doch zuvor mit vielen Worten und Gesten die Aktivitäten der FIDE in den Himmel gehoben hatte. Und wenn jemand nach jedem zweiten Satz ein „Glaub’ mir!“ ranhängt und dann lacht, könnte der leise Verdacht aufkeimen, dass die Person nicht wirklich an das glaubt, was sie da von sich gibt. Bei so vielen Versprechen möchte man dem ehemaligen Europameister wünschen, dass er nicht nochmals einen Zug zurücknehmen muss …
FIDE-Kongress während der Olympiade in Dresden
Kirsan Ilyumzhinov kiebitzt bei den deutschen Olympioniken
Es folgt die vollständige Übersetzung des Vorschlags aus der Feder von John Nunn an den Weltschachverband. Nunn hatte früher schon versucht, den WM-Zyklus zu vereinfachen, doch im Gegensatz zu manch anderen ist der Brite bereit, anderen Meinungen Gehör zu schenken und zu lernen. Ursprünglich votierte er dafür, den Weltmeister in einem doppelrundigen Turnier zu ermitteln, wie es 2005 in San Luis (Sieger: Topalov) und 2007 in Mexico City (Sieger: Anand) zur Anwendung kam. Doch trotz des durchaus beachtlichen Medieninteresses, die Mehrheit wünscht sich das klassische head-to-head, ein Match um den Titel. Die erst kürzlich beendete WM in Bonn tat ihr Übriges, Nunn zu einem Vorschlag für ein modifiziertes aber dennoch herrlich einfaches WM-System zu bewegen.
Der Nunn-Plan für die Schachweltmeisterschaft
GM Dr. John Nunn
Einführung: 2005 schlug ich das erste Mal einen Plan für die Weltmeisterschaft vor, und dies ist nun ein Update dieses Plans, welches die weitere Entwicklung seit dem berücksichtigt. Ebenso berücksichtigte ich Kommentare von Spielern und anderen zu dem ursprünglichen Plan.
Hintergrund: Von 1948-1990 wurde die Schachweltmeisterschaft von der FIDE organisiert. Während dieser Zeit wurde die FIDE-Weltmeisterschaft allgemein als die legitime Schachweltmeisterschaft angesehen. Wie auch immer, 1993 wurde eine „Ausbrecher-WM“ ins Leben gerufen, und kurz danach war die Schachwelt gespalten.
Nach 1993 fuhr die FIDE fort, Weltmeisterschaften zu organisieren, obwohl sich mehrfach das System änderte. 2008 gewann Vishy Anand ein WM-Match gegen Vladimir Kramnik, und das Resultat ist, dass Anand aktuell als vollkommen legitimer Weltmeister angesehen wird und die historische Tradition von solch großartigen Spielern wie Lasker, Capablanca, Aljechin, Botvinnik, etc. fortsetzt. Diese allgemeine Akzeptanz bietet eine seltene Möglichkeit, ein WM-System zu kreieren, welches eine stabile Struktur für viele Jahre darstellt.
Die Hauptkriterien für eine Weltmeisterschaft sind die folgenden:
1. Das System sollte möglichst fair sein.
2. Das System sollte allen in Frage kommenden Herausforderern die Möglichkeit geben, an der Weltmeisterschaft teilzunehmen.
3. Das System sollte attraktiv für potentielle Sponsoren sein.
4. Das System sollte einfach und leicht zu verstehen sein.
5. Das System sollte Spieler nicht dazu zwingen, an einer viel zu hohen Zahl an Turnieren teilnehmen zu müssen, was sie dann davon abhalten würde, an Turnieren außerhalb des WM-Zyklus teilzunehmen.
Die Lösung:
1. Allgemein
Eine Weltmeisterschaft sollte alle zwei Jahre organisiert werden. Das würde zwei Events beinhalten, ein Kandidatenturnier, um den Herausforderer zu ermitteln und das WM-Match selbst zwischen dem aktuellen Titelhalter und eben dem Gewinner des Kandidatenturniers.
Die Argumente dafür, die Weltmeisterschaft in einem Match zu entscheiden sind:
1. Ein head-to-head Match ist für die Öffentlichkeit leicht zu verstehen.
2. Der Erfolg des Anand – Kramnik Matches zeigt, dass ein Match großes Interesse in der Öffentlichkeit weckt und attraktiv für Sponsoren ist.
3. Vorherige Absprachen zwischen den Spielern ist in einem Match unmöglich.
4. Die Weltmeisterschaft wurde historisch in einem Match entschieden.
5. Nachdem ich mit den Spielern gesprochen habe, habe ich stark den Eindruck, dass die meisten denken, die Weltmeisterschaft sollte in einem Match entschieden werden.
Das Kandidatenturnier würde aus einem Turnier mit acht Spielern bestehen, die jeweils zwei Mal gegeneinander spielen. Es sollte früh genug vor der Weltmeisterschaft stattfinden, sodass der Herausforderer zur Ansetzung des Ablaufplans der Weltmeisterschaft frühzeitig bekannt ist. Punktgleichheit kann sowohl im Kandidatenturnier als auch bei der Weltmeisterschaft durch Schnellschachpartien entschieden werden.
Das System eines Kandidatenturniers gefolgt von einem Match wurde angewandt, um die Weltmeisterschaft von 1950 bis 1963 zu entscheiden, wurde aber dann eingestellt, nachdem Anschuldigungen erhoben wurden, Sowjet-Spieler hätten sich 1962 auf Curaçao abgesprochen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich heute Spieler einer Nation absprechen ist heute jedoch wesentlich geringer als 1962. Die Top-Spieler kommen aus aller Welt (Russland, Norwegen, Ukraine, USA, Israel, etc.), und in der aktuell von Konkurrenzdenken geprägten Schachszene sind selbst die Spieler einer Nation nicht dafür bekannt, miteinander zu kollaborieren. Daher ist es sehr unwahrscheinlich, dass die Probleme, die nach 1963 das Ende dieses Systems bedingten, heute wieder aufkommen.
2. Auswahl der Spieler
Für das Kandidatenturnier sollten die Spieler auf Basis der Elo-Zahl ausgewählt werden. Die Elo-Zahl ist anerkannt ein glaubwürdiger Indikator für die aktuelle Spielstärke, und ein würdiger Herausforderer wird nahezu immer unter den besten neun Plätzen auf der Liste sein – vorausgesetzt, dass der aktuelle Weltmeister einen Platz selbst belegt. Daher ist es in diesen Tagen ein ausgeklügeltes und Zeit intensives Qualifikationssystem wie in der Zeit von 1950 bis 1963 nicht nötig.
Ein offensichtliches Problem mit einem Qualifikationssystem, welches auf der Elo basiert, ist, dass ein Spieler, der eine hohe Wertungszahl erreicht hat, beschließen könnte, nicht mehr zu spielen, um sich die Qualifikation zu sichern. Ich bin der Meinung, das die Qualifikation eines Spielers, der um die Weltmeisterschaft spielen will, auf seinem aktuellem Spiel basieren sollte, damit er nicht daheim herumsitzt. Das richtige Mittel wäre der Durchschnitt der Elo des Spielers auf 12 Monate verteilt plus eines Aktivitätsbonus. Dieser Aktivitätsbonus bestünde aus der Gesamtzahl der gespielten Partien in diesen 12 Monaten, wobei maximal 50 Punkte erreicht werden können. Dadurch wäre ein aktiverer Spieler höher bewertet als ein inaktiver, falls die Elo beispielsweise gleich wäre.
Dieses System stimuliert die Aktivität des Schachs im Allgemeinen, und es motiviert im Besonderen junge und immer besser werdende Spieler, weil sie sich durch Aktivität qualifizieren können. Das Rennen um die Qualifikation löst schon mehrere Monate vor dem eigentlichen Event zusätzliche Publicity aus. Es ist wichtig zu bemerken, dass der Aktivitätsbonus nur der Berechnung der Qualifikation dient; die Elo des Spielers ändert sich nicht und wird wie gehabt berechnet.
Die Berechnung würde fünf Monate vor dem Event erfolgen, und die Einladungen und die Spielerverträge umgehend danach verfasst.
3. Zeitplan des Weltmeisterschaftszyklus
Ich stelle mir mal eine Weltmeisterschaft 2012 vor. (Um 2010 schon so ein Match ansetzen zu können, wären wahrscheinlich spezielle Arrangements nötig.)
Mai 2011: Berechnung der Elo für die Qualifikation zum Kandidatenturnier und die Einladungen werden verschickt.
Oktober 2011: Das Kandidatenturnier wird ausgetragen.
September 2012: Weltmeisterschaft (Match)
Und so weiter im 2-Jahres-Rhythmus.
4. Erfüllt dieses System die eingangs erwähnten fünf Kriterien?
Erstens denke ich, dieses System ist fair; die Auswahl basiert größtenteils auf der Elo, die anerkannt ein glaubwürdiger Indikator für die Spielstärke ist.
Zweitens sollte ein würdiger WM-Herausforderer eine Elo unter den besten Neun haben und wäre damit automatisch für das Kandidatenturnier qualifiziert.
Ich denke, das System ist attraktiv für Sponsoren. Das Kandidatenturnier wird alle Top-Spieler außer dem Weltmeister selbst beinhalten, und das Match selbst wird unweigerlich hochkarätig.
Das System ist natürlich simpel. Statt einer Unzahl von Turnieren und der beschwerlichen Suche nach Sponsoren, denke ich, dass es viel besser ist, zwei wirklich hochklassige Events zu haben, die man professionell organisieren kann und die eine Menge Publicity erzeugen. Die Weltmeisterschaft ist die Chance für die Schachwelt, Aufmerksamkeit in den Hauptmedien zu erregen, und eine gute Presse, die das Ansehen des Schachs erhöht, kommt der ganzen Schachwelt zu Gute und macht es einfacher, Sponsoren für andere Events zu finden.