22.01.2006 - Wenn es darum geht, neue Ideen zu fördern und neue Wege zu beschreiten, brauchen die Protagonisten einer Idee nicht nur visionären Vorstellungen, sondern auch ganz pragmatisches Handwerkszeug und Bauteile. Nicht anders verhält es sich mit der Idee des Chess960.
Bobby Fischer und Susan Polgar beim Chess960
Die Vision stammt vom ehemaligen US-Weltmeister
Bobby Fischer, das Regelwerk und die innovative Zeitmessung geht auch
auf ihn zurück.
Sukzessive wurde diese Vision mit einem
praktikablen Baukasten ergänzt. Für die Auslosung der Startpositionen
gibt es mittlerweile eine ganze Reihe von zufallssicheren Methoden, die
mit Würfeln oder anderen Hilfsmittel unterstützt werden.
Auch die regelkonforme Ausführung der kurzen
Rochade (die sogenannte g-Rochade – weil der König nach der Rochade auf
dem Feld g1 bzw. g8 steht oder die lange c-Rochade) ist vielen
Chess960-Spielern mittlerweile in Fleisch und Blut übergegangen.
Auch im Turnierzyklus hinterlässt Chess960 mittlerweile Spuren. So
führen einige vorwärts denkende Schachvereine wie Hattersheim am Main, im
badischen Waldbronn, Frankfurt-West, Flörsheim oder Eppstein regelmässige
Chess960-Turniere als Teil des Vereinslebens durch. Auf nationaler
Ebene wurde im letzten Jahr ein „German Grand Prix“ Zyklus mit Turnieren
in Berlin, Baden-Baden, Deizisau am Neckar, Offenbach am Main und Bad
Soden am Taunus veranstaltet. In Berlin gab es jetzt die erste
Chess960-Mannschaftsmeisterschaften, in den Niederlanden wurde letztes
Jahr die erste nationale Chess960-Meisterschaft ausgetragen, (Sieger
wurde GM Yasser Seirawan punktgleich mit dem holländischen GM van den
Doel.
Kiebitze bei der Chess960-Computer-WM 2005 im Rahmen der Chess Classic
Mainz:
Peter Svidler (links) und Prof. Dr. Ingo Althöfer (Mitte) verfolgen eine
Computer-Chess960-Partie.
Foto: Eric van Reem
An der amerikanischen Pazifik-Küste in Seattle
(Washington) wurde ein erstes Chess960-Turnier organisiert.
Und das derzeit grösste und am stärksten
besetzte FiNet-Open, das im Rahmen der Chess Classic Mainz durchgeführt
wird, versammelte die Schachweltklasse, um den nächsten Herausforderer
um die Chess960-Weltmeisterschaft zu küren. Im Jahre 2006 werden in Mainz die Chess960 Turniere zu den Chess960 World Games ausgebaut mit zusätzlichen Weltmeisterschaftskämpfen bei Damen, Senioren und der Jugend U20.
Der "All over All" Titel – wie auch die konservative
FIDE-Weltschachorganisation öffentlich verkündet - wird seit drei Jahren
vom russischen GM Peter Svidler gehalten.
Auch im Computerschach ist Chess960 mittlerweile in der Fachszene
angekommen. So fand im August 2005 ein Chess960 Computerturnier in Mainz
statt, der erste Computer-Weltmeister im Chess960 heißt „Spike“.
Die Programmier Böhm & Schäfer gewannen die von der Firma Livingston
unterstützte Chess960-Computer-WM 2005 in Mainz
Die Programmierer Volker Böhm und Ralf Schäfer
aus Mainz und Wiesbaden gewannen sensationell den Wettbewerb in der
Rheingoldhalle mit 5,5:1,5 Punkten.
Für die beiden 38-Jährigen war es erst die
zweite Turnierteilnahme nach Platz vier vor sechs Monaten beim Turnier
in Paderborn.
Seit Beginn ihrer Arbeit vor eineinhalb Jahren
erzielten die beiden Diplom-Informatiker enorme Fortschritte mit der
Engine, obwohl sie nur für den Hausgebrauch Schach spielen.
Ein neues Ratingsystem wurde entwickelt, mit der
IPS-Zahl (Individual Players Strength – die Persönliche
Spielstärke-Zahl) gibt es auch schon Ranglisten der
Chess960-Turnierauswertungen. So ist es kein Zufall, dass der
Chess960-Weltmeister Peter Svidler mit 2755 IPS die Liste anführt,
gefolgt von Levon Aronian, Etienne Bacrot, Peter Leko und Michael Adams.
Wenn die Namen dieser Weltklassespieler geläufig sind, ist es eigentlich
kein Zufall - denn diese Großmeister scheuen sich nicht, sowohl das
traditionelle Schach als auch Chess960 zu spielen. Und wer in der einen
Variante gut ist, ist es vermutlich auch in der anderen.
Der Chess960-Express wurde noch mit bisher
fehlenden Waggons erweitert, und zwar mit modernen
Bildschirm-Abspielprogrammen, den sogenannten „Chess960“-Viewer. Damit
ist es nun möglich, Chess960-Partien am Bildschirm nachzuspielen – die
regelgerechte Ausführung der Rochade ist natürlich inbegriffen. Auch das
populäre Schachcomputerprogramm FRITZ in der Version 9 von Chessbase wurde erweitert, um Spielmöglichkeiten von Chess960 zu schaffen.
Die vorerst letzte Lücke im Chess960-Werkzeugkasten wird nun mit einer
Datenbank von Chess960-Partien geschlossen. Diese Datenbank erlaubt es
interessierten Schachspielern, interessante Chess960-Partien zu suchen,
nachzuspielen und zu analysieren. Und das alles mit modernster
Internet-Software-Technik: Die Datenbank ist im World Wide Web
verfügbar (http://www.chesstigers.de), zur Zeit (Stand Januar 2006) können über 1900 Partien nach
diversen Suchkriterien ausgewählt werden und nachgespielt werden.
Gerhard Kenk (Chess Tigers) sprach mit dem Datenbank-Programmierer Jörg
Nowak über seine richtungsweisende Entwicklung.
Chess Tigers: Herr Nowak, Sie entsprechen
nicht unbedingt dem klassischen Werdegang eines Schachspielers, der in
jüngsten Jahren die Grundregeln von Papa, Mama, Oma oder Opa lernt und
dann sein ausserordentliches Talent als jüngster Hoffnungsträger aller
Zeiten unter Beweis stellt. Wie sind Sie eigentlich zum Schach gekommen
und was fasziniert Sie besonders am Chess960?
Jörg Nowak
Nowak: Es stimmt, mein Talent gut Schach zu spielen,
ist nicht sehr ausgeprägt. Dennoch spiele ich in einem kleinen
Verein (SC Ketsch) seit ca. 3 Jahren regelmässig Schach, von der
Landesliga bis zur Kreisklasse je nach Personalsituation, einfach weil
es Spass macht und mich der sportliche Wettkampf reizt. In meiner kurzen
Zeit im Schachverein fiel mir auf, dass die "alten Hasen" immer wieder
die gleichen Eröffnungen spielen und dabei bis zum 10. oder 12. Zug
meist relativ gelangweilt wirken.
Da ich beruflich bedingt wenig Zeit habe, werde ich wohl auch nie die
Chance haben, dieses Eröffnungswissen jemals aufzuholen. Von Chess960
las ich zum ersten mal in einem Artikel von Chef Chess Tiger Hans-Walter
Schmitt in der Zeitschrift "Rochade" vor knapp einem Jahr. Darin ging es
auch darum, was noch fehlt, um Chess960 populärer zu machen. Unter
anderen wurde das Fehlen einer Datenbank für Chess960-Partien erwähnt.
Ich habe danach kurz im Netz recherchiert und da es tatsächlich
nichts gab, dachte ich, dem Mann kann geholfen werden. ;-)
Die signifikant niedrigere Remisquote ist ein weiteres Pro für
Chess960 (unter 15 % in 1800 Partien). Inzwischen spiele ich mehr
Chess960 als traditionelles Schach, vorwiegend im Internet.
Chess Tiger: 2. Die zufallsbedingte Auslosung der
Startposition führt zur
Wahrscheinlichkeit, dass nur mit einer Zufallshäufigkeit von 1:960
die gleiche Startposition aufs Brett kommt, und schon nach drei Zügen
wäre die Zufallshäufigkeit nur noch mit astronomisch grossen Zahlen
darstellbar. Wenn sich solche Partien schon in der Eröffnungsphase so
selten wiederholen, was ist denn dann der besondere Nutzen einer
Chess960-Datenbank, wer profitiert denn von einer solchen Datenbank?
Chess960:
Auslosung der Startposition mit Würfeln oder anderen Hilfsmitteln
Nowak: Mathematisch gesehen müsste man annehmen, dass
es so ist wie Sie sagen. Aber natürlich gelten auch beim Chess960
die Grundprinzipien des Schachs, das heisst in einer bestimmten
Startposition sind in der Eröffnung nicht alle Züge gleich häufig, so
dass in Partien von guten Spielern natürlich auch nur die guten Züge
gespielt werden.
Es entwickeln sich sozusagen 959 zusätzliche
Eröffnungstheorien gleichzeitig, die kein Mensch im Kopf haben
kann. Daher sehe ich auch keine Gefahr, dass das Vorhandensein von
Datenbanken die Attraktivität von Chess960 für Spiele unter Menschen
einschränken wird. Ich hoffe vielmehr, dass die Datenbank normalen
Vereinsspielern hilft zu sehen wie starke Spieler oder auch
Computerprogramme eine bestimmte Startposition angehen.
Bei Computer-Programmen liegen die Dinge jedoch etwas anders: hier
wird das Vorhandensein von Datenbanken mit vielen tausend Partien sehr
wohl in die Eröffnungsbücher der Engines eingehen und diese verbessern.
Ich erwarte diesen Trend schon für die nächste Computer-WM. Der Nutzen
liegt also zum einen in der Möglichkeit, für eigene Fernschachpartien zu
recherchieren, zur groben Orientierung in einer gänzlich unbekannten
Startposition und zum anderen im Aufbau von Eröffnungstheorie, die
allerdings im Moment vorwiegend für die Autoren von Chess960-Programmen
interessant ist.
Chess Tigers: Welche Partien sind bereits in der
Datenbank verfügbar – haben Sie konkrete Pläne, diese zu erweitern?
Nowak: Das Projekt steht noch am Anfang. Es gibt ca.
1900 Partien, davon ca. 65-70 Prozent Partien, die verschiedene
Programme gegeneinander gespielt haben. Aber natürlich sind auch alle
verfügbaren Spiele der Chess Classic Mainz der letzten Jahre, das heisst
alle Spiele der Chess960-Weltmeisterschaften sowie des FiNet-Open der
vergangenen Jahre und auch der ersten Computer-WM in der Datenbank. Eine
der grössten Herausforderungen ist es tatsächlich, genügend Partien zu
sammeln. Hier hoffe ich auch auf die Unterstützung von
Turnierveranstaltern und Chess960-Spielern weltweit, die Ihre Partien im
pgn-Format online in die Datenbank laden können. Die derzeit schon
vorhandene Möglichkeit werde ich demnächst erweitern und damit
komfortabler gestalten. Ich denke, wenn es zu jeder Startposition 100
hochwertige Partien gibt, kann man davon sprechen, dass sich Anfänge von
Eröffnungstheorie entwickelt haben. Ich hoffe, dass dieses Ziel in den
nächsten fünf Jahren erreicht wird.
Seit kurzem kann die Datenbank auch direkt über einen Link auf der
chesstigers.de-Hauptseite (
www.chesstigers.de) erreicht werden. Diese Integration wird für die
Besucher der Chess Tigers Website in Kürze noch verbessert werden.
Chess Tigers: Im traditionellen Schach bereiten sich
viele Spieler auf den nächsten Gegner vor, indem sie dessen Partien aus
Datenbanken abrufen und analysieren. Wird das auch bei der
Chess960-Datenbank von Nutzem sein?
Nowak: Das ist nicht auszuschliessen, aber für Spiele
am Bett unwahrscheinlich, da ja die Startposition erst kurz vor
Partiebeginn ausgelost wird. Aber für Fernpartien ist dies durchaus
denkbar.
Chess Tigers: Die Chess960-Datenbank gibt es nicht auf
einer CD-Rom zu kaufen, sondern Sie stellen die Partien kostenlos im
Internet zur Verfügung. Was versprechen Sie sich davon?
Peter Svidler gewinnt die Chess960-Weltmeisterschaft vor Levon Aronian
Nowak: Kommerzielle Aspekte stehen derzeit nicht im
Vordergrund, ich will sie aber auch nicht für alle Zeit ausschliessen.
Die Datenbank soll in erster Linie helfen, Chess960 populärer zu machen.
Mich hat es einfach gereizt, auf einem bestimmten Gebiet Neuland zu
betreten und zu schauen, was sich daraus entwickelt. In der Szene der
Entwickler von Chess960-Engines haben sich schon einige Kontakte
entwickelt, die mir auch weiterhelfen. Für die Computerschach-Szene
versuche ich zusätzlich eine Engine-Liga zu etablieren. Hier kann man
fast rund um die Uhr live Chess960-Programmen beim Spielen zuschauen.
Natürlich kostet ein solches Projekt auch Geld und die Aufwendungen
steigen mit wachsender Grösse der Datenbank. Ich hoffe, einen Teil
dieser Kosten durch Online-Werbung zu decken. Schauen sie also mal bei
den Werbepartnern vorbei, das hilft das Projekt zu finanzieren. Und
vielleicht gibt es ja mal eine CD mit den Partien, wenn es 100.000
Partien sind. Bis dahin ist aber noch viel zu tun und ohne die
Unterstützung mit Partiematerial wird es auch nichts werden.
Chess Tigers: Die zufallsbedingte Auslosung der
Startpositionen verwehrt auf den ersten Blick die Entwicklung der
Eröffnungstheorie, die sich ja im traditionellen Schach in unendlich
feine Verästelungen entwickelt hat. Kommen Chess960-Spieler und
Datenbank-Nutzer nun vollständig ohne jede Theorie aus?
Nowak: Ohne Eröffnungstheorie kommen sie auf absehbare
Zeit weitestgehend aus, wenn die Grundprinzipien der Eröffnung
(Entwicklung der Figuren, Besetzen des Zentrums usw.) klar sind und die
Startposition erst kurz vor Partiebeginn ausgelost wird und damit keine
Zeit für Partieanalysen im Vorfeld bleibt. Die Chess960 Kurse der Chess
Tigers kann ich hier uneingeschränkt empfehlen, wenn es darum geht,
diese Grundprinzipien praxisnah zu erlernen.
Das heisst aber nicht, dass es keine Theorie geben wird. Ich bin
überzeugt, es wird sie geben und im Unterschied zu traditionellem Schach
wird sie vorwiegend auf Computern entstehen und sich viel schneller
entwickeln als im traditionellen Schach. Dies ist logisch, weil es ein
weites unerforschtes Feld ist und leistungsfähige Programme inzwischen
zur Verfügung stehen. Für einige wenige Startpositionen könnte ich Ihnen
schon Anfänge einer solchen Theorie in Form eines Eröffnungsbuches für
Computer-Programme zeigen.
Chess Tigers: Was waren die grössten Herausforderungen bei
der Entwicklung der Chess960-Datenbank?
Nowak: Die technischen Herausforderungen sind
überschaubar, lediglich die 960 Startstellungen und die Suche danach
weichen von einer "normalen" Schachdatenbank ab. Die ersten Anfänge der
Datenbank hatte ich nach einer Nacht Programmieraufwand im Netz. Zum
Nachspielen der Partien hilft ein frei verfügbarer pgn-Viewer.
Die nächste Herausforderung wird die gezielte Suche nach Stellungen
in Partien sein. Das ist zwar nicht so kompliziert, jedoch wächst damit
die Datenbankgrösse schnell an, was die Kosten für das Hosting im
Internet auch mitwachsen lässt. Also eher eine finanzielle
Herausforderung. :-)
Chess Tigers: Welche weiteren Entwicklungen oder Trends
sehen Sie für Chess960?
Nowak: Ich sehe folgende Trends für die nächsten Jahre:
Es
wird sich Eröffnungstheorie für alle 959 verbliebenen Startstellungen
entwickeln und zwar vorwiegend in Computer-Turnieren, weil diese
einfach mehr Partien ohne Pause auf hohem Niveau spielen können. Ein
Nebeneffekt wird sein, dass Mensch-Computer-Partien für
Weltklassespieler gegen den Computer-Weltmeister in 5 Jahren nicht
mehr zu gewinnen sein werden
Ich
hoffe, dass Chess960 Einzug in mehr Vereine hält und daraus
resultierend ein regulärer Spielbetrieb entsteht. Wahrscheinlich wird
dies eher nicht unter dem Dach des Schachbundes oder der FIDE
geschehen. Aber wie dies genau organisiert werden kann, ist noch
offen. Hier braucht es vor allem Initiativen auf lokaler Ebene,
vielleicht ist die WNCA hier auch hilfreich.
Chess960
wird schneller attraktiver werden, wenn Sponsoren Preisgelder für gut
besetzte Turniere zur Verfügung stellen. Sie erhalten dafür
spannendere Kämpfe mit Überaschungen und weniger Remisen als beim
traditionellen Schach.
Die
Remisquote wird trotz entstehender Eröffnungstheorie weiter auf
erfreulich niedrigem Niveau bleiben. Mehr als 20 Prozent Remisen in
einem Turnier sollten die Ausnahme bleiben.
Chess960
wird vermutlich insgesamt schneller sein als traditionelles Schach,
Turnierformen mit Zeitzuschlag je Zug und geringerer Bedenkzeit werden
bevorzugt
Um Missverständnissen vorzubeugen, ich möchte Chess960 nicht in
Konkurrenz zum traditionellen Schach sehen. Beides entwickelt sich
parallel und hat seine Berechtigung. Passend zur Jahreszeit könnte man
es mit dem Aufkommen des freien Stils im Ski-Langlauf vergleichen. Heute
wird beides praktiziert, und wer eines gut kann, fällt im anderen Stil
auch nicht vom Brett.