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Wenn das Wasser bis zum Halse steht....
29.11.2005 - Eigentlich wird das königliche Spiel dank seiner optischen und intellektuellen Assoziationen gerne von Werbeleuten für alle möglichen Aspekte der Öffentlichkeitsarbeit genutzt, wenn nicht sogar missbraucht. Das strategische Spiel mit seinen Figuren und den 64 Quadraten ist nicht als Markenzeichen geschützt, wie es die Marketingfachleute von Coca Cola, Adidas oder Marlboro ohne lange nachzudenken gemacht hätten. Dazu ist einerseits das Spiel schon seit Jahrhunderten bekannt, andererseits ist der Weltschachverband FIDE relativ zu jung und zu - na ja, sie wissen es ja selbst....

Aus der Werbung:
Schachspieler im Budapester Szechenyi-Bad

Ein aktuelles Beispiel der fast gnadenlosen Nutzung der Schachsymbolik liefert der Handelsriese Metro, der ungarische Schachspieler im Budapester Szechenyi Bad gekonnt in eine Anzeigen- Szene setzt und mit dem Slogan tituliert "Schon überall da, wo der Euro erst noch hinkommt."

Mag es auch im Entfernten an das Märchen vom Hase und Igel erinnern, im konkreten Falle haben die eifrigen Metro- Werbetexter vielleicht das Wunschkind der zügigen Euro-Einführung in Ungarn mit dem Bade ausgeschüttet - Hauptsache ein knackiger Werbespruch bleibt hängen.

Denn die wirtschaftlichen Chancen für eine termingerechte Einführung der Euro-Währung in Ungarn stehen mittlerweile eher in den Sternen als in den Kalenderblättern der Wirtschaftspolitiker. So berichtet der Belgische Rundfunk am 8. November 2005 über ein mögliches Defizitstrafverfahren gegen Ungarn:

"Die EU-Finanzminister wollen heute in Brüssel das laufende Defizit-Strafverfahren gegen Ungarn verschärfen. Ungarns Neuverschuldung dürfte im laufenden Jahr 6,1 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt erreichen. Das liegt weit über der Maastrichter Grenze von 3 Prozent. Die EU-Kommission erwägt eine Sperrung von EU-Fördergeldern für Ungarn. Einen konkreten Vorschlag dafür gibt es aber bisher nicht. Durch den Defizitproblemen ist laut Diplomaten die für 2010 geplante Euro-Einführung in Ungarn gefährdet."

Den Schachstrategen offenbart sich wieder einmal mehr, daß es im Spiel wie auch im realen Wirtschaftsleben um die Optimierung von Material (Austausch des Forint gegen den Euro), um Positionen und Strukturschwächen (Verschuldungsquote und Einhaltung von Konvergenzkriterien) als auch um Tempo (Einführungsplan für das Jahr 2010) geht.

So kann es Schachspielern wie auch Wirtschaftspolitiker gelegentlich passieren, dass das Wasser ihnen bis zum Halse steht.

Gelegentlich müssen auch Schachspieler, die als "Materialisten" gegenüber den "Positionsspielern" oder gar den "Tempo-Machern" auf Figurengewinn ausgerichtet sind Tribut zollen und anerkennen, daß nicht immer eine bessere materielle Bilanz zum Sieg in einer Schachpartie führt.

Dieses Grundprinzip gilt sowohl im traditionellen Schach als auch im Chess960, wie das Beispiel einer Partie zwischen dem jungen aufstrebenden Dimitrij Lintchuk und dem erfahrenen Norweger Geir Smith-Meyer im FiNet-Open 2004 im Rahmen der Chess Classic Mainz zeigt.

Wellness-Programm für den Norweger vom Nordkap:
Sonne, Schach und ein kühles Pils.
Geir Smith-Meyer beim Chess960-Freiluft-Turnier "Schach im Alten Wirtshaus" in Bad Soden

Unmittelbar nach der Auslosung der Startposition entwickelte sich eine lebhafte Zugfolge. Die Startposition war nicht ganz problemlos, sind doch die Bauern auf a2, h2 bzw. a7 und h7 relativ ungeschützt und wären ein willkommenes Fressen für den auf Materialgewinn zielenden Spieler.

Beim Chess960 können vor der Rochade König und Turm auf ungewohnten Feldern stehen, doch nach der kurzen oder langen Rochade findet sich der König jeweils auf altbekanntem Terrain, nämlich auf Kg1 oder Kc1 bzw. Kg8 oder Kc8 wieder.

Es entwickelte sich eine kurzweilige Partie, denn Dimitrij Lintchuk  mit den schwarzen Figuren spielte gleich von Anbeginn auf das relativ schwache Bauernfeld c2, welches nur vom weißen König und dem Springer auf a1 gedeckt war. Nach kurzer Zugfolge 1. f4 d5, 2. g3 Dc6, 3. Sf3 Lf5, 4. Sd4 Dg6, 5. Lxd5 Sb6, 6. SxLd5 SxLd5 griff Weiß mit dem Zug 7. Sh4 (siehe Diagramm unten ) die gegnerische Dame an, um Tempo zu gewinnen.

Schwarz reagierte ganz cool. Der 16jährige junge Hüpfer Dimitrij Lintchuk hatte offensichtlich mit seinen schwarzen Figuren andere strategische Prioritäten im Sinn als der mit Weiß spielende Smith-Meyer. Lintchuk täuschte dem alten Hasen aus Norwegen ein barmherziges Wesen vor, offerierte seine Dame zum Fraß . ... und führte mit der c-Rochade (7. ...0-0-0) einen  spielentscheidenden Zug aus. Spätestens nach 8. SxDg6 und dem zweifelhaften Damengewinn stand Smith-Meyer ungewohnter Weise das Wasser bis zum Hals - auch Budapester Schachspieler im Szechenyi-Bad könnten sich in solchen Positionen eher  wie naßgemacht fühlen.

Gerhard Kenk

Published by Gerhard Kenk

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