Chess960 Wie Sterne am Himmel: Der Begriff Chess960 im Licht der semantischen Portfolio-Analyse
08.11.2005 - Schon Frankfurts Lieblingssohn Johann Wolfgang von Goethe hatte die Bedeutung der Worte erkannt und ließ Mephistopheles im Faust-Drama proklamieren "Mit Worten läßt sich trefflich streiten". So nimmt auch Hans-Walter Schmitt, der Vorstandsvorsitzende des Frankfurt Chess Tigers e.V. kein Blatt vor den Mund, wenn es denn um die richtige Wortwahl geht, was Chess960 betrifft. Doch entgegen aller Hoffnungen zeigt eine semantische Analyse ein etwas anderes Ergebnis auf.
MEPHISTOPHELES:
Schon gut! Nur muß man sich nicht allzu ängstlich quälen
Denn eben wo Begriffe fehlen,
Da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein.
Mit Worten läßt sich trefflich streiten,
Mit Worten ein System bereiten,
An Worte läßt sich trefflich glauben,
Von einem Wort läßt sich kein Jota rauben.
Johann Wolfgang von Goethe, Faust
Der Internet-Technik und seiner hochgradig
entwickelten Suchmaschinen sei Dank, denn sie ermöglichen in
Sekundenschnelle, Trefferlisten der vielfältigsten Suchbegriffe zu
ermitteln. So kann auch die Popularität des Chess960-Begriffs und deren
Wahlverwandten mit Hilfe von Suchmaschinenabfragen ermittelt werden -
und genau das haben wir einmal getan.
Der Suchmaschinen-Papst Danny Sullivan berichtet
im August 2005 über die in den USA am häufigsten genutzten
Internet-Suchmaschinen und kommt aufgrund einer Nielsen NetRatings
Auswertung zum Ergebnis, dass Google (46,2%), Yahoo (22.5%) und MSN
(12,6%) die höchste Nutzungsfrequenz haben, zusammen also in den USA
einen Marktanteil von 81.3% repräsentieren. (Searchenginewatch
http://searchenginewatch.com/reports/article.php/2156451 )
Neue Suchmaschinen, wie z.B. A9 oder die
Meta-Search-Engine "MetaGer" für deutschsprachige Suchmaschinen haben
ebenfalls ihre Anhänger gefunden.
So lag es nahe, eine "Semantische
Portfolio-Analyse" anhand verschiedener Suchvorgänge bei Google, Yahoo,
MSN, A9 und MetaGer durchzuführen. Gesucht wurde die Trefferhäufigkeit
der Begriffe:
"Fischer Random Chess"
"Fischerandom Chess"
"Full Chess"
"Chess960"
"Chess 960"
"Schach 960"
Chief Seattle (1786-1866):
"Meine Worte sind wie Sterne. Sie gehen nicht unter."
Diese unterschiedlichen Bezeichnungen werden des
öfteren in der Berichterstattung in den Internet-Medien verwendet und
treffen nicht auf ungeteilte Zustimmung. So erläutert Chief
Schmitt die Präferenzen für den Begriff Chess960:
"Wir haben 2001 eine Befragung durchgeführt bei über 500
repräsentativen Schachspielern - Großmeister, Amateure,
Organisatoren, International - und dabei kam heraus, dass der Name
"Chess960" mit einem Votum von über 50% vorne lag bei insgesamt 12 zur
Auswahl stehenden Vorschlägen, abgeschlagen waren FRC, Fullchess,
Fischer Random Chess (9%, Random ist ein sehr negatives besetztes
englisches Wort), Fischer Chess, ..."
Die Analyse der am häufigsten in den Internet-Suchmaschinen vorkommenden Begriffe zeigt zwei eher unerwarteten Ergebnissen auf: Bei
insgesamt 180.926 Treffer liefert nicht der vermeintliche Marktführer
Google, sondern Mitkonkurrent Yahoo die meisten Treffer insgesamt.
Und auch bei den schachspezifischen Begriffen liefert die Analyse
gemessen anhand der Häufigkeit der Verwendung im Internet,ein eher unerwartetes Ergebnis: Der populärste Begriff ist "Fischer Random Chess", gefolgt von Chess960. Die anderen Varianten liegen mit
deutlichem Abstand abgeschlagen auf den letzten Rängen.
Ein weiteres Phänomen deckt die semantische Analyse auf: Der Begriff "Fischer Random Chess" wird relativ selten auf Webseiten aus Deutschland verwendet, die deutschsprachigen Webseiten bevorzugen - wie die Suchmaschinen Google und Yahoo nachweisen - eher den Begriff "Chess960". Am Ende geht es wieder einmal vordergründig um die Begriffsdefinitionen und die Verwendung klarer, einheitlicher Begriffe für ein und dieselbe Sache. Noch wichtiger erscheint es allerdings, daß die Gemeinde der Schachspieler die neue Spielweise des Chess960 nicht nach der im Mittelalter üblichen Demagogie als Teufelszeug verdammt. Letztlich gelten für beide Varianten die gleichen Prinzipien wie im traditionellen Schach - nur die theorielastige Behandlung der Eröffnungsphase einer Partie entfällt beim Chess960. Das kann für jeden einzelnen Spieler gut oder auch schlecht sein. Vielleicht verbinden sich beide Spielweisen zu einer Synthese.
Auch der amerikanische Indianerhäuptling Chief Seattle hat diese Entwicklung voraus geahnt: "Vielleicht sind wir letztlich doch Brüder und Schwestern; wir werden sehen."