Unterhaltung Alter Tiger frisst jungen Dompteur - Zwischenfall im Mainzer Simultan-Zirkus.
28.08.2005 - Großer Tusch in der Manege der Rheingold-Halle - Auftritt: Alexander Grischuk, höchst begabter Jungstar unter den ersten 12 Jüngern der Schachgöttin Caissa - Typ: Pop-Künstler, Liebling der Damenwelt (nicht nur der hölzernen!), mit verwuscheltem Haar und genialen Ideen im Kopf. Zum ersten Mal hält er im langen Mainzer Circus Maximus hof - wie es sich im traditionellen Classic-Reigen gehört, in einer Simultan-Schau an 40 Brettern (dem Weltmeister-Format), allein gegen die ewig hungrige Meute von jungen und alten Schächern, die ihn mehr als nur am Zampano-Trikot zupfen wollen.
Unter ihnen treibt sich
ein ganzes Rudel von Chess-Tigers aus dem Dschungel des Frankfurter
Westend herum, berüchtigt wegen ihrer Kenntnisse auf den tückischen
Chess960-Pfaden. Sie zu zähmen, ist der passende Aufgalopp für das
Rencontre mit dem gefürchteten Tiger von Madras, Viswanathan Anand, dem
unangefochtenen König des Schnellschach-Urwalds, dessen Revier gesäumt ist
von den bleichen Knochen übermütiger Großwildjäger. Zuvor aber warten
die älteren Raubkatzen aus den hinteren Reihen.
Professor Dr. Eckhard Freise:
Alter Tiger frisst jungen Dompteur
Foto: Harald Fietz
Die Partie: (Auszug)
1. de f5 Fauch! - und spielerisch die Krallen
gezeigt. Holländisch gilt unter Kennern als ernster Versuch, vom 1. Zug
an auf Schwarz-Verlust zu spielen, hat aber immer noch widerborstigen
Kaaskopp-Charme.
2. Lg5 g6
3. h4!... und gleich wird dem alten Biest aus
dem Leningrader Birkensumpf die Flankenpeitsche übergezogen, damit es
sich in den Stonewall-Käfig rollt...
(Hier können Sie die komplette Partie Grischuk - Freise nachspielen:
Grischuk Simultan)
Als nach dem letzten Zug 37. Kc3 Kd7 der Weg zur
Grischuk-Aufgabe geebnet ist, schreibt Freise-Tiger dazu: "Hilflos an
die Wand gedrängt, ergibt sich er Dompteur in sein Schicksal - erst
kostet der g-Bauer ihn das Pferd, dann droht durch Austemperieren ein
qualvoller Tod:
0 - 1.
Und die Moral von der Geschicht: "Man reize alte
Tiger nicht! Denn immer noch gilt - für Schach, Show, Politik und
andere Spektakel - die Weisheit des Spötters George Bernhard Shaw:
Ältere Männer sind gefährlich, sie haben nichts mehr zu verlieren.
Den kompletten Bericht lesen Sie im
SCHACH-MAGAZIN 64 16/2005 Seite 451
http://www.schach-magazin.de/ (Chefredakteur Otto Borik).
Wiedergegeben mit freundlicher Genehmigung des Autors Prof.
Dr. Eckhard Freise.