Unterhaltung Вперед Россию! Vorwärts Russland! Über das Supremat des russischen Schachspiels
14.08.2005 - Selten demonstrierten die Veranstalter der Chess Classic Mainz ein so gutes Timing wie am gestrigen "Russischen Abend" im Gourmet Club des Hilton Hotels. Eigentlich sollten hier die Assoziationen zwischen der russischen Schachtheorie, insbesondere der "Russischen Verteidigung" und den gastronomischen Spezialitäten der russischen Küche deutlich gemacht werden, doch die Realitäten des Abends übertrafen dann die Erwartungen um ein vielfaches. Dazu hat nicht zuletzt der russische Großmeister Alexander Grischuk beigetragen.
Erfinder der Chess Classic: Hans-Walter Schmitt.
Grafik: Fränk Stiefel
Während sich die Kontrahenten um die
Weltmeisterschaften im Schnellschach auf den Start der Partien
vorbereiteten, wurden bei den Zuschauern und geladenen Gästen der
Sponsoren so manche Erinnerung an die frühere Vormachtstellung des
sowjetischen Schachsports wach.
Repräsentative Namen der Großmeister wie
Botwinnik, Spassky, Karpov und Kasparov sind Synonyme der Vorherrschaft
in diesem Sport, die von der sowjetischen Staatsideologie nach Kräften
unterstützt wurde und erst mit dem legendären Bobby Fischer einen Schlag
versetzt bekam.
Doch nicht nur der Schachsport wurde der
kommunistischen Staatsideologie untergeordnet, auch in anderen Bereichen
der Kunst und Kultur war diese Verknüpfung Priorität.
Die in den Jahren ab 1915 entstandene moderne
russische Avantgarde in der Kunst stand ganz im Zeichen dieser Ideologie
und wurde mit der treffenden Bezeichnung "Suprematismus" (Supremat:
lateinisch für Obergewalt, Überordnung) umschrieben.
Und daß die Kunstrichtung des Suprematismus
ausgerechnet mit einem symbolischen schwarzen Quadrat beginnt, rückt die
Kunst des Schachspiels und die Kunst der russischen Avantgarde näher
zusammen.
Erfinder des Suprematismus:
Kasimir Malevich
So verdeutlicht auch der Direktor der Bonner Bundeskunsthalle,
Stephan Andreae, in einem Interview mit Dr. René Gralla die
Querverbindungen zwischen Malerei und Schach: "Schach
hat schon immer auf dem schmalen Grat operiert zwischen Spitzensport,
Wissenschaft und phänomenalen Denkleistungen - und eben auch Kunst.
Viele Künstler offenbarten ihre Affinität zu diesem königlichen Spiel.
MarcelDuchamp gehörte der französischen Nationalmannschaft an;
ferner waren Joan Miró, Hans Arp, Max Ernst und Man Ray begeisterte
Schachspieler".
Der russische Kunstkritiker
Lissitzky umschrieb die Entstehungsgeschichte dieser Kunstrichtung
inmitten der Wirren der russischen Revolution: "In dieses Chaos
kam der Suprematismus und pries das Quadrat als die eigentliche Quelle
allen künstlerischen Ausdrucks. Und dann kam der Kommunismus und pries
die Arbeit als die wahre Quelle des menschlichen Herzschlags"[1].
"Der Suprematismus steht in engem Zusammenhang
mit den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen der Zeit: Materie wird als
die Verbindung bewegter Elementarteilchen erkannt. Hinter der
gegenständlichen Welt, die wir wahrnehmen, steht die wirkliche Welt, die
Energie als Urzustand - dieses gilt es in der Kunst sicht- und erfahrbar
zu machen. [1]
Und der Übervater des Suprematismus, Kasimir
Malewitsch, begründete die Ideologie des Quadrats so: "Das schwarze Quadrat
auf dem weißen Feld war die erste Ausdrucksform der gegenstandslosen
Empfindung: das Quadrat = die Empfindung, das weiße Feld = das Nichts
außerhalb dieser Empfindung, Das Schwarze ist das Zeichen der Ökonomie,
das Rote das Signal der Revolution und das Weiße das der reinen
Bewegung". [1]
Nicht nur die Symbolik des Quadrats erweckt
Assoziationen an das Schachspiel, auch die russische Epik hat eine
Verbindung zum Schachspiel geschaffen: "Was ist mehr wert - der Wind
oder der Stein? Beide sind unschätzbar" [A. Krutschonych und W.
Chlebnikow: Das Wort als solches. Moskau 1913]
Kasimir Malevich:
Schwarzes Quadrat
Kasimir Malevich:
Vier Quadrate
Doch jeder Höhenflug und jede Dominanz trägt in
sich das zukünftige Scheitern - so erging es Ikarus in der griechischen
Mythodologie als auch dem sowjetischen Spitzenschach. Nach dem
politischen Zusammenbruch der Sowjetunion und der Renaissance der
ethnisch-zentrierten Nationalstaaten im ehemaligen Staatsgebiet der
UdSSR musste der Schachsport auch dieser Entwicklung Tribut
zollen.
Zwar hat sich der russische Schachsport immer
noch an der Spitze der Länderwertung gehalten, doch bei der gerade
beendeten Europäischen Meisterschaften in Göteburg zeigte das
Nationalteam aus den Niederlanden eine großartige Leistung und wurde
Europäischer Mannschaftsmeister vor Israel, Frankreich, Griechenland und
der Ukraine. Russland erreichte vor Gastgeber Schweden den 14. Rang.
Alexander Grischuk
Bei den Chess Classic Mainz hat es in den
Duellen um die Schnellschachweltmeisterschaft lange ausgesehen, als ob
die Vorherrschaft des russischen Spitzenschach wieder einmal mehr in
Frage gestellt wird. Der indische GM Vishy Anand demonstrierte in seinen
bisherigen Partien gegen seinen Herausforderer GM Alexander Grischuk
seine Überlegenheit und ging im Match schnell mit 4 : 1 Punkten in
Führung.
Lediglich Chess960-Weltmeister Peter Svidler zeigte im Match
gegen Zoltan Almasi seine überragenden Fähigkeiten und dominierte das
Match mit einer überzeugenden 4 : 2 Führung. Trotz einer selbst
eingeräumten Schwäche in der Eröffnungsphase (Svidler: "Egal ob ich
traditionelles Schach oder Chess960 spiele, ich komme immer mit
Nachteilen aus der Eröffnungsphase heraus") gewann er seine bisherigen
Matches in kämpferisch-positionellem Stil.
Doch dann kam mit der fünften und sechsten
Partie zwischen Anand und Grischuk etwas wie Aufbruchstimmung auf: Im
fünften Match einigten sich die Kontrahenten auf ein Remis, und im
sechsten Match brach die Sintflut über den erfolgsgewohnten "Tiger von
Madras" herein.
Artur Jussupow
Die Gäste des Gourmet Clubs trauten ihren Augen
und Ohren nicht, als "Schachprofessor" Artur Jussupow als
Kommentator des "Russischen Abends" die Zuschauer über seine persönliche
Bewertung der Eröffnungsposition aufklärte:
"Selten zuvor habe ich
gesehen, wie GM Anand bereits in einer so frühen Entwicklungsphase nach
nur 9 Zügen in derartige Schwierigkeiten gekommen ist". Andere Zuschauer
im Gourmet Club fiel dazu eher das Wort "Katastrophe" ein.
Was war geschehen? Auf Anands Eröffnungszug e4
wählte sein Gegner die Sizilianische Verteidigung, eigentlich eine reine
Routineangelegenheit für die Großmeister. Doch schnell wich Anand von
den ausgetretenen Pfaden dieser B50-Eröffnungsvariante ab und unternahm
schon im 4. Zug einen Vorstoß mit seinem Königsbauer auf e5, worauf
Grischuk kühl mit dem Vorstoß des Damenbauern auf d5 konterte und eine
starke Zentrumsposition aufbauen konnte.
Anand hatte bereits vor zwei
Jahren beim Corsica Open Erfahrungen mit diesem frühen Bauernvorstoss in
einer Partie gegen Cebalo gemacht, diese endete mit einem Remis.
Nach 9. ...Bf5
drohte ein Bauernverlust für Anand, weitere sollten im Verlauf der
Partie folgen. Und so kam es wie von vielen Fans des indischen
Großmeisters befürchtet - Grischuk spielte konsequent seine materiellen
Vorteile aus, tauschte Figuren ab und vereinfachte das Spiel, bis Anand
nichts anderes als die Aufgabe übrig blieb.
Was ist wertvoller, der Wind (das Tempo) oder
der Stein? Der russische Großmeister Grischuk beantwortete die Frage auf seine Weise.
Kasimir Malevich: Rote
Kavallerie
Quelle: [1] Die Grosse Utopie. Die
russische Avantgarde 1915-1932. Katalog zur Ausstellung in der Schirn
Kunsthalle Frankfurt 1992,