Chess960 Ich spiele Chess960, weil die Forschung rät: Lüften Sie Ihr Hirn!
26.07.2005 - Historikern ist er als Mediävist bekannt, Anlageberatern eher als DM-Millionär, dem Fernsehmoderator Günter Jauch als Gewinner seiner Fernseh-Quiz-Wette "Wer wird Millionär?" - und Schachspielern eigentlich eher als Giganten-Killer. Die Rede, das haben Sie mittlerweile sicherlich erraten, ist von Professor Dr. Eckhard Freise.
Eigentlich ist Professor Freise
ein eher atypischer Vertreter der Gelehrtenzunft, denn mit seinen
vielschichtigen Interessen ist der Historiker den Fachzirkeln der Academica
längst entflohen.
Als bekennender Unterstützer der
Grünen-Partei, als Vorleser hinter dem Katheder des Uni-Hörsaals,
als Mitredner bei Podiumsdiskussionen über die Segen der
künstlichen Intelligenz und als Mitdenker über die Fragen "Was ist
Wissen?" sprengt er nahezu alle Klischees.
Und der bekennende
Hobby-Schachspieler scheut sich nicht, sich mit den Großen der
Schach-Weltelite bei Simultan-Turnieren zu messen und auch mal
gelegentlich als
Sieger das Brett zu verlassen.
Spätestens mit dem Gewinn des
Hauptpreises in Höhe von einer Million D-Mark bei der
Fernseh-Quizschau "Wer wird Millionär" katapultierte sich Freise
ins Scheinwerferlicht der populären Medien - denn vor ihm hatte es
noch keine Person geschafft, alle Quizfragen richtig zu
beantworten. Grund genug, daß er fortan gerngesehener Talk-Show-
und Interview-Gast war.
Lyrik des Mittelalters - aus dem Arbeitsleben eines Mediävisten
Fast
könnte man meinen, die Kultusminister und Sprachwissenschafter
hätten sich im Rahmen der Rechtschreibreform auch über die
Mittelhochdeutsche Sprache hergemacht, wenn man einige Beispiele
mittelalterlicher Lyrik liest und dabei das heutige
Sprachverständnis strapaziert. Für Mediävisten wie Freise bietet diese alte
Sprache geringe Verständnisprobleme, die MTV-Generation hat da
schon eher ihre liebe Müh' damit. Der nachstehende volkstümliche
Text macht noch bei genauem Hinsehen etwas Sinn.
Dû bist mîn,
ich bin dîn:
des solt dû gewis sîn.
dû bist beslozzen
in mînem herzen:
verlorn ist daz slüzzelîn:
dû muost immer drinne sîn
von:
Walther von der Vogelweide
Schwieriger wird es schon mit dem politischen Lied
"Unter den Linden" des mittelalterlichen Lyrikers Walther von der Vogelweide,
wie das folgende Beispiel deutlich
macht:
Original
Übersetzung
Ich saz ûf eime
steine
und dahte bein mit beine.
dar ûf satzt ich den ellenbogen,
ich hete in mîne hand gesmogen
daz kinne und ein mîn wange.
dô dâhte ich mir vil ange,
wie man zer werlte solte leben.
deheinen rât kond ich gegeben.
wie man driu dinc erwurbe,
der keines niht verdurbe.
diu zwei sint êre und varnde guot,
daz dicke ein ander schaden tuot;
daz dritte ist gotes hulde,
der zweier übergulde .
die wolte ich gerne in einen schrîn.
jâ leider des enmac niht sîn,
daz guot und werltlich êre
und gotes hulde mêre
zesamene in ein herze komen.
stîg unde wege sint in benomen:
untriuwe ist in der sâze,
gewalt vert ûf der strâze,
fride unde reht sint sêre wunt.
diu driu enhabent geleites niht, diu zwei enwerden ê gesunt.
Ich saß auf
einem Stein,
hatte Bein über Bein geschlagen,
den Ellbogen drauf gestützt,
in die Hand schmiegte ich
Kinn und Wange.
Mit allen Gedanken fragte ich mich,
wie man auf der Welt leben sollte.
Ich wusste keinen Rat,
wie man drei Dinge gewinnen kann
und keines verlieren und verderben.
Zwei sind Ehre und Güter der Welt,
die beide sich oft befeinden,
das dritte ist Gottes Gnade,
in ihrem Goldglanz beide überstrahlend.
Gern hätte ich sie alle in einem Gefäß.
Doch ach, es kann nicht sein,
dass weltliche Güter und Ehre
und dazu Gottes Gnade
in einem Herzen sich finden.
Stege und Wege sind ihnen verstellt,
Verrat liegt im Hinterhalt,
auf den Straßen herrscht die Gewalt,
Friede und Recht sind auf den Tod verwundet.
Bevor die zwei nicht genesen sind,
gibt es für die drei nicht Schutz noch Sicherheit.
Eigentlich wundert es nicht, daß das Schachspiel auch schon im
Mittelalter ein Teil der Spiel- und Unterhaltungskultur war und
eine wichtige Stellung im höfischen Leben einnahm. Nicht nur die
Gesetzesgeber des modernen baltischen Staates Estland befassten
sich mit dem Thema Schach, auch schon im Mittelalter wurde die
Gelegenheit zum spielerischen und erotischen Geplänkel von den
Adeligen und ihren Hofdamen weidlich genutzt, wie eine
Überlieferung im historischen Codex Manesse zeigt. Dort gibt es
eine Schachszene, in der Markgraf Otto von Brandenburg im
Schachspiel mit einer unbekannten Hofdame vergnügt - zu den
Klängen einer mittelalterlichen Musikkapelle, was auf eine
Festveranstaltung schließen läßt. Ob die Hofdame im Spiel auf
Gewinn steht, konnte nicht zweifelsfrei mit den damaligen
Hilfsmitteln analysiert werden, Schachcomputer wie Fritz, Shredder
oder Hiarcs konnten ja mangels Elektrizität noch nicht zur Analyse
eingeschaltet werden.
Markgraf Otto IV von Brandenburg lebte von 1266 -
1309. Er verletzte sich bei der Belagerung von Staß an der Bode (im
heutigen Land Sachsen-Anhalt gelegen), als er am Kopf von einem Pfeil
getroffen wurde. Aus Mißtrauen gegenüber dem damaligen Kenntnisstand der
Medizin ließ er die Pfeilspitze ein Jahr lang in der Wunde stecken, was
ihm den Beinamen "mit dem pfile" eintrug. Sein Vertrauen in die eigenen
Kenntnisse der Schachtheorie war offensichtlich ungleich größer, scheute
er sich doch nicht, sich im Spiel mit Hofdamen zu messen und zu
vergnügen.
Quelle: Codex Manesse,
Uni Heidelberg
Doch trotz Promi-Status in den
Medien ist Freise immer seinem
eigenen Denken treu geblieben: artikuliert, fundiert und auch mal
etwas provozierend - seine Kommentare sollten Denkanstösse sein.
Wie wirkt künstliche Intelligenz?
"Die Schaffung einer allmächtigen
Computerumgebung scheitert nicht nur an den begrenzten
Möglichkeiten, das menschliche Weltwissen nachzubilden, sondern
auch am inneren Widerstand des Menschen: Daß mein Kühlschrank intelligenter ist als ich, das
ist eine Urangst". Professor Dr. Eckhard Freise auf dem future
talk-Forum im Rahmen der CeBIT 2002.
http://idw-online.de/pages/de/news45675
Wo verbringt man als Hochschul-Professor seine Mittagspause in
Wuppertal?
Entweder in der Mathe-Kafete bei halben Brötchen und Donauwellen - oder besser
noch: in der „Kneipe”; die heißt wirklich so! Gerade für einen
Mittelalter-Scholaster gilt ja: „Mihi est propositum in Taberna
mori.”
Ist das Bergische Land die neue Wissenshochburg?
Wie sagte schon der
Heilige Firlefanz: „Schau'n mer mal”?! Die Resonanz zeigt, daß
leicht ironisch gebrochene Wissensprüfungen mit hohem Lust- und
Spaß-Faktor nach wie vor attraktiv sind. Aus dem Jammertal Pisa
kommen wir allesamt ja nur heraus, wenn es gelingt, den Jüngeren
überzeugend vorzuleben: „Erkenne deine Möglichkeiten” und „Wissen
ist sexy”.
Wenn Sie Wissen
und Information in einen geordneten, logischen, möglicherweise
auch andere überzeugenden Zusammenhang stellen können. Dazu ein
Beispiel: Die Zeitschrift Tomorrow druckte unlängst einige
Millionenfragen, in einer davon ging es um Teppiche: unter vier
angebotenen Sorten war eine kein Perserteppich. Nun kenn ich mich
mit Teppichen überhaupt nicht aus, ich kaufe nur bei Ikea, dennoch
kam ich auf die richtige Antwort.
Unter den
Lösungsvorgaben waren die Begriffe "Isfahán", "Bakhtiari" und "Kerman".
Und die konnte ich alle mit Persien assoziieren. Isfáhan ist dort
eine der heiligen Stätten. Die Bakhtiari sind eine einflussreiche
schiitische Sekte, man erinnert sich auch an einen
Ministerpräsidenten unter Khomeini, der Bachtiar hieß. Und Kerman
ist eine iranische Provinz, da gibt es öfter Erdbeben, außerdem
ist dort schon Alexander der Große durchgezogen. Also: Man kann
mit kulturellem, religiösem und politischem Wissen diese
Teppichfrage lösen.
Sie sind noch immer der Einzige, der es bei
Günther Jauch zum Millionär gebracht hat. Muß man da vielleicht
einfach so schlau sein wie Sie?
Nicht unbedingt.
Ich behaupte mal, daß von den 250000-Mark-Leuten einige bis zur
Million hätten vorstoßen können, sich aber nicht getraut haben.
Oder an Jauch gescheitert sind, indem sie ihre Lösungsvarianten
und Denkansätze offengelegt haben. Das regt ihn nur dazu an, sich
Gegenstrategien zu überlegen. Wissen Sie, ich spiele seit vierzig
Jahren Turnierschach. Wenn ich meinem Mitspieler jedes mal die
Varianten mitteilen würde, die ich im Kopf habe, wäre ich schnell
verratzt.
Ist Schach ein guter Denksport?
Sie lernen
vorausschauendes Denken, das Rechnen in Varianten, das Abwägen
verschiedener Möglichkeiten und Wege. Und genau so kommen Sie auch
im Leben weiter: Es geht nicht darum, die Antwort auf jede Frage
parat zu haben, es geht darum, den Weg zu finden, der Sie dorthin
führt.
Das klingt gut - aber auch sehr
theoretisch.
Aber nein. Auch
Bildungspolitiker haben mittlerweile erkannt, daß in der Schule
zu viel blind gepaukt wird, statt daß die richtigen Wegweiser
gesetzt werden, daß assoziatives Denken geschult wird, damit man
diese Wegweiser richtig interpretiert. Und diese Wegweiser sind
nichts, was man zwischen zwei Buchdeckel klemmt...
... und "Bildung" draufschreibt, so wie
Dietrich Schwanitz?
Das ist der
letzte verzweifelte Versuch, den alten, elitären Bildungskanon
aufrecht zu erhalten, der die ganze Populärkultur ablehnt.
Gibt es nun einen Bildungskanon, also so
etwas wie einen festen Katalog an Wissen, das jeder haben sollte?
Bildung ist ein
zerklüftetes, ständig wachsendes Gebirge, in dem sich jeder seinen
eigenen Weg bahnt. Wenn Shakespeare da nicht vorkommt, macht das
nichts. Quelle: Goethe Institut
http://www.goethe.de/z/jetzt/dejart44/dejart44.htm
Der
Schachspieler
Professor Dr. Eckhard Freise
beim Chess960-Grand-Prix in Berlin (2005)
Anton Lindenmair, Augsburg schrieb über
eine denkwürdige
Partie in seinem Newsletter Schachkomet:
Unbezwingbarer Professor: Quiz-Millionär setzte Weltmeister
schachmatt
Eckhard Freise, erster Millionengewinner bei Jauchs
Millionär-Show,
präsentiert sich auch beim Schach als neunmalkluger Zocker. Bei
einem
Simultanturnier musste sich sogar Weltmeister Anand dem
Wuppertaler
Geschichtsprofessor beugen.
Superhirn Eckhard Freise scheut auch beim Schach kein Risiko.
47 Züge lang kämpfte Eckhard Freise zäh, opferte zwei Bauern und
bezwang
schließlich Viswanathan Anand in einem spannenden Turmendspiel.
Der Inder
war bei den Mainzer "Chess Classics" gleichzeitig gegen 40
Hobbyspieler
angetreten und attestierte seinem Gegner einen "verdienten Sieg".
"Das ist
ungefähr so, als hätte ich im Tennis Andre Agassi unter
wettbewerbsmäßigen
Bedingungen 6:3 geschlagen", frohlockte Freise nach seinem
spektakulären
Sieg.
Quelle:
http://www.schachkomet.de/ims0145.htm. Die Partie zum
nachspielen: Anand, Viswanathan - Freise, Eckhard
Chess Classic Simultan (Mainz), 2001
http://www.chessica.de/games/freise.htm.
In der aktuellen Chess960-Weltrangliste
belegt Wenigzeitinhaber Professor Dr. Freise mit einer IPS-Zahl (Individual
Player Strength) von 1995 Rang Nummer 313.
Das Schlau!-Bergische Städtequiz
Nicht nur als Rätselrater, sondern auch
als Fragesteller tat sich Professor Freise hervor, wie sein
Städtequiz deutlich machte. Eine der Fragen handelte von Verboten:
Was hiervon ist NICHT verboten?
(A) In York
(Großbritannien) sonntags einen Schotten
mit Pfeil und Bogen zu
erschießen
(B) In Frankreich ein
Schwein Napoleon zu nennen
(c) In Tallinn (Estland)
beim Sex Schach zu spielen
(D) In North Carolina (USA)
ohne Noten zu singen
Die richtige Antwort lautet: Alles ist verboten!
Carmen Kass
Schachspielerin aus Estland
Auf Nachfrage der Chesstigers-Redaktion
bei Carmen Kass,
Supermodel und seit kurzem Vorsitzende des estnischen
Schachverbands, war zunächst
kein Kommentar zu den dortigen Vorschriften und Verboten des
Schachspiels erhältlich.