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Das war London
Rückblick auf das Kandidatenturnier 2013
03.04.2013 - Die schachliche Sedisvakanz hat ein Ende - der Stuhl des WM-Herausforderers ist seit dem 1. April besetzt. Es ist der 22 Jahre junge Magnus Øen Carlsen aus dem norwegischen Tønsberg, der Garry Kasparovs ELO-Rekord im Sturm nahm und noch immer nicht satt ist. In einem Wimpernschlagfinale gab der Youngster beim Kandidatenturnier in London seinen erfahrenen Kollegen das Nachsehen und darf nun ganz offiziell Weltmeister Viswanathan Anand zum Tanz bitten. Bevor sich die Schachwelt mit dem Wie, Wo und Wann der nächsten Weltmeisteschaft beschäftigt, lohnt sich nochmals ein Blick zurück auf die Ereignisse der vergangenen zwei Wochen.

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Alle Fotos © Ray Morris-Hill / www.rmhphoto.eu

Alle Statistiken erstellt mit ChessBase 12


Das Kandidatenturnier 2013...
...weckte im Vorfeld große Aufmerksamkeit. Ob es lange und spannende Partien geben würde, bangten viele Fans, aber so richtig wusste niemand, mit welchen Strategien die Spieler antreten würden. Eines war jedoch schon lange vor dem Beginn klar: Der Sieger konnte beziehungsweise durfte nur Magnus Carlsen lauten! Wer es wagte, in Blogs, Foren und Chats auf Vladimir Kramnik, Levon Aronian oder gar noch "schlechtere" Spieler zu setzen, wurde erbarmunglos mit Schimpftiraden und dem Titel "Carlsen-Hater" bedacht. Generell wird der Ton im Netz zusehends feindseliger - eine Tendenz, die man auch beim Schach im Auge behalten sollte!

Doch zurück zum Turnier: Nachdem in der ersten Runde alle Partien ereignislos mit Remis endeten, wurde bereits geunkt, dass dies die Tendenz für die weiteren 13 Runden sein könne. Doch schon am Tag darauf durchbrachen Aronian und Radjabov den kurzen Remis-Spuk und holten volle Punkte. Es sollten noch zwei weitere Runden mit nichts als Remisen folgen, aber die Gesamt-Remisquote von 55,3 Prozent bezeugt, dass in London vortrefflich gekämpft wurde.

Im Schnitt wurden pro Partie 43 Züge spielt. Die kürzeste Remispartie spielten mit 17 Zügen in der elften Runde Ivanchuk und Gelfand. Die längste Partie war mit 90 Zügen die zwischen Carlsen und Ivanchuk, welche der Ukrainer in der zwölften Runde gewann.

Die erste Turnierhälfte dominierten Carlsen und Aronian nahezu im Gleichschritt. Für fünf der sieben entschiedenen Partien in den Runde 1 bis 7 waren die klaren Tabellenführer verantwortlich. Nur Svidler und Radjabov war bis dahin ebenfalls je 1 Sieg gelungen. Doch ab Runde 8 folgte die furiose Aufholjagd von Kramnik, der zuvor öffentlich sein mangelndes Glück beklagte. Er begann mit einem Sieg über Svidler, ließ ein Remis gegen Carlsen zu, um dann in den Runden 10 bis 12 drei Siege in Serie folgen zu lassen. Damit war der 14. Weltmeister plötzlich alleine mit einem halben Zähler vorn vor Carlsen, der sich in Runde 12 gegen Ivanchuk seine erste Niederlage leistete.

Magnus Carlsen kassierte gegen Vassily Ivanchuk
seine erste Niederlage nach langer Zeit

In Runde 12 schenkte Aronian Kramnik einen halben Punkt

In Runde 13 dann zeigte Carlsen gegen einen zugegeben böse angeschlagenen Radjabov seine kämpferisch beste Leistung. Der Norweger mobilisierte nochmals alle seine Kräfte und rang den Aseri nieder. Dafür geriet er in der Schlussrunde unausgeschlafen und viel zu langsam denkend in horrende Zeitnot und wurde von Svidler vernascht. Jetzt hätte der punktgleiche Kramnik nur noch dem lieben Ivanchuk einen halben Punkt entwenden müssen, aber dieser hatte eigene Pläne, setzte diese auch um und siegte. Nicht unvorbereitet, aber dennoch schmerzlich trafen den 14. Weltmeister die Regeln für den Fall eines Gleichstandes. Carlsen verlor zwar eine Partie mehr als Kramnik, aber er gewann auch eben eine mehr.

Banges Warten bei Carlsen und Espen Agdestein auf den Ausgang der Partie Ivanchuk gegen Kramnik in der Schlussrunde. Carlsen und sein Trainer Simen Agdestein (also der Bruder von Espen) verbindet übrigens nicht nur das Schach. Beide sind leidenschaftliche Fußballspieler, wobei Agdestein seinem Schützling in diesem Bereich mehr voraus hat, als man vielleicht vermuten möchte. Bis 1993 kann man durchaus behaupten, dass er sowas wie ein Profi war: "Fußball spielte Agdestein als Stürmer für Lyn Oslo und kam auf acht Einsätze in der norwegischen Fußballnationalmannschaft. Seine Nationalmannschaftskarriere, während der er einen Treffer erzielte, endete, weil er entgegen den Wünschen des Nationaltrainers nicht ins Ausland wechseln wollte, um sein Niveau zu verbessern. 1989 lehnte er ein Vertragsangebot von Beşiktaş Istanbul ab. 1992 beendete eine schwere Knieverletzung seine Profikarriere." (Wikipedia)

Dürfen, sollen und müssen wir jetzt mal wieder über die Regularien diskutieren? Sie waren vorher allen Spielern bekannt, großer Unmut wurde im Vorfeld nicht laut, also beschwerte sich im Nachhinein auch der Leidtragende nicht. Gegnerschnitt oder ELO-Performance wären gegenüber der klaren Nummer 1 der Weltrangliste sehr unfair gewesen. Also bleibt nur die Frage, ob es nicht Sinn macht, bei gleichen Punkten direkt einen Tiebreak zu spielen. Wenn eine Weltmeisterschaft so entschieden werden kann, warum dann nicht auch die Qualifikation?

Leider konnte aus gesundheitlichen Gründen keiner unserer Chess Tigers on Tour nach London fliegen, um sich ein beziehungsweise mehrere Bilder zu machen, aber die Internet-Perspektive war größtenteils ausgezeichnet. Natürlich übertrugen neben der Turnierseite auch die bekannten Plattformen live mit stets namenhaften Kommentatoren. In den absoluten Hochzeiten ächzte der eine oder andere Server (in Norwegen sollen sogar einige zusammengebrochen sein) und gab auch mal kurzzeitig nach, aber im Großen und Ganzen verpasste der Zuschauer aus der Ferne nichts.

Die Live-Übertragung auf der Turnierseite - leicht aggressiv
konnte man bei dem vielen Rot schon werden...

Auf der Turnierseite gab es neben dem Live-Video mit IM Lawrence Trent und wechselnden Co-Kommentatoren zu jedem Brett einen Videostream. Sobald eine Partie beendet war, wurden die Spieler zu einer Pressekonferenz mit der bezaubernden Anastasiya Karlovich gebeten, sofern sie zuvor nicht zur Dopingkontrolle(!) mussten.

Karlovich im Siegerinterview mit Carlsen

Das Kandidatenturnier 2013 hat Geschichte geschrieben. Neben den spannenden Partien und dem Sieg von Carlsen wird natürlich auch die Tatsache, dass Ivanchuk bei all seinen fünf Niederlagen auf Zeit verlor, ewig in Erinnerung bleiben. Grund genug, die Leistung aller acht Teilnehmer mal genauer unter die Lupe zu nehmen. Wir beginnen aufsteigend mit Rang 8.


Rang 8 - 17.000,- Euro

Teimour Radjabov...
...ging als Nummer 4 der Weltrangliste und Königsindisch-Experte ins Rennen. Mehr konnten seine Gegner kaum wissen, denn der Aseri hatte zuletzt keine Turniere gespielt und sich lieber vorbereitet. Als Radja in der zweiten Runde Ivanchuk schlug, konnte man meinen, er sei in Topform. Wie sollte man auch ahnen, dass kein weiterer Sieg und stattdessen noch sieben Niederlagen folgen würden? In der zweiten Turnierhälfte ging ihm mit 1/7 endgültig die Puste aus, wobei ihm nur mit Resignation erklärbare Fehler unterliefen. Das bedeutet für ihn unter dem Strich ein Verlust von knapp 32 ELO-Punkten und der Fall von Platz 4 in der Welt auf Platz 12. WM-Traum nicht nur geplatzt, sondern brutal zerstört!


Rang 7 - 22.000,- Euro

Vassily Ivanchuk...
...passt in keine Schublade. Sein Spiel an sich war in London gar nicht das Problem. Aber was um Himmels Willen ritt den Ukrainer bei seinem Umgang mit der Bedenkzeit? Nahezu keine Partie ohne horrende Zeitnot - er selbst erklärte das mit "Ich war zu müde zum Ziehen". Und dann - wie aus dem Nichts - konnte er ausgerechnet gegen Carlsen und Kramnik in der zweiten Turnierhälfte wie ein junger Gott spielen. Die Zeit wurde gut eingeteilt, die Chancen genutzt und so ein totaler Absturz verhindert. Trotz des vorletzten Platzes wird er nur gut 3 ELO-Punkte verlieren. Dennoch bleibt, dass fünf Zeitüberschreitungen gar nicht gehen. Chuckys Auftritt war allemal unterhaltsam, aber auch mal wieder irgendwie verstörend.


Rang 6 - 28.000,- Euro

Boris Gelfand...
...schied schon zu Beginn aus dem Rennen um den Turniersieg aus. Der Vize-Weltmeister verlor in den Runden 2 und 3 und hechelte fortan dem Feld hinterher. Seine Hochphase hatte der Israeli in den Runden 8 und 9, als er erst Radjabov und dann auch noch Aronian besiegte. Dort blitzte auf, warum er zuletzt der verdiente Herausforderer von Vishy Anand war. Aber gegen wechselnde Gegnerschaft tut sich Gelfand offensichtlich schwerer als in einem Match. Gegen Carlsen bekam er gar keinen Fuß auf den Boden und wurde 0:2 abgefertigt. Zufrieden ist er mit Rang 6 sicherlich nicht, aber ein Plus von 5 ELO-Punkten bedeutet, dass er sich zumindest wacker geschlagen hat.


Rang 5 - 40.000,- Euro

Alexander Grischuk...
...ist mit elf Unentschieden der Remiskönig von London. Obwohl er nach seinem einzigen Sieg gegen Ivanchuk davon sprach, noch um den Turniersieg mitspielen zu wollen, rangierte er in diesem Moment bei 50 Prozent. Von Ivanchuk als Zeitnotabonnement ausgestochen wusste Sasha kaum zu glänzen. Schlimmer noch, in vielen Köpfen wird sein katastrophaler Schnitzer gegen Kramniks Berliner Endspiel hängen bleiben. Sehr unterhaltsam waren seine Kommentare bei den Pressekonferenzen und den Besuchen bei Lawrence Trent, doch Weltmeister wird man so natürlich nicht. War das jetzt zu hart? Ich glaube nicht.


Rang 4 - 55.000,- Euro

Levon Aronian...
...verzückte und enttäuschte gleichermaßen. Der ehrgeizige Armenier wollte den ganz großen Wurf landen und gewann mit fünf Partien ebenso viele wie der Turniersieger. Aber leider machte ihn sein riskantes Spiel auch verwundbar. In den Runden 11 und 12 erwischte es Lev ganz böse. Erst spielte er sich im Gewinnstreben gegen Svidler um Kopf und Kragen, dann folgte die traurige Krönung gegen Kramnik, als er eine glatte Verluststellung in ein Lehrbuch-Remis verwandelte und dieses dann mit einem Katastrophenzug wieder verschenkte. Dass ihm letztlich nur ein halber Punkt auf den Sieger fehlt, ärgert ihn im Nachhinein bestimmt besonders. Ein WM-Match gegen Anand wäre sehr interessant gewesen.


Rang 3 - 75.000,- Euro

Peter Svidler...
...hatte kaum jemand auf der Rechnung, und seine Endplatzierung täuscht auch etwas. Nein, ernsthaft als Turniersieger kam er nie in Frage. Doch mit seinen 3,5 aus 4 in den Schlussrunden (Siege gegen Aronian, Ivanchuk und Carlsen) katapultierte sich Svidler noch auf den dritten Rang. Ein schöner Euro-Regen und ein ELO-Zugewinn von fast 20 Punkten sind ein netter Lohn für die gezeigten Leistungen. Es wäre sehr schön, würden wir den unterhaltsamen Russen öfter bei großen Turnieren sehen. Die beste Eigenwerbung hat er jedenfalls in London getätigt.


Rang 2 - 88.000,- Euro

Vladimir Kramnik...
...ist der tragische Held in dieser Geschichte. Hätten sich die Gegner besonders in der ersten Turnierhälfte nicht so beharrlich dagegen gewehrt, gegen ihn zu verlieren, es hätte sein Turnier werden können. 5 aus 7 in der zweiten Turnierhälfte und einige nette Geschenke von Aronian, Grischuk und Radjabov ließen den russischen Hünen von einem (Re-)Match gegen Anand träumen. Doch ausgerechnet gegen Ivanchuk, den und dessen Unberechenbarkeit er doch aus dem Effeff kennen müsste, machte er zu viele Fehler. Sein schnelles Spiel zeigte bei Chucky nicht die gewünschte Wirkung, und beim Versuch, daraufhin Spiel gegen den ukrainischen König zu kreieren, wurde er am Damenflügel fachgerecht aufgerollt. Aber eines muss man dem 14. Weltmeister lassen, er nahm das knappe Scheitern ohne Klagen hin, obwohl der Stachel bestimmt noch einige Zeit Pein verursachen wird.


Rang 1 - 95.000,- Euro plus WM-Match

Magnus Carlsen...
...kam, sah und siegte. In der ersten Turnierhälfte habe er mit Abstand das beste Schach gespielt, sagte er nach der letzten Runde, ging aber im gleichen Atemzug auch hart mit sich und seinen beiden Niederlagen ins Gericht. Unter dem Strich war der Verlust gegen Chucky ein Konzentrationsfehler, wie er nunmal ab und an auch einem Schachgott unterläuft. Doch das Ding gegen Svidler am Ende war schon ein dolles. Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte Carlsen keinen rechten Schimmer, was er da tat und geriet in Panik. Als er die letzten Züge im Bullet-Style absolvieren musste, hatte er Mühe, überhaupt die Figuren zum Stehenbleiben zu bringen. Nach der Zeitkontrolle gab der Schelm zu, dass er nur noch weiterspielte, um zu warten, bis Ivanchuk parallel gegen Kramnik ganz sicher auf Gewinn stand.

Jetzt ist es geschafft. Nicht nur ganz Norwegen jubelt, auch die restliche Schachwelt atmet auf. Endlich gibt es das ultimative Match zwischen Weltmeister Viswanathan Anand und der Nummer 1 der Welt Magnus Carlsen! Wann dies sein wird? Im FIDE-Kalender steht nach wie vor der 6. bis 26. November 2013, aber ist das angesichts der vielen anderen Turniere, die 2013 noch anstehen, wirklich realistisch? Wenn ja, dann sollten am besten ab jetzt Angebote zwecks Kohle und Spielort bei der FIDE eingehen. Wollen die Norweger eine Schach-WM? Was ist mit Indien?

Lassen wir zum Abschluss den zu Wort kommen, der der 16. Weltmeister werden möchte:


Mehr Berichte, Bilder und viele Videos finden sich auf der Turnierseite von AGON.


Alle Candidates 2013-Berichte:

Es kann nur einen geben! (Ankündigung)

Friedlicher Auftakt (Runde 1)

Aronian und Radjabov vergießen erstes Blut (Runde 2)

Aronian gibt Gas (Runde 3)

Carlsen zieht mit Aronian gleich (Runde 4)

Vier (ungerechte) Unentschieden (Runde 5)

Aronian und Carlsen ziehen davon (Runde 6)

Alles remis (Runde 7)

Kramnik holt auf (Runde 8)

Carlsen erstmals alleine vorn (Runde 9)

Da waren es noch drei (Runde 10)

Carlsen remis, Kramnik siegt, Aronian verliert (Runde 11)

Carlsen verliert und Kramnik führt alleine (Runde 12)

Herzschlagfinale am 1. April (Runde 13)

Glücklicher Carlsen fordert Weltmeister Anand! (Runde 14)



Mike Rosa

Published by Mike Rosa

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