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Zeitnot
12.06.2005 - „Herr Doktor, Herr Doktor!“, hörte ich es dumpf schallend aus dem Flur. Wenige Sekunden später wurde die schwere Eichentür zu meiner Praxis aufgestoßen und ein erneutes „Herr Doktor, Herr Doktor!“ erfüllte den Raum. „Ist ja schon gut, ich bin ja bei Ihnen Herr Lobrehd!", gab ich etwas genervt und mit lauterer Stimme als sonst, zurück.
„Herr Doktor, Sie müssen mir helfen! Ich komme gerade von einem Mannschaftskampf in Studtermatt zurück. Der Kampf ging zwar 4 zu 4 aus, aber ich gab meine Partie, auf Vorschlag meines Gegners, im 40. Zug Remis.“

An dieser Stelle unterbrach er kurz seinen Redeschwall, legte sich auf die Couch und verschränkte die Arme hinter seinem Kopf. Nach dem er eine Minute lang schweigend zur Decke gestarrt hatte, fügte er kleinlaut hin zu: „Ich stand aber auf Gewinn.“

Ich blieb hinter meinem wuchtigen Schreibtisch sitzen und bat ihn mehr zu erzählen.

„Ich ging gut vorbereitet in die Partie. Habe mir einige Partien meines Gegners angesehen, bis ich auf eine Eröffnungs-Variante stieß, die ich selbst mit Weiß gerne anwende. In dieser Eröffnung wimmelt es nur so von überraschenden Zügen, ein Fehltritt und man geht über die Wupper. Sowohl Weiß wie auch Schwarz! Unheimlich dynamische Stellung!“

Sein Gesichtsausdruck spiegelte eine gewisse Begeisterung für diesen Positionstypus wieder. „Ja, und?“, fragte ich,  „Wie ging es weiter?“  

„Ab dem 16.Zug verifizierte ich die angegebenen Varianten des Theoriebuchs mit Hilfe eines Schachprogramms. Allerdings falsifizierte ich die angegebene Stellungsbeurteilung, die Weiß den Vorzug gab. Ich fand schnell heraus, dass Schwarz einen kleinen Endspielvorteil besitzt.“ „Während der Partie tat ich so, als ob ich jeden Zug am Brett finden müsste.“, fuhr er, ein leichtes Grinsen unterdrückend, fort. „Es kam zu der angestrebten Position und ich behielt Recht. Mein Endspielvorteil war klein, aber fein. Trotz allem, musste ich viel Zeit für das Endspiel verbraten, bis ich zum Schluss voll in Zeitnot kam.

Im 40.Zug als ich nur noch 1 Minute für meinen letzten Zug hatte, bot mir mein Gegner Remis an.“

„Das forderte von Ihnen, neben der Zugwahl, eine weitere Entscheidung.“, erwiderte ich.

„Richtig! Es waren auch schon einige Partien beendet und ich glaubte etwas aufgeschnappt zu haben, dass ein Remis den Mannschaftssieg sicher stellen würde. Vor lauter Aufregung, ohne klar denken zu können, reichte ich nach wenigen Sekunden meine Hand zum Friedensschluss herüber.“

„Doch die Überraschung war groß, als ich und meine Mannschaftskollegen danach feststellten wie einfach die Schlussstellung zu gewinnen sei.“

Am Ende seines Berichts angekommen, richtete er sich auf und appellierte an mich: „Das darf mir nie wieder passieren, Herr Doktor!“

„Herr Lobrehd, wie lange kennen wir uns denn schon? Haben wir nicht schon viele Täler gemeinsam durchschritten?“, fragte ich rhetorisch.

„Aber bevor wir zu einer Lösung kommen, lassen Sie mich kurz die Ursachen für Zeitnot skizzieren. Mangelnde theoretische Vorbereitung und fehlende Praxis im Allgemeinen sind zwei wesentliche Faktoren, die aber sicher auf Sie nicht zutreffen. Als dritter wichtiger Punkt wäre die Kompliziertheit der Stellung zu nennen. Dies trifft zwar bei Ihrer Partie zu, aber im Mittelspiel scheinen Sie auf Grund der guten Vorbereitung nicht viel Zeit verloren zu haben.

Zu großer Respekt vor dem Gegner oder perfektionistische Zugwahl sind mit Sicherheit zeitintensive Momente – mit Ihrer Persönlichkeit haben die aber nichts zu tun! Außerdem, das höre ich dem Bericht heraus, entstand die Zeitnot nicht als Nachwirkung eigener Versäumnisse und Fehler und war auch gewiss nicht bewusst herbeigeführt.“

„Ja, aber ...“, wollte Herr Lobrehd wissen, „... woran lag es dann??“

„Tja, bedingt durch Ihren aggressiven, kombinatorischen Spielstil haben Sie wenig Erfahrung mit Endspielen. Vermutlich beschäftigen Sie sich mehr mit Eröffnungen und Mittelspielkombinationen als mit Endspieltheorie.“

„Ja, Sie haben wie immer Recht.“, gab der Klient zu. „Meine Partien sind meist im Mittelspiel bereits entschieden. Selten habe ich Stellungen die nach 40 Zügen immer noch ausgeglichen sind.“

„Sehen Sie – und in der Partie waren Sie zudem noch durch das Remisangebot verunsichert worden, welches Ihr Gegner psychologisch exakt platzierte.

Wir (Anmerkung: Um Herrn Lobrehd Hilfestellung zu geben, dieses schachliche Neuland zu betreten, hielt ich es für angebracht, die Wir-Form zu wählen.) müssen unser Augenmerk in Zukunft auch auf Endspiele lenken. Auch wenn es Spaß macht seinen Gegner nach wenigen Zügen mit einer hübschen Kombination zur Kapitulation zu zwingen, so ist doch das Beherrschen von Endspielen etwas sehr würdevolles.“

Manfred Herbold ist der "Schachtherapeut"

An dieser Stelle verglich ich eine Schachpartie mit den Lebensabschnitten eines Menschen. Die ersten „Gehversuche“ als Kind kann man mit der Eröffnung gleichsetzten, das „Draufgängerische“ im Jugendalter stellt das Mittelspiel dar und die „Reife und Weisheit“ im Alter ist das Endspiel.

Herr Lobrehd konnte mir folgen und fragte deshalb: „Sie meinen, ich stehe gerade an der Schwelle zum schachlichen Älterwerden?!

„Ja, legen Sie sich ein Buch zu, welches Ihnen Grundregeln im Endspiel vermittelt. Kein Buch mit studienartigen Gewinnen! Die vergisst man meist schon am nächsten Tag wieder! Endspielfeinheiten werden Sie sich, und da bin ich mir sicher, selbst erarbeiten und ...“, hier hielt ich kurz inne,  „ ... große Freude daran haben.“

Mein Dauerklient murmelte noch etwas davon, dass er bereits so ein Buch besitze, aber nur kurz überflogen hätte, richtete sich auf und ging bedächtig Richtung Ausgang.

„Servus Doktor.“, verabschiedete er sich. „Ihr Honorar überweise ich Ihnen ... und das Endspielbuch, das werde ich durcharbeiten. Danke!“

Zur Praxis des Schachtherapeuten >>>hier

Manfred Herbold

Published by Gerhard Kenk

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