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Chess960
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Favorit GM Viesturs Meijers führt bei Halbzeit
1. Chess960 Hessenmeisterschaft mit 47 Teilnehmer gestartet
20.03.2005 - Die definitiv erste Einzelmeisterschaft im Chess960, eingebettet in den Rahmen der ordentlichen hessischen Meisterschaft 2005 wird als Premiere innerhalb der Schach-Landesverbände in Deutschland gewertet. Unter den Augen der vielen prominenten Gäste der vorangegangenen akademischen Feier anlässlich des 125-jährigen Jubiläum der VSG Offenbach konnte der Vorstandsvorsitzende des Sponsors FiNet AG, Peter Kunath, 47 engagierte Teilnehmer ins 7-rundige Rennen schicken.

Schenken Sie bitte auch der sehr interessanten Festrede des Vorsitzenden der VSG Offenbach und des Hessischen Schachverbandes Harald Balló ihre Aufmerksamkeit!

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Viesturs Meijers

Der deutsche Schachpräsident Alfred Schlya sowie der Dresdner Olympiaorganisator von 2008, Dr. Dirk Jordan konnten genauso dem Treiben im Chess960-Turnier folgen, wie fast 50% neuinteressierter Teilnehmer. Die zahlreichen prominenten Ehrengäste aus Politik und Gesellschaft von Harald Ballós einladender Vereinigten Schachgesellschaft Offenbach 1880 zeigten sich total aufgeschlossen für Chess960: "Gute Idee, spannend und einmal was ganz Anderes - aber eigentlich nicht"!

Dass nach drei gespielten Runden die Favouriten GM Meijers, IM Solonar, IM Margolin und FM Vogler mit perfektem Score von 3 aus 3 vorne liegen würden wurde erwartet, aber auch Behrang Sadeghi und Georg Regis starteten fullminant. Ein wenig Sand im Getriebe schien am Anfang nur bei den Senioren IM Donchenko, FM Zunker und Ferdi Niebling zu sein - aber das kann sich heute in den letzten 4 Runden noch nachhaltig ändern.

Zum Gerling Grand Prix 2005 werden 1.000 Punkte vergeben, dazu über 2.000 Euro Preisgeld und mit der Bewertung S&P COFI / ACC 3.88 ist die 1.Offizielle hessische Chess960 Einzelmeisterschaft im Schnellschach hochdotiert, wird doch immerhin die Startgeldeinnahmen um das 3,88-fache von der Preisgeldsumme übertroffen.

Auszug aus der sehr interessanten Festrede von Harald Balló


Sehr geehrte Damen und Herren, meine lieben Schachfreunde,

Sie wissen, gerade Politiker pflegen, wenn sie wieder einmal auf einer trögen und langweiligen Festveranstaltung sein müssen, stöhnend, gleichzeitig aber etwas spöttisch und natürlich ganz heimlich sich zuzuflüstern: „ Du, hier sind 1/3 der Leute auch nur hier, weil sie hier sein müssen“. Ich hoffe, daß Sie alle gerne hier sind. Und weil Sie hier sind gebe ich Ihnen eine take home message mit auf den Weg.

Ich möchte die Gelegenheit nutzen, heute an unserem Jubiläumstag, auch wenn es eine etwas problematisierende, nicht problematische Einstimmung ist, etwas pro domo zu sagen. Ich möchte Ihnen allen tatsächlich, aber insbesondere den Politikern unter Ihnen, eine take home message mitgeben, damit das Kommen sich auch für Sie gelohnt hat!

Ich hoffe dabei auf Ihr wohlwollendes Gehör.

Also, meine sehr geehrten Damen und Herren, ich möchte etwas zu der Frage sagen: wieso ist Schach eigentlich Sport? Sie wissen vielleicht, daß der ehemalige Innenminister Willi Weyer aus NRW, ein FDP-Mann, erst Mitte der siebziger Jahre die Schachverbände sportpolitisch heim in den Deutschen Sportbund geholt hat. Ja, viel Bewegung ist bei uns im Schachsport tatsächlich nicht, obwohl doch reichlich Adrenalin ausgeschüttet wird. Wenn die kritische Stellung erreicht ist, und jeder Zug auf dem Brett einem Schritt am Rande des Abgrunds gleichkommt, rennt manch einer zwar vor Aufregung ganz hektisch und ruhelos umher, aber Sport? Ist Schach wirklich Sport?

Ich will hier kein sportpolitisches Seminar abhalten, keine Angst. Nur ganz kurz: Schach ist ein Spiel. Und das ist ein Punkt, der uns alle verbindet. Friedrich Schiller hat festgehalten: ZITAT „um es endlich auf einmal herauszusagen, der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“.

Friedrich Schiller

Schiller bestimmte den Begriff des Spiels als Freiheit vom Zwang und als Gegensatz zum bloß nützlichen handeln, genauer: zu einem Handeln, das seinen Zweck nicht in sich selbst, sondern außer sich hat. Was tun wir eigentlich, wenn wir spielen, fragte Schiller? Und Schiller war tatsächlich der erste der darauf hingewiesen hat, daß der Weg von der Natur zur Kultur über das Spiel, und das heißt über Rituale, Tabus und Symbolisierungen führt. Durch das Spiel wird dem Ernst der Triebe und den Ängsten vor Tod und Krankheit und Verfall etwas von ihrer zwingenden, freiheitsberaubenden Gewalt genommen. Rüdiger Safranski hat das in seiner kürzlich erschienenen Schiller-Biografie ganz trefflich erzählt.

Nehmen wir beispielsweise die Sexualität: Sexualität ist ernst, zwingend, der von seiner Sexualität getriebene Mensch ist nicht frei. Er ist Opfer seines Begehrens. In der Sexualität gehören wir dem Tierreich an. Erst im Spiel der Erotik wird die Sexualität menschlich. Erotik hält Abstand zum Begehren, sie spielt mit dem Begehren. Kultur ist überhaupt Inszenierung von Abständen, von Aufschub. Kultur hält das, was an uns Natur ist, an der langen Leine der Verfügbarkeit. Erotik inszeniert das Spiel der Abstände. Man spielt auch mit dem Begehren des anderen, und wenn es gelingt, spielen die Partner wechselseitig miteinander. Deshalb sind Verhüllungen, Listen, Schmuck und Ironien im Spiel, wodurch sich jene wunderbaren Verdopplungen ergeben: man genießt das Genießen, fühlt das Gefühl, liebt das Verliebtsein, man ist zugleich Akteur und Zuschauer. Am Beispiel der Erotik lässt sich studieren, wie Freiheit ins Spiel kommt, wenn es gelingt, mit den Zwängen der Natur zu spielen. Das Spiel eröffnet Freiheitsräume und Kultur ist der große Versuch, bedrohliche, oder auch nur, wie im Falle der Sexualität, zudringliche Ernst-Fälle in Spiel zu verwandeln. Es steht also allerhand auf dem Spiel, wenn die Kultur ihre Spielfähigkeit verliert.

Nehmen wir zum Beispiel die Aggression. Gefährliche Nationalismen lassen sich etwa im sportlichen, im spielerischen Wettkampf entschärfen. Wenn die sportliche Nationalehre befriedigt ist, sinkt die Bereitschaft, fürs Vaterland zu sterben. Die Spielkultur ermöglicht es, daß dort wo Ernst war, Spiel ist. Ehre und Stolz, Ressentiment und Vorurteil können sich auf vergleichsweise ungefährlichem Gelände austoben.

Wenn man die ernsten Zwänge der Natur, die Triebe also, und die Zwänge der lebensdienlichen und lebenserhaltenden Nützlichkeit unter dem Begriff des Realitätsprinzips zusammenfasst, so meint Schiller, dann bedeutet Spiel befristete Entmachtung dieses Realitätsprinzips. Spiel und Sport sind eine Lockerungsübung für Herz, Sinn und Verstand, welche im Treiben der Triebe und der Tretmühle der alltäglichen, nützlichen Arbeit eingeschränkt und gefesselt sind.

So gesehen, meine sehr geehrten Damen und Herren, so gesehen spielen wir alle hier im Raum, auch wenn uns das nicht immer so bewusst ist. Und kompetitiv verhalten wir uns in unserem Sport auch alle. Sei es im Streben nach der Vereinsmeisterschaft, nach einer Hessenmeisterschaft oder nach einem Pokal. Und nach welcher Trophäe wir auch immer sportlich streben, immer spielen wir dabei: ja selbst der Oberbürgermeister spielt, nämlich mit der Stadt Frankfurt, wenn er die kommunalen Gewichtsverhältnisse zurechtrücken muß.

Und da, meine Damen und Herren, tut es dann doch weh, wenn man ausgegrenzt wird, und es sei mir heute doch erlaubt zu sagen, es ist bitter, wenn eine Ministerialbürokratie und hier das Hessische Kultusministerium einigen Sportarten Fördermittel mit dem Argument verweigert, diese seien keine Bewegungssportarten. Und doch tut sie das jetzt seit mehr als zehn Jahren!

Das zeigt dann eben ein völliges Unverständnis unserer Kultur- und Sportlandschaft oder aber will etwas anderes Erreichen, was dem Sport fremd ist, ja fremd sein muß. Es sollen Spiel und Sport für einen Zweck instrumentalisiert werden, nämlich zum Zwecke der Bewegungsförderung. Doch schon der hundertjährige Ernst Jünger, ein klarsichtiger Beobachter seiner Umwelt, hat mit Schiller gesagt: „Das Spiel ruht in sich selbst als Frucht der Muße; wo es zum Mittel wird, können böse Erfahrungen nicht ausbleiben“.

Daß Sport den Kindern zu mehr Bewegung verhelfen soll, das versuchen wir hier in Hessen jetzt bestimmt schon seit mehr als 10 Jahren. Das hat den Hauch der Antiquiertheit an sich. Gut - Offenbachs Schüler haben vielleicht auch ein Bewegungsproblem, ich will das Problem gewiss nicht bagatellisieren, ich bin selbst Internist, ich weiß wovon ich rede. Aber - ich will das hier mal auf die realen Offenbacher Verhältnisse fernab vom Ministerium und der Schulbehörde in Wiesbaden herunterbrechen: Offenbachs Schulen haben vor allen Dingen auch ein Ausländerproblem. Es gibt hier Schulen, da sind 90 Prozent der Schüler Ausländer. Die brauchen eher eine Anleitung zum zielgerichteten, erfolgsorientierten Handeln als eine Anleitung zur Bewegung. Ich war neulich in der Mathildenschule, da haben der Rektor und ich die Jungs beim heimlichen Training im Hantelraum erwischt. Das haben die von selbst getan, da sind die von selbst hin, zum Bewegungstraining. Natürlich muß man das auch kanalisieren, muß den Bewegungsdrang der Jugendlichen eingrenzen und für unsere Sportbewegung nutzen. Da rennen Sie bei mir offene Türen ein. Aber Deutsch sollen die auch lernen und wenn es beim Schach oder einer anderen Sportart ist; da macht es keinen Unterschied, welche Sportart praktiziert wird.

Nun, ich bin stolz, daß die Vereinigte Schachgesellschaft 1880 Offenbach am Main schon seit mehr als zehn Jahren Schulschach in den Schulen anbietet. Das machen wir einfach so ohne Fördermittel, mit einem minimalen bürokratischen Aufwand, mit bilateralen Verträgen zwischen Schule und Verein bzw. Trainer. Die Schulrektoren sind da gar nicht so dumm, die wissen nämlich, was ihre Schüler am besten brauchen und sind findig im Erschließen von Finanzmitteln. Inzwischen sind es sechs Schulen, an denen wir Schachunterricht geben und der Bedarf ist eher größer. Wir haben aber nicht genug Geld, um das noch weiter auszuweiten.

Ich wäre Ihnen sehr dankbar, sehr geehrte Damen und Herren, wenn Sie diese hier dargelegten Gedanken einmal auf sich wirken ließen und weitertragen könnten. Vielleicht auch einmal substantiell und wirkungsmächtig im Kultusministerium in Wiesbaden oder im Stadtparlament in Offenbach oder im Sportkreis in Offenbach. Ich möchte Sie dringend bitten, meine sehr geehrten Politiker, helfen sie der darniederliegenden Ministerialbürokratie auf. Setzen Sie neue Akzente, auf das wir wieder spielen und atmen können. Und sorgen Sie dafür, daß wir, wie der Oberbürgermeister zu sagen pflegt, Bimbes bekommen.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

Harald Balló
Vorsitzender der Vereinigten Schachgesellschaft Offenbach 1880
Vorsitzender des Hessischen Schachverbandes

Hans-Walter Schmitt

Published by Hans-Walter Schmitt

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