07.02.2016 - Vor wenigen Tagen berichtete Michael Schimmer von Gibraltar und seinem Open, nun folgt die abschließende Reportage des Chess Tigers Schatzmeisters mit ganz eigenen Schwerpunkten und persönlichen Bildern. Man liest deutlich heraus, dass nicht nur die einheimischen Berberäffchen sicher sein können, dass der freundliche Frankfurter mal wieder vorbeischaut. Aber lesen und sehen Sie doch wie immer am besten selbst, was Michael Schimmer so erlebt, gesehen und auch gegessen hat!
Gibraltar – sieben Sterne! Text & Bilder von Chess Tiger on Tour Michael Schimmer
Samstagabend stand der beliebte Kampf der Geschlechter auf dem Abendprogramm. Kapitän Antoaneta Stefanova hatte die besten Spielerinnen um sich versammelt, während Nigel Short das Who is who der Männer für sein Team rekrutieren konnte. Gezogen wurde jeweils nacheinander von den sechs Spieler/innen, wobei die Damen als Ausgleich für die erschwerten Bedingungen (hochhackige Schuhe!) 12 Minuten Bedenkzeit erhielten gegenüber 8 Minuten der Männer.
Battle of the Sexes: Erst haben die Frauen...
...dann die Männer gut Lachen
Die Muzychuks, Gunina, Dronavalli, Zhukova und Pogonina besiegten Vachier-Lagrave & Co in der ersten Partie. Grund genug für Nigel Short, etliche Spieler zu wechseln, ohne dabei den ELO-Schnitt von 2700 zu gefährden. Nakamura kam von der Ersatzbank und eröffnete die Partie mit 1.f4! Das Gesicht von David Howell sprach Bände: Was geht denn hier ab?! Dieser Gesichtsausdruck änderte sich erst, als die Männer ausgeglichen hatten. Nun kam es zur dritten und letzten Partie, vor dessen Beginn der arme Howell erlöst und durch den Kapitän höchstpersönlich ersetzt wurde. Lag es an der tieferen Ersatzbank oder der höheren Spielstärke? Die Männer konnten auch diese Partie gewinnen. Und das Wichtigste von allem: Es war für alle Spieler und Spielerinnen genau wie für das Publikum ein Heidenspaß!
2er Mannschaftsblitz: gezogen wird abwechselnd, wobei das Team maximal 4600 Elopunkte schwer sein darf.
Was für ein schöner Sonntag: morgens um acht aus dem Hotelzimmer heraus in aller Ruhe den Sonnenaufgang über dem Mittelmeer beobachtet. Nach dem Frühstück dann die Sportkleidung angezogen, vom Hotel aus bis zur Grenze (2,5 KM) gelaufen, Ausweis vorgezeigt, im spanischen La Linea weitergejoggt. Auf dem Rückweg knallte mir die Sonne schon arg hell und warm ins Gesicht. Am Nachmittag dann endlich im Masters den ersten Sieg geholt. Life can be so sweet on the sunny side of the street!
Ein Bericht über Gibraltar ohne Affen geht gar nicht!
Montag lief ich vom Hotel aus den ganzen beschwerlichen Weg - 400 Höhenmeter – hoch, um den berühmten Gibraltarfelsen zu besuchen. Der Ausblick ist wirklich fantastisch. Allerdings hatte ich mir das Areal rund um die Bergstation der Seilbahn im besten Sinne des Wortes touristischer vorgestellt.
Nicht nur an den Brettern ging es am 4.2. stürmisch zur Sache!
Am Abend zeigte MVL, bekannt auch als Maxime Vachier-Lagrave, seine Partie gegen Ding Liren, Wijk an Zee 2015. Die Partie war sehr kompliziert und eigentlich nur mit Computerunterstützung für Normalsterbliche zu verstehen. Es war faszinierend, Einblicke in Denkweise dieses jungen Topspielers zu erhalten. Dazu bewies MVL einen sehr feinen Humor.
Last but not least in der Reihe der Master Classes war der südafrikanische Großmeister Kenny Salomon. Seinen Ausführungen konnte man sehr gut folgen. Gegen Bogner bestrafte er gekonnt den strategisch zweifelhaften Aufbau seines Gegners mit sehr aktivem Spiel, während Zelcic gegen ihn einen Bauern für Entwicklungsvorsprung opferte. Irgendwann kam dann mal ein Kommentar wie „Wenn nicht klar ist, wie es weitergeht, verbessere die Stellung Deiner am schlechtesten stehenden Figur!“. Seine Ausführungen waren das gelungene Ende von vier sehr unterschiedlichen Master Classes, die alle auf ihre ganz spezielle Art das Publikum in den Bann zogen.
GM Solomon meinte, das Gibraltar-Open sei extrem schwer, denn alle Spielerinnen und Spieler von der Spitze bis zu den Amateuren seien topmotiviert und würden sich auf ihre Partien sehr gut vorbereiten. Diesen Ausführungen kann ich nur beipflichten. Nach 10, 15 oder gar 20 Partien gespielten Partien im Carleta weiß man genau, wo aktuell die Stärken liegen und wo es Nachholbedarf gibt.
Die 10. Runde bot an der Spitze Hochspannung pur, die in einem Stichkampf zwischen Naka und MVL gipfelte, der erst in der Armageddonpartie zugunsten des US-Amerikaners entschieden wurde.
Die Entscheidung naht!
Für mich war Gibraltar-Masters das erste Turnier, bei dem mit einer Form der Sofiaregel gespielt wurde, sprich Remisangebote vor dem 30. Zug waren verboten und frühere Zugwiederholungen mussten vom Schiedsrichter genehmigt werden. Aus meiner Sicht eine sehr sinnvolle Regelung! Man kommt erst gar nicht auf dem Gedanken, über etwaige Remisangebote bei Zug 20 oder 25 nachzudenken, und die leidigen Kurzremisen - gerade in der letzten Runde und nicht nur an den ersten Brettern, wo es mitunter um viel Geld geht - fallen auch weg.
Internationale Gegnerschaft hatte ich erwartet, aber dass sie sich so darstellt, dann doch nicht: Die Gegner kamen in dieser Reihenfolge aus: Brasilien, Spanien, Indien, Deutschland, Nigeria, Norwegen, Südafrika, England, Martinique (also Frankreich) und den USA. Und das war bei mir nicht die auslosungsbedingt Ausnahme, sondern üblicher Standard. Über alle Turniere zusammen 350 Teilnehmer aus 50 Ländern zeigen die Attraktivität der Veranstaltung. In Gibraltar trifft sich die internationale Gemeinschaft der Schachspieler/innen, um interessantes Schach zu spielen, aber auch, um sich miteinander auszutauschen, neue Freundschaften zu schließen und alte zu erneuern/vertiefen.
Diese internationale Gemeinschaft zeigte sich letztmals beim Gala Dinner nebst Preisverleihung und entspanntem Ausklang an der Bar am letzten Abend. Es war der krönende Abschluss einer rundherum gelungenen Veranstaltung. So, wie es viele fünf-Sterne Hotels weltweit gibt, aber nur ein Burji Al-Arab mit sieben Sternen, gibt es viele Weltklasseschach-Open, aber nur ein Gibraltar-Open!
Das Gala Dinner
Pentala Harikrishna, Harika Dronavalli und Surya Ganguly
Peter Kalthoff und Gattin sowie Thomas Biegel
Sebastian Güler, ein bekannter Schachfreund und Ihr Autor