30.01.2016 - Unser Schatzmeister des Chess Tigers Fördervereins, Michael Schimmer, weilt in diesen Tagen beim Tradewise Chess Festival 2016 auf Gibraltar und schickte uns jüngst seinen Zwischenbericht vom seiner Meinung nach am besten organisierten Schachturnier der Welt. Neben bekannten Gesichtern aus der hessischen Heimat lief Schimmer natürlich allerlei Schachprominenz über den Weg - nicht zuletzt Vereinskollege Viswanathan Anand. Darüber und über einiges mehr berichtet unser Chess Tiger on Tour in der Folge und hat gleich noch ein paar Schnappschüsse mitgeschickt.
Als Amateur beim Gibraltar Open Text & Bilder von Chess Tiger on Tour Michael Schimmer
Als ich letzten Herbst erfuhr, ich habe einen der Startplätze für das Gibraltar Open 2016 erhalten, freute ich mich riesig. Wusste ich doch, das Turnier gilt als bestorgansiertes Turnier weltweit. Mit entsprechend hohen Erwartungen flog ich am 23.1. von Frankfurt nach Malaga, um dort 24 Stunden Kulturstop einzulegen und am 24.1. mit dem vom Organisator bereitgestellten Shuttle weiter in die britischen Zipfel von Spaniens Küste zu fahren.
Mit im Bus waren einige Hochkaräter wie Sutovsky, Ragger, Lukic, mehrere indische GMs und die Muzychuk-Schwestern. An der Grenze angekommen zeigten wir unsere Dokumente. Einer der Inder und die Muzychuks mussten noch irgendwelche Formulare ausfüllen und dann ging es weiter. „Halt, Stop!“ rief der Inder als der Wagen wieder anfuhr. Ich habe nur ein Visum bis zum 25.1, bleibe aber bis 5.2, worauf der Busfahrer ganz cool meinte, er solle sich beruhigen, dies wäre nur ein bürokratischer Akt, und in Gibraltar wüsste sowieso jeder, die ganzen Schachspieler seinen bis 5.2. da.
Gibraltar ist stolz auf sein Turnier und darauf das Beste der Welt zu sein, dass merkte ich hier erstmals, aber nicht letztmals.
Chess Tiger on Tour Michael Schimmer
Schachfreund Thomas Biegel war rasch gefunden
Im Spielerhotel, dem Carleta, angekommen traf ich schnell auch den Eppsteiner und häufigen B9-Besucher Thomas Biegel. Thomas spielte vor zwei Jahren schon mal mit und konnte mir einige Tipps geben. Nummer 1: Lasse nie die Fenster offen, denn sonst könnten die Affen auf der Suche nach Essbarem ins Zimmer einsteigen.
Am Abend fing das Turnier mit einem Simultan an je 12 Brettern von Radek Wojtaszek und seiner bezaubernden Frau Alina Kashlinskaja an. Für mich war die Partie gegen sie ein guter Weckruf, hatte ich doch eine Variante schlicht falsch im Gedächtnis gespeichert.
Montagmorgen fing der schachliche Teil mit dem Challenger A und Amateur A an, in dem ich an 24 gesetzt war, was Brett 1 bedeutete. Eine Vertreterin eines Sponsors führte für meinen Gegner Jorge Boabaid symbolisch den ersten Zug aus. Gespielt wird am Vormittag mit 110 Minuten + 10 Sekunden Bonus. Die Partie wurde live im Internet übertragen, wer will kann sich die Partie noch mal ansehen. Das heißt die ersten 58 Züge, danach wurden wir zu schnell. Nach ungefähr 90 Zügen ging die Partie remis aus.
Bereits bei der Vormittagsrunde zeigte sich die Liebe zum Detail: Es gab für jeden Spieler eine Flasche Wasser gratis, und es standen an jedem Brett zwei Ersatzdamen parat.
Am Abend dann die feierliche Eröffnung mit der Verlosung der Gegner der ersten fünf Bretter. Wenn man sich ansieht, wen Naka, MVL und Vishy so erwischten, da können unmöglich alle Spieler der unteren Hälfte im Lostopf gewesen sein. Sei’s drum, es war eine schöne Veranstaltung, in der man die Topakteure von Nahem sehen konnte. Interessant zu beobachten, wie die russische Damennationalmannschaft beieinander stand, redete und lachte. Da scheint es einen ausgesprochen guten Teamgeist zu geben.
Nach der ersten Runde des Masters am Dienstag ging es für jeden der wollte nach „Downtown Gibraltar“. Ins dortige Sunburn Hotel hatte einer der Hauptsponsoren, die Regierung von Gibraltar, zu einem gemeinsamen Abendessen eingeladen. Die Gäste waren an die Tische verteilt worden, wo sich dann durchaus interessante Gespräche ergaben.
Wie generell der soziale Aspekt nicht zu kurz kommt. Dienstag frühstückte ich mit einem philippinischen Schiffahrtsingenieur, Mittwoch mit zwei schwedischen Schiffsleuten und Donnerstag, endlich hatte ich meinen ersten Schachspieler am Frühstückstisch, mit einem Pakistani, Nassar, der in einem der Emirate im Immobiliengeschäft tätig ist. Nassar wies mich auch auf den Sonnenaufgang über Afrika hin. Wow, der war atemberaubend schön! Welch ein Blick vom Frühstücksraum über die Meerenge!
Sonnenaufgang
Meine Partie am Donnerstagvormittag war wieder in der Liveübertragung, also ging ich nach Partieende aufs Zimmer, um mir die Livebewertung durch die Engines zeigen zu lassen. Während der Partie waren mein Gegner und ich fest überzeugt, dass ich ungefähr ab Zug 20 mit dem Rücken zur Wand stand, wie durch ein Wunder wieder in die Partie halbwegs reinkam, um dann halt in Zeitnot in ein Matt in 2 zu laufen. Die Engine sah mich jedoch nie schlechter als „minus 0,5“ und hielt auch das potentiell mögliche Endspiel Läufer gegen Springer mit Bauern an beiden Flügeln für gut spielbar. Selten lag ich mit der Stellungsbeurteilung über so viele Züge so daneben wie in dieser Partie.
Liveübertragung
Am Abend wurde das 4er-Mannschaftsblitz durchgeführt. Thomas hatte Jürgen Cordes, Bernd Skutta und Sebastian Güler, sowie mich als Ersatzspieler zusammengebracht und uns „Team B9“ genannt. In Runde 1 spielten wir gegen die „Overrated Titelholters“ mit GM Donchenko und GM Taryi an der Spitze. Bernd konnte seinem IM an 3 immerhin ein Remis abknöpfen. Wir landeten irgendwo im hinteren Mittelfeld, wo wir auch hingehörten. Viel wichtiger war der Spaß an der Freud, und den hatten alle, egal welche Spielstärke.
Mannschaftsblitz mit "Team B9"
Freitagabend gab Vishy Anand seine mit Spannung erwartete Masterclass. Er hatte seine Partie gegen Bareev, Wijk an Zee 2004, vorbereitet und mitgebracht. Wer die Partie nicht kennt, sollte sie unbedingt nachspielen, am besten im O-Ton Vishy, live Gibraltar 2016. Das war didaktisch hochstehende Unterhaltung at its best!
Weltmeister & Schatzmeister
Heute Abend steht der „Battle of the Sexes“ an. Das wird sicher gute Unterhaltung. Doch davon, wie auch einigem anderem, mehr im Bericht nach Turnierende.