18.01.2007 - Kyrill kommt von dem griechischen "cyrillos", was "der Herrliche" bedeutet, doch wenn dieser in Form eines handfesten Orkans daherkommt, verliert er rasch seine Herrlichkeit. So ähnlich muss Peter Svidler heute empfunden haben, als sein Freund Vishy Anand mit ihm fertig war. Dem Spiel des Inders zuzuschauen ist herrlich, aber wenn es einen selbst erwischt, kann es auch frustrierend sein. Und noch jemand war nach der Partie bestimmt mächtig durch den Wind. David Navara hatte zunächst ausgezeichnete Chancen, den bisherigen Triumphmarsch von Teimour Radjabov zu bremsen, doch dann übersah er in schwieriger Stellung ein Matt.
Ruslan
Ponomariov, der zuletzt dafür gerügt wurde, dass er die prima Stellung
gegen Peter Svidler in Runde 4 ohne Kampf remisierte, verspürte auch
heute gegen den Weltmeister keine besondere Lust, länger als unbedingt
nötig am Brett zu sitzen. Vladimir Kramnik seinerseits hatte nichts
gegen ein Schwarzremis einzuwenden, und so verwundert es nicht, dass
nach nur 19 Zügen der Spuk in dieser Begegnung schon vorbei war. Auch
nur einen Zug länger hielten Levon Aronian und Magnus Carlsen durch -
Remis nach 20 Zügen. Noch einen Zug mehr machten Sergey Karjakin und
Alexander Motylev in ihrer Partie. Zwar brauchten sie dafür ungleich
länger, doch letzten Endes wird auch dieses Remis nicht als Highlight in
die Geschichte eingehen. Dagegen war die Teilung des Punktes in der
Partie zwischen Sergei Tiviakov und Veselin Topalov schon sehenswerter.
Zwar merkte man bei Tiviakov, dass er bei seiner harmlosen
Eröffnungswahl jederzeit mit einem halben Punkt einverstanden war, aber
Topalov quälte ihn ganze 51 Züge lang bis zum ersehnten Remis.
Einen
rabenschwarzen Tag erwischte Peter Svidler. Der allseits beliebte Russe
und dreimalige Chess960-Weltmeister musste heute mit den schwarzen
Steinen gegen keinen Geringeren als Vishy Anand 'ran, mit dem er auch in
der Bundesliga beim OSC Baden-Baden spielt. Das erklärt zwar noch nicht,
warum heute nicht der Tag des St. Petersburger war, doch ein Blick in
die Partie wird es Ihnen verraten. Anand wählte den Geschlossenen
Spanier, mit dem man in der Regel keine Blitzsiege erzielt, doch heuer
war es bereits nach 21 Zügen um Svidler geschehen. Erst übersah er eine
einfache Taktik, die einen Bauer kostete, und im Frust warf er gleich
noch den zweiten Landwirt hinterher, um dann sogleich aufzugeben.
Die Ruhe vor dem Sturm an den Tischen des A-Turniers
Bekanntlich ist es gar nicht so
einfach, ein Foto von Alexei Shirov zu schießen, auf dem sich der Lette
zu einem Lächeln hinreißen lässt, doch in diesen Tagen dürfte es ein
Kunststück sein. Es läuft rein gar nichts zusammen bei ihm und 0.5/5
sprechen eine deutliche Sprache. Loek van Wely sollte heute die geballte
taktische Power von Shirov zu spüren bekommen und gemäß seiner Buchserie
"Fire on Board" entfachte dieser eine sizilianische Taktikschlacht vom
Allerfeinsten. Was eigentlich Shirovs Stärke ist, wandelte sich jedoch
zu einem neuerlichen Waterloo. Loek van Wely war bestens präpariert und
scheute den Schlagabtausch nicht. Shirov gab buchstäblich alles, doch
als sich der Rauch verzogen hatte, blieb unter dem Strich nur ein
verlorenes Endspiel für ihn übrig, welches er sich von seinem
niederländischen Gegner nicht mehr zeigen ließ.
David Navara hat
stets ein freundliches Lächeln für seine Umwelt übrig und wird sicherlich
ein Sympathie-Träger in der Weltklasse werden, doch heute muss ihm
der Spaß zumindest kurzfristig vergangen sein.
Wenn Sie glauben, dass Peter Svidler mit seiner
raschen Niederlage der Pechvogel der 5. Runde ist, dann haben Sie die
Partie von David Navara gegen den Führenden Teimour Radjabov noch nicht
gesehen! Lange Zeit bestimmte der Tscheche das Geschehen im Königsinder,
doch er verspielte seinen Vorteil mit der Zeit. Ein spannendes Ringen um
den Punkt kündigte sich an, da war es ganz plötzlich vorbei. David
Navara war matt! In seinen Bemühungen, das Maximum aus der Stellung
herauszupressen, war ihm ein tödlicher Angriff auf seinen König
entgangen, der Radjabov seinen dritten Punkt im dritten Königsinder
sowie eine berauschende Performance von 3057 bescherte.
Da hilft auch "Fire
on Board" nichts; es läuft einfach nicht - Alexei Shirov