TopTurniere Vladimir Kramnik gegen Deep Fritz - Leichtes Remis für den Weltmeister Katalanisch entschärft das Eröffnungsrepertoire des Computers in der ersten Partie
25.11.2006 - Im Rahmen der gestrigen Eröffnungsfeier in der Bonner Bundeskunsthalle zur World Chess Challenge 2006 wurden auch die Farben für die erste Partie ausgelost und Vladimir Kramnik erwischte die weißen Steine. Aus menschlicher Sicht ein kleiner Vorteil für ihn, denn so hatte er heute die Möglichkeit, sich mit einer sicheren Eröffnungswahl in einer durchaus ansprechenden ersten Partie gegen Deep Fritz erstmal warm zu spielen. Er wählte die Katalanische Eröffnung und erstickte jegliche aktiven Versuche der Engine im Keime, sobald es ging. Figur um Figur tauschte sich ab und nach gut 4 Stunden und 47 Zügen waren Fritz und sein Team sowie Kramnik mit einem Remis einverstanden und ernteten berechtigten Szeneapplaus.
Beinahe keimte bei den Fans des menschlichen Schachs gegen Ende der Partie sogar die Hoffnung auf, dass sich eine alte Schwäche der Schachprogramme neuerlich bewahrheiten würde, denn Vladimir Kramnik erreichte ein leicht vorteilhaftes Endspiel mit Springer gegen Läufer und einer besseren Bauernstruktur. Doch die Rechenpower der Maschine glich die weltmeisterliche Endspielkunst des Russen aus und brachte die Partie letztlich ungefährdet in den Remishafen. Deep Fritz ist zwar unter
Garantie ohne Gnade, wenn er eine Chance sieht, den Weltmeister
mit einer Taktik zu erledigen, aber was er eben nicht ahnen kann ist, dass
Kramnik vermutlich in jeder Partie in erster Linie den halben
Punkt anstreben wird. Interessant wird sein, wie
Matthias Wüllenweber und sein Team Deep Fritz mit den weißen
Steinen präpariert haben. Was wird das Rechenmonster gegen
Kramniks solides Schwarzrepertoire unternehmen? Haben sie gar eine
Schwäche entdeckt, die ein Computer natürlich gnadenloser
ausnutzen würde als ein Mensch?
Vladimir Kramnik und Matthias Wüllenweber bei der Auslosung der Farben
Sicherlich wird der
Weltmeister weiterhin darum bemüht sein, einfache Strukturen statt
Verwicklungen auf das Brett zu bekommen und erst dann, wenn Deep Fritz aufgrund seiner
fehlenden Menschlichkeit mal schwächeln sollte, nach mehr streben. Immerhin würde ihm
ein Match-Sieg zu den 500.000 Euro Antrittsgeld nochmals die gleiche Summe
bescheren. Dafür kann man in einer Partie schonmal ein blaues Auge
riskieren und aufs Ganze gehen.
Karikatur: Fränk Stiefel
Besonders angenehm und hochwertig ist die Live-Übertragung der Partie bei Spiegel Online. Dr. Helmut Pfleger, Klaus Bischoff und mitunter Yasser Seirawan auf Englisch kommentieren anschaulich für jedermann, was sich Mensch und Maschine möglicherweise gerade überlegen und füllen die Pausen mit Anekdoten aus der Schachgeschichte und Fakten zu den Protagonisten. Im Vergleich zu jüngsten Übertragungen von Top Events, bei denen regelmässige Serverabstürze Normalität waren, wird die World Chess Challenge auf hohem Niveau an den User gebracht und kann durchaus als Maßstab für kommende Turniere angesehen werden. Dass große Meister auch mal irren können, bewiesen Pfleger und Bischoff bei der Analyse zu Fritzchens 39. Lg1!? als sie von einem grotesken Fehler der Maschine ausgingen und Schwarz schon "Milch geben" sahen (O-Ton Bischoff) hatten dabei aber 43...Lh4! nicht auf der Rechnung. Deep Fritz wählte schlicht den aus seiner Sicht direkten Weg zum Remis, der selbst für die Augen der erfahrenen Großmeister sehr gefährlich aussah und unter menschlichen Umständen dem Schwarzen sicherlich etwas Schweiß gekostet hätte. Aber die Schwäche von Deep Fritz ist zugleich auch seine Stärke: er kennt keine Angst! Ihm wird es zudem völlig schnuppe sein, dass er mit seiner Schlußabwicklung tatsächlich noch mal für Spannung sorgte, aber dennoch hat er damit einer unterhaltsamen Partie noch die Krone aufgesetzt.