TopTurniere Fide-WM 2006: Was bisher geschah Rückblick aus der Sicht eines Schachfans
01.10.2006 - Unstrittig ist bereits jetzt, dass die (noch) laufende Schachweltmeisterschaft 2006 der Fide - wie schon berühmte Vorgänger - einen besonderen Platz in der Historie des königlichen Spiels einnehmen wird. Was zunächst nach einer rein schachlichen Angelegenheit aussah, entwickelte sich spätestens nach der vierten Partie zu einer Affäre, welche mittlerweile schon die klangvolle Bezeichnung "Toiletgate" trägt. Ein stilles Örtchen mit lauter Wirkung begründete eine handfeste "Offene Brief-Schlacht", die nunmehr kaum noch friedlich zu beenden ist.
Dass bei solch
einem Spektakel nicht nur ein schnöder Handschlag reicht, um eine
faire Weltmeisterschaft auszutragen, lehrten uns nicht zuletzt
berühmte Vorbilder wie Spassky, Fischer, Karpov und Kasparov. Aus
der Geschichte klug geworden hatte die Fide (Fédération
Internationale des Échecs) zeitig vor Beginn der großen
Wiedervereinigung offenbar einen recht deutlichen Vertrag
aufgesetzt, den beide Spieler nach sicherlich eingehender Prüfung
unterzeichneten. Am Samstag, den 23. September, dann, pünktlich um
13 Uhr (MESZ), gaben sich der Weltmeister im traditionellen Schach
Vladimir Kramnik und der Weltmeister der Fide Veselin Topalov
nochmals per Handschlag das Versprechen, fair und respektvoll ein
Match über zwölf Partien zu spielen und begannen ihre erste
Partie. Derjenige, der zuerst mindestens 6,5 Punkte erreichen
würde, sollte der neue, der einzige und wahre Schachweltmeister
sein. Soweit die Theorie...
In der Zwickmühle - Kirsan Ilyumzhinov flankiert von
Silvio Danailov (links) und Carsten Hensel (rechts)
Doch wie schon so oft auch
auf dem Schachbrett, in der Praxis versagte die Theorie. Ist es
dem unglücklichen Stand von 1 : 3 aus seiner Sicht zuzusprechen
oder glaubte er wirklich, so mit Kramnik umspringen zu können,
dass Topalov plötzlich der Hafer stach und er nach der vierten
Partie seinen Manager Silvio Danailov von der Kette ließ, und
diesen anwies, den alles entscheidenden Offenen Brief an die ganze
Welt zu verfassen, der unter anderem minutiös aufführte, wie oft
Vladimir Kramnik das seinem Ruheraum zugehörige Badezimmer
betreten habe und mehr oder weniger versteckte Verdächtigungen
gegen den Russen erhob. Man drohte gar mit der vorzeitigen Abreise
aus Elista, wenn die privaten Bäder nicht geschlossen würden
und man keine Einsicht in die Videoaufzeichnungen der Ruheräume
erhalten würde. Während Kramnik und sein Manager Carsten Hensel
offenbar noch gar nicht so recht wussten, wie ihnen geschah,
reagierte das nun berüchtigte Appeals Committee (Beschwerde
Komitee) prompt. Zwar verweigerten
Zurab
Azmaiparashvili, Georgios Makropoulos und Jorge Vega
(offiziell) die Einsicht in die Videobänder der Ruheräume, aber
die sanitären Anlagen wurden tatsächlich abgeschlossen!
Sucht er dort wirklich ein Theoriebuch oder ist das nur
eine Finte? - Topalov im fraglichen Örtchen
Als das Team Kramnik
dessen gewahr wurde, riss der ohnehin gespannte Geduldsfaden und
man schaltete auf stur um. Doch wie hätte Kramnik auch anders
reagieren sollen? Veselin Topalov forderte ihn ganz offensichtlich
zu einem Psychoduell heraus. Würde er sich alles gefallen lassen
und das Match mit Wut im Bauch verlieren, hätte er sich des Spotts
vieler Experten sicher sein können. Vielleicht hätte er das
riskieren sollen, denn seine Reaktion, auf den Vertrag zu pochen,
ist aus rechtlichen Gesichtspunkten sicherlich berechtigt, doch
damit spielte er seinem Gegner einen möglicherweise dankbaren Ball
zu. Denn das Team Topalov nutzte nicht nur die Hilflosigkeit des
Appeals Committee sondern auch die Abwesenheit des Fide
Präsidenten Kirsan Ilyumzhinov, um am vergangenen Freitag zur tatsächlich
angesetzten fünfte Runde anzutreten, obwohl der Streit offenkundig
noch nicht beigelegt war, und Kramnik daher das Weiterspielen
verweigerte. Diese Posse fand darin ihren Höhepunkt, dass nach
einer Stunde Veselin Topalov der Sieg in der Partie zugesprochen
wurde. Sichtlich zufrieden zogen Topalov nebst Manager von dannen,
hatten sie doch gerade den einfachsten WM-Punkt ihrer Karriere
eingeheimst. Mission erfüllt...
"Meinen die das wirklich ernst??" - Vladimir Kramnik
samt Management scheint es nicht fassen zu können
Just nach diesen
unglaublichen Ereignissen eilte Ilyumzhinov zurück nach Elista,
doch der Retter in der Not konnte zunächst auch nur die Scherben
zusammenkehren, die seine Vertreter verursacht hatten. Erst trat
das Appeals Commitee geschlossen zurück und dann wurden auch die
Badezimmer wieder aufgeschlossen. Scheinbar eine klare Niederlage
für Topalov, doch die Wahrheit könnte eine andere sein. Denn durch
das ganze Tohuwabohu hatte der Bulgare einen neuen Trumpf vom
Stapel gezogen - den Punkt aus der fünften Partie! Nein, den will
er natürlich auf gar keinen Fall mehr hergeben, der Schelm. Wo
kämen wir da auch hin, wenn man nachträglich Ergebnisse einer
Schachpartie annullieren würde? Dass die Partie aus einer Vielzahl
an Gründen gar nicht hätte stattfinden dürfen, interessiert den
Weltmeister der Fide und sein Team offenbar herzlich wenig.
Trotz (oder besser wegen?) dieser gewaltigen
Diskussionsrunde...
Tja, wie könnte
es in Elista weitergehen? Ein ganze Reihe namenhafter (Schach-)Größen
hat sich teils in die "Offene Brief-Schlacht" eingeklinkt und in
der Hauptsache das Verhalten des Appeals Commitee und Topalovs
kritisiert. Zuletzt brachte sich beispielsweise auch Bessel Kok
mit ein. Doch praktisch könnte nur einer ein Machtwort sprechen,
nämlich der, der Bessel Kok kürzlich in der denkwürdigen Wahl um
das Amt des Fide-Präsidenten knapp überlegen war - Kirsan
Ilyumzhinov. Er hat die Macht, eine Entscheidung zu fällen und
diese auch durchzusetzen. Doch wen überrascht es, dass sich der
Präsident der Fide und der Republik Kalmückien außerordentlich
schwer tut, Recht zu sprechen, wenn das Rechtsempfinden des
einstigen Unteroffiziers mitunter sogar Experten der Juristerei
erstaunt. Sein persönliches Dilemma ist, dass Kramnik eindeutig im
Recht ist, Topalov aber der FIDE-Weltmeister ist, der ihn
zudem bei seiner Wiederwahl zum Präsidenten des
Weltschachverbandes fleißig unterstützt hat. Bei einem gültigen Stand von 1 : 3 will Topalov abreisen und bei 2 : 3 wird Kramnik sicherlich entgültig genug gesehen haben. Ein Teufelskreis,
doch bald muss eine Entscheidung her und zwar ausschliesslich im Sinne des Schachs!