TopTurniere Russisches Duo teilt den Sieg in Dortmund Svidler und Kramnik gewinnen beim Chess-Meeting
06.08.2006 - Es hatte sich bereits angedeutet und nun ist es auch wahr - Peter Svidler und Vladimir Kramnik sind die Sieger des Sparkassen Chess-Meetings 2006 in Dortmund. Theoretisch ist Letzerer knapp Wertungssieger, doch erfahrungsgemäß sehen sich in solchen Fällen zumeist beide als verdiente Gewinner. Während Svidler seine Partie gegen Adams rasch remisierte, trumpfte Kramnik gegen Peter Leko groß auf, schubste den Ungarn so im letzten Moment vom Dortmunder Thron und erklomm ihn zugleich selbst. Aus deutscher Sicht gab es noch einen weiteren Sieger. Arkadij Naiditsch riskierte alles gegen Baadur Jobava und wurde mit seinem ersten vollen Punkt gerecht für sein attraktives Schach belohnt. Noch ist er nicht in der absoluten Weltspitze angekommen, doch er hat bereits zum Sprung angesetzt.
Dass Michael Adams mit einem Remis zufrieden sein würde, ist nicht weiter erwähnenswert. Dass jedoch auch Peter Svidler nach nur 17 Zügen den Kampf
um den alleinigen Turniersieg einstellte, kam doch schon etwas
überraschend. Hatte er doch objektiv die beste Ausgangsposition
gegenüber Leko, der mit den schwarzen Steinen gegen Kramnik ran musste.
Mit dem Remis war klar, dass er nicht mehr der alleinige Sieger würde
werden können, doch immerhin war die Wahrscheinlichkeit, dass Leko mit
den schwarzen Steinen gegen Kramnik siegen würde, relativ gering. Und er
sollte Recht behalten...
Vladimir Kramnik - Peter Leko 1-0
...denn Vladimir Kramnik wollte es tatsächlich noch mal wissen gegen
den führenden Peter Leko. Ambitioniert wie in keiner Partie zuvor suchte
der Russe nach Lücken in des Gegners Defensive und steuerte dann gezielt
ein besseres Endspiel an. Leko, der nur den halben Punkt im Sinn hatte,
zeigte angesichts der offensichtlichen Gewinnbemühungen seines Gegners
wie so oft Nerven und hatte der feinen Endspieltechnik von Kramnik
nichts entgegenzusetzen. Nach 48 Zügen streckte der enttäuschte Ungar
die Waffen. Damit rutschte er auf den geteilten dritten Rang ab und kann
sich lediglich über ein leichtes Plus an ELO-Punkten freuen. Kramnik
dagegen hat mal wieder bewiesen, dass er brillant spielen kann, wenn es
die Situation erfordert. Alles in Allem spielte er wahrlich nicht
berauschend, doch das Ergebnis gibt ihm mal wieder Recht. Ähnlich wie
bei seinem russischer Kollegen Peter Svidler, der ebenso einen weiteren
Gesamtsieg in seine Vita einfügen darf. Beide Spieler haben damit eine
virtuelle ELO von 2750 und tasten sich langsam aber beständig zur 2800
vor.
Herzlichen Glückwunsch zum geteilten Turniersieg, Peter
Svidler & Vladimir Kramnik!
Сердечные поздравления!
Arkadij Naiditsch - Baadur Jobava 1-0
Dass Arkadij Naiditsch seinen Coup aus dem Vorjahr nicht würde
wiederholen können, war recht früh klar. Doch er schlug sich wacker und
kämpfte sich tapfer gegen die besten Spieler der Welt durch schwierige
Stellungen. Für die letzte Runde hatte er bestimmt schon vor dem Turnier
Baadur Jobava als möglichen vollen Punkt im Visier, doch nach dessen
bisherigen Leistungen dürfte es für ihn keine Frage mehr gewesen sein,
dass er heute noch mal Vollgas geben musste. Möglich, dass er
zwischendurch den Bogen sogar mal überspannte, doch letzten Endes war
Jobava nur das, was er das ganze Turnier über war, nämlich schwach. Ohne
nennenswerte Gegenwehr des Georgiers eroberte Naiditsch im Gegenangriff einen Läufer und wickelte dann
routiniert ins gewonnen Endspiel ab. Sein einziger Sieg in Dortmund
hebt ihn auf 50% und verhilft ihm zu einem leichten ELO-Plus, womit er
sicherlich gut leben kann. Nun sind wir gespannt, ob wir bald einen
Junioren Chess960 Weltmeister namens Arkadij Naiditsch haben werden,
denn er wird sich im Rahmen der Chess Classic Mainz 2006 mit dem Inder
Pentala Harikrishna um diesen Titel streiten.
Boris Gelfand - Levon Aronian 1-0
Der Unglückrabe des Turniers, Levon Aronian, wollte in der letzten
Runde auf Biegen und Brechen einen vollen Punkt gegen Boris Gelfand,
doch er verhaspelte sich mit seinem ewig hängenden Springer und sein
Gegner wies ihm klar nach, dass er nichts drohte. Doch noch immer wollte Aronian
alles und ignorierte, dass Weiß bereits deutlich besser stand. Als der
Armenier seinen Springer scheinbar gedeckt und aktiv nach d4 stellte,
opferte Gelfand kurzerhand eine Qualität, um danach entscheidend auf f7
mit der Dame einzusteigen. Kombiniert mit einem starken Freibauer auf
der d-Linie, war dieser Angriff für Aronian nicht mehr vernünftig zu
parieren und er gab auf. Drei Niederlagen hintereinander sind schon eine
schwer verdauliche Kost und bedeuten um die 20 ELO-Punkte Verlust. Levon
Aronian sollte sein Bestes tun, dieses Erlebnis einfach abzuhacken, denn
der Sieger von Morelia / Linares und Mannschafts-Olympiameister von 2006 weiß selbst gut genug, dass er sich in Dortmund weit unter Wert
verkauft hat. Boris Gelfand dagegen dürfte mit seinem Abschneiden hoch
zufrieden sein. Der geteilte dritte Rang bedeutet ein paar Punkte auf
dem ELO-Konto und bestätigt, dass er nach wie vor einer der besten
Spieler der Welt ist.
Abschließend sollte man an dieser Stelle noch ein Wort zur gelungenen
Organisation eines solchen Super-Turniers schreiben, doch es fällt
angesichts der mäßigen Leistungen der Stars in den ersten vier Runden
recht schwer. Auch machte die Veranstalter-Homepage einen eher
bescheidenen Eindruck, da sie außer den Live-Partien und Ergebnissen
schlicht nichts zu bieten hatte. Nur in deutscher Sprache gehalten und
ohne aktuelle Fotos vom Geschehen wirkte der Webauftritt eher trist. Das
Sparkassen Chess-Meeting hat wieder mal bewiesen, dass das bloße
Herbeischaffen von Weltklasse-Spielern noch lange nicht für ein
Weltklasse-Event bürgt. Etwas mehr jugendlicher Leichtsinn auf den
Brettern und eine engagierte Berichterstattung im Netz könnten die
zahlreichen Kritiker im Nu verstummen lassen und vielleicht dafür
sorgen, dass die Remisquote eine akzeptable Höhe einnimmt.
Möglicherweise liegt es auch daran, dass nur sieben Runden nebst zweier
Ruhetage gespielt werden. Sehr viele Fans drückten im Internet ihr
Unverständnis darüber aus, dass kaum Züge gespielt werden und dies dann
auch noch mit einem Tag Pause belohnt wird. Vielleicht sollten sich die
Fans vor Ort mal ein Vorbild an anderen Sportveranstaltungen nehmen, bei
denen Leistungsverweigerungen der Stars mit Pfeiffkonzerten honoriert
werden. Denkbar, dass der eine oder andere Schachprofi dann verstehen
würde, dass er nicht nur für sich spielt, wenn er auf einer großen Bühne
Platz nimmt. Die zahlenden Zuschauer und Sponsoren machen es nämlich
überhaupt erst möglich, dass er für eine ordentliche Antrittsgage nebst
dem zu erwartenden Preisgeld spielen darf.
Das Sparkassen Chess-Meeting ist zweifelsohne eines der größten und
beispielhaftesten Schachveranstaltungen in unserem Land, doch in diesem
Jahr hat es den direkten Vergleich mit der Schweiz und dem
Internationalen Schachfestival in Biel um Längen verloren. Im nächsten
Jahr werden wir wieder gebannt nach Dortmund schauen und hoffen, dass
dann das Turnier in der ersten und nicht in der fünften Runde beginnt.