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Chess960
Berliner Moderne: Traditions-Schach und kreatives Chess960 im Fadenkreuz
30.04.2006 - Wer in diesen Tagen die Berliner Schachszene beobachtet, wird den beinahe schon klassischen Konflikt zwischen der Tradition und der Moderne wieder einmal mehr feststellen. So findet am 30. April die Berliner Schach-Mannschaftsmeisterschaften statt, wo über 1.500 Spieler ihre besten Teams im traditionellen Schach küren. Und gerade eine Woche später wird die Schachszene Zeuge der Moderne, in der Form des zweiten Gerling Kreativ Chess960 Open, das vom 5.-7.Mai im Haus des Sports in Berlin-Charlottenburg als Teil der German Chess960 Grand Prix Serie ausgetragen wird.

Chess960-2006-Berlin_Ausschreibung

Charlottenburger Meilenstein

Schon immer stand Berlin im Fadenkreuz der Moderne, Traditionalisten und Erneuerer haben sich seit Jahrhunderten damit auseinandergesetzt und manche Wegmarke hinterlassen. So symbolisiert der Charlottenburger Meilenstein die wechselhaften Zeiten. Der Verein "Forschungsgruppe Preußische, Mecklenburgische und Anhaltische Meilensteine" hat sich ganz der Erforschung von Denkmalen der Verkehrsgeschichte, Postgeschichte, Straßengeschichte und Vermessungsgeschichte verschrieben. Er berichtet auch über den Charlottenburger Meilenstein: "Wer heute in Charlottenburg am Luisenplatz aus dem Bus steigt, um sich zu den in den Stülerbauten untergebrachten Museen zu begeben, kommt am Spandauer Damm an den Mauern des ehemaligen Marstalles entlang und dort Ecke Nithackstraße an einer Meilensäule vorbei. Die Säule auf einem Sockel stehend, ihren oberen Abschluss bildet eine ziemlich frisch vergoldete Kugel mit einer Spitze, trägt die Aufschrift auf einer Tafel "Eine Meile von Berlin".

Nun ist dieser Meilenstein kein gewöhnlicher und in der Vergangenheit gingen die Behörden nicht immer zimperlich damit um, verlagerten den Standort des Meilensteins mal hierhin, mal dorthin - bis dies die Aufmerksamkeit des Kaisers - nein, nicht unser Fußballkaiser ist gemeint - weckte.

Kaiser Wilhelm I. entging diese Veränderung nicht, er forschte nach dem Verbleib der Säule und ordnete die Zurückführung mit einer Kabinettsorder vom 13. Juli 1875 an:

"Es ist zu meiner Kenntnis gekommen, dass der sog. Meilenstein auf dem Luisenplatz vor dem Charlottenburger Schloss zu Charlottenburg von der Chausseeverwaltung mit Rücksicht auf die anderweitige Abmarkung der örtlichen Entfernungen nach Kilometer entfernt worden ist. Jener Stein hat schon bisher nicht genau das Wegemaß von 1 Meile bezeichnet, vielmehr war meines Wissens zu diesem Behufe ein kleinerer Stein in der Nähe angebracht; dagegen knüpfen sich an den erstgenannten Stein verschiedene Erinnerungen. Ich bestimme daher, dass der selbe Stein an der selben Stelle wieder aufgerichtet werden soll; der Chausseeverwaltung bleibt überlassen, an dem für das Wegemaß entscheidenden Orte als Merkmal einen besonders herkömmlichen, ohnehin kleineren Stein zu setzen."

So also wurde die Tradition mittels kaiserlicher Autorität wieder in Kraft gesetzt. Wenn die Berliner Schachspieler an zwei aufeinanderfolgenden Wochenenden vor die Wahl der Tradition (klassisches Schach mit der sattsam bekannten Startaufstellung) und der Moderne (Chess960 mit der zufallsbedingten Startaufstellung) gestellt werden, brauchen sie sich um die kaiserliche Autorität der vergangenen Jahrhunderte nicht kümmern. Ganz im Sinne der historisch gerade im preussischen Berlin praktizierten Glaubensfreiheit ("Jeder möge nach seiner Facon selig werden") können sie einfach dem Ruf ihrer spielerischen Neigung folgen und beim zweiten Gerling Kreativ-Chess960 Grand Prix Turnier locker aufspielen.

Fragment:
"Berlin Wall"

Für ein Wochenende lang bleibt die "Berlin Wall" als Verteidigungssystem der Ruy-Lopez-Eröffnung aus den Köpfen verbannt und das einzige, was an die 1961 gebaute Mauer erinnert, ist fast nur noch für Ortskundige oder Touristen von Interesse.

Die Berliner Verteidigung wurde bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts theoretisch in der Berliner Schachschule untersucht - davon stammt auch ihre Bezeichnung.

Sie wurde besonders populär in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als sie von Spielern wie Anderssen, Zukertort oder Lasker    Zwar verlor die Berliner Verteidigung im 20. Jahrhundert enorm an Bedeutung, gelangte aber im 21. Jahrhundert zu neuer Blüte, nachdem Kramnik sie in seinem Weltmeisterschaftskampf 2000 gegen Kasparow erfolgreich angewandt hatte.

Während des Wettkampfs wurde die Variante auch scherzhaft als "Berliner Mauer" bezeichnet, gegen die Weiß kein Durchkommen findet. Heute zählt sie zu den solidesten Verteidigungen im Schach überhaupt.

Zurück zur Berliner Schachschule. In der Berliner Schule trafen sich im 19. Jahrhundert eine Gruppe von Schachmeistern. Diese beeinflussten das Deutschland-Schachgeschehen maßgeblich:

  • Ludwig Bledow war Leiter der Berliner Schachgesellschaft
  • Karl Schorn
  • Bernhard Horwitz
  • Carl Mayet
  • Wilhelm Hanstein
  • Paul Rudolph von Bilguer, Autor von "Der Bilguer"
  • Baron Tassilo von Heidebrand und der Lasa Mitautor von Der Bilguer

Immer wieder stießen starke Schachspieler zu dieser Gruppe hinzu, um mitzuarbeiten oder von deren Erkenntnissen zu profitieren.

     Vergangenheit und Zukunft

Als Einstimmung auf das innovative Chess960-Turnier haben wir für die Leser das "Berliner Quiz" vorbereitet: Welcher der unten genannten Schachspieler war Mitglied in der Berliner Schachgesellschaft Eckbauer 1827 e.V.?

1. Jean Dufresne: Autor „Lehrbuch des Schachspiels“

2. Curt von Bardeleben: Deutscher Meister 1893. Seine berühmteste Partie war die Niederlage gegen Wilhelm Steinitz im Turnier zu Hastings 1885. Die Partie ging in die Schachgeschichte als "die Unsterbliche" ein. Wie das Ende der Partie verlief, ist hingegen fast nur Schachhistorikern bekannt: von Bardeleben entfernte sich wortlos aus dem Turniersaal und ließ seine noch verbleibende Bedenkzeit auslaufen. Am nächsten Tag beauftragte er einen Boten, die Nachricht von seiner Kapitulation zu übermitteln.

3. Adolf Anderssen: Weltmeister 1851-1858, 1862-1866

4. Johannes Hermann Zuckertort: inoffizieller Weltmeister 1883-1886

5. Emil Schallopp: Meister, nach ihm wurde die Schallopp-Verteidigung benannt

6. Simon Winawer: Deutscher Meister 1883, nach ihm wurde die Winawer-Variante in der Französischen Verteidigung benannt

7. Jacques Mieses: Großmeister, schrieb über 40 Titel zum Schachspiel

8. Richard Teichmann: Großmeister

9. Horatio Caro: Großmeister, 1. Berliner Meister 1904, Analyse der Caro-Kann-Verteidigung

10. Semjon Alapin: Großmeister, Alapin-Eröffnung u.a.

11. Friedrich Sämisch: Großmeister, viele Eröffnungsvarianten

12. Kurt Richter: 1935 Deutscher Meister

13. Emanuel Lasker: Weltmeister 1894-1921 .

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Genug der Vergangenheit. Die Zukunft im Schach findet als 2. Gerling Kreativ-Open im Haus des Sports, Arcorstrasse in Berlin-Charlottenburg als Chess960-Schnellschach-Rundenturnier mit 60 Minuten Bedenkzeit plus 30 Sekunden Zeitgutschrift pro Zug statt.

Teilnehmer an diesem Turnier können mit leichtem (Theorie-) Gepäck anreisen - denn die Startpositionen werden unmittelbar vor Rundenbeginn ausgelost. Und die Wahrscheinlichkeit, daß die Startposition 518 (die  Startposition im traditionellen Schach), beträgt nur 1 : 960.

Chess960-Reisende können auf schwere Theorie-Ladung verzichten

Ausschreibung und Anmeldungsdetails 2.Gerling-Kreativ-Schach Berlin 2006: bilder/kenk/Chess960-2006-Berlin_Ausschreibung.pdf

Gerhard Kenk

Published by Gerhard Kenk

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