TopTurniere And the Oscar goes to.... ...Veselin Topalov!
06.03.2006 - In der vergangenen Nacht war es wieder soweit. Bei unseren amerikanischen Freunden jenseits des großen Teiches wurde anlässlich der jährlichen Oscar-Verleihung mit massiven Goldstatuen um sich geworfen. Na ja, stimmt nicht so ganz. In Wahrheit ist das gülden funkelnde Kerlchen lediglich mit einer 24-karätigen, millimeterdünnen Goldhaut überzogen und besteht ansonsten aus einer Nickel-Kupfer-Silber-Mischung. Dennoch bricht die verschworene Hollywoodriege der teuersten Schauspieler der Welt regelmässig in Tränen aus, wenn Ihnen dieser knapp 25 Zentimeter kleine und nahezu 4 Kilogramm schwere Oscar von einem zumeist nicht minder teuer bezahlten Kollegen in die Hände gedrückt wird.
Da sich die Schauspieler quasi gegenseitig für den höchsten aller
Filmpreise nominieren und auch sonst das normale Fußvolk bitte schön
brav am roten Teppich ausharrt, um an den knipsenden und filmenden
Journalisten vorbei einen Blick auf diesen oder jenen schönen Menschen
zu erhaschen und gegenüber George Clooney & Co mit spitzen Schreien
einen vergeblichen Kinderwunsch zu äußern, bleibt naturgemäß unter sich
und feiert das nach allen Regeln des Prunks und der Verschwendung. Das
wahre Highlight - die After Show Party - zieht allerlei Feier-Experten
(und besonders /-innen) an.
Beste Darstellerin 2006 mit dem Objekt der Begierde - Reese Witherspoon
Wer was auf sich und seinen Body hält, zeigt
sich dort und sieht zu, sich mit möglichst vielen angeduselten
Filmgrößen ablichten zu lassen. Da wird geklebt, gequetscht, geschnürt
und geliftet, damit sich ja auch jede Kurve an der Stelle befindet, wo
sie dem Schönheitsideal nach sein sollte. Leider lenkt dieser Glamour
und diese nahezu perfekte Illusion einer reichen Welt vom Eigentlichen
dieser Veranstaltung ab. Besondere Leistungen wie
mitreißende Plots, brillante Kameraführungen, gewagte Actionszenen,
provokante Themen und beeindruckende Lebenswerke sollen gewürdigt und
gefeiert werden. Verstehen Sie mich nicht falsch, die Show war mal
wieder ohne Gleichen und jede obligatorische Spitze gegen "George Bush
Reloaded" ist in diesen Tagen ein Lacher, aber muss es denn sein, dass
man dabei das Geld aus dem Fenster schaufelt?
Um so langsam die Kurve nach Linares zu kriegen: da lobe ich mir
unsere aktuellen Topstars der Schachszene! Allen voran schlägt das Chess
Tigers-Herz natürlich für den stärksten Tiger der Welt, Vishy Anand.
mehrfacher Gewinner des Schach-Oscars, stets freundlich und bescheiden
und selbst nach all den unzähligen Siegerehrungen, sieht man ihm noch
immer an, dass ihn das Rampenlicht eher blendet. Viele Weltmeister haben
wir kommen und gehen sehen und den meisten hat der Titel nicht nur Ruhm
sondern auch Probleme bereitet. Plötzlich waren und sind sie "gezwungen"
ihre Gagen astronomisch zu erhöhen und sich entsprechend verzweifelt an
den Titel zu klammern. Damit füllen sie mit Glück vielleicht kurzfristig
die eigenen Taschen, doch das Schach bleibt auf der Strecke, wenn selbst
Turniere mit Weltklasse diese aberwitzigen Forderungen nicht mehr
erfüllen können und wollen. Vielen jungen Schülern des königlichen
Spiels war der Name Veselin Topalov bis zum Dezember letzten Jahres nur
am Rande ein Begriff, doch über Nacht ist er in aller Munde. Es bilden
sich neue Fan-Gemeinden, träumerisch ist sogar schon vom "neuen
Kasparov" die Rede und in vielen Köpfen ist wieder eine Hoffnung
aufgekeimt. Topalov könnte der Mann sein, der das endlose Hickhack um
den "wahren Weltmeister" beendet, wenn er jetzt etwas weniger an
klingende Münzen und dafür mehr an seine Verantwortung gegenüber dem
Titel und den Fans denkt. Nie war in den letzten Jahren die Gelegenheit
günstiger, da Vladimir Kramnik zwar gerne auch Weltmeister wäre, dies
zur Jahresfrist jedoch lieber gegen Deep Fritz unter Beweis
stellen möchte. Nun ja...
Wünschen wir Veselin Topalov einfach weiterhin weise Berater und
nicht nur auf dem Schachbrett ein geschicktes Händchen. Dass er Schach
in Perfektion spielen kann, braucht der Bulgare wahrlich nicht mehr zu
beweisen. Doch viele Punkte macht der in Spanien lebende Bulgare mit
einer besonderen Qualität, für die er momentan wie kein anderer für das
Schach wirbt. Er spielt nahezu jedeStellung aus! Wo sich viele
seiner Kollegen nach 30 oder 35 Zügen den Punkt teilen, beginnt für ihn
zumeist erst die Partie. Und tatsächlich, die Mehrzahl dieser Partien
entscheidet er dann auch für sich. Gestern bekam die schmerzhaft Levon
Aronian zu spüren. Jede Seite hatte noch einen Turm und einen Läufer
nebst sechs Bauern. Die Läufer waren zudem ungleichfarbig und niemand
hätte gemurrt, hätte man sich im 30. Zug auf ein Remis geeinigt. Aber
das kam für Topalov gar nicht in die Tüte. Es gelang ihm, den schwarzen
König an die eigene Grundreihe zu fesseln und nach weiteren
Ungenauigkeiten seines Gegners strich er einen Bauer ein. Mit einer
Engelsgeduld verhalf er dem nun freien c-Bauer zu einem sicheren
Vormarsch gen der 8. Reihe, bis Aronian genug hatte und die Segel
strich. Mit seinem dritten Sieg in Folge ist Veselin Topalov definitiv
wieder im Geschäft.
Vom Glanz des Gegners geblendet? - Radjabov (links) gegen Michael Adams im Semifinale der FIDE-WM 2004
Spitzenreiter Peter Leko konnte gegen Peter Svidler zwar einen Bauer
aber aufgrund ungleichfarbiger Läufer nicht den vollen Punkt verbuchen.
Und so schmilzt der Abstand zu Topalov auf nunmehr ein Pünktchen
zusammen. Bei der Abreise von Morelia waren es mal 2,5!
Und noch jemand meldet mehr oder weniger Ambitionen an, bei den
Großen um den Sieg mitspielen zu dürfen. Teimur Radjabov besiegte in
einem schweren Königsinder mit den schwarzen Steinen Vassily Ivanchuk
und zieht im Gleichschritt zu Topalov mit Aronian gleich und drittelt
momentan den 2. Platz.
Der lachende Dritte an diesem Tag hatte es aber auch wirklich
verdient. Nicht, dass seinem Gegner Fransisco Vallejo eine Niederlage
gegönnt sei, aber Etienne Bacrot war einfach mal dran und sein gestriger
Gegner schlicht der Leidtragende. In 33 Zügen erteilte ihm der Franzose
eine Lektion zum Thema Angenommenes Damengambit und wird zumindest etwas
weniger unzufrieden den heutigen Ruhetag am geteilten Tabellenende
verbringen.
Tabelle nach der 10. Runde
Rang
Name (ELO)
Punkte
Leistung
ELO neu
+ / -
1.
Leko (2740)
6,5
2832
2753
+13
2.
Aronian (2752)
5,5
2769
2754
+2
Topalov (2801)
5,5
2765
2796
-5
Radjabov (2700)
5,5
2774
2710
+10
5.
Svidler (2765)
5
2728
2760
-5
6.
Ivanchuk (2729)
4
2657
2719
-10
Vallejo Pons (2650)
4
2671
2653
+3
Bacrot (2717)
4
2660
2709
-8
Die ELO-Gewinne und ELO-Verluste
sind nur ungefähre Werte und können von der offiziellen Auswertung
abweichen. ELO-Zahlen Stand: Januar 2006