TopTurniere Dramatik pur in Morelia / Linares 2006 Topalov in Trouble
23.02.2006 - Immer, wenn sich eine Auswahl an Spitzenspieler auf dem Schachbrett so richtig in die Haare kriegen, anstatt sich mit Kurzremisen ständig gegenseitig Respekt zu bezeugen, jubelt die Gemeinschaft der kiebitzenden Fans begeistert auf und verlangt nach mehr. Und sie bekam mehr! In der gestrigen vierten Runde gab es nur ein Remis und drei entschiedende Partien und dabei spielte der Weltmeister Veselin Topalov - wie bei allen Top Turnieren der letzten Monate - eine besondere Rolle. "Doch erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt..."
Wissen Sie noch, was Sie am 25.02.2003 gemacht haben? Nicht mehr so
wirklich? Ein heute 18-jähriger Aserbaidschaner weiß es mit Sicherheit
ganz genau! Auch für Teimur Radjabov hätte dies ein ganz normaler Tag im
Leben eines Schachprofis werden können. Ein 15-jähriger Knabe gegen die
Nr. 1 der Welt, Garry Kasparov, das würde auch in Linares 2003 ein klare
Sache sein, wussten viele Experten schon vorher. Aber dann geschah das
schier Unfassbare, als ein vor Wut kochender Kasparov zum Zeichen der
Aufgabe beinahe die Hand des Jünglings zerquetschte. Teimur wurde zwar
dennoch Letzter, aber er hatte dem Idol der Massen das Turnier
verdorben, welches Peter Leko und Vladimir Kramnik schließlich gewannen.
Inzwischen ist aus dem Youngster ein junger Mann geworden, der
mächtig an Spielstärke und Selbstbewusstsein zugenommen hat. So sieht
man ihn beispielsweise gerne mal auf einem einschlägigen Schach-Server -
auf dem auch aktuelle Turniere übertragen werden - Kommentare zu den
Partien seiner Kollegen jenseits der ELO-Marke 2700 abgeben, die so
klingen, als hätte er das Spiel selbst erfunden. In der gestrigen
vierten Runde traf er mit den schwarzen Steinen auf keinen Geringeren
als den amtierenden Weltmeister Veselin Topalov. Für beide läuft dieses
Turnier bis jetzt eher katastrophal, so dass man schon vorher von einer
blutigen Schlacht ausgehen konnte. "Radja" verteidigte sich
Königsindisch und Topalov wählte einen möglichst aggressiven Aufbau, um
alsbald den Versuch unternehmen zu können, den schwarzen Monarchen
anzugreifen. Er ging volles Risiko und opferte zwei Bauern für einen
Angriff, den der junge Gegner jedoch mit leichter Hand abwehrte. Als
sich der Rauch verzogen hatte, war Schwarz um zu viele Bauern und daher
bald auch um einen vollen Punkt reicher. Topalov hatte getreu seinem
momentanen Stil alles auf eine Karte gesetzt und wurde von Radjabov
eiskalt ausgebremst. Nun teilt er sich das Tabellenende mit Francisco
Vallejo Pons, der nach einem unspektakulären Remis gegen Levon Aronian
den nötigen halben Punkt aufholte, um den Weltmeister zu sich runter zu
ziehen.
Ein wenig überstrahlt der Sieg von Radjabov die wirklichen Helden
dieses Turniers. Weder er noch Topalov können momentan auch nur im
Ansatz um den Turniersieg mitspielen, sondern Peter Svidler und Peter
Leko dominieren das Geschehen in einer Art und Weise, dass selbst
erfahrene Kenner der Szene staunen werden. Werfen Sie einen Blick auf die
ELO-Leistung der beiden Führenden! Diese Werte kennt man sonst nur von
Blitz-Servern, wenn sichdort beispielsweise Hawkeye,
Raffael oder "Sir" Nigel Short die Ehre geben. In
Formation stehen für Peter & Peter die Türen nun weit auf für einen Triumph
beim diesjährigen
XXIII Ciudad de Linares International Chess Tournament. Während Leko
mit seinem Spanier gegen Vassily Ivanchuk wenig Probleme hatte und beim
Übergang ins Endspiel den entscheidenden Bauer einstrich, hatte es
Svidler gegen Etienne Bacrot's Russen zunächst ungleich schwerer. Doch
in dem entstandenen Doppelturmendspiel bewies der Chess960 Weltmeister
seine tolle Technik und heimste zunächst einen Bauer und dann auch den
verdienten Punkt ein. Wir dürfen gespannt sein, ob die beiden
Überflieger in diesem Tempo weiter machen oder vielleicht einen Gang
zurück schalten. Sicher dürfte indes sein, dass Veselin Topalov nun vor
seiner schwersten Bewährungsprobe seit dem Erringen des
Weltmeistertitels steht. Wie wird er sich aus diesem Schlamassel
befreien? Ein Sieg in der heutigen fünften Runde mit den schwarzen
Steinen gegen Vassily Ivanchuk ist ebenso schwer wie nötig.
Tabelle nach der 4. Runde
Rang
Name (ELO)
Punkte
Leistung
ELO neu
+ / -
1.
Svidler (2765)
3,5
3052
2778
+13
Leko (2740)
3,5
3036
2753
+13
3.
Ivanchuk (2729)
2
2727
2729
0
Aronian (2752)
2
2720
2750
-2
5.
Bacrot (2717)
1,5
2646
2713
-4
Radjabov (2700)
1,5
2666
2698
-2
7.
Topalov (2801)
1
2543
2787
-14
Vallejo Pons (2650)
1
2553
2645
-5
Die ELO-Gewinne und ELO-Verluste
sind nur ungefähre Werte und können von der offiziellen Auswertung
abweichen. ELO-Zahlen Stand: Januar 2006
Remis-Statistik
Runde
Weiß-Siege
Schwarz-Siege
Remis
Remis in %
1
2
1
1
25
2
2
1
1
25
3
-
-
4
100
4
2
1
1
25
Total:
6
3
7
43,75
Paarungen der ersten
Turnierhälfte in Morelia
Runde 1 - Samstag, 18.
Februar 2006
F. Vallejo Pons - P. Leko
0-1
P. Svidler - V. Topalov
1-0
E. Bacrot - V. Ivanchuk
1/2
L. Aronian - T. Radjabov
1-0
Runde 2 - Sonntag, 19.
Februar 2006
P. Leko - T. Radjabov
1-0
V. Ivanchuk - L. Aronian
1-0
V. Topalov - E. Bacrot
1/2
F. Vallejo Pons - P. Svidler
0-1
Runde 3 - Montag, 20.
Februar 2006
P. Svidler - P. Leko
1/2
E. Bacrot - F. Vallejo Pons
1/2
L. Aronian - V. Topalov
1/2
T. Radjabov - V. Ivanchuk
1/2
Runde 4 - Mittwoch, 22.
Februar 2006
P. Leko - V. Ivanchuk
1-0
V. Topalov - T. Radjabov
0-1
F. Vallejo Pons - L. Aronian
1/2
P. Svidler - E. Bacrot
1-0
Runde 5 - Donnerstag, 23.
Februar 2006
E. Bacrot - P. Leko
L. Aronian - P. Svidler
T. Radjabov - F. Vallejo Pons
V. Ivanchuk - V. Topalov
Runde 6 - Samstag, 25.
Februar 2006
L. Aronian - P. Leko
T. Radjabov - E. Bacrot
V. Ivanchuk - P. Svidler
V. Topalov - F. Vallejo Pons
Runde 7 - Sonntag, 26.
Februar 2006
P. Leko - V. Topalov
F. Vallejo Pons - V. Ivanchuk
P. Svidler - T. Radjabov
E. Bacrot - L. Aronian
Anschließend Transfer nach Linares zur zweiten
Turnierhälfte