TopTurniere XXIII Ciudad de Linares International Chess Tournament Chess960 schlägt tradtitionelles Schach in Mexiko
19.02.2006 - Der zweite schachliche Höhepunkt des Jahres hat begonnen - und wie! Im mexikanischen Morelia ist die erste Hälfte des XXIII Ciudad de Linares International Chess Tournament gestartet und sogleich fielen die acht Teilnehmer aus der Weltspitze wie ausgehungerte Wölfe über einander her. Man hätte beinahe den Verdacht haben können, dass die Herren lange kein Schach mehr gespielt und daher Nachholbedarf gehabt hätten, doch tatsächlich waren viele zuletzt in Wijk aan Zee oder auf anderen Turnieren tätig. Mit Spannung erwartete besonders die Chess960-Fangemeinde das Auftreten ihres Weltmeisters Peter Svidler gegen den Welmeister im traditonellen Schach Veselin Topalov. Ging da was?
Morelia ist die Hauptstadt des mexikanischen Bundesstaates
Michoacán. Sie hat ca. 550.000 Einwohner und liegt ca. 250 km westlich
von Mexiko-Stadt. Aufgrund der gut erhaltenen Gebäuden aus der
Kolonialzeit ist sie eine der meistbesuchten Städte Mexikos. Seit 1991
gehört die Altstadt zum UNESCO Weltkulturerbe. Hier werden die ersten 7
Runden des XXIII
Ciudad de Linares International Chess Tournament ausgetragen, bevor
sich dann alle Spieler mit Sack und Pack gen Europa in den Flieger
setzen und dann im spanischen Linares das Ringen um den Löwenteil
des Preisfonds in Höhe von € 380.000 fort. Linares ist
eine Industrie- und Handelsstadt im Nordwesten der Provinz Jaén in der
Autonomen Region Andalusien. Die Zahl der Einwohner beträgt ca. 60.000.
Bereits seit 1978 wird dort ein internationales Großmeisterturnier
veranstaltet, doch erst als der Finanzier und Hotelier Louis Rentero
1988 zum ersten Mal die Leitung übernahm, kam eine jährliche
Regelmäßigkeit in dieses Event.
Weltmeister schlägt den Weltmeister - Peter Svidler
Von 1990 bis 2005 richtete sich besonders ein Spieler quasi sein
eigenes Wohnzimmer in Linares ein. Ganze neun Mal gewann Garry Kasparov
sein "Wimbledon" und musste den Thron nur im Jahre 2000 mit Vladimir
Kramnik und zuletzt 2005 mit Veselin Topalov teilen. Stets war er das
Maß der Dinge vor Ort und musste sich gegen die Attacken seiner Kollegen
aus der Weltelite erwehren. Nach Kasparov's Rücktritt vom aktiven
Spielgeschehen haben der neue Weltmeister und der Inder
Vishy Anand diesen Part gerecht untereinander aufgeteilt. Beide sind die momentan
einzigen Aktiven mit einer ELO-Zahl über 2800 und müssen es sich
gefallen lassen, als die Besten Schachspieler der Welt bezeichnet zu
werden. Naturgemäß animiert das die Kollegen dazu, gegen die Koryphäen
besonders motiviert und engagiert zu Werke zu gehen. Doch "Topi" und
Vishy hielten sich zuletzt beim Corus Chess Tournament in Wijk aan Zee
glänzend und dominierten die Konkurrenz. Letzterer gönnt sich in diesen
Tagen mal die Position des Zuschauers am heimischen Bildschirm und
unterstützt seinen deutschen Heimatverein, den OSC Baden-Baden, in der
Bundesliga bei dem Projekt "Deutsche Meisterschaft". Dagegen ist Veselin
Topalov in Mexiko vor Ort und es bleibt abzuwarten, ob der bulgarische
Vielspieler weiter auf diesem hohen Niveau weitermachen kann. Und damit
sind wir schon mitten im Geschehen der ersten Runde in Morelia. Der
Chess960 Weltmeister gegen den Weltmeister im traditionellen Schach
bedeutete zugleich auch die Nr. 2 der Setzliste des Turniers gegen die
Nr. 1. Die Auslosung am Freitag hatte dem Event gleich zu Beginn das
erste Finale beschert.
Topalov wählte mit den schwarzen Steinen die Rio de Janeiro-Variante
der Spanischen Verteidigung. Zunächst sah es so aus, als wäre Svidler's
Bauernopfer nicht mit ausreichend Kompensation verbunden und manch einer
hätte lieber Topalov's Stellung gespielt, doch nach und nach verlor der
Bulgare das Gefühl für das Geschehen und spätestens mit dem Rückgewinn
des Bauern übernahm der Russe die Regie. Im Endspiel konnte Weiß auf
einen starken Freibauer pochen und gefahrlos auf Sieg spielen. Mit einem
feinen Turmopfer wandelte Svidler den Bauer schließlich um und hatte
danach nur noch technische Hürden zu bewältigen, die er souverän nahm.
Es wäre jedoch verfrüht, dem Weltmeister sofort eine Krise anzudichten.
Noch aus Wijk aan Zee wissen wir ganz genau, wie furios Topalov
nach der Niederlage gegen Michael Adams zurückschlug. Also ich möchte
nicht sein nächster Gegner sein, doch Etienne Bacrot kann es sich nicht
aussuchen und wird heute gegen den Geschlagenen ran müssen. Aber der
Franzose braucht sich natürlich nicht zu verstecken, gehört der doch
mittlerweile ebenfalls zu den Besten des Schachsports. Zwar lief es beim
Corus Turnier zuletzt nicht so berauschend für ihn, doch die gestrige
Kampfpartie gegen Vassily Ivanchuk war nicht von schlechten Eltern.
Keiner der beiden dominierte das Geschehen wirklich und jeder leistete sich
kleinere und größere Fehler, doch entscheidend vermochte keiner die
Partie zu seinen Gunsten gestalten. Am Ende steht ein verdientes
Remis und die einzige Punkteteilung des Tages.
Lehrgeld zahlte nämlich der obligatorische spanische Vertreter im
Teilnehmerfeld mit dem klangvollen Namen Francisco Vallejo Pons gegen
den Ungar Peter Leko. Im Nimzoinder wählte die Nr. 54 der Welt gegen die
Nr. 7 einen Aufbau, in welchem der weiße König nicht rochiert. Eine
fatale Entscheidung gegen einen auf Angriff eingestellten Leko. Als sich
das schwarze Bauernduo auf der c- und d-Linie in Bewegung setzte um den
Gegner zu überrollen, war es schon so gut wie geschehen um den Weißen.
Es blieb nur der Übergang in ein schlechteres Endspiel, welches Leko
sicher verwertete.
"Ich verdiene diese Zahl ja gar nicht" - Levon Aronian zu seiner ELO von 2752
Levon Aronian lebt mit einem Teil seiner Familie in Berlin und
kokettiert gerne damit, so gut wie nie zu trainieren. Der äußerst
sympathische Armenier zählt zu den Stammgästen bei den jährlichen Chess
Classic und wird sich in diesem Jahr ein weiteres Mal seiner großen
Leidenschaft Chess960 hingeben und als Sieger des
FiNet
Opens 2005 erneut den Weltmeister Peter Svidler in einem Match um
den Titel herausfordern. Teimur Radjabov kommt aus Aserbaidschan und
konnte parallel das gigantische
ORDIX
Open gewinnen. Damit fand quasi das zweite Match des Tages zwischen
einem Chess960-Meister und einem traditionellen Meister statt und wieder
siegte das neue Schach. Zunächst gestaltete Teimur Radjabov seinen
klassischen Königsinder gegen den Aufsteiger des Jahres 2005 offen, doch
als er im 40. Zug die Dame nach d6 und damit in einen Abzug stellte,
neigte sich die Waage zu Gunsten von Aronian. Forciert kassierte er
einen Bauer und wickelte in ein kompliziertes aber gewonnenes Damenendspiel
ab. Levon brachte die nötige Geduld und Ausdauer auf und nach 79 Zügen
wurde er dann dafür mit dem vollen Punkt belohnt.
Tabelle nach der 1. Runde
Rang
Name (ELO)
Punkte
Leistung
ELO neu
+ / -
1.
Svidler (2765)
1
-
2771
+6
Leko (2740)
1
-
2744
+4
Aronian (2752)
1
-
2756
+4
4.
Ivanchuk (2729)
0,5
2717
2729
0
Bacrot (2717)
0,5
2729
2717
0
6.
Topalov (2801)
0
-
2795
-6
Vallejo Pons (2650)
0
-
2646
-4
Radjabov (2700)
0
-
2696
-4
Die ELO-Gewinne und ELO-Verluste
sind nur ungefähre Werte und können von der offiziellen Auswertung
abweichen. ELO-Zahlen Stand: Januar 2006
Remis-Statistik
Runde
Weiß-Siege
Schwarz-Siege
Remis
Remis in %
1
2
1
1
25
Total:
2
1
1
25
Paarungen der ersten
Turnierhälfte in Morelia
Runde 1 - Samstag, 18.
Februar 2006
F. Vallejo Pons - P. Leko
0-1
P. Svidler - V. Topalov
1-0
E. Bacrot - V. Ivanchuk
1/2
L. Aronian - T. Radjabov
1-0
Runde 2 - Sonntag, 19.
Februar 2006
P. Leko - T. Radjabov
V. Ivanchuk - L. Aronian
V. Topalov - E. Bacrot
F. Vallejo Pons - P. Svidler
Runde 3 - Montag, 20.
Februar 2006
P. Svidler - P. Leko
E. Bacrot - F. Vallejo Pons
L. Aronian - V. Topalov
T. Radjabov - V. Ivanchuk
Runde 4 - Mittwoch, 22.
Februar 2006
P. Leko - V. Ivanchuk
V. Topalov - T. Radjabov
F. Vallejo Pons - L. Aronian
P. Svidler - E. Bacrot
Runde 5 - Donnerstag, 23.
Februar 2006
E. Bacrot - P. Leko
L. Aronian - P. Svidler
T. Radjabov - F. Vallejo Pons
V. Ivanchuk - V. Topalov
Runde 6 - Samstag, 25.
Februar 2006
L. Aronian - P. Leko
T. Radjabov - E. Bacrot
V. Ivanchuk - P. Svidler
V. Topalov - F. Vallejo Pons
Runde 7 - Sonntag, 26.
Februar 2006
P. Leko - V. Topalov
F. Vallejo Pons - V. Ivanchuk
P. Svidler - T. Radjabov
E. Bacrot - L. Aronian
Anschließend Transfer nach Linares zur zweiten
Turnierhälfte