29.01.2006 - So jedenfalls lautet das Motto für den Highlander in den gleichnamigen Verfilmungen und auch viele Regeln beim Turnierschach sehen vor, dass es am Ende einer Veranstaltung einen Sieger geben muss. Doch wie soll man werten, wenn sich zwei völlig gleichwertige Schachgiganten über zwei Wochen direkt und indirekt einen ausgeglichenen Kampf um den ersten Platz liefern und letzten Endes tatsächlich punktgleich die Ziellinie überschreiten? Muss man dann den einen noch über den anderen heben, indem man feinere Wertungen oder Schwarzsiege zählt? Die erfahrenen Veranstalter des Corus Chess Tournament jedenfalls halten wenig von dem kopflosen Leitspruch einer Gesellschaft von Unsterblichen und kürten heute im A-Turnier kurzerhand zwei Sieger. Vishy Anand und Veselin Topalov teilen sich nach 13 aufregenden Runden verdient die Krone in Wijk aan Zee und bestätigten damit sich und den Fans eindrucksvoll, dass sie momentan die beiden besten Spieler der Welt sind.
Sicherlich war sich Veselin Topalov darüber im Klaren, dass er lediglich
ein Remis gegen Peter Leko benötigte, um das Turnier zu gewinnen. Doch
dann würde er das Risiko eingehen, dass Vishy Anand mit einem Sieg noch
gleichzieht und gemäß den Regeln ebenso zum Gewinner des
A-Turniers beim Corus Chess Tournament 2006 erklärt werden würde. Was
also tun? Immer mal aufstehen und schauen, was die Konkurrenz macht oder
gegen Leko mit den schwarzen Steinen auf Sieg spielen? Topalov wählte
den Najdorf-Sizilianer und erhielt eine sichere Stellung. Doch mehr ließ
der Ungar nicht zu. Zwar opferte er einen Bauern, doch es sollte sich
zeigen, dass die Verwertung für Topalov im Endspiel mit ungleichfarbigen
Läufern nahezu unmöglich ist. Nach 40 Zügen bot der Weltmeister im
traditionellen Schach seinem Gegner die Zugwiederholung an, die dieser
gerne akzeptierte. Damit sicherte sich Veselin Topalov zwar den ersten
Rang, doch für unseren Vishy bot sich nun tatsächlich die Riesenchance,
nicht nur den Turniersieg zu teilen sondern auch als fünfter
Schachspieler der Geschichte die magische ELO-Hürde von 2800 zu
überwinden. Das war bisher nur Robert James (Bobby) Fischer, Garri
Kimovič Kasparov, Vladimir Borisovič Kramnik und jüngst Veselin Topalov
vergönnt. Doch zuvor hatte noch jemand ein Wörtchen mitzureden - Boris
Gelfand natürlich! Nach einem sehr erfolgreichen Turnier verspürte
dieser sicher keine Lust, nur als Punktelieferant zu dienen und es war
klar, dass Vishy Anand eine schwere Partie erwartete.
Aber so hatte sich der Israeli das mit Sicherheit nicht vorgestellt, als
er gegen Anand ebenfalls den Najdorf-Sizilianer auf's Brett stellte.
Hätte er im 15. Zug zur kurzen Rochade gegriffen, wäre der weiße Vorteil
in Grenzen geblieben, doch so ließ der Israeli einen spektakulären
Turmeinschlag auf d6 zu, der ihm zwar eine Qualität einbrachte,
gleichzeitig jedoch die Bauernstruktur ruinierte und die Rochade
verdarb. Allerdings war die Verwertung der positionellen Vorteile in
eine gewonnene Stellung alles andere als trivial für Weiß. Ein zähes
Ringen um Felder, Tempi und schwache Bauern begann. Um zu gewinnen
musste der Inder unbedingt einen Freibauer bilden und dabei die
gegnerischen Türme unter Kontrolle halten. Und genau das gelang ihm auch
und nach 66 Zügen konnte Boris Gelfand unserem Vishy nicht nur zum
Turniersieg sondern auch zur nahezu sicheren ELO über 2800
gratulieren. Hart hat der Liebling der Massen an diesem Ziel gearbeitet
und wurde für seinen offensiven Stil belohnt. Bravo, Vishy!
Bravo, Veselin Topalov!! (Foto: Mark Vogelgesang)
Sehr zufrieden mit ihrem Gesamtergebnis dürfen auch die beiden Ukrainer
im A-Turnier sein. Heute kam es zum internen Duell, welches Vassily
Ivanchuk gegen Sergey Karjakin klar für sich entschied. Die beiden
ließen das Mittelspiel quasi aus und landeten gleich in einem besseren
Endspiel für den Weiß spielenden Ivanchuk. Bald mit Mehrbauer und
Läuferpaar im Vorteil, zeigte der Ukrainer keine Nerven mehr und gab dem
Nachwuchs auch das Nachsehen. Damit schließt er mit dem glänzenden 3.
Platz ab und auch Karjakin wird sich über seine Platzierung sicherlich
freuen, sobald er die Niederlage verdaut hat. Beide Ukrainer haben
bewiesen, dass auch künftig mit ihnen zu rechnen ist.
Gegen Ivan Sokolov und mit den weißen Figuren bewaffnet ging Levon
Aronian noch mal mit der Bereitschaft in die Partie, alles zu riskieren.
Unbedingt wollte er in der letzten Runde dieses Turniers eine gute Figur
abliefern und strebte gegen den Slawen des Niederländers allerlei
Verwicklungen an. Daraus entwickelte sich ein durchaus greifbarer
Mittelspielvorteil, doch zum verdienten vollen Punkt für den Armenier
trug Sokolov selbst noch mal ordentlich bei. Mit 28...Db6?? erlaubte er
Aronian ein schönes Damenopfer und schließlich den Gewinn der Partie.
Mit einer Punktausbeute von 50% vermied Aronian zwar eine mittlere
Katastrophe, doch sicher wird es ihn wurmen, dass er zu keiner Zeit in
der Lage war, Kontakt zur Spitze zu halten. Ivan Sokolov wird das
Projekt "ELO +2700" noch eine Weile verschieben müssen. Zu groß wird der
Verlust auf seinem Rating-Konto nach diesem letzten Platz in der Tabelle
sein. Vielleicht wird er sich ja auch vermehrt dem Chess960 zuwenden.
Mehrfach ließ der geborene Bosnier durchblicken, dass er diesem Schach
immer mehr abgewinnt.
Alexander Motylev - Foto Finish mit...
Mit seinem Spezial-Skandinavier (3...Dd6!?) hatte Sergey Tiviakov
bereits Vishy Anand ausgebremst und heute fand auch Gata Kamsky kein
Mittel, diese Variante ins Wanken zu bringen. Schlimmer noch, er gab
einen Bauer und fand sich anschließend in der unübersichtlichen Stellung
nicht mehr zurecht. Schwarz gewann zusehends die Oberhand und hatte dazu
auch noch einen Bauer mehr. Der Rest war eine Frage der Technik und
Mithilfe des Gegners, dann konnte Tiviakov zum Abschluss noch mal einen
vollen Punkt feiern. Nach einigen Ups und vielen Downs wird Gata Kamsky
mit gemischten Gefühlen den Heimweg über den großen Teich antreten und
sich selbst prüfen müssen, ob er sicher ist, wieder zu alter Stärke
zurückfinden zu können. Tiviakov dagegen kann mit seiner Ausbeute von
50% gut leben und darauf aufbauen.
Bei Michael Adams gegen Shakhriyar Mamedyarov sah es so aus, als wolle
der Schwarze einen Königsangriff aufziehen, doch der Brite hatte zu
jeder Zeit alles unter Kontrolle und stand nach 27 Zügen möglicherweise
sogar leicht besser. Ihm reichte jedoch ein Remis, um mit dem Gefühl
höchster Zufriedenheit die Heimreise gen Britannien antreten zu können.
Jugendweltmeister Mamedyarov bleibt nur der schwache Trost, nicht den
letzten Platz belegt zu haben und einer glänzenden Zukunft entgegen zu
blicken.
... Magnus Carlsen (Foto: Mark Vogelgesang)
Die längste Partie des Tages im A-Turnier zeigten Etienne Bacrot und
Loek van Wely. Der Niederländer gab sich größte Mühe, sein vorteilhaftes
Endspiel gegen den Franzosen zu gewinnen, doch wie beim Armdrücken
gelang es diesem die Stellung ins völlige Gleichgewicht umzubiegen,
indem er den schwarzen König an den Brettrand fesselte. Das sah van Wely
dann schließlich auch ein und stellte im ungleichfarbigen Läuferendspiel
mit Mehrbauer weitere Bemühungen ein. Er kann mit seinem persönlichen
Wijk aan Zee sehr zufrieden sein. Zwar verpasste er knapp die 50%,
dennoch kann er sich als Letzter der Setzliste über einen netten
ELO-Gewinn freuen. Anders sieht es bei Bacrot aus, der sich bestimmt
mehr als Platz 11 vorgenommen hatte. Die Quittung ist ein zweistelliger
ELO-Verlust und die Einsicht, dass er vor Linares 2006 noch ein paar
Hausaufgaben zu erledigen hat. Beim
Morelia
International Chess Festival Mitte Februar werden
wir Weltmeister Veselin Topalov, Chess960 Weltmeister Peter Svidler,
Peter Leko, Vassily Ivanchuk, Francisco Vallejo Pons und eben Etienne
Bacrot bereits wieder spielen sehen.
Der Highlander bei der Arbeit
Ebenfalls noch mal richtig
spannend wurde es im B-Turnier. Die beste Ausgangsposition für den
Gesamtsieg und die Chance neben dem Ruhm und dem Preisgeld auch die
Garantie, im nächsten Jahr das A-Turnier bestreiten zu dürfen, hatte
Zoltan Almasi anch der 12. Runde. Er führte mit einem halben Punkt vor
Magnus Carlsen und Alexander Motylev. Doch Ivan Cheparinov machte ihm
einen dicken Strich durch die Rechnung. Der Sekundant von Veselin
Topalov schlug Almasi und die Verfolger konnten Morgenluft wittern. Dazu
mussten Carlsen und Motylev jeweils ihre Partien gewinnen und siehe da,
sie taten es auch und setzten sich mit 9 Punkten an die Spitze. Doch wer
würde nun den Platz im nächsten A-Turnier zugesprochen bekommen? Beide?
Nein, hier muss einer den Kopf hinhalten, denn es kann nur einen geben!
Da Alexander Motylev dem jungen Norweger in der 11. Runde im direkten
Duell dessen einzige Niederlage zufügen konnte, wird der Russe diese
goldene Eintrittskarte, 2007 eine Tischreihe weiter sitzen zu dürfen,
erhalten. Doch für Magnus Carlsen sollte das kein Grund sein, Trübsal zu
blasen! Er darf sich als Co-Sieger des B-Turniers bezeichnen und neben
einem stattlichen Preisgeld auch einige ELO-Punkte einheimsen.
Endstand nach der 13. Runde
Rang
Name (ELO)
Punkte
Ø Gegner
Leistung
ELO neu
+ / -
1.
Anand (2792)
9
2710
2853
2802
+10
Topalov (2801)
9
2709
2852
2809
+8
3.
Adams (2707)
7,5
2716
2771
2719
+12
Ivanchuk (2729)
7,5
2715
2770
2736
+7
5.
Gelfand (2723)
7
2715
2743
2727
+4
Karjakin (2660)
7
2720
2748
2676
+16
7.
Aronian (2752)
6,5
2713
2713
2745
-7
Leko (2740)
6,5
2714
2714
2735
-5
Tiviakov (2669)
6,5
2719
2719
2678
+9
10.
van Wely (2647)
6
2721
2693
2655
+8
11.
Bacrot (2717)
5,5
2716
2661
2707
-10
12.
Kamsky (2686)
4,5
2718
2606
2672
-14
Mamedyarov (2709)
4,5
2716
2604
2690
-19
14.
Sokolov (2689)
4
2718
2575
2669
-20
Die ELO-Gewinne und ELO-Verluste
sind nur ungefähre Werte und können von der offiziellen Auswertung
abweichen.