TopTurniere Weltmeister knapp einer Attacke entgangen
27.01.2006 - Stop! Bleiben Sie ruhig! Natürlich wollte niemand Veselin Topalov physisch an den Kragen. Doch auf dem Brett, das zwischen ihm und Vassily Ivanchuk stand, da meinte es der Ukrainer wahrlich nicht gut mit ihm. Muss es als Majestätsbeleidigung angesehen werden, dass Ivanchuk in sehr schwieriger Stellung auf die sichere Wiederholung der Züge verzichtete und sich grösste Mühe gab, den Führenden in der Tabelle zu schlagen? Jedenfalls lieferten sich die beiden Top-Stars einen packenden Fight, der noch zu einigen Analysen der Anlaß sein wird.
Mit viel Risiko gegen den Weltmeister - Vassily Ivanchuk
Manchmal hat dieser Vassily Ivanchuk etwas an sich, dass die
Schachfangemeinschaft schlicht fasziniert. Heute versetzte er viele
Kiebitze in Erstaunen, als er gegen den Weltmeister im 23. Zug eine
sichere Zugwiederholung verschmähte und mit vollem Risiko weiterspielte.
Was folgte war ein heftiges Ringen in einer komplizierten Stellung.
Zwischendurch sah es so aus, als könnte Veselin Topalov den Ukrainer für
sein hohes Pokern bestrafen, aber er ließ etwas Luft rein und Ivanchuk
konnte sich in ein remisliches Turmendspiel retten. Zwar fand er dort
nicht den schnellsten Weg zum völligen Ausgleich, so dass der Bulgare -
getreu seinem momentanen Stil - noch alles versuchte. Dabei zeigten sich
jedoch mal wieder die Tücken des Turmendspiels und kurz kamen
tatsächlich noch mal Gedanken an einen Sieg von Ivanchuk auf. Doch daran
glaubten in Wahrheit nur die ganz hart gesottenen "Chucky-Fans" und
selbst diese begruben im Zug ihre Hoffnungen, als sich die Kontrahenten
nach einem tollen Kampf die Hände zum Remis reichten.
Hatte Sergey Tiviakov unseren Vishy mit der Skandinavischen Verteidigung
überrascht oder war es schlicht ein Experiment? Jedenfalls gab der Inder
früh einen Bauer und tat alles, um die Stellung schwierig zu gestalten.
Manchmal sah es so aus, als könnte Tiviakov auf Abwege geraten, doch im
Großen und Ganzen hatten sich beide Spieler das Remis nach 50 Zügen
redlich verdient. Damit kommt es morgen zum vielleicht schon
vorentscheidenden Treffen der Giganten. Mit den schwarzen Steinen wird
sich unser Tiger mit dem Weltmeister messen und es selbst in Händen
haben, ob das Rennen um den Endtriumph doch noch zu seinen Gunsten
ausgeht. Vishy, Du kannst Dir sicher sein, dass die komplette
Tigergemeinschaft mitfiebern und Dir fest die Pranken drücken wird.
Auf den ersten Blick mutete der schwarze Aufbau von Ivan Sokolov recht
aussichtsreich oder zumindest nicht schlechter an, doch der Nachwuchs
belehrte ihn eines Besseren. Step by step verbesserte Sergey Karjakin
seine Figurenkoordination und spätestens mit dem ersten Mehrbauer war
klar, dass der junge Ukrainer zum Turnierfinale noch mal Gas geben will,
um das Maximum erreichen. Theoretisch könnte er sogar noch einen Blick
auf die Siegestrophäe riskieren in der Hoffnung, sie noch zu erreichen,
doch wie auch immer dieses Turnier nun für den Youngster endet, er hat
deutlich bewiesen, dass er in der Küche der Großen mitkochen kann.
Grausam ist dieses Ergebnis natürlich für den Wahl-Niederländer Ivan
Sokolov, aber dieser erfahrene Profi wird sicher in der Lage sein, ein
solches Turnier zu verdauen und abzuhaken.
Peter Leko wird zwar nichts mehr mit der Tabellenspitze am Hut haben,
aber dennoch dürfte der heutige Sieg gegen Shakhriyar Mamedyarov ihm gut
getan haben. Nein, überzeugend war auch der heutige Vortrag des Ungarn
nicht, doch sein Gegner brachte sich dafür selbst um. Warum er, anstatt
mit Lc3 einfach auszugleichen, eine Qualität opferte, wird er sich nun
sicher selbst fragen. Leko griff natürlich dankbar zu und ließ danach
nichts mehr anbrennen.
Die "Rote Meile" in Wijk - Der Sponsor zeigt Flagge
Die ganze Partie über hatte Loek van Wely gegen einen Gata Kamsky, der
angesichts der Tabellensituation nichts mehr zu verlieren hat, einen
schweren Stand. Doch es gelang ihm, seine Stellung zu konsolidieren und
es schien, als könnte der Amerikaner keine entscheidenden Fortschritte
erzielen. Mit Dame und Läufer gegen einen Turm und das Läuferpaar, das
ließ sich bestimmt halten. Doch urplötzlich spielte der Niederländer wie
von allen guten Geistern verlassen und Kamsky bot sich die Chance, noch
mal Leben in die Stellung zu geben. Erst aus dieser Situation heraus gab
van Wely endgültig nach und ließ sich von seinem Gegner in einem
Mattnetz fangen.
Irgendwie sieht die Stellung, in der sich Levon Aronian und Boris
Gelfand friedlich trennten, etwas besser für den Israeli mit den
schwarzen Steinen aus, doch offensichtlich hatten sich beide Spieler für
diesen Spieltag nicht mehr als einen halben Punkt vorgenommen und waren
nach 22 Zügen zufrieden. Dem aufstrebendem Armenier ist damit allerdings
nicht wirklich geholfen. Für die letzten beiden Runden muss er sich
unbedingt mehr vornehmen, will er noch halbwegs versöhnlich ins Ziel
kommen. Boris Gelfand dagegen wusste natürlich schon vorher, dass ihn
ein Remis zwar nicht im Kampf um den Turniersieg helfen wohl aber seine
hervorragende Performance unterstreichen würde.
Gegen die Russische Verteidigung von Etienne Bacrot reagierte Michael
Adams mit der langen Rochade und geriet in der Folge etwas unter Druck.
Doch so richtig wusste der Franzose die weiße Stellung nicht zu knacken
und so tauschten sich übe die offene e-Linie zu guter Letzt sämtliche
Schwerfiguren ab und bald war man sich über das Remis einig. Bacrot
musste einsehen, dass seine Form in diesem Turnier zu mehr nicht
ausreicht, während Adams wissen wird, dass er sich nun mächtig wird
strecken müssen, will er sich noch um den Platz an der Sonne nach der
letzten Runde bewerben.