TopTurniere Begegnungen in Wijk aan Zee (1): Fliegende Schachbretter und Pferdesteaks
25.01.2006 - Eric van Reem besuchte 1984 zum ersten Mal das weltberühmte Hoogovens Turnier in Wijk aan Zee. Es war die 46. Ausgabe des Turniers, das Viktor Korchnoi und Alexander Beliavski zusammen gewannen. Es war ein besonderes Turnier, da der Russische Schachverband dem jahrelang dauernden Boykott gegen Korchnoi in diesem Jahr aufhob und russische Spieler nach Wijk aan Zee schickte. Seit 1996 spielte unser niederländischer Tiger auch selber regelmäßig in Wijk aan Zee mit, in den beliebten Zehnerturnieren und später auch in der niederländische Meisterschaft für Journalisten. Der Anlass dieses Jahr wieder nach Wijk aan Zee zu pilgern war die Verleihung der Preise für den besten Schachspieler, Schachspielerin und Schachteam des Jahres, aber selbstverständlich schaute sich van Reem noch einige Tage in dem kleinen Badeort um und nahm auch seine Kamera mit.
Klaustrophobisches Design
Future of Chess - Corus Design in Wijk aan Zee. Foto: Eric van Reem
„De Moriaan“, die Sporthalle, in der bereits
seit vielen Jahren das Corus Turnier gespielt wird, wurde dieses Jahr
komplett neu mit futuristischen Symbolen gestaltet - Astronauten,
die Schach im Weltall spielen und fliegende Schachbretter.
Die Firma Corus möchte mit dem aufwendigen neuen Design ausdrücken, dass
innovative Produkte hergestellt werden und auch in der Zukunft mit
besonderen Produkten aus dem Hause Corus gerechnet werden kann.
Auf einige Beobachter und Spieler wirkte das neue Design am Anfang etwas
klaustrophobisch, aber mit der Zeit gewöhnte man sich an die Farben.
Mr. Shredder Mobile: Stefan Meyer-Kahlen bei den Chess Classic Mainz
2006. Foto: Eric van Reem
Am
Donnerstag spielten nur die Profis und somit war es recht ruhig im
Spielsaal.
Aber auch an diesem Tag kamen wieder viele Besucher nach Wijk,
um die Weltspitze mal aus der Nähe zu bewundern.
Es dauerte nicht lange
bis das erste bekannte Gesicht auftauchte: „Shredder“-
Programmierer Stefan Meyer-Kahlen. Der Düsseldorfer war noch nie in Wijk
aan Zee gewesen und war etwas enttäuscht, dass es so ruhig war, aber er
genoss die Partien in den Großmeistergruppe A und war insbesondere
angetan von der Partie Anand-Leko.
Shredder Mobile
„Ich zeig´dir mal was Neues“, lächelte Stefan, und
holte sein Handy aus der Tasche.
„Du bist der Erste, der dieses Programm
sieht. Es wird wahrscheinlich „Shredder Mobile“ heißen. Und wie der
Name schon verrät, ist es ein Schachprogramm für Mobiltelefone.“ Die
vertraute Shredder Oberfläche sieht auch auf einem modernen Handy
verdammt gut aus, und ohne Probleme konnte ich schnell eine Partie
spielen.
„Ich schätze, dass die Spielstärke von Shredder Mobile etwa
2000 Elo sein wird und ich hoffe, dass ich dieses Programm in den
nächsten Monaten anbieten kann. Danach wird auch bald Shredder 10 kommen
und ich muss mich auch auf die WM in Mai in Turin vorbereiten. Letztes
Jahr haben einige starke unbekannte Engines wie Rybka, Fruit und Zappa
die Szene belebt und ich bin dadurch extra motiviert, meine Engine stark
zu verbessern. Ich habe also genug zu tun“, erzählte der mehrfache
Computer-Programm-Weltmeister.
Spieler des Jahres
Wie bereits gesagt, war Meyer-Kahlen sehr angetan
von der Partie Anand-Leko und der Inder war gerne bereit, seine
gewonnene Partie später im Pressezentrum zu kommentieren. Wenn Vishy
eine Partie gewinnt, sieht es immer so unglaublich einfach aus und auch
die Partie gegen Leko war da keine Ausnahme. Die Analyse war
beeindruckend und die anwesenden Journalisten hatten nach der
Demonstration keine Fragen mehr. Gut, nach der Pressekonferenz ging es
schnell weiter Richtung „Paviljoen“, das große, weiße Zelt auf
der Bergweide, nur wenige Schritte vom Spielsaal entfernt. Dort
werden die Partien der Großmeister täglich kommentiert, aber am
Donnerstagabend wurde in einer kleinen Gala bekannt gegeben, wer
Spieler, Spielerin und Mannschaft des Jahres geworden war. Zehn
Journalisten, eine Fachjury und die Leser der Website
www.schakers.info durften die Besten des Jahres wählen.
Loek van Wely (links) und Jan Bey bei der Preisverleihung.
Foto: Eric van Reem.
Zhaoqin Peng bei der Preisverleihung. Foto: Eric van Reem
Webmaster
Jan Bey, der bereits zum dritten Mal diese Preisverleihung organisierte,
gab auf der Gala bekannt, dass GM Loek van Wely, Zhaoqin Peng und die
niederländische Nationalmannschaft, die 2005 Europameister geworden war,
die Gewinner des Abends waren. Die Gewinner bekamen eine sehr schönen
goldene Anstecknadel als Geschenk.
Selbstverständlich gratulierte Ihr
Berichterstatter (und Jurymitglied) den Gewinnern und kam dann auch ins
Gespräch mit der mehrfachen niederländischen Meisterin Zhaoqin Peng. Die
gebürtige Chinesin wird nächste Woche in Maastricht ein "Complete Chess
Match" spielen gegen die niederländische Nummer 2, Tea Lanchava-Bosboom.
Schauen Sie vorbei auf
www.chessevents.nl um weitere Infos zu bekommen.
In Maastricht
werden erneut zwei Shuffle Chess Partien gespielt, darauf freut sich die
37-jährige besonders: „Ich habe vor etwa 10 Jahren sogar gegen Fischer
in Budapest einige Schnellschachpartien gespielt, Chess960 natürlich,
und ich fand es sehr spannend. Deshalb würde ich sehr gerne dieses Jahr
beim Chess Classic in Mainz mitspielen. Mal sehen ob es klappt, ich
werde nämlich sehr viele Turniere spielen in den kommenden Monaten: nach
Maastricht spiele ich in Capelle, dann die Europameisterschaft, die
Weltmeisterschaft, die Olympiade in Turin und die niederländische
Meisterschaft.“
Pferdesteaks
Schnecken-Gourmet Ivanchuk
Foto: Eric van Reem
Nach der Gala wurde zu Abend gegessen in „The
Horse Club“, wieder nur wenige Schritte entfernt vom Paviljoen. Mit
den GM´s John van der Wiel, Zhaoqin Peng und local hero Harmen
Jonkman aus dem nur vier Kilometer entfernten Beverwijk, war der
Eloschnitt am Tisch recht hoch, aber der Schnitt am Nachbartisch mit
Weltmeister Topalov, seinem Manager und Freund Danailov und
Sekundant Cheparinov war wohl noch höher!
Stammgast im Horse Club
ist übrigens Vasily Ivanchuk, der immer nach der Partie eine Portion
Schnecken isst, so erzählte uns die freundliche Bedienung.
Im Horse
Club konnte man bis vor wenigen Monaten übrigens Pferdesteaks essen,
aber die Nachfrage hat in letzter Zeit nachgelassen. Deshalb wurde diese
Spezialität von der Karte entfernt.
In Teil 2 werde ich kurz eingehen auf die vielen
Turniere, die in Wijk gespielt werden. Es werden insgesamt nicht weniger
als 21 Events organisiert, darunter das Match zwischen den Schachdörfern
Wijk aan Zee und Ströbeck.
Eric van Reem
Ein Hinweis noch: am Mittwoch wird der
bekannte IM Hans Böhm live im Radio aus Wijk aan Zee berichten.
Das
traditionelle „Praatschaak“ beginnt um 20.00 Uhr und wird bis
23.00 dauern. Falls Sie die niederländischen Sprache ein wenig
verstehen, sollten Sie unbedingt reinhören, da Böhm zwei besondere Gäste
empfangen wird: Harold van der Heijden, Studienkomponist und Sammler von
Endspielstudien und der vielseitige Tim Krabbé.
Böhm, van der Heijden
und Krabbé werden versuchen, verschiedene Probleme und Studien zusammen
mit dem Publikum und Zuhörern zu lösen.