TopTurniere Tagebuch aus Wijk aan Zee: Filigrankünstler
22.01.2006 - Das Corus-Chess Turnier in Wijk aan Zee entwickelt sich immer mehr zu einem Hitchcock-Turnier: ständige Wechsel an der Tabellenspitze und überraschende Punktgewinne der vermeintlich schwächeren Großmeister sind die Elemente, die Spannung verschaffen, die Zuschauer in ihren Bann ziehen und die Organisatoren freuen.
Peter Leko spielt Simultan:
Chess Classic Mainz 2003
Dies musste auch der Russisch-Amerikaner Gata
Kamsky leidvoll erfahren, als er in seiner 7. Runden-Partie gegen den
eher schwach gestarteten Ungarn Peter Leko antreten musste.
Zuvor war Kamsky auf Wolke 7, hatte er doch mit
seinem Sieg gegen den indischen Großmeister Vishy Anand, immerhin Nr. 2
der Weltrangliste, Schnellschachweltmeister und Vizeweltmeister im
traditionellen Schach, bewiesen, daß sein Comeback nach langer
Turnierpause doch achtenswerte Ergebnisse bringt. Doch in seiner Partie
gegen Leko fiel er dann aus allen Wolken.
Nun ist es durchaus keine Schande, gegen Leko zu
verlieren, der mit 2740 ELo-Punkten immerhin die aktuelle Nr. 7 der
FIDE-Weltrangliste ist, wobei Pensionär Kasparov noch mitgezählt ist.
Leko hält sich mit beachtenswerter Konsistenz unter den TOP-Spielern,
zwischen dem Jahr 2000 und heute belegte er immer einen Rang zwischen
Platz 11 und Platz 4.
Leko, am 8. September 1979 in Subotica an der
ungarisch-serbischen Grenze geboren, galt immer als
Verteidigungskünstler. Nach dem Gewinn des Qualifikationsturniers in
Dortmund 2002 trat er gegen den Titelverteidiger Vladimir Kramnik in
einem Match im Dannemann-Center in Brissago (Schweiz) an. Im
hartumkämpften Finish unterlag er bei einer 8:7-Führung Kramnik im
letzten Spiel, er erzielte ein 8:8 Untentschieden nach Punkten, was
jedoch Titelverteidiger Kramnik gemäß Turnierreglement zum hauchdünnen
Gesamtsieg reichte.
Leko gilt auch als begnadeter Chess960-Spieler
und großer Fan der von Ex-Weltmeister Bobby Fischer erfundenen
Spielweise. Er selbst spielte gegen den legendären Eremit Fischer einige
Chess960-Partien, gewann 1996 in Jugoslawien das erste Chess960-Turnier
und besiegte den Engländer Michael Adams in einem 8-Runden Match bei den
Chess Classic Mainz 2001 und wurde Kandidat für den 1.Chess960-Weltmeistertitel. Im Jahre 2003
unterlag Peter Leko dem St.Petersburger Peter Svidler bei der 1.Chess960 Rapid World Championship
in der Mainzer Rheingoldhalle.
Gata Kamsky in 1994: WM-Kandidat und
Weltranglistenplatz #3
Lekos Spielweise beschrieb Harald Fietz in
einer Buch-Resension : "Der in Szeged lebende WM-Herausforderer im
Wartestand feierte am 9. September 2003 seinen 24. Geburtstag und hat
die Hälfte seines Lebens in der professionellen Schachszene verbracht.
Seinem Spielstil haftete lang Zeit das Image an, zu vorsichtig,
bisweilen gar langweilig, zu sein. Doch im Jahr 2002 staunte die
Schachwelt nicht schlecht: Kämpferisch, risikofreudig und mit einer
Kiste voller Eröffnungsideen zauberte er nicht nur, sondern sammelte
Erfolge für seinen neuen Status in der Schachhierarchie - unverkennbar
ein Sprung im Reifeprozess."
http://www.rochadekuppenheim.de/test/schach/sterne.htm
Und über die professionelle Turnier-Vorbereitung
und die Gestaltung der Ruhetage erkundigte sich Eric van Reem im
Interview mit Peter Leko in Wijk aan Zee (2002):
Was machst du an einem freien Tag? Bereitest du
dich vor, oder möchtest du mal einen Tag ohne Schach verbringen?
"Ich möchte mich ein wenig entspannen. Vorbereitet
habe ich mich schon genug, außerdem spielen die Gegner meistens ganz
anders als erwartet. Man spricht heutzutage soviel über Vorbereitung,
aber es ist alles so ausanalysiert, da kann man in der Eröffnung kaum
noch etwas Neues finden. Sogar Kasparov gewinnt keine Partien mehr in
der Eröffnung. Letztendlich wird alles am Brett entschieden."
Peter und Sofia Leko
In der 7. Runde des 2006-Corus-Turniers gegen den früheren
WM-Kandidaten Gata Kamsky bewies Peter Leko einmal mehr seine
Stärken und seine Fähigkeiten, geniale Züge am Brett zu finden.
Sein filigraner Zug mit 41. Sc4 verdiente bei nahezu allen
Kommentatoren und Analysten ein doppeltes Ausrufezeichens,
vergleichbar mit dem Ritterschlag der englischen Königin oder dem
Gewinn des Nobelpreis der Mathematik. Die besondere Kunst des
Springerzugs auf Sc4 war einerseits ein zunächst offensichtliches
Springeropfer, welches in der Folge zu einem 8-zügigen Matt führen
würde. Getreu dem Grundsatz der Schachstrategen ("Eine Drohung ist
oftmals wirksamer als deren Ausführung") erkannte Kamsky die
Gefahr, welche in dem vermeintlichen Springeropfer steckte und
nahm es folglich nicht an - doch am Ende nützte es herzlich wenig.
Nach der Partie kommentierte Leko selbstkritisch diesen Zug, er hätte
ihn erst nach zögerlichem Nachdenken gespielt und eigentlich hätte er
den Springer viel schneller ziehen müssen. So hätten selbst alle
Computerprogramme, die von den Beobachtern während der Partie
analysierend mitlaufen, diesen Zug empfohlen und so war der
Überraschungseffekt für die Galerie dahin.
Überzeugen Sie sich selbst von den Feinheiten dieser sehenswerten
Partie >>>hier.