TopTurniere Auf den Spuren von Ruy López de Segura Topalov übernimmt Führung
21.01.2006 - In vier der sieben Partien der heutigen Runde kam die Spanische Eröffnung zur Anwendung. Als Vater der Spanischen Eröffnung (engl. Ruy López Opening) gilt der spanische Schachspieler Ruy López de Segura (* 1530 / † 1580). In diesen Tagen schwebt sein Geist über dem provinziellen Wijk aan Zee und inspirierte die Weltklasse bereits in elf Partien, zu dieser Eröffnung zu greifen. Die sonst überwiegende Sizilianische Verteidigung wurde heute dagegen von den Teilnehmern im A-Turnier gänzlich verschmäht, doch die Bilanz für die Weißspieler lässt eher vermuten, dass sie bald wieder die Hauptwaffe für Schwarz sein wird. Ruy López meinte es besonders gut mit den Weißen und so konnten sie sich mit 3,5 von 4 möglichen Punkten deutlich durchsetzen. Zu den Gewinnern zählten Veselin Topalov, Sergey Karjakin und, man höre und staune, Peter Leko.
Ehre, wem Ehre gebührt, er genießt nicht erst seit dem Erringen des
Weltmeistertitels unter allen Top-Spielern den allerhöchsten Respekt, er
nahm die ELO-Hürde von 2800 und er war es, der Gary Kasparov mit einer
Niederlage in die Frührente schickte. Daher beginnt dieser siebte
Tagesrückblick des ersten großen Highlights des Schachjahres 2006 so,
wie das Jahr 2005 geendet ist, mit dem Weltmeister im traditionellen
Schach Veselin Topalov. Es war klar, dass Wijk aan Zee zu einem
kniffeligen Prüfstein für den Bulgaren werden würde, aber mit seinem
neuerlichen Sieg am heutigen Tag hat er sich mal wieder weltmeisterlich
präsentiert. Er stand mit dem verteidigten Gambitbauern bereits recht
aussichtsreich gegen den Niederländer Ivan Sokolov, als dieser etwas
überraschend zusätzlich zu dem Bauer einen Springer ins Geschäft
steckte. Topalov ließ nicht lange bitten, kassierte das Pferdchen und
drang seinerseits mit einem Springer nach e5 vor. Und jetzt trieb es
Sokolov auf die Spitze und ließ den angegriffenen Läufer von d7 auf h3
Selbstmord begehen. Der Weltmeister strich auch diesen ein und bewies
anschließend, dass Sokolov falsch spekuliert hatte. Zwar ward der
weiße Monarch fortan ohne bäuerlichen Schutz, aber dafür tummelten
sich ausreichend weiße Figuren in der Nähe ihres Herrschers, so dass für
die stark dezimierten schwarzen Streitkräfte kein Durchkommen mehr zu
erfinden war. Als sein Gegner sich anschickte, zu dem tödlichen
Gegenschlag auszuholen, gab der geborene Bosnier klein bei und auf.
Abhaken und vergessen musste die Devise für Vishy Anand nach dem
rabenschwarzen gestrigen Spieltag lauten. Heute hieß es, gegen einen
prima aufgelegten Michael Adams die Ruhe zu bewahren und Nerven und
Kräfte mit einem Remis zu schonen. So spielte der Inder seinen Spanier
betont zurückhaltend und es zeigte sich, das auch der Brite einer
Punkteteilung zugetan war. Nach 23 Zügen trennten sie sich friedlich und
konnten dann den anderen Kollegen entspannt bei der Arbeit zusehen.
Morgen wird Vishy dann mit Schwarz auf Etienne Bacrot treffen. Dieser
musste sich heute gegen Vassily Ivanchuk's 1.d4 wehren und griff dafür
zur Cambridge-Springs Verteidigung. Der Ukrainer versuchte, das Spiel
mit einem Bauernopfer zu verschärfen, doch Bacrot spielte umsichtig, gab
den Bauer zurück und behielt auch im Endspiel den Überblick. Im 43. Zug
einigten sich beide auf das Remis.
Es geht doch! - Peter Leko
Zu den absoluten Helden des Tages zählt mal wieder Sergey Karjakin. Im
Duell der Jugend verpasste der junge Ukrainer dem wenig älteren
Shakhriyar Mamedyarov eine schlechte Endspielstellung, in welcher der
weiße Springer der schlechten Läufer weit überlegen war. Der
Jugendweltmeister verspürte keine Lust, sich mit dieser objektiv
verlorenen Stellung unnötig zu plagen und ersparte mit seiner Aufgabe
auch seinem Gegner die technische Verwertung seines deutlichen Vorteils.
Karjakin klettert damit weiter aufwärts in der Tabelle und zieht mit
Vishy Anand gleich auf den 2. Platz. Auch morgen wartet mit Sergey
Tiviakov, der heute recht unspektakulär den Punkt nach 30 Zügen mit
Boris Gelfand geteilt hat, eine nehmbare Hürde auf ihn. Doch in der 9.
Runde am Dienstag wird sich die Nr. 1 der Setzliste persönlich mit ihm
beschäftigen und prüfen, ob der Teenager bereit ist für den Kreis der
Elite.
Und noch jemand dürfte heute weitaus glücklicher den Abend ausklingen
lassen, als in den Tagen zuvor. Peter Leko erreichte gegen den sehr
schwankend agierenden Gata Kamsky eine ausgezeichnete Stellung mit
Mehrbauer und spätestens als er den Killer 41.Sc4!! fand, seufzte die
Fan-Gemeinde erleichtert auf. Kamsky's Kartenhaus fiel förmlich in sich
zusammen und bevor sich die weißen Figuren auf den entblößten schwarzen
König stürzen konnten, strich der Amerikaner die Segel. Leko's erster
voller Punkt kommt spät aber vielleicht ja noch nicht zu spät... Warten
wir ab, ob dies die Initialzündung für eine furiose Aufholjagd oder nur
Schadensbegrenzung war.
Alles versucht und auch alles verloren hat der einstige Geheimtipp auf
den Turniersieg Levon Aronian gegen Loek van Wely. In einer turbulenten
Partie mit Irrungen und Wirrungen auf beiden Seiten behielt der
Niederländer den besseren Überblick und machte schlicht den vorletzten
Fehler. Im Endspiel hatte er neben der gesünderen Bauernstruktur
gegenüber dem weißen Turm mit Läufer und Springer die leichtfüßigeren
Figuren. Aronian wehrte sich bis zum Letzten tapfer gegen das näher
kommende schwarze Freibauernpaar, doch van Wely behielt die Nerven und
am Ende die Oberhand.