TopTurniere Tagebuch aus Wijk aan Zee: Der Friedhof der Ambitionen
20.01.2006 - Mit Sergey Karjakin und Etienne Bacrot standen sich in der 4. Runde des Corus-Turnieres in Wijk aan Zee zwei ungleiche Schachzwillinge gegenüber, deren Vita zwar durch 7 Lebensjahre getrennt ist, jedoch in ähnlichen Bahnen abläuft. Beide sind in jungen Jahren durch ihr Schachtalent aufgefallen und gefördert worden und beinahe wären sie in einer Bundesliga-Mannschaft gemeinsam zum Einsatz gekommen. Mit seinen Auftaktergebnissen beim Corus-Turnier kann der sympathische Franzose Bacrot nicht zufrieden sein, seine Hoffnungen wird er wohl auf dem "Friedhof der Ambitionen" begraben müssen.
Albert an der Somme:
Kriegs-Schauplatz im Ersten Weltkrieg
Seine Heimatstadt Albert, in der tiefsten
französischen Provinz Picardie gelegen, war einst Schauplatz erbitterter
Kämpfe im Ersten Weltkrieg, die "Schlacht an der Somme" ging in die
Annalen ein und noch heute erinnern Soldatenfriedhöfe in der nächsten
Umgebung von Albert an dieses schreckliche Ereignis.
Etienne Bacrot hatte einen eher atypischen
Karriere-Start, denn wann werden Weltklassespieler in der tiefsten
französischen Provinz, in Albert, geboren um schon in frühen Jahren in
die Weltrangliste vorzustossen?
Zu seinem aussergewöhnlichen Schachtalent hatte
Bacrot das Glück, mit hervorragenden Trainern zusammenzuarbeiten, allen
voran Iossif Dorfmann.
Etienne Bacrot als zwölfjähriges Talent
Dorfmann war mit einem begnadeten
Schachverständnis ausgerüstet, welchem er die Aufnahme in das
Betreuer-Team von Kasparov, den er auf vier Weltmeisterschaften
begleitet, verdankt.
Im Jahre 1990 profitierte Dorfmann von der
Öffnung der Ost-Grenzen, um sich in Frankreich niederzulassen, wo er
seine Kenntnisse in die Dienste der französischen Nationalmannschaft
(1990 -1992), von Etienne Bacrot (1993 - 1997) und Vesselin Topalov
(1998) stellt.
Französischer Meister im ersten Anlauf im Jahre
1998, bleibt lossif Dorfman ein gefürchteter Gegner am Brett, aber seine
weltweite Berühmtheit stützt sich heute hauptsächlich auf sein
hervorragenden Fähigkeiten als Trainer.
Bacrots ausserordentliches Talent führte ihn
bald in die Weltrangliste, im Jahr 2000 erzielte er 2594 ELO-Punkte und
steigerte sich auf 2717 ELO-Punkte, was ihm Rang 13 unter den
TOP-Spielern einbrachte. Der sympathische Franzose war als Teilnehmer
der Chess Classic Mainz im Schnellschach-Mekka am Rhein zu Gast. Nachdem
sich die von Wolfgang Grenke und seiner Firma GrenkeLeasing geförderte
Bundesligamannschaft des OSC Baden-Baden für den Meisterkampf verstärken
wollte, viel das Auge der Verantwortlichen schon schnell auf Bacrot.
Etienne Bacrot als Chess960-Spieler bei den Chess Classic Mainz 2004
So spielt er in Baden-Baden an der Seite von
Vishy Anand, Peter Svidler, Alexij Shirov und um ein Haar wäre auch sein
Gegenspieler aus Wijk aan Zee Mannschaftsmitglied geworden.
FM Hartmut Metz, ein besonderer Kenner der
badischen Schachszene, berichtete über das Personal-Karussel des
Bundesligisten:
"Verzichten wird der alte und neue Elo-Favorit -
mit Peter Svidler und Alexei Shirov hat der Club weitere 2700er-Asse an
den vorderen Brettern – auf Sergey Karjakin. Der jüngste
Großmeister aller Zeiten galt als erster Anwärter für den Kader. Doch
nach dem Turnier in Sofia hat sein Manager Silvio Danailov, der auch
Vesselin Topalov und Ruslan Ponomariov betreut, die Preise nach oben
geschraubt. Teammanager Thilo Gubler und Grenke winkten daraufhin wohl
ab. Ihr neues Modell setzt auf mehr Teamgeist - dafür soll unter anderem
Anands Intimus Nielsen sorgen - und erfolgsabhängige Bezahlung. "Wenn
die Mannschaft gewinnt und der Spieler, erhält dieser etwas mehr",
berichtet Grenke von frisch vorgelegten Verträgen.
http://www.rochadekuppenheim.de/meko/meko5/oos.htm
In 2 Tagen, am 22. Januar, feiert Etienne Bacrot
Geburtstag und er wird dann reichlich Gelegenheit haben, trotz seines
derzeitig eher mässigen Tabellenstands beim Corus-Turnier die
Glückwünsche seiner Schachkollegen und Fan-Gemeinde anzunehmen. Doch
beim Aufeinandertreffen der ungleichen Zwillinge Karjakin und Bacrot
nahmen die ehemaligen und aktuellen Jungtalente des Weltschachs keine
Rücksicht auf Sentimentalitäten. Am Brett beeindruckte der 16-jährige
Karjakin mit einer sehenswerten Partie, die von den Chess Tigers auch
konsequenterweise mit dem Prädikat "Partie des Tages" versehen wurde.