TopTurniere Das Imperium schlägt zurück Anand bricht Leko's Remisserie
19.01.2006 - Es erinnert entfernt an einen Star Wars-Streifen, was sich beim Corus Chess Tournament im niederländischen Wijk aan Zee abspielt. Das Imperium - in den älteren Filmen von ganz in Weiß gerüsteten Soldaten vertreten - wurde von den tapferen Jedis böse geschlagen und dürstete nach Rache, die es dann nach einer Phase der Erholung in dem Film "Das Imperium schlägt zurück" mitunter sehr ausgiebig nahm und nur eine Handvoll der Jedi-Ritter überlebte. Ähnlich ergeht es den Schwarzspielern im A-Turnier momentan. Nach der vernichtenden Schlappe in der 4. Runde schlugen die Weißspieler nach dem gestrigen Ruhetag heuer gnadenlos zurück, haben sie doch den Ruf zu verteidigen, zu Beginn einer Partie über einen leichten (Anzugs-)Vorteil zu verfügen. Drei Weiß-Siege egalisieren die drei Schwarz-Siege der 4. Runde und lassen die Ahnung aufkommen, dass ihnen die Herrschaft doch nicht ganz zu nehmen sein wird. Doch schon morgen könnten die Schwarzen zurückschlagen. Möge die Macht mit ihnen sein!
Mit knisternder Spannung versammelte sich heute
schon deutlich vor Beginn der Internetübertragung zahlreiche Fans vor
ihren Rechnern und stellten sich die Frage: "Wird Vishy auf Sieg spielen
oder wird Peter Leko zu seinem fünften Remis in Folge kommen?" Zunächst
sah es nach Letzterem aus, denn Leko kam zufriedenstellend aus seinem
Najdorf-Sizi und der Doppelbauer auf der e-Linie sollte keine Schwäche
sein. Aber dann schien es so, als würde dem Ungarn nichts Vernünftiges
mehr einfallen. Eher planlos gruppierte er am Damenflügel Dame und Turm
um und beachtete die scheinbar auch nicht aktiven Züge unseres Tigers
nicht weiter. Dabei gruppierte Anand ebenfalls und deutlich cleverer um
und hatte dabei eine tigerstarke Idee. 30.c5!! muss für Leko ein Schock
gewesen sein. Plötzlich spielte nur noch Weiß und die schwarze
Bauernstruktur offenbarte Schwächen, die Leko nicht mehr zu stopfen
vermochte. Das Ergebnis war ein Mehrbauer für den indischen Superstar in
Form eines gigantischen Freibauerns. Das musste wenig später auch Leko
einsehen und seinem Gegner zum verdienten Sieg gratulieren. Für Peter
Leko sicherlich ein herber Rückschlag und vielleicht die Lehre, eine
andere Turniertaktik zu versuchen. Für Vishy Anand läuft es in diesen
Tagen hervorragend. Seine Turnierleistung liegt bei über 2950 und
momentan würde er sich über ELO 2800 hieven. Die Tiger-Gemeinde drückt
natürlich sämtliche Daumen und hofft, dass sie ihren Helden auch
weiterhin so bejubeln kann.
Weiterhin Lehrgeld hat Gata Kamsky zu zahlen.
Heute strich Vassily Ivanchuk gegen ihn den vollen Betrag (=Punkt) ein,
obwohl der Amerikaner sich bemühte, mit Schwarz nicht zu sehr unter
den Druck des Angriffspielers aus der Ukraine zu gelangen. Fraglich ist
nur, ob die Sizilianische Paulsen-Variante dazu der einfachste Weg ist.
Er erreichte eine Stellung, die nachweislich schlechter aber nicht
zwingend verloren schien. Allerdings erweckten die schwachen Bauer wenig
Hoffnung für den Schwarzen beim Kreis der Kiebitze. Und dann erlaubte
Kamsky seinem Gegner den entscheidenden Einstieg hinter die schwarzen
Linien, was ihm letztlich diese neuerliche Niederlage bescherte.
Ivanchuk musste nicht sonderlich spektakulär spielen sondern nur auf den
Fehler seines Gegners warten und ihn ausnutzen. Damit bleibt er dem
führenden Inder dicht auf den Fersen.
Trotzte dem Weltmeister - Shakhriyar Mamedyarov
Als unglücklich werden manche das Remis zwischen
Veselin Topalov und Shakhriyar Mamedyarov bezeichnen. Hätte der
Weltmeister nach seinem interessanten Qualitätsopfer nicht gewinnen
können oder gar müssen? Ersteres ist wohl möglich aber Letzteres ist
schwer zu beantworten. Die Topalov-Fans jedenfalls waren schlicht platt,
als ihr Idol im 45 Zug nach vergeblichen Gewinnversuchen das Remis
selbst forcierte. Die Leistung, die damit der Jugenweltmeister gegen den
Weltmeister erbracht hat sollte nicht zu gering bewertet werden.
Immerhin stand er deutlich schlechter und hat am Ende doch noch einen
halben Punkt ergattert. Somit rangieren Topalov und Ivanchuk gemeinsam
auf dem 2. Platz.
Hut ab, Sergey Karjakin! Die Spanische
Tschigorin-Variante vermochte Etienne Bacrot zwar noch nicht allzu sehr
zu überraschen, wohl aber der plötzliche Springereinschlag des jungen
Ukrainers auf h6, der allerdings alles andere als schwer zu sehen war.
Wirklich beeindruckend war die Konsequenz und Genauigkeit, die Karjakin
fortan demonstrierte. Bacrot versuchte sich zwar noch mit einem
Damenopfer, aber objektiv war er da bereits verloren. Nach 41 Zügen
reichte es ihm und er zollte dem starken Nachwuchs Tribut, indem er
aufgab. Mit diesem Sieg muss ein zweiter Ukrainer dringend in Betracht
gezogen werden, wenn es um die Vergabe der vorderen Plätze geht. Bacrot
indes muss nach zwei Niederlagen in Folge bemüht sein, in der nächsten
Runde gegen Levon Aronian einen endgültigen Absturz zu verhindern.
Loek van Wely ist Letzter der Setzliste und
daher bedeutet jedes Unentschieden einen kleinen Gewinn für ihn. Heute
musste er sich mit den schwarzen Figuren gegen Boris Gelfand erwehren
und wählte als Waffe dafür die bewährte Hauptfortsetzung der
Grünfeld-Verteidigung. Bauer auf a2 genommen, dafür den Bauer auf e7
geben, die Qualität für den gefährlichen d-Bauer geopfert, Damen vom
Brett getauscht und und die beiden verbundenen Freibauern garantieren
den Ausgleich nach 26 Zügen.
Keine Besonderen Vorkommnisse in der Partie
Sergey Tiviakov gegen Ivan Sokolov zu vermelden. Aus der
Anderssen-Variante der Spanischen Eröffnung heraus tauschten die
Experten beinahe alles ab. Dass Tiviakov schließlich einen schwachen
Bauer mehr hatte förderte Friedensgedanken auf beiden Seiten und nach 34
Zügen ward das Remis abgemachte Sache.
Tschechische Hoffnung mit strahlend blauen Augen - David Navara
Die längste Partie legten Levon Aronian und
Michael Adams auf's Parkett. Der Brite hatte sich ein vorteilhaftes
Schwerfiguren- und dann reines Damenendspiel mit einem Freibauer
erspielt, doch er vermochte nicht, ihm zur Umwandlung zu verhelfen und
Aronian dürfte zumindest ein kleiner Brocken vom Herz gefallen sein.
Vielleicht war für unseren deutschen Star im
B-Open in der heutigen Partie gegen die Nr. 1 der Setzliste mit den
schwarzen Steinen sogar mehr drin, aber auch mit dem Remis kann und wird
er sicher zufrieden sein. Der Tscheche opferte (oder stellte er sie gar
ein??) eine Qualität verteidigte sich jedoch sauber und hielt die
Stellung ausgeglichen. Navara hat sicherlich ebenfalls Titelambitionen,
denn für ihn wäre ein Sieg und damit die Teilnahme am kommenden
A-Turnier sicherlich das Highlight seiner noch jungen Karriere. Da sich
Giovanni Vescovi und Humpy Koneru ebenfalls den Punkt teilten, könnte
man meinen, das der Deutsche weiterhin alleine die Tabelle anführt, doch
da gibt es noch einen blonden Knaben, der im Kreise so vieler großer
Menschen eher an einen verirrten Autogrammjäger denn an einen
Großmeister mit Ambitionen zur Weltspitze erinnert. Magnus Carlsen ist
mittlerweile 15 Jahre alt und so langsam scheinen die kindlichen Züge im
Gesicht des Norwegers männlichere Züge anzunehmen, doch nach wie vor
fällt er in der Riege der Meister auf. So langsam haben sich die Herren
und wenigen Damen an seine Anwesenheit gewöhnt, da will der Junge gleich
wieder ins Rampenlicht und zwar mit ausgezeichnetem Schach. Heute gelang
es ihm, mit Alexander "Big Al" Beliavsky einen der Etablierten zu
schlagen und zog so mit Naiditsch gleich. Beide führen nun mit
phantastischen 4/5.