TopTurniere Von Schaakers und vom Schaatsen: die Popularität des Loek van Wely
19.01.2006 - Wäre er Fussballer, Hockeyspieler oder gar Eisschnelläufer, seine Popularität in den Niederlanden wäre fast nicht mehr zu steigern. Doch da er "nur" Schachspieler ist, sind dem sympathischen Europa-Mannschaftsmeister des Jahres 2005 Grenzen gesetzt. Zwar ist seine Popularität immer noch wesentlich höher als die höchsten Dünen in Wijk aan Zee, doch beim diesjährigen Corus-Chess Turnier ist sein Höhenflug, der bei den Europa-Mannschaftsmeisterschaften 2005 begann, unsanft gebremst worden - wie es auch Ikarus in der griechischen Mythologie bitter erfahren musste. Ein anderer Überflieger aus Bulgarien, Weltmeister Vesselin Topalov, bremste ihn gekonnt aus. Doch bei allem Schmerz über die Niederlage bleibt am Ende des Tages die Freude über eine wirklich sehenswerte Partie.
Holländischer Nationalsport:
Beim "Schaatsen" kommt die geballte Dynamik zum Vorschein
Bei Loek van Wely kommen manche holländischen
Nationaltugenden zum Vorschein: Der Fitness-Fan am Schachbrett steht
nicht erst seit seinem 6. Landestitel in der langen Linie holländischer
Brettspieler wie Weltmeister und Mathematiker Max Euwe oder Großmeister
Jan Timman, er beeindruckt seine Fans auch mit der
typisch niederländischen Lockerheit abseits des Schachbretts. In den
Schachpartien wird diese jedoch durch eine Konzentration abgelöst, die
man nicht für möglich halten könnte.
Beim Corus-Schachturnier in Wijk aan Zee trifft
Loek van Wely auch einen guten Bekannten aus einem früheren Leben. In
der kalmückischen Hauptstadt Elista fungierte Loek van Wely als
Sekundant für Gata Kamsky. Gata wer? Der Russe mit amerikanischem Pass
war einst ein Weltmeisterschaftskandidat und kämpfte mit Anatoly Karpov
um die Krone im Weltschach.
Holländer beim "Schaatsen":
die etwas volkstümlichere Variante
Danach pausierte Kamsky während langen Studienjahren
in den USA, um jetzt bei seinem Comeback im Weltschach den etwas
angestaubten Fundus an Schachtheorie und Turnierpraxis gut
durchzulüften. Nach der langen Pause gerät Gata Kamsky überhaupt nicht
in den Verdacht, den aktuellen Top-GMs der in Wijk anwesenden Weltelite
mit der ein oder anderen Finte ein Bein zu stellen - zulange war seine
Abwesenheit. Doch vielleicht beschleunigt das Wiedersehen mit seinem
ehemaligen Sekundanten van Wely den Wiedereintritt in die
Atmosphäre des Schach-Universums - zukünftige Überraschungen sollten
nicht ausgeschlossen werden. Nicht nur im Turniersaal, sondern auch in der Turniertabelle sind sich Kamsky und van Wely wieder nahe gekommen. Kamsky belegt nach vier Runden den letzten Platz unter den 14 Teilnehmern der Großmeister-Gruppe A, van Wely ist mit einem halben Punkt mehr auf dem 10. Platz anzufinden, punktgleich mit seinen niederländischen Landsleuten Tiviakov und Sokolov. Loek van Wely, der mit Weiß bevorzugt gegen
Königs-Indische oder Damen-Indische Verteidigungen spielt, griff auch
tief in die Trickkiste der Eröffnungen und zauberte gegen Weltmeister
Topalov ein Hybrid-Eröffnung aufs Brett.
Topalov, der drauf und dran ist in seinem
Heimatland die beliebten Ringer und Fußballspieler vom Olymp der
Sportpopularität zu stossen - etwas, was der indische Super-GM Vishy
Anand in seiner Heimat als Sportler des Jahres schon mehrmals erreicht
hat - ließ sich aber von Loek van Wely nur kurz beeindrucken.