TopTurniere Furchtloser Weltmeister Topalow „voller Energie und Phantasie“ 30-jähriger „Bulldozer“ aus Bulgarien sichert sich vorzeitig den Titel
16.10.2005 - Wesselin Topalow hat sich vorzeitig die WM-Krone des Schach-Weltverbandes FIDE aufgesetzt. Der Bulgare remisierte im argentinischen San Luis gegen den usbekischen Titelverteidiger Rustam Kasimdschanow und war vor seinem letzten Duell in der vergangenen Nacht gegen Judit Polgar (Ungarn) mit 9,5:3,5 Punkten nicht mehr einzuholen. Seine schärfsten Rivalen, der indische Weltranglistenerste Viswanathan Anand und Peter Swidler, blieben mit 1,5 Zählern Rückstand auf Distanz. Der Russe kam in der 13. der 14 Runden gegen Polgar nicht über ein Unentschieden hinaus. Anand lieferte sich mit Alexander Morosewitsch nochmals einen offenen Schlagabtausch, aber nach einem spektakulären Läufer- und Damenopfer musste sich der „Tiger von Madras“ mit einem Dauerschach und ebenfalls einem halben Punkt bescheiden.
Entscheidung vor leeren Rängen:
Topalov (links) sichert sich durch Remis
vorzeitig WM-Titel
Topalow geriet gegen Kasimdschanow in eine
schwierige Position. Doch mit einer mutigen Attacke befreite sich
der 30-Jährige aus der Umklammerung.
Deshalb zog sein Vorgänger auf dem
WM-Thron die Notbremse und wickelte im 42. Zug in ein
ausgeglichenes Endspiel ab.
Gleich darauf bot der mit 5,5:7,5
Punkten abgeschlagene Kasimdschanow das Remis und damit quasi die
Titelübergabe an, die Topalow ohne zu zögern freudestrahlend
annahm. Schon während der Partie hatte der englische
WM-Kommentator Nigel Short ob des „mutigen und begeisternden“
Konters gejauchzt. Anschließend pries der Vizeweltmeister von 1993
die „brillante Leistung“ des Weltranglistenzweiten, der in der
argentinischen Provinz um „Klassen besser“ als die Konkurrenz
gespielt habe und auf den 64 Feldern einen „Thriller“ nach dem
anderen produziere.
Weltmeisterin Antoaneta Stefanova aus Bulgarien
Foto: Chess Tigers
Seinem Spitznamen machte „La Topadora
Topalov“ - Topalow der Bulldozer, wie er in seiner spanischen
Wahlheimat genannt wird – vor allem in der Vorrunde des
WM-Turniers alle Ehre. Bei seinem furiosen Start mit sechs Siegen
und nur einem Remis gegen Anand walzte der bulgarische
Nationalheld alle platt und setzte sich um zwei Zähler von den
Verfolgern ab.
Diese Leistung wird in die
Schach-Geschichtsbücher eingehen. Die folgenden sechs Remis waren
untypisch für den oft 70, 80 Züge um den Sieg ringenden Spieler
mit dem großen Kämpferherzen. Die Schachfans sehen dies daher
ihrem Liebling nach, diente die ungewohnte Friedfertigkeit doch
Topalow zur Absicherung seines bisher größten Erfolgs.
Bulgarien ist nun endgültig der neue Nabel
der Schach-Welt: Das kleine Land mit seinen 7,45 Millionen
Einwohnern stellt mit Antoaneta Stefanowa auch die Weltmeisterin.
Selbst der Titel als Senioren-Weltmeister ging vor wenigen Tagen
an einen Landsmann, Liuben Spassow.
Den Unterschied zwischen sich und seinen
Profi-Kollegen hat der neue Weltmeister schon lange ausgemacht:
„Ich habe keine Angst vor dem Verlieren!“, urteilt Topalow. Seine
überlegene körperliche Fitness dank regelmäßiger Waldläufe und
Hanteltrainings zahlt sich oft in der sechsten und siebten
Spielstunde für den drahtigen Denkstrategen aus. Dem am Brett
stets elegant mit Krawatte und Jackett gekleideten 30-Jährigen
wird der glorreiche WM-Sieg mit 300.000 US-Dollar versüßt. Mehr
bringen in Zukunft aber die höheren Antrittsgelder bei Turnieren
und hochdotierte Werbeverträge in seiner Heimat ein. Vor allem
sollte nun ein millionenschweres Vereinigungsmatch gegen Wladimir
Kramnik folgen. Den Russen, der 2000 den vom Weltverband
abtrünnigen Garri Kasparow bezwungen und den Konkurrenz-Titel
erobert hatte, muss Topalow derzeit kaum fürchten. Zumal sich der
gleichaltrige Widersacher seit Jahren in einer Formkrise befindet
und in der Weltrangliste auf Platz sechs abrutschte.
Kein Blatt vor dem Mund:
Viktor Kortschnoi (links) vor der Presse
Die Fans vergleichen „Toppi“ zunehmend mit
der zurückgetretenen Legende Kasparow - nicht nur, weil er den
Russen in seiner letzten Turnierpartie im März im spanischen
Linares geschlagen hatte. Der „Bulldozer“ spielt auch mit
ähnlichem Feuer wie das 20 Jahre dominierende „Ungeheuer von
Baku“. Keiner kann das besser beurteilen als Viktor Kortschnoi.
Der steht noch mit 74 in den Top 100 und macht seinem Kampfnamen
„Viktor der Schreckliche“ weiter alle Ehre. Für den „Nachwuchs“
hat Kortschnoi selten lobende Worte übrig – von Topalow zeigt sich
der mehrfache Vizeweltmeister allerdings angetan: Er sei als
Weltmeister „der einzige legitime Nachfolger Kasparows. Topalows
Spiel steckt voller Phantasie und Energie. Sein mutiger Stil
gefällt mir“.