TopTurniere WM 2012 - Anands Festung hält Noch zwei Weißpartien für den Weltmeister
23.05.2012 - Wow, das war sicherlich nicht nur für die Kontrahenten eine aufregende neunte Partie bei der Schach-WM in Moskau. Statt Slawisch wählte Viswanathan Anand als Schwarzer heute die Nimzoindische Verteidigung, doch nach eigener Aussage lief dabei etwas falsch. Genauer gesagt, schätzte er die Stärke des Gelfandschen Läuferpaars gegen das eigene Springerpaar nicht richtig ein und geriet in eine schwierige Lage. Gelfand seinerseits traf daraufhin im 19. Zug womöglich nicht die optimale Entscheidung, als er die Einladung seines Gegners zu einem Endspiel mit Dame gegen Turm und Springer annahm. In der Folge spielte der amtierende Weltmeister extrem stark und errichtete zum Erstaunen vieler Kiebitze und Experten eine uneinnehmbare Festung. Gelfand gab sich alle Mühe, das indische Konstrukt zum Einsturz zu bringen, aber nach 49 Zügen sah er ein, dass er heute nicht gewinnen würde und willigte ins Remis ein. Diese Partie wird garantiert noch viel Anlass zu langen Analysen geben. In der Folge haben wir versucht, Ihnen zumindest die wichtigsten Stellen und Varianten zu zeigen. Die Spieler werden tiefere Analysen sicherlich auf später verschieben, denn morgen steht bereits Partie Nr. 10 an. Anand wird in den verbleibenden drei Partien noch zweimal den Anzugsvorteil haben und sicherlich versuchen, diesen zu seinen Gunsten zu nutzen.
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Name
NAT
ELO
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
Total
Perf.
+/-
V. Anand
IND
2791
½
½
½
½
½
½
0
1
½
-
-
-
4.5
2727
-8
B. Gelfand
ISR
2727
½
½
½
½
½
½
1
0
½
-
-
-
4.5
2791
+8
Boris Gelfand (2727) vs. V. Anand (2791) WM 2012, Moskau - Partie 9 (E54 - Nimzoindisch)
1.d4 Sf6 2.c4 e6 Aha, kein Slawisch... 3.Sc3 Lb4 ...sondern Nimzoindisch! Ein Klassiker in vielen Weltmeisterschaften.
4.e3 0–0 5.Ld3 d5 6.Sf3 c5 7.0–0 dxc4 8.Lxc4 cxd4 9.exd4 b6 10.Lg5 Lb7 Bis hier folgte man der Partie ... Anand gegen Topalov in der neunten(!) Partie der WM 2010 in Sofia!
11...Sbd7 12.Tac1 Tc8 13.Ld3 Lxc3 14.bxc3 Dc7 15.c4 Erst dieser Zug verlässt die oben erwähnte WM-Partie, welche sich mit 15.Tfe1 Tfe8 noch hätte herbeiführen lassen. Nach dem Partiezug gibt es keine Vorgängerpartien allzu namenhafter Spieler mehr.
15...Lxf3?! Der Weltmeister nimmt das Duell Springerpaar gegen Läuferpaar auf. Vermutlich wird er diese Entscheidung alsbald bereut haben, denn nun steht ihm ein langer Kampf um den halben Punkt bevor.
Das eigentlich wünschenswerte 16...e5?! ist zumindest fragwürdig. Nach beispielsweise 17.Lf5 Tce8 sind 18.Dg3 oder auch 18.c5 interessante Möglichkeiten für Weiß, auf Sieg zu spielen. Einige Experten mutmaßten, dass Anand dies bei 15...Lxf3 übersehen bzw. unterschätzt haben könnte.
17.Tfd1 Die ewige Frage: "Wohin mit den Türmen?" stellte sich auch hier.
Denn 17.Tfe1 kam ebenfalls sehr gut in Betracht.
17...h6 18.Lh4 Dd6 Vieles dreht sich um die Frage, ob Schwarz irgendwann zu e6-e5 kommt. Live-Kommentator Klaus Bischoff prognostizierte dem Champion hier einen schweren Kampf ums Remis.
19.c5!? ist interessant, letztlich aber wohl nicht optimal. Weiß forciert (unnötig) das Geschehen.
19.Lg3 mit klarem Positionsvorteil war eine logische und vermutlich bessere Alternative.
19...bxc5 20.dxc5 Txc5! 21.Lh7+ Kxh7 22.Txd6 Txc1+ 23.Td1 Tec8 "Ohne die a-Bauern hätte Schwarz eine Festung." (Bischoff)
24.h3 Se5 25.De2 Sg6 26.Lxf6 gxf6 Endlich ist auch der Rest des Läuferpaars vom Brett! 27.Txc1 Txc1+ 28.Kh2 Tc7 29.Db2 Kg7 Sehr viele starke Großmeister diskutierten über unterschiedliche Medien diese Stellung und klar war nur, dass überhaupt nichts klar ist. Die Hälfte sah eine solide schwarze Festung, die andere Hälfte sah Weiß per a2–a4–a5–a6 nebst Sturm am Königsflügel gewinnen. Eine andere Möglichkeit besteht möglicherweise auch darin, irgendwie den weißen König nach h5 zu führen.
30.a4 Se7 31.a5 Sd5 32.a6 Kh7 33.Dd4 f5 Schwarz stemmt sich gegen eine mögliche Attacke am Königsflügel.
34.f4
34.g4 hätte die schwarze Verteidigungskunst möglicherweise auf eine noch größere Probe gestellt. z. B. 34...fxg4 (Nach 34...f4 geht eventuell 35.h4 mit der Idee h5, Kh4 und g5.) 35.hxg4 Es ist jetzt gar nicht so einfach, einen sinnvollen Zug für Schwarz zu finden. Houdini gibt die Variante 35...Kg6 36.De4+ Kf6 37.Dh7 Tc6 38.Dxh6+ Ke7 39.Dh4+ Kd7 40.Dh7 Ke8 41.Dg8+ Ke7 42.Db8 an, wonach Weiß wegen Db7+ den a-Bauer behält. Es ist aber gut möglich, dass Schwarz nach 42...Tc7 noch immer eine Festung hat.
Analysediagramm
34...Td7 35.Kg3 Kg6 36.Dh8 Sf6 Hier passt mal wieder die "alte" Weisheit: Der Springer ist der beste Freund des Königs. 37.Db8 h5 38.Kh4 Kh6
39.Db2
Eine witzige, aber zugleich sehr wichtige Variante lautet 39.Db3 Kg6 40.Dg3+ Kh7 41.Dg5?? Se4!, und plötzlich gewinnt Schwarz! 42.Dxh5+ Kg7–+, denn gegen Td8–h8 gibt es kein Mittel mehr.
Analysediagramm
39...Kg6 40.Dc3 Se4 Beide Seiten haben die Zeitkontrolle geschafft, und während Engines und Experten noch nach Gewinnmöglichkeiten suchten, sprachen die ersten Großmeister (z. B. Erwin l'Ami und Anish Giri bei Twitter) von einer brillanten Verteidigung des Weltmeisters.
41.Dc8 Sf6 42.Db8 Te7!? Hier brach bei den vielen Kiebitzen nochmals Unruhe aus, da einige dachten, dass Weiß nun gewinnt. Zu seinem Glück hatte Anand jedoch weiter gerechnet.
42...Se4?? wäre ein schwerer Fehler: 43.Dg8+ Kh6 44.g4+–
42...Kh6 war der allgemein erwartete Zug, nachdem es wohl kein weiteres Vorankommen für Weiß gibt.
43.g4 hxg4 44.hxg4 fxg4 45.De5 Sg8 Jetzt bekommt Weiß noch den Bauern zurück, gewinnen kann er aber nicht mehr. 46.Dg5+ Kh7 47.Dxg4 f6 48.Dg2 Kh8 49.De4 Kg7 Hier bot Anand das Remis an und kopfschüttelnd nahm Gelfand an. ½-½