TopTurniere Nackte Könige begeistern das Fußvolk Stumme „Revolution“ wirkt Wunder: Maulkorb für Großmeister garantiert in Sofia Schach-Schlachten statt Remisvereinbarungen
24.05.2005 - Vergeblich hatte das Fußvolk jahrelang auf solch prickelnde Szenen gewartet: Endlich aber gab es in Sofia nackte Könige zu sehen! Gleich in drei Partien standen am Schluss der weiße wie der schwarze Monarch mutterseelenallein ohne einziges verbliebenes Bäuerlein auf dem Schachbrett. Zufrieden nannte Organisator Silvio Danailow sein Turnier eine „Revolution“.
Hartmut Metz
Den Bulgaren hatte ebenso wie viele Fans rund um den Globus das
regelmäßige Remisgeschiebe der Topspieler genervt. Beispielsweise
bei Paarungen zwischen dem Inder Viswanathan Anand und Weltmeister
Wladimir Kramnik (Russland) standen Friedensangebote nach ein paar
heruntergespulten Eröffnungszügen auf der Tagesordnung.
Bei dem 600.000 Euro teuren Wettbewerb in
Sofia durften Anand und Kramnik am Brett nicht miteinander
parlieren – und oh Wunder: Das zweite Duell der beiden entschied
der „Tiger von Madras“ nach einem katastrophalen Schnitzer
Kramniks in lediglich 20 Zügen für sich.
Das sollte die kürzeste Partie des
gesamten Turniers bleiben. Dank der stummen Revolution wurde bis
zum letzten Bauern gekämpft. Fast ein Drittel der 30 Partien ging
über 60 und mehr Züge – ein Novum im Spitzenschach, das mit
kurzzügigen Arbeitsverweigerungen der Profis nervte.
Man stelle sich die Reaktionen von
Fußballfans vor, würden ihre Lieblinge nach einer Viertelstunde
vom Feld schleichen, weil beiden Seiten ein Endergebnis von 0:0
als ganz passabel erschiene.
Silvio Danailow: Organisator und Manager
Foto: Mtel
Die Statistiken begeistern die Fans. 12
der 30 Vergleiche hatten in Sofia einen Sieger, nur 60 Prozent der
Partien endeten friedlich.
Und die hatten es mit durchschnittlich
49 Zügen auch mehr in sich als sonst. „Endlich werden die Spieler
mal gezwungen, Partien auszuspielen, so dass jeder Zuschauer das
Endergebnis versteht und auf seine Kosten kommt! Ein super Turnier“, jubiliert ein Amateur
im Internet-Forum des Deutschen Schachbundes.
Anstatt selbst
darüber befinden zu können, ob eine Partie remis ist, mussten die
sechs Großmeister den Schiedsrichter für einen Friedensschluss
hinzuziehen. In der Begegnung zwischen Judit Polgar und Ruslan
Ponomarjow forderte der als Referee angeheuerte Ex-Europameister
Surab Asmajparaschwili die Akteure zu weiterem Einsatz auf. Erst
wenig später gab der Georgier dem Ansinnen nach einem
Unentschieden – wie in fünf weiteren eindeutigen Fällen – nach.
Neunmal endeten die Begegnungen gemäß der Schachregeln durch
Dauerschach oder dreifache Stellungswiederholung ohne Sieger.
Dreimal kämpften die Teilnehmer bis zu den so genannten „nackten
Königen“.
Genosse Trend: Die Remis-Quote beim Mtel-Turnier in Sofia lag in der
zweiten Turnierhälfte niedriger als in Linares. Grafik: Chess Tigers
e.V.
Angesichts des Erfolgs des
Schweigegelübdes für die Großmeister geriet der Endstand beinahe
zur Nebensache. Mit dem drahtigen Wesselin Topalow (6,5:3,5
Punkte), der mit etwas Glück in der Rückrunde nur ein Remis abgab,
gewann der einsatzfreudigste Spieler. „Für mich bedeutete das
Remisverbot keine sonderliche Umstellung“, kommentierte der stets
kampfeslüsterne Bulgare.
Ganz anders Kramnik, der als einziger des
Sextetts „keine großen Unterschiede zu sonstigen Turnieren“
bemerkt haben wollte. Der Weltmeister lamentierte schon zur
Halbzeit, Ruhetage seien bei solch einem Wettbewerb dringend
erforderlich. Der Russe verpatzte auch in der letzten Runde eine
Gewinnstellung gegen Lokalmatador Topalow und belegte zum ersten
Mal seit 1996 den letzten Platz. Kramnik räumte seine jämmerliche
Form ein und befand sarkastisch: „Wenn du Figuren einstellst,
kannst du keine großen Resultate erwarten.“ Zusammen mit dem
29-Jährigen musste in Sofia der Engländer Michael Adams (beide
4:6) die rote Laterne übernehmen.
Lokalmatador und Turnier-Sieger Topalow (rechts) im Gespräch mit dem
zweitplatzierten Vishy Anand (links)
Foto: Mtel
Die stets engagierten Judit Polgar
(Ungarn) und Ex-Weltmeister Ruslan Ponomarjow bildeten mit 5:5
Zählern das Mittelfeld. Die überragende Schachspielerin auf dem
Globus brach eine Lanze für den Maulkorb. „Diese interessante
Regel sollte häufiger bei Turnieren verwendet werden. Sie sorgt
für längere Partien, die zudem extrem spannend verliefen“,
urteilte Polgar.
Auch der zweitplatzierte Anand (5,5:4,5)
bescheinigte dem Experiment „nur positive Effekte“. Negativ für
den Inder war allerdings der Turnierausgang. Schien der 35-Jährige
nach dem Rücktritt von Garri Kasparow die designierte Nummer eins
der Weltrangliste zu sein, rückt ihm nun Topalow auf die Pelle.
Anand bescheinigte seinem Kontrahenten eine für einen 30-Jährigen
„großartige Entwicklung“. Turnierorganisator Danailow hörte das
als Topalows Manager natürlich gerne – aber noch lieber war ihm
sein Fazit der stummen Revolution: „Das Remisvirus hatte sich
unter den Topspielern zu stark ausgebreitet. Dieser Misere haben
wir mit dem Mobitel Masters den Kampf angesagt.“