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„Ich bereite mich mein Leben lang darauf vor.“
WM-Herausforderer Boris Gelfand im Interview mit Die Zeit
28.04.2012 - Nicht mal mehr zwei Wochen, dann beginnt in Moskau die Schachweltmeisterschaft 2012. Der amtierende Weltmeister Viswanathan Anand will seinen Titel verteidigen, bekommt es jedoch mit einem der erfahrensten Gegner der Schachszene zu tun. Der 43-jährige Boris Gelfand gehört seit über 20 Jahren stetig zu den besten Spielern der Welt, schaffte aber bis dato nie den ganz großen Sprung zum ernsthaften WM-Herausforderer. Doch dieses Ziel erreichte der gebürtige Weißrusse und Wahl-Israeli nun endlich und völlig verdient im vergangenen Jahr im russischen Kazan, als er dort das Kandidatenturnier gewann. Dabei räumte er nacheinander Shakhriyar Mamedyarov, Gata Kamsky und zuletzt Alexander Grischuk aus dem Weg, um nun um die höchste Krone des Schachs spielen zu dürfen. Zeit-Journalist Ulrich Stock führte jüngst ein Interview mit Boris Gelfand, welches wir Ihnen mit freundlicher Genehmigung in ganzer Länge präsentieren möchten.

Webseite Zeit Online

Die besten Seminare Deutschlands
Auch 2012 bietet das Chess Tigers Training Center in Bad Soden wieder für Jedermann hochwertige Seminare mit den besten Trainern und den größten Experten Deutschlands an. Am 05. & 06. Mai haben wir für Sie erneut den Guru der Endspiele, GM Karsten Müller, zum Thema Endspielstrategie verpflichtet, welcher anhand zahlreicher praktischer Beispiele erklärt, was die Endspielstrategie der Großmeister ausmacht. Nach diesen beiden Tagen werden Sie Endspiele lieben! Und am 16. & 17. Juni freut sich GM Michael Prusikin mit seinem Seminar Positionelle Opfer auf Sie. Der gelernte Pädagoge erklärt, wie positionelle Opfer funktionieren, wann sie angewendet werden können, wie man sich dagegen verteidigt und mit welchen Methoden sie analysiert werden.


Boxer sind wir nicht
Am 10. Mai beginnt die Schach-WM in Moskau. Der Israeli Gelfand will den Inder Anand bezwingen. Uns beantwortet er zuvor noch ein paar Fragen.
(von Ulrich Stock für Die Zeit / Bilder von Hans-Walter Schmitt, Eric van Reem & Mike Rosa)

Seit dem 15. Jahrhundert wird das aus Asien nach Europa gelangte Schach in seiner heutigen Form gespielt; eine Weltmeisterschaft gibt es immerhin seit 1886. So tief Schach also in der Vergangenheit wurzelt, so sehr ist es durch das Internet erblüht. Wenn am 10. Mai in Moskau der WM-Zweikampf beginnt, wird die ganze Welt zuschauen – und nicht nur, weil es um die 2,55 Millionen Dollar eines russischen Sponsors geht. Viswanathan Anand, 42, amtiert als Weltmeister seit 2007. Der »Tiger von Madras« ist der spielstärkste Inder der Geschichte; er hat die jahrzehntelange Dominanz der Russen beendet. Nun stellt er sich dem Israeli Boris Gelfand, 43, der seit langem zu den Spitzenspielern zählt, sich als Herausforderer aber erst jetzt hat qualifizieren können. Während sich der Titelinhaber seit Wochen in Bad Soden vorbereitet und nicht zu sprechen ist, hat sich der Aspirant in die österreichischen Alpen zurückgezogen. Unsere Fragen durften wir ihm nur per Mail stellen; kein Besuch, kein Telefonat soll seine Konzentration stören. In seinen Antworten wirkt er kultiviert und umgänglich. Kraftmeierei liegt ihm nicht. Am Brett ist er auch so gefährlich genug.

DIE ZEIT: Viele junge Schachspieler träumen davon, einmal Weltmeister zu werden. Wie war das bei Ihnen?

Boris Gelfand: Ich habe mein ganzes Leben lang davon geträumt, ein guter Schachspieler zu werden. Natürlich hatte ich auch Vorbilder, wie etwa den Polen Akiba Rubinstein. Aber mein Ziel war es nicht, Weltmeister zu werden, sondern in meinem Spiel ein sehr hohes Niveau zu erlangen. Das versuche ich bis heute.

ZEIT: Wann haben Sie zum ersten Mal gedacht: Ich könnte wirklich die Gelegenheit haben?

Gelfand: Über meine Chancen habe ich nie nachgedacht. Mein Verständnis des Spiels und das Niveau meiner Vorbereitung sind ziemlich hoch. Aber ich arbeite lieber an meinem Schach, als mir etwas auszurechnen.

ZEIT: Sie spielen seit mehr als zwei Jahrzehnten in der Weltspitze. Woran liegt es, dass Sie noch nie Herausforderer wurden?

Gelfand: Im Jahre 1991 nahm ich erstmals an der WM-Qualifikation teil und verlor im Viertelfinale gegen den Engländer Short. Damals war ich jung und wusste nicht, wie man sich richtig vorbereitet, und vielleicht hatte ich meinen Gegner unterschätzt, der ein fantastisches Match spielte. Unglücklicherweise wurde der übliche WM-Zyklus in den neunziger Jahren zerstört. Im aktuellen Zyklus schaffte ich es bis ins Finale.

Boris Gelfand bei der Pressekonferenz zur
Unterzeichnung des WM-Vertrages in Moskau

ZEIT: Als 43-Jähriger den Weltmeister herauszufordern – ist das nicht ein wenig spät?

Gelfand: Eine eigenartige Frage. Viktor Kortschnoi hat drei WM-Kämpfe gespielt, mit 43, 47 und 50.

ZEIT: Für wie wichtig halten Sie das Alter im Schach? Kann Erfahrung das Schwinden physischer Stärke wettmachen?

Gelfand: Wissen Sie, an der Spitze ist alles wichtig, seien es die Vorbereitung, die körperliche oder die seelische Verfassung. Ich glaube nicht, dass die Jungen irgendeinen Vorteil gegenüber den Älteren haben. Natürlich muss ich mehr tun, je älter ich werde. Andererseits habe ich Schach noch nie so genossen wie jetzt.

ZEIT: Sie sind der Mann, der sich für diesen Kampf qualifiziert hat. Der genialische junge Norweger Magnus Carlsen, Nummer eins der Weltrangliste, blieb der Ausscheidung fern. Und der Armenier Levon Aronian, Nummer zwei, wurde auf dem Weg ins Finale geschlagen. Kaum jemand hat mit Ihnen gerechnet. Wird Boris Gelfand von der Schachwelt unterschätzt?

Gelfand: Was geredet wird, interessiert mich nicht. Ich versuche, mein bestes Schach zu spielen.

ZEIT: Der frühere Weltmeister Garri Kasparow hat bissig angemerkt, der bevorstehende WM-Kampf sei nicht der zwischen den beiden besten Spielern. Was sagen Sie dazu?

Gelfand: Das interessiert mich nicht.

Selbst schuld, wer diesen Mann unterschätzt!

ZEIT: Sie sind der Herausforderer, nicht der Favorit. Könnte Ihnen das helfen? Weltmeister Anand scheint derzeit Motivationsprobleme zu haben…

Gelfand: Ich kann nicht für Anand sprechen. Er ist ein brillanter Spieler, amtierender Champion und ein netter Mensch. Wir beide haben Stärken und Schwächen. Das Match wird zeigen, wessen Spiel in diesem Moment besser ist.

ZEIT: Der Kampf im Mai geht über zwölf mehrstündige Partien und kann bis zu drei Wochen dauern. Es wird eine in jeder Hinsicht intensive Begegnung sein. Seit wann bereiten Sie sich vor?

Gelfand: Ich bereite mich mein Leben lang darauf vor. In den letzten Monaten habe ich meine Vorbereitung intensiviert.

Trotz aller gegenseitiger Sympathie, ihm möchte Gelfand den Titel entreißen, doch der Champion wird sich schon zu wehren wissen!

ZEIT: Anand besiegte seinen Vorgänger Wladimir Kramnik eindrucksvoll mit am Computer ausgetüftelten Eröffnungsvarianten. Anands letzter Herausforderer, der Bulgare Wesselin Topalow, hatte die stärkste verfügbare Computerunterstützung – und scheiterte. Wie wichtig sind Rechner für Sie?

Gelfand: Eine gute Vorbereitung mit dem Computer ist sehr wichtig. Aber es gibt auf diesem Niveau keine unwichtigen Details. Man darf nichts aussparen. Man muss in jeder Hinsicht bereit sein.

ZEIT: Wer wird Sie bei der WM unterstützen?

Gelfand: Mein alter Freund und Trainer Alex Khuzman wird mich sicherlich begleiten. Und vielleicht wird noch jemand aus meinem regulären Team dazustoßen.

ZEIT: Wie ist Ihr persönliches Verhältnis zu Anand? Kennen Sie einander abseits des Brettes?

Gelfand: Ich habe ein gutes Verhältnis zu Vishy. Unsere Söhne Avner und Akhil sind gleich alt, ein Jahr. Als sein Sohn Akhil geboren wurde, haben wir ihm ein Geschenk aus Israel geschickt. Und wir bekamen auch ein schönes Geschenk für unsere Kinder von Vishy und Aruna.

Gelfand und Anand pflegen ein gutes Verhältnis

ZEIT: Frühere Schachweltmeister wie Bobby Fischer oder Garri Kasparow benahmen sich wie Diven. Anand und Gelfand und viele Spitzenspieler heute sind nett und ruhig. Was hat sich da verändert?

Gelfand: Dazu kann ich nichts sagen. Aber ich bin überzeugt, dass die Profis, zumal die Spitzenspieler, nicht nur Schach spielen sollten. Sie sollten auch ihre Gegner, die Organisatoren, die Medien und das Spiel selbst respektieren.

ZEIT: Gelegentlich heißt es, das Schach habe seine Grenzen erreicht. Zu viele Unentschieden, zu großer Computereinfluss… Wie sehen Sie das?

Gelfand: Ich bin vom Gegenteil überzeugt. Nüchtern betrachtet, ging es dem Schach noch nie so gut. Es gibt mehr und mehr brillante Spieler, mehr und mehr Turniere und somit mehr und mehr großartige Partien.

Präsentation des unterzeichneten WM-Vertrages
Weltmeister Viswanathan Anand, FIDE Präsident Kirsan Ilyumzhinov, Vertreter des
Russischen Schachverbandes Arkady Dvorkovich & Herausforderer Boris Gelfand

ZEIT: Schach ist eine Mischung aus Spiel, Wissenschaft, Kunst und Sport. In den vergangenen Jahrzehnten ist der sportliche Aspekt immer wichtiger geworden. In Moskau spielen Sie jetzt in der berühmten Tretjakow-Galerie zwischen Werken aus tausend Jahren. Ist das eine Wende hin zur Kunst?

Gelfand: Das hoffe ich. Für mich ist der künstlerische Teil des Spiels sehr wichtig. Anders als bei der Malerei sind beim Schach zwei Personen am schöpferischen Prozess beteiligt. Die Bilder großer Künstler könnten mich und meinen Gegner zu wahren Schachmeisterwerken inspirieren.

ZEIT: Sie kamen im weißrussischen Minsk zur Welt, spielten für die Sowjetunion und wanderten dann 1998 nach Israel aus. Warum?

Gelfand: Das moralische Niveau des Lebens in Minsk in den Neunzigern war erbärmlich. Mir schien Israel die angenehmste Wahl zu sein. Und ich bedaure das nicht. Ich habe meine Frau hier kennengelernt, und meine Kinder sind hier geboren. Dies ist mein Land.

ZEIT: Wie ist es für Sie, einen sowjetischen Emigranten, in Moskau zu spielen?

Gelfand: Die Organisation wird eine der besten sein, wenn nicht die beste überhaupt bisher bei einer WM. Moskau ist ein neutraler Ort, geeignet für mich wie für meinen Gegner, mit einer Öffentlichkeit, die Schach zu schätzen weiß.

ZEIT: Moskau war und ist die Hauptstadt der Schachwelt. Aber das russische Schach scheint im Niedergang begriffen, jedenfalls fehlte es zuletzt am internationalen Erfolg. Jetzt kämpfen ein Inder und ein Israeli um den Titel, bloß das Geld kommt aus Moskau. Ist das ein schlechtes Zeichen für das russische Schach, oder kann es neuen Enthusiasmus entfachen?

Gelfand: Es ist ein gutes Zeichen, dass wir einen professionell organisierten, richtig aufgebauten WM-Zyklus haben. Russland hat mehr Spieler des höchsten Niveaus als jedes andere Land, aber sie sind eben nicht mehr unter sich. Am nächsten Kandidatenturnier nehmen drei Russen teil, und es ist sehr gut möglich, dass sich einer von ihnen für den WM-Kampf qualifiziert.

Seit 1998 lebt Gelfand in und spielt für Israel

ZEIT: Wie steht es um das Schachleben in Israel?

Gelfand: Schach ist in Israel nicht besonders lebendig. In den vergangenen zwei, drei Jahren ist es besser geworden. Viele Schulen und Kindergärten betrachten es als Teil der Erziehung. Im Kindergarten meiner Tochter Avital wurde es unterrichtet. Anfangs sagte sie, das sei ein doofes Spiel. Nach zwei, drei Stunden war ihr Interesse geweckt, und sie hat es gelernt. Aber natürlich lässt das Schachleben hier noch Wünsche offen.

ZEIT: Wie reagiert die israelische Öffentlichkeit darauf, dass Sie jetzt um die Krone spielen?

Gelfand: Das gewachsene Interesse in den vergangenen Jahren geht im Wesentlichen auf meine Erfolge und die guten Ergebnisse unserer Nationalmannschaft bei der letzten Schacholympiade zurück. Die Leute beginnen zu verstehen, dass Schach kein Spiel für Alte im Stadtpark ist, sondern eine ernste Beschäftigung. Viele grüßen mich auf der Straße und wünschen mir Glück. Einige Freunde aus Israel werden nach Moskau kommen und mich unterstützen. Ich hoffe sehr, dass das israelische Schach durch dieses Match großen Fortschritt machen wird.

ZEIT: Boxer wenden sich vor dem Kampf gern an ihre Gegner, um sie zu beeindrucken und die Öffentlichkeit zu stimulieren. Hätten Sie einen Satz für Anand?

Gelfand: Ich bin sehr froh, dass wir nicht Boxer, sondern Schachspieler sind und unsere eigenen Traditionen haben.

Das Interview bei Zeit Online

Offizielle WM-Seite

Zeitplan der WM 2012


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Die Schachweltmeisterschaft 2012 beginnt in...
Good Luck, Vishy!!!

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Ulrich Stock (Die Zeit)

Published by Mike Rosa

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