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Ehrenvoller Abschluss des Hofheimer Bundesliga-Teams
14.04.2005 - Nachdem in der Runde am Vortag der Abstieg der Hofheimer sportlich besiegelt worden war, galt es am Sonntag den Zweipunktevorsprung auf Erfurt zu wahren und damit den ominösen dreizehnten Tabellenplatz zu sichern. Diese eigentlich undankbare Platzierung hat sich in der Vergangenheit durch den freiwilligen Rückzug einer besser klassierten Mannschaft häufig als Rettungsanker erwiesen.
Unser Gegner war der Aufsteiger aus Eppingen, welchen wir vor der Saison als einer der Kandidaten ausgeguckt hatten, die sich brav hinter uns einsortieren sollten. Doch das badischen Überraschungsteam entpuppte sich als ein humorloser Spielverderber und konnte den Klassenerhalt überraschend frühzeitig sichern. Gegen uns gab es für sie nach oben oder unten nichts mehr zu gewinnen, sie traten aber trotzdem sportlich fair fast in Bestbesetzung an.

Dieser Wettkampf fand zusammen mit dem Knüller der Saison, Porz – Baden Baden, dem Kampf der Giganten, statt. Ein bisschen fühlten wir uns wie Fliegengewichtler, die  im Rahmenprogramm eines Schwergewichtsboxkampfes das Publikum amüsieren sollen.

Die Wettkämpfe wurden – wo sonst? – im altbekannten Sportzentrum Köln-Porz-Wahn ausgerichtet. Es gab einige Stiesel, die meinten, die Anlage sei nicht repräsentativ genug für den wichtigsten Wettkampf des Jahres. Stattlichere Räumlichkeiten hätte man suchen müssen. An was hatten die Herren denn gedacht? An den Hansesaal des Rathauses, an die ViP-Lounge der Köln-Arena oder gar an die Schatzkammer des Domes? Nein, ein anderer Austragungsort ist in Köln nicht vorstellbar, im Sportzentrum werden schon seit Menschengedenken Bundesligamatches ausgetragen. Die Papstwahl findet ja auch immer im Vatikan statt. - Allerdings, die Sixtinische Kapelle ist vor ein paar Jahren mal restauriert worden.

Alle 16 Bretter, erstmals in Porz live mit dem Internet verbunden, waren in einer langen Reihe aufgebaut, die zahlreichen Zuschauer schenkten ihre Aufmerksamkeit allerdings fast ausschließlich dem Spitzenkampf. Einige Hofheimer nickten daher dankbar jedem Schaulustigen zu, der sich einmal in ihre Gefilde begab. Und die wenigen Fans wurden nicht enttäuscht.

GM Stanislav Savchenko SV Hofheim

Besonders schön und spektakulär der Sieg des Hofheimers Stephan Buchal, welcher bereits beim samstagabendlichen Mannschaftsessen vorbereitet wurde. Dort zeigte nämlich Kollege Erik Zude seine herbe, 19-zügige Verlustpartie vom selben Tag gegen GM Movsesian (Baden Baden) und erläuterte, warum eine gewisse Variante der Pirc-Verteidigung damit praktisch nicht mehr spielbar sei. Doch völlig unwissend ob des Geschehens des Vortages wiederholte der unglückliche Eppinger Dr. Koch just diese Variante, und Stephan, durch das „Training“ am Abend bestens präpariert, machte mit einem flotten Mattangriff kurzen Prozess.

Der vorbeischlendernde Movsesian konnte sich beim Betrachten der Partie ein breites Grinsen nicht verkneifen. Ebenso wenig der am diesen Wochenende nur als Porzer Ersatzmann fungierende Holländer van den Doel, den wir Hofheimer sehr gerne fürs erste Brett ausgeliehen hätten.

Fazit: Öfter mal beim Nachbarkampf kiebitzen, da könnte man was profitieren.

Das galt natürlich besonders für den heutigen Tag, wo nebenan ein Virtuose wie Dr. Hübner von den sechzehn Akteuren tatsächlich die zweitschwächste Elo-Zahl aufwies.

Stephan Buchal,
SV Hofheim

Bereits nach drei Stunden zeichnete sich ab, dass der Partie Krasenkow (Baden Baden) – Beljavsky (Porz) entscheidende Bedeutung zukommen würde. Die Dinge entwickelten sich schlecht für „Big Al“. Zu der Krasenkowschen Initiative, die sich langsam zu einem Mattangriff verdichtete, gesellte sich eine merkliche Zeitknappheit von ca. drei Minuten für 15 Züge. Gegen 12.45 Uhr brach  plötzlich Unruhe unter den Zuschauern aus. Noch erregter schienen die Akteure. Der am Zug befindliche Krasenkow war völlig zusammengebrochen und hielt den Kopf tief vergraben in seinen Händen. Beljawskys Körper hatte sich sichtbar aufgerichtet. Er hob seine Hände in Schulterhöhe, um bei Bedarf sofort reagieren und ziehen zu können.

Das Unfassbare war geschehen, Krasenkow hatte auf ein einfaches Schachgebot Beljawskys völlig falsch reagiert und stand nun vor der Alternative Matt oder Damenverlust. Doch Beljavsky blieben für die verbleibenden elf Züge bis zur Zeitkontrolle nur noch 48 Sekunden!

Den völlig verzweifelten Krasenkow, der noch über eine Viertelstunde verfügte, hielt es nicht mehr am Brett, er entfernte sich einige Meter und kämpfte mit den Tränen. Beljavsky, ebenfalls sichtlich angezählt, änderte seine Körperhaltung keinen Millimeter. Immer noch hielt er die Hände erhoben, als rechnete er selbst aus der Ferne mit einem Zug des polnischen Großmeisters. Mit bemitleidenswertem Kopfschütteln kehrte dieser ans Brett zurück, besah sich die Katastrophe noch einige Augenblicke, brachte aber keine Kraft mehr auf, die Partei fortzusetzen und gab auf.

Wie bekannt kippte durch dieses Drama der Wettkampf knapp auf die Porzer Seite.

Oliver Brendel
Foto: Renate Niebling

Nach diesem furchtbaren Ko-Schlag zurück zu den Fliegengewichtlern. Dort entwickelten sich die Dinge erfreulich für das Taunus-Team. Nachdem die beiden Spitzenbretter und einzigen Hofheimer Gams Stanislav Savchenko und Jörg Hickl schnelle und sichere Remisen schafften, erzielten in der ersten Zeitnotphase Gennadi Ginsburg, Sergei Krivoshey und Arno Zude entscheidende Vorteile, die sie zu Partiegewinnen führten.

Damit war der Kampf entschieden. Erik Zude steuerte noch ein hart erkämpftes Remis bei, und nur Patrick Burkhart, der nach der Eröffnung eine gute Stellung herausgespielt hatte, musste nach langen Kampf den König hinlegen.

Durch diesen 5,5: 2,5 Sieg kommen die Hofheimer schließlich auf 10 Mannschaftspunkte, ein Ergebnis, das in früheren Spielzeiten häufig zum Klassenerhalt genügt hatte. Diesmal leider nicht, was an der Ausgeglichenheit und Stärke der Liga lag, welche sogar den mehrfachen deutschen Mannschaftsmeister Solingen in arge Abstiegsnöte brachte.

Nun heißt es für Hofheim: Neuen Anlauf nehmen in der zweiten Liga. Ob dies die 2. Bundesliga Staffel West oder Staffel Ost sein wird, wird erst im Sommer festgelegt. 

Die Ergebnisse im Einzelnen (Hofheim am ersten Brett mit schwarz)

    Ergebnis
Gyimesi (2618) Savchenko (2521) remis
Medvegy (2456) Hickl (2530) remis
Ginsburg (2511) Braun (2473) 1 : 0
Mann (2455) Krivoshey (2504) 0 : 1
A. Zude (2398) Schulze (2338) 1 : 0
Miltner (2406) Dr. E. Zude (2378) remis
Buchal (2347) Dr. Koch (2330) 1 : 0
Schneider (2269) Burkart (2338) 1 : 0

Oliver Brendel

Published by Gerhard Kenk

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