TopTurniere Olympia 2010 R2 – Erste kleinere und größere Sensationen Deutsche Männer unterliegen Moldawien / Deutsche Frauen siegen erneut mit 4:0
22.09.2010 - 32 Teams haben im Open der 39. Schacholympiade nach der zweiten Runde noch die maximale Punktzahl vorzuweisen. Mit dabei die üblichen Medaillenkandidaten, doch das eine oder andere hoch eingeschätzte Team musste bereits Federn lassen. So unterlag Aserbaidschan überraschend gegen Vietnam mit 1,5 zu 2,5, und das gleiche Ergebnis mussten auch die Bulgaren gegen Kroatien hinnehmen. Ebenfalls nur 1,5 Punkte konnten die Engländer gegen Bosnien und Herzegowina erzielen und auch das 2:2 zwischen Frankreich und Slowenien ist trotz der Abwesenheit von Etienne Bacrot eine kleine Überraschung. Dennoch sind ähnliche Disziplinprobleme wie zuletzt beim Fußball von der Équipe nicht zu befürchten. Aus deutscher Sicht hinterließ die zweite Runde gemischte Gefühle. Unsere Jungs verloren knapp aber verdient mit 1,5 zu 2,5 gegen die favorisierten Moldawier, doch dafür gaben sich die Frauen gegen Venezuela nicht die kleinste Blöße und siegten erneut mit 4:0, was natürlich aktuell die geteilte Führung bedeutet.
Ein großer Spannungsherd bei hochklassigen Teamwettbewerben sind Duelle zwischen sehr starken Spielern und nominellen Underdogs. Beim Verfolgen der Partien lauert man förmlich auf einen Ausrutscher, doch es ist immer wieder erstaunlich, wie findig sich die Weltklassespieler auch aus prekärsten Lagen noch herauswinden. Ein wahrer Künstler in dieser Disziplin ist Hikaru Nakamura (2733). Der Amerikaner stand gegen den offenbar titellosen Mongolen Bayarsaikhan Gundavaa (2460) glatt auf Verlust, aber der Chess960-Weltmeister spielte weiter, als wäre es genau andersherum und siehe da, er gewann noch. Weniger Glück hatte da Vize-Weltmeister Veselin Topalov (2803). Wie bereits erwähnt, unterlag sein Team den Kroaten, und Topi trug sein Scherflein dazu bei. Nur um Haaresbreite konnte er eine Niederlage gegen GM Hrovje Stevic (2607) verhindern. Es folgt eine kleine Endspiellektion.
Bis hier hatte Stevic eine einwandfreie Partie gespielt und die Nummer 2 der Weltrangliste am Rande der Niederlage. 46.Le2? Doch mit diesem Zug verschenkte er den Sieg, was sich mit der Hilfe eines Rechners natürlich unverschämt einfach belegen lässt. Das Problem des Läufers ist, dass er nun ausgerechnet auf der Route liegt, die der schwarze König braucht, um sein eigentliches Ziel - den weißen b-Bauer - zu erreichen.
Ganz bestimmt hatte der Kroate das richtige 46.Kc5!+- ebenfalls in Erwägung gezogen, doch so kurz vor der Sensation fiel ihm vielleicht das korrekte Berechnen der folgenden Varianten schwer. Was Schwarz auch versucht, Weiß ist zu schnell. 46...e3
46...Kf3 scheitert an der Fesselung 47.Ld5!, denn nach 47...Kf4 folgt 48.Kd4 e3 49.Kd3+- mit Zugzwang und Verlust des e-Bauers.
Analysediagramm
46...g3 In der Partie rettete dies Topalov den Hals, doch hier verliert Schwarz rasch. 47.hxg3+ Kxg3 48.Kb5 Dieses Mal erreicht Schwarz den weißen b-Bauer nicht rechtzeitig, weil der König auf dem Weg zu ihm nicht den Läufer angreifen kann! 48...Kf2 49.Kxa5 Ke1 50.Kxa4+-
Analysediagramm
47.Le2 Jetzt ist dieser Zug stark, weil er das weitere Vordringen des schwarzen Königs verhindert. Zudem hat Weiß mit dem König auf c5 einen sehr nützlichen Zug gemacht, während bei dem e-Bauer ohnehin klar ist, dass er niemals e1 erreicht. Der kleine aber feine Unterschied zur Partie wird sogleich ersichtlich. 47...g3 48.hxg3+ Kxg3 49.Kb5 Kf2 50.Lh5
Analysediagramm
Vergleichen Sie diese Stellung mit der in der Partie nach 49.Lh5! Weiß knabbert bereits an den a-Bauern, weshalb der schwarze König nicht mehr rechtzeitig den weißen b-Bauer erreicht. Dass dafür der e-Bauer schon auf e3 steht, spielt keine Rolle mehr. 50...e2
50...Ke1 51.Kxa5 Kd2 52.Kxa4+-
51.Lxe2 Kxe2 52.Kxa5 Kd3 53.Kxa4+- Spätestens hier hätte auch ein Topalov aufgegeben.
Analysediagramm
Nach dem unnötigen Läuferzug nach e2 ist 46...g3 nicht nur die einzige Chance, es reicht tatsächlich zum Remis. 47.hxg3+ Kxg3 48.Kc5 Kf2 Das ist das Problem! Weiß verliert das entscheidende Tempo, weil er seinen Läufer in Sicherheit bringen muss, während sein König noch nicht in Schlagweite der a-Bauern ist. 49.Lh5
49...Ke1 50.Kb5 Kd2 51.Kxa4 Kc2 52.Ka3 Tja, so hat Weiß nur einen der beiden Randbauern erwischt und weitere Erfolge sind nicht zu erzielen. Der weiße König ist an seinen b-Bauer gebunden und der Läufer muss den e-Bauer kontrollieren. Wünschenswert wäre jetzt, wenn man den schwarzen König vom b-Bauer wegtreiben könnte, aber das klappt nicht. Die Nalimov Endspieldatenbank bestätigt dies übrigens.
52...e3 53.Le2 a4! Auch andere Züge führen zum Remis, aber so legt Schwarz den b-Bauer endgültig auf seinem Ursprungsfeld fest. 54.La6 Kc1 55.Ka2 Kc2 56.Lc4 Kc1 57.Lb5 Tatsächlich, Schwarz kann den Kontakt zum b-Bauer nicht halten, aber dafür muss sich der weiße König zu weit vom eigentlichen Objekt der Begierde - dem a-Bauer - entfernen.
57...Kd2 58.Kb1 e2 59.Lxe2 Kxe2=
Und weil man schon so weit gekommen war, spielten Stevic und Topalov noch bis zu den blanken Königen. 60.Kc2 Ke1 61.Kc3 Kd1 62.Kb4 Kc2 63.Kxa4 Kxb2 ½–½
Gestern prognostizierte Ihr Autor noch „Gelingt es Rainer Buhmann am Spitzenbrett, Top-GM Viktor Bologan zu neutralisieren, ist (gegen Moldawien) alles möglich.“ und heute muss er eingestehen: Falsch! Während Buhmann (2563) gegen Bologan (2690) eine sehr bedenkliche Stellung noch um 180 Grad drehte und den Weltklassespieler schlug, holten seine Kollegen nur noch einen mageren halben Zähler. Sebastian Bogner (2549) unterlag nach einem verfrühten Damentausch Viorel Iordachescu (2632) und Falko Bindrich (2507) erspielte sich gegen Vladimir Hamitevici (2415) zwar einen Mehrbauern, konnte diesen aber im Turmendspiel nicht verwerten. An Brett 4 gab Martin Krämer (2516) sein Debüt in der Nationalmannschaft, aber es sollte kein gelungenes werden. Ohne nennenswerte Gegenwehr geriet er als Schwarzer gegen Vasile Sanduleac (2446) alsbald unter erheblichen Druck und wurde von dem Moldawier sauber ausgespielt. Dadurch wird es morgen zu einem sehr interessanten Match kommen. Der deutsche Vierer trifft auf das Team IPCA (International Physically Disabled Chess Association) für körperlich eingeschränkte Spieler und sollte sich deren Spitzenbrett keine Auszeit nehmen, dann wird es zu einem deutsch-deutschen Duell kommen, denn das Team wird von dem Erfurter Großmeister und ehemaligen Nationalspieler Thomas Luther angeführt!
Deutlich mehr Grund zur Freude haben die deutschen Frauen mit Team-Kapitän GM Raj Tischbierek. Zweimal 4:0 zum Auftakt, besser geht es einfach nicht. Natürlich waren die Gegnerinnen einige Klassen schwächer, aber gänzlich ohne Punktverlust muss man da erstmal durchkommen! In der dritten Runde trifft das Team rund um Frontfrau Elisabeth Pähtz auf die zweite Mannschaft von Russland, welche auf Rang 5 der Setzliste geführt somit der Favorit ist. Geführt wird die Mannschaft übrigens von GM Pavel Tregubov und nicht nur er liebäugelt hundertprozentig mit einer Medaille. Sollten unsere Frauen in diesem Duell bestehen, ist alles möglich!
Ganz und gar nicht olympisch…
… war der Auftritt des Jemen in der ersten Runde, als man sich weigerte gegen Israel anzutreten und kampflos 0:4 verlor. Mit ziemlicher Sicherheit hätte es auch nach regulärem Verlauf mit diesem Ergebnis geendet, doch offenbar wurde den Spielern seitens der arabischen Regierung untersagt gegen den politischen Feind anzutreten. Es wäre also verkehrt, die Spieler dafür zu schelten, denn diese werden vermutlich nur das geringere Übel gewählt haben. Lieber etwas Unverständnis und böse Worte aus der Schachwelt, als in der Heimat in Ungnade zu fallen. Schach hat wie viele andere Sportarten ein immenses Potential, einzelne Menschen und ganze Nationen zu verbinden, aber auch heute noch gibt es Grenzen auf der Weltkarte, die kein Spiel der Erde sondern nur Politiker irgendwann überwinden können.
Völlig unpolitisch, aber dennoch ärgerlich ist die olympische Lage in Sachen Partien. Etwas holprig gestartet, funktioniert die Live-Übertragung halbwegs gut, wenn man über gelegentliche Verzögerungen hinwegsieht, aber die Datenbank(en), die man selbst auf sonst sehr zuverlässigen Schachseiten herunterladen kann, strotzen so vor Fehlern, dass wir bis auf weiteres auf eine Veröffentlichung verzichten. Es wäre schlichtweg zu aufwändig, diese so zu überarbeiten, dass man sie anbieten könnte! Sobald sich daran etwas ändern sollte, erhalten Sie diese wieder als Service zu den Olympia-Berichten.
Live-Übertragung im CTTC
Wenn Sie die weiteren Ereignisse bei Olympia live verfolgen möchten, dann gibt es dafür viele Möglichkeiten, doch den deutschen Live-Kommentar aus meisterlichem Munde erhalten Sie nur von den Chess Tigers in Zusammenarbeit mit der Firma ChessBase. Wie schon bei der Weltmeisterschaft in Sofia sitzt unser GM Klaus Bischoff täglich ab 11:30 Uhr am Mikrophon im Chess Tigers Training Center in Bad Soden am Taunus und kommentiert für Sie die Toppartien aus Khanty-Mansiysk, wobei er natürlich stets auch das Geschick des deutschen Teams verfolgt. Hören können Sie ihn, wenn Sie über einen Zugang zu dem Fritzserver von ChessBase verfügen, aber sehen und anfassen – na ja, letzteres natürlich nur in Maßen – können Sie Bischoff nur, wenn Sie persönlich bei uns in der Brunnenstraße 9 vorbeischauen. Beachten Sie dabei bitte, dass am 26. September und am 02. Oktober nicht gespielt wird!
Sowohl im Internet als auch live im CTTC kann man den Kommentaren von Klaus Bischoff folgen
In Khanty-Mansiysk werden sowohl im Open als auch bei den Frauen elf Runden Schweizer System gespielt. Die Bedenkzeit beträgt 90 Minuten/40 Züge + 30 Minuten + 30 Sekunden/Zug ab dem erstem Zug. Theoretisch wird die geistige Fehlkonstruktion namens „Null Toleranz-Regel“ angewendet, man hat sie jedoch merklich entschärft. So beginnt die Runde nicht mehr zu einer bestimmten Uhrzeit sondern dann, wenn der Hauptschiedsrichter das Zeichen gibt. Das erlaubt ihm, auf unvorgesehene Verzögerungen zu reagieren. Sollten Spieler bereits vor dem Beginn der Runde am Brett gewesen sein, dieses aber aus nachvollziehbaren Gründen nochmals verlassen müssen, kann dies der jeweils für das entsprechende Match zuständige Schiedsrichter gestatten. Aus "Null Toleranz" wurde also wenigstens "Etwas Toleranz".