TopTurniere Die Rückkehr des Königstigers Die Schachweltmeisterschaft 2010 im schachlichen Rückblick
10.06.2010 - Die Schlacht um die Schachweltmeisterschaft 2010 ist geschlagen und Königstiger Anand hat selbst in Feindesland erfolgreich Beute gerissen. Begonnen mit einer mehr als abenteuerlichen Anreise in Begleitung seiner treuen Gefährten, gefolgt von einer schmerzhaften Niederlage in der ersten Partie, in welcher letztlich zwei Türme den indischen König schlugen, und zu guter Letzt folgte die triumphale Rückkehr des Königstigers. Die Parallelen zu J. R. R. Tolkins „Herr der Ringe“ sind unverkennbar und ließen sich sogar noch ausbauen, doch einen gravierenden Unterschied gibt es: Anands Schatz ist der WM-Titel, und der ist wahrlich keine Last! In der Folge hat Chess Tiger IM Dr. Erik Zude für Sie die Titelverteidigung seines Vereinskameraden anhand der Partien nochmals zusammengefasst und sich dabei auf die entscheidenden Momente konzentriert.
Die Gefährten
Selbst der Name des Vulkans, der dafür sorgte, dass sich Viswanathan Anand statt mit dem Flieger in einem Mercedes Sprinter zusammen mit seinen Begleitern nach Sofia tuckern musste, könnte einem Fantasy-Roman entsprungen sein. Eyjafjallajökull (gepriesen sei copy/paste!) bescherte Anand zwei Tage weniger der Akklimatisierung und machte das Vorbereiten in einem schaukelndem Auto statt einer luxuriösen Hotel-Suite ganz bestimmt nicht einfacher. Von der ELO her war Eric van Reem ganz sicher das Leichtgewicht im Bunde der Gefährten, aber seine Kontakte in die niederländische Heimat wirkte Wunder. So unglaublich es klingt, aber in Deutschland sah sich kein Unternehmen in der Lage, die lange Reise nach Bulgarien ad hoc zu organisieren und dabei natürlich einen netten Batzen Geld zu verdienen! Also kontaktierte van Reem einen Bekannten in der Heimat und dort wurde nicht lange gefackelt. Der amtierende Schachweltmeister musste sofort nach Sofia und schon bald war das perfekte Gefährt nebst zwei Fahrern organisiert. Wer gerne wissen möchte, wie sich die Reise selbst gestaltete, muss unbedingt den folgenden Bericht der Person lesen, die alles organisiert hat:
Das komplette Team Anand in Sofia v.r.n.l.: Christian Bossert, Peter Heine Nielsen, Mark Lefler, Eric van Reem, Rustam Kasimdzhanov, Hans-Walter Schmitt, Weltmeister Viswanathan Anand, Aruna Anand, Surya Shekhar Ganguly und Radoslaw Wojtaszek
Die zwei Türme
Topalov (2805) – Anand (2787)
Schachweltmeisterschaft 2010 (1), Sofia
D86 – Grünfeldindisch / Kommentare: IM Dr. Erik Zude
1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 d5 4.cxd5 Sxd5 5.e4 Sxc3 6.bxc3 Lg7 7.Lc4 c5 8.Se2 Sc6 9.Le3 0–0 10.0–0 Sa5 11.Ld3 b6 12.Dd2 e5 13.Lh6 cxd4 14.Lxg7 Kxg7 15.cxd4 exd4 16.Tac1 Dd6 17.f4 f6 18.f5 De5 19.Sf4 g5 20.Sh5+ Kg8 21.h4 h6 22.hxg5 hxg5 23.Tf3 Nach dem Höhepunkt des Vorspiels der WM, dem Vulkanausbruch in Island und den damit verbundenen Reiseschwierigkeiten des Teams Anand, beginnt der Wettkampf gleich in der ersten Partie mit einem Paukenschlag. In einer von beiden Seiten vorbereiteten Variante der Grünfeld-Indischen Verteidigung unterläuft dem Weltmeister ein Lapsus, mit dem die Partie beendet wird, noch bevor sie richtig angefangen hat.
23...Kf7?? Nach längerem Nachdenken folgt ein für Vishy Anand sehr untypischer grober Fehler. 23...Ld7 und 23...Lb7 waren die natürlichen Fortsetzungen, wonach sich eine spannende Diskussion ergeben könnte. Hat Weiß genug Kompensation für den geopferten Bauern?
24.Sxf6 Topalov lässt sich die gebotene Chance nicht entgehen. Er führt den Angriff fehlerlos und geht mit 1:0 in Führung. 24...Kxf6 25.Th3 Tg8 26.Th6+ Kf7 27.Th7+ Ke8 28.Tcc7 Diese beiden Türme werden den schwarzen König bald erlegen.
28...Kd8 29.Lb5 Dxe4 30.Txc8+ 1–0
Die Rückkehr des Königstigers - Teil 1
Anand (2787) – Topalov (2805)
Schachweltmeisterschaft 2010 (2), Sofia
Nach der Schlappe in Runde 1 hatte Anand keinen Ruhetag um sich zu fangen. Während die Schachwelt sich viele Fragen stellt, wie er mit dem frühen Rückstand umgehen wird, ob er zunächst mit Weiß "auf Sicherheit" spielen wird und ähnliche mehr, präsentiert der Weltmeister gleich in der zweiten Partie eine interessante Neuerung: 15.Da3!?N Dxa3 16.bxa3 Um das Konzept mit dem Rand-Doppelbauern wurde während und nach der Partie heftig gestritten. Der Herausforderer findet in dieser Partie jedenfalls keinen Weg, sein Spiel zu befreien und bleibt für lange Zeit unter Druck. 16...S7f6 17.Sce5 Te8 18.Tc2 b6 19.Ld2 Lb7 20.Tfc1 Tbd8 21.f4 Lb8 22.a4 a5 23.Sc6 Lxc6 24.Txc6 h5 25.T1c4
Trotz des Minusbauern verfügt Weiß über die Initiative. Bei herannahender Zeitknappheit spielt Topalov "nach vorne", wonach sich seine Stellung massiv verschlechtert. Anand kann den Match-Score umgehend ausgleichen. 25...Se3? 26.Lxe3 dxe3 27.Lf3 g6?! 28.Txb6 La7?! 29.Tb3 Td4 30.Tc7 Lb8 31.Tc5 Ld6 32.Txa5 Tc8 33.Kg2 Tc2 34.a3 Ta2 35.Sb4 Lxb4 36.axb4 Sd5 37.b5 Taxa4 38.Txa4 Txa4 39.Lxd5 exd5 40.b6 Ta8 41.b7 Tb8 42.Kf3 d4 43.Ke4 1–0
Topalov (2805) – Anand (2787)
Schachweltmeisterschaft 2010 (3), Sofia
Nach Anands Neuerung 15.Da3 und dem späteren Sieg in Runde 2 wechselt der Herausforderer im 5. Zug das Verteidigungssystem gegen den Katalanen des Weltmeisters, mit dem Erfolg, dass er ... wieder eine Neuerung präsentiert bekommt, und zwar wieder auf a3: 10.Sa3N Der Druck auf c4 und b5 machen den Randspringer zu einer starken Figur. Nach dem folgenden Se5 und e2-e4 hat Weiß sehr gute Kompensation für den Gambitbauern, während Schwarz Mühe hat, seine Entwicklung zu beenden. 10...Ld7 11.Se5 Sd5 12.e4 Sb4 13.0–0 0–0 14.Tfd1 Le8 15.d5 Dd6 16.Sg4 Dc5 17.Se3 S8a6 18.dxc6 bxa4 19.Saxc4 Lxc6 20.Tac1±
Topalov hat die Stellung einigermaßen zusammen gehalten, auch wenn angesichts der am Damenflügel verirrten Figuren und der weißen Kontrolle über die offenen Linien keine Rede von Ausgleich sein kann. Mit dem ganz natürlich wirkenden Luftloch entsteht jedoch eine entscheidende Schwäche am Königsflügel, die Anand mit einem sehenswerten Opferangriff ausbeutet. 20...h6? 21.Sd6 Da7 22.Sg4! Tad8 23.Sxh6+ gxh6 24.Dxh6 f6 25.e5!+-
In der ersten Matchhälfte hat der Weltmeister seinen Herausforderer mit der katalanischen Eröffnung stark unter Druck gesetzt. 2,5 Punkte aus 3 Partien sind ein hervorragendes Ergebnis. Niemand konnte ahnen, dass es Topalov gelingen würde, den Spieß herumzudrehen. 9...b5 Ein fast unbekanntes Qualitätsopfer, das Topalovs Sekundant Cheparinov für ihn ausgearbeitet hat. 10.Sxc6 Sxc6 11.Lxc6 Ld7!N Der neue Zug von Cheparinov.
Schwarz erhält eine gefährliche Initiative für die Qualität. Anand muss nun die Heimanalyse der Gegenseite am Brett nacharbeiten, was ihm auch gelingt! 12.Lxa8 Dxa8 13.f3 Sd5 14.Ld2 e5 15.e4 Lh3 16.exd5 Lxf1 17.Dxf1 exd4 18.a4 Dxd5 19.axb5 Dxb5 20.Txa7 Te8 21.Kh1 Lf8 22.Tc7 d3 23.Lc3 Ld6 24.Ta7 h6 25.Sd2 Lb4 26.Ta1 Lxc3 27.bxc3 Te2 28.Td1 Da4 29.Se4 Dc2 30.Tc1 Txh2+ 31.Kg1 Tg2+ 32.Dxg2 Dxc1+ 33.Df1 De3+ 34.Df2 Dc1+ 35.Df1 De3+ 36.Kg2 f5 37.Sf2 Kh7 38.Db1 De6 39.Db5 g5 40.g4 fxg4 41.fxg4 Kg6
Anand hat einen signifikanten Materialvorteil über die Zeitkontrolle retten können, der schwarze Freibauer bindet allerdings die weißen Kräfte. Direkt nach der Partie hieß es, der Weltmeister hätte mit seinem nächsten Zug einen möglichen Gewinn ausgelassen. Die Endspieltheoretiker werden hier sicherlich bald Klarheit schaffen. 42.Db7 42.Da4! h5!? 42...d2 43.Db1+ Kg7 44.Kf1 De7 45.Kg2 De6 46.Dd1 De3 47.Df3 De6 48.Db7+ Kg6 49.Db1+ Kg7 50.Dd1 De3 51.Dc2 De2 52.Da4 Kg8 53.Dd7 Kf8 54.Dd5 Kg7 55.Kg3 De3+ 56.Df3 De5+ 57.Kg2 De6 58.Dd1 ½–½
Topalov (2805) – Anand (2787)
Schachweltmeisterschaft 2010 (8), Sofia
Im ersten Teil des Matches hat Anands recht passive Verteidigung gegen 1.d4 gehalten, in dieser Partie geht das Konzept aber nicht mehr auf. Topalov erhält einen sehr komfortablen Vorteil. 23.Se4 Txc1 24.Sd6+ Kd7 25.Lxc1 Kc6 26.Ld2 Le7 27.Tc1+ Kd7 28.Lc3 Lxd6 29.Td1 Lf5 30.h4 g6 31.Txd6+ Kc8 32.Ld2 Td8 33.Lxf4 Txd6 34.exd6 Kd7 35.Ke3 Lc2 36.Kd4 Ke8 37.Ke5 Kf7 38.Le3 La4 39.Kf4 Lb5 40.Lc5 Kf6 41.Ld4+ Kf7 42.Kg5 Lc6 43.Kh6 Kg8 44.h5 Le8 45.Kg5 Kf7 46.Kh6 Kg8 47.Lc5 gxh5 48.Kg5 Kg7 49.Ld4+ Kf7 50.Le5 h4 51.Kxh4 Kg6 52.Kg4 Lb5 53.Kf4 Kf7 54.Kg5
Nach langer und mühseliger Verteidigung ist ein Remis in Reichweite, der nächste Zug verdirbt es jedoch. 54...Lc6? 54...Ld3! 55.Kh6 Kg8 56.g4 Weiß wird Lg7 (!) und g4-g5-g6 spielen, wonach sein König zum freien d-Bauern gelangt. 1–0
Die Rückkehr des Königstigers - Teil 2
Anand (2787) – Topalov (2805)
Schachweltmeisterschaft 2010 (9), Sofia
Nach dem Matchausgleich in der 8. Runde kommt es gleich in der nächsten Begegnung zu einer großen Schlacht. Anand hat Topalov in einer äußerst scharfen Partie zwei unaufhaltsame verbundene Freibauern am Damenflügel überlassen, um seinerseits den gegnerischen König anzugreifen. Kurz vor dem Erfolg lässt er ihn jedoch entwischen. 54.Sc4 54.Sd5!+- 54...Sxf3+ 55.gxf3 Da2+ 56.Sd2 Kc7 57.Thd5 57.Thh6!+- b3 58.Kg3 b2 59.Tdg6 57...b3 58.Td7+ Kc8 59.Td8+ Kc7 60.T8d7+ Kc8 61.Tg7 a4 62.Tc5+ Kb8 63.Td5 Kc8 64.Kg3 Da1 65.Tg4 b2 66.Tc4+ Kb7 67.Kf2 b1D 68.Sxb1 Dxb1 69.Tdd4 Da2+ 70.Kg3 a3 71.Tc3 Da1 72.Tb4+ Ka6 73.Ta4+ Kb5 74.Tcxa3 Dg1+ 75.Kf4 Dc1+ 76.Kf5 Dc5+ 77.Ke4 Dc2+ 78.Ke3 Dc1+ 79.Kf2 Dd2+ 80.Kg3 De1+ 81.Kf4 Dc1+ 82.Kg3 Dg1+ 83.Kf4 ½–½
Topalov (2805) – Anand (2787)
Schachweltmeisterschaft 2010 (10), Sofia
In der vorletzten Partie des regulären Matches möchte Anand den etwas schwächlichen Bauern b5 nicht passiv verteidigen. Stattdessen opfert er ihn und startet einen - für beide Seiten! - gefährlichen Gegenangriff. Nach einigen bangen Momenten mündet das Spiel ins Dauerschach. 46.g4!? 46.Td2 46...Sd6 47.Kg3 Se4+ 48.Kh4!? Sd6 49.Td2 Sxb5 50.f5 Te4 51.Kh5 Te3 52.Sh4 Sc3 53.Td7+ Te7 54.Td3 Se4 55.Sg6 Sc5! 56.Ta3 Td7 57.Te3 Kg7 58.g5 b5 59.Sf4 b4
10 Züge vor der Zeitkontrolle der 12. Runde sind der Matchstand und die Stellung auf dem Brett ausgeglichen. Hier versagen jedoch dem Herausforderer die Nerven - vielleicht, weil er seine Chancen im drohenden Schnellschach Tiebreak pessimistisch bewertete. Anstatt die Stellung geschlossen zu halten, öffnet er seine Königsstellung für einen mageren Mehrbauern. Anand führt den entscheidenden Mattangriff sehr konsequent und verteidigt so seinen Weltmeister-Titel! 31.exf5? e4 32.fxe4? Dxe4+ 33.Kh3 Td4 34.Se3 De8-+