Nachrichten Hintergrund 12.Partie: Anand der Große Schachliches Genie und menschlicher Gigant in einer Person - gut ihn zum Freund zu haben!
12.05.2010 - "Veni, vidi, vici, Vishy", titelte ICC und chess.com unmittelbar nach dem bedeutenden Sieg Anands in der bulgarischen Hauptstadt Sofia und obendrein im Heimatland seines Gegners Veselin Topalovs. Der 15.Weltmeister hat damit seinen Platz in der sehr überschaubaren Liste der historischen Schachweltmeister entscheidend verbreitert. Ohne Frage hatte der Inder aus dem Mutterland des über 2000 Jahre alten Spiels seinen bedeutenden Platz eingenommen und gehörte zu den "Großen" seiner Zunft. Nach dieser Partie, diesem unglaublichen Wettkampf und großartigen Sieg allerdings, gehört er zu den "Ganz Großen". Wie schwer es sein kann, den letzten wichtigsten Schritt eines Weges zu gehen, der Mitte September 2009 in Bad Soden am Taunus mit der Vorbereitung begann und heute hier mit der Siegerehrung endete, zeigt das Schicksal seines bravourös kämpfenden Gegners Topalov. Hätte er nicht das mögliche Remis akzeptieren sollen und sein Heil in einem Stichkampf am 13.Mai (dreizehnten) suchen sollen, obwohl er seinen vorhergegangenen WM-Kampf gegen Vladimir Kramnik auch an einem 13.Oktober verlor? Allein Intuition, Schicksal, Glück und die innere Stimme helfen an diesen wichtigen Gabelungen des Lebens - Leistungskraft und - willen, Strategie, Planung und Erfahrung sind obligatorische Faktoren.
Einer Achterbahn gleich, musste der amtierende Weltmeister diesen Wettkampf hier in Sofia empfunden haben: im ersten Drittel, der unverzeihlicher Fehler in der ersten Partie, glänzende Siege in der 2. und 4.Partie mit dem Katalanen und mit der Führung im Match belohnt. Danach kamen im zweiten Drittel in der Partie 5 und 6 die interessanten Remis und in der 7.Partie nach heroischer Verteidigung gegen die vom Team Topalov hervorragend präparierte Neuerung, gelang es ihm mit enormem Zeitaufwand schließlich eine gute Stellung zu erreichen, um dann mit Db7 anstatt Da4 den Sieg doch noch zu verpassen. In der achten Partie gelang es ihm wieder mit Schwarz eine schwierige Stellung nach Sd6+ auszugleichen, um sie dann nach Lc6 wegzuwerfen und damit den Match-Ausgleich zuzulassen. Das dritte Drittel begann mit der aufregendsten Partie, die den Zuschauern der WM-Geschichte in den letzten 10 Jahren geboten wurde. In dieser Partie mit der asymmetrischen Materialverteilung, Dame gegen zwei Türme, ließ Anand 3-4 mal den möglichen Sieg aus. In diesem Moment mag der Glauben im Team an den eigenen Frontkämpfer ins Zweifeln geraten und es werden der Talisman oder andere helfende Rituale bemüht. Es schwirren dann sogar verrückte irrealistische Gedanken durch den Raum, wie kann im eigenen Netzwerk der Mannschaftskollege vom OSG Baden-Baden helfen oder gar das andere Ehrenmitglied der Chess Tigers? Diese ganzen Gedanken, die sich dann ums Hilfesuchen drehen führen final unabdingbar zur Erkenntnis: hilf Dir selbst, so hilft Dir Gott (oder die Götter). Danach folgte das klare Remis in der 10.Partie mit Grünfeldindisch, trotzdem mit einem hochspannenden Endspiel mit Läuferpaar gegen Springer und Läufer, Spannung ohne Ende. In der letzten Weißpartie versuchte es Anand mit 1.c4 der Englischen Eröffnung mit annäherndem Ausgleich, und startete nach Bauernopfer im Endspiel einen halsbrecherischen Gewinnversuch. Uns Zuschauern stockte fast der Atem, denn es hätte auch Schiefgehen können, denn niemand von uns hatte einen Computer zum Souflieren zur Hans.
Mein Gott und dann diese 12.Partie, die ruhige Lasker-Variante des angenommenen Damengambits mit der Anand nur mit Schwarz um Ausgleich spielen wollte. Nach ... Ld3, Dc1 La6, bot sich eine Zugwiederholung für Topalov an, die er aber verschmähte, weil er überhaupt nicht glauben wollte, dass er am 13.Tag eines Monats gegen den besten Schnellschachspieler der letzten 15 Jahre auch nur den Hauch einer Chance in einem Tiebreak über 4 Partien haben könnte. Der erste wirklich fatale Moment für ihn im ganzen Match, dass er an dieser Stelle nicht Herr seiner Nerven werden konnte und das Risiko zu hoch drehte. Vielleicht hatte er aber auch die Order von seinem Matchstrategen Danailov bekommen, bei passender Gelegenheit "all in" zu gehen, wie es so schön im Poker heisst. Mit einer Folge von schwachen Zügen erreichte er seine, meines Erachtens, einzige "schwache" Phase des ganzen Matches mit fehlerhafter Einschätzung der weißen Verteidigungsressourcen nach Dh3. Der "Tiger aus Madras" hatte die Geduld bis zur letzten Partie auf seine Chance zu warten und nutzte sie unerbittlich. Uns allen im Team war sofort klar, dass sich alles zum Guten gewendet hatte und mehr als ein lautes "Ja" kam erstmal nicht über die Lippen. Die Bedeutung dieses Sieges Anands in der WM-Kampf-Historie wird erst zukünftig bewertet werden können, aber eines steht jetzt schon fest: das Schachgenie Anand wird sich so schnell nicht ändern und menschlich gesehen wird er auch derselbe bleiben, allerdings hat er hier in Sofia nachgewiesen, dass ein amtierender Weltmeister auch im Lande des Herausforderers siegreich bestehen kann. Im Jahre 1921 war dies dem deutschen Weltmeister Emanuel Lasker gegen das kubanische Schachgenie José Raoul Capablanca in Havanna nicht gelungen. Vishy Anand hat mit +3 hier in Sofia gewonnen, genauso wie im Jahre 2008 in Bonn gegen Vladimir Kramnik. In Bonn hatte er allerdings fast fehlerfrei gespielt, hier in Sofia unterliefen im mindestens drei ungewohnte Aussetzer, damit trieb er bestimmt nicht absichtlich die Spannung in unermessliche Höhen.
Die Auswahl der zwölften Tür der Alexander Newski Kathedrale zeigt auf dem linken Eingang drei Heilige.
Der indische Weltmeister Viswanathan Anand wollte eigentlich seine Chancen in der elften Partie wahrnehmen oder sich mindestens für die letzte Partie aufrecht erhalten, - nur nicht verlieren, war die Devise, - heute hat er den wichtigsten Sieg seiner Karriere mit diesem perfekten Konter und seinem ersten Schwarzsieg im ganzen WM-Kampf gegen den ungeduldigen Herausforderer Topalov zum entscheidenden Sieg nach Hause gebracht. Unglücklich für den bulgarischen Kämpfer Veselin Topalov, der am Anfang des Matches in der Eröffnungspressekonferenz davon sprach, den Sieg für Bulgarien und seine Fans zu erfechten. Zu viel Last hatte er damit scheinbar auf seine Schultern geladen?
Impressionen vom WM-Match im Military Club Sofia
Die letzte war ebenso die elfte der zwölf Türen in der Alexander Newski-Kathedrale, die nicht durchschrittene zwölfte Tür hatte das ähnliche Ansehen der beiden Türen, die bei den zwei Niederlagen ausgesucht wurden. Diese Tür war ganz vorne links, dicht neben dem Hauptportal gelegen und sah fürchterlich "schlicht" aus! Aber der dritte Sieg kam im allerletzten Moment, als es keiner mehr zu hoffen gewagt hat und Sie wissen schon, wenn es anders ausgegangen wäre, hätte die Alternative hier gezeigt werden müssen - Gewinn Topalov oder Remis mit anschließendem Stechen waren die beiden anderen Möglichkeiten!
12.Partie: der obligatorische Handschlag vor der Partie, sitzend Topalov stehend Anand kurz vor der Ansprache des Hauptschiedsrichters Nikolopolous!
12.Partie: Weltmeister Anand wählte das sichere Verteidigungssystem im abgelehnten Damengambits des einzigen deutschen Weltmeisters Enanuel Lasker. Der allerdings 1921 in Havanna gegen den legendären Cubaner Josè Raoul Capablanca auf gegnerischem Boden unterging. Vishy machte es besser und Topalovs Mimik zu Anfang der Partie zeigte schon die ganze Anspannung und Verantwortung, die er sich auf seinen Schultern selbst geladen hat.
Show down 12.Partie: der Vorhang schließt sich ein letztes Mal im Sofioter Military Club.
Vor der Partie die Konzentration mit dem Blick in den Zuschauerraum ...
... während der Partie, so 10 - 20 Mal diese Geste, um die Ärmel der Jacke hochrutschen zu lassen, damit er seinen Kopf bequemer abstützen kann. Sah immer bedrohlich für den Gegner aus!
Die Lasker-Variante des angenommenen Damengambits war angesagt!
12.Partie: unmittelbar nach dem Ende des Weltmeisterschaftskampfes eine 2-minütige freundliche Analyse zwischen beiden Spielern - die Normalität schien beide wieder eingeholt zu haben, keine Mäzchen mehr, keine Sofia-Rules Debatte, nur noch Schach
Niedergeschlagenheit gepaart mit Einsilbigkeit nach großem Kampf - Herausforderer Veselin Topalov bei der Pressekonferenz
Der "all in" - Manager Silvio Danailov?
"The winner takes it all" - die Antwort ist wahr!
... zwei weitere Jahre Weltmeister sind Verantwortung und Genugtuung.
"Ich bin um zehn Jahre gealtert" sprudelte es nur aus Vishy heraus, sichtlich mit dem Ausgang zufrieden und erleichtert "Das war das härteste Match, dass ich je gespielt habe"!
Aus dem Hilton Sofia durch den Regen in den Military Club Sofia - Vishy Anands treuen Helfer!
Das komplette Team Anand in Sofia v.r.n.l.: Christian Bossert, Peter Heine Nielsen, Mark Lefler, Eric van Reem, Rustam Kasimdzhanov, Hans-Walter Schmitt, Weltmeister Viswanathan Anand, Aruna Anand, Surya Shekhar Ganguly und Radoslaw Wojtaszek
Hans-Walter Schmitt, Generaldirektor Hilton Jacques Brune, Aruna Anand, Weltmeister Vishy Anand und Hilton Direktor Oliver Kesseler
Ehepaar Aruna und Vishy Anand Die Managerin und der Schach-Weltmeister
Der neue und alte Weltmeister Anand mit seinem Team Surya Shekhar Ganguly (Indien) - Radoslav Wojtaszek (Polen) - Peter Heine Nielsen (Dänemark) - Rustam Kasimdzhanov (Uzbekistan)
Hilton Sofia: Sonnenaufgang am 11.Mai 2010 - 6:05 Uhr die "Talismänner" aus Mexiko-City und Bonn waren dabei.
Hilton Sofia: Anand scheidet die Siegestorte an Generaldirektor Jacques Brune (links) und Direktor Oliver Kesseler (rechts)
Hilton Sofia: die Mitarbeiter des Hilton Sofia ließen das Anand-Team sich 4 Wochen lang wohl fühlen ...
Abendmahl im Sofioter Restaurant Taj Mahal - die Bosserts gratulieren
... ohne Worte Mehr Informationen und Bilder später - 29 Tage Sofia waren ein echtes Erlebnis für den Schreiber und das ganze Team. Entschuldigung Sie bitte, 2 Tage kommen ja noch, aber kein Stechen!
Morgen geht es wieder für uns alle nach Hause. Für die Hintergründe verantwortlich: Hans-Walter Schmitt - Bilder: Christian Bossert, Eric van Reem und Hans-Walter Schmitt