TopTurniere Hintergrund 10.Partie: Grünfeld-Strategie Anands erfolgreich Kasparovs unverlässliche Verteidigung gegen Kramnik im WM-Kampf 2000 hilft Anand gegen Topalov zum sicheren Remis im Duell 2010
08.05.2010 - "Mein Geld wäre auf Anand", gab der Vorgänger Vishys, Vladimir Kramnik, auf die Frage der Zeit-Redaktion "Und wer, meinen Sie, gewinnt das Match?" zu Protokoll. Die Atmosphäre im Sofioter Military Club war selten so relaxt während einer Partie, wie während der 10.Partie. Nur ganz wenige Karten waren verkauft worden, obwohl der Spielstand 4½:4½ und die Weißpartie von Topalov alle Voraussetzung für einen weiteren Thriller für den echten bulgarischen Fan erfüllten. Die solide Spielweise beider Protagonisten war vor allem auf Topalovs Seite vielleicht ein Fingerzeig, dass auch bei ihm nach dem "Aufreger der 9.Partie" die Kraftströme nicht unbegrenzt fließen können. Deutlicher Hinweis war nach dem überraschenden Bombenzug La6!, dass er nach dem Abtausch der Damen mit einem scheinbar besseren Endspiel Läuferpaar gegen Läufer und Springer übrigblieb und keinerlei Vorteile mehr erzielen konnte, sondern eher noch präzise ums Remis am Schluss bangen musste, meinten fast alle Experten. Vielleicht schwirrten aber schon seine Gedanken um die 11.Partie herum, wo Anands Weißaufschlag ihn in ähnliche Schwierigkeiten, wie bei der 9.Partie bringen könnte. Spätestens während der Pressekonferenz wirkte seine temporäre gedankliche Abstinenz und echte Wortkargheit auf diesen Umstand hin. Klar ist jetzt: wer zuerst "blinzelt" verliert das Duell, genau wie im Western "High noon"! Lesen Sie auch das interessante Skype Interview in der Online-Redaktion der "Zeit".
Der Garry Kasparovbezwinger Vladimir Kramnik und klassischer Weltmeister von 2000-2007 gab der ZEIT ONLINE Redaktion (Stefan Löffler) eine interessante Antwort: Anand ist schon 40. Warum spielt er noch so stark? Weil er einer der richtig Großen ist. Und weil er sehr professionell lebt. Natürlich hat er nicht mehr so viel Energie. Er konzentriert alles darauf, bei der WM in Topform zu sein. Meinem Eindruck nach spielt Vishy besser denn je. Die vergangenen drei Jahre waren die besten seiner Karriere. Das mag merkwürdig klingen, weil er schon 40 ist. Aber auch Iwantschuk und Gelfand spielen mit 40 ihr bestes Schach. Das gibt mir Hoffnung. Vielleicht werde ich das auch noch schaffen. Und weiter: Wie haben Sie das Ende der 9.Partie gesehen? Kramnik: Topalow war mausetot. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so viel Glück gesehen habe. Es grenzt an ein Wunder, dass er nicht verloren hat. Vishy wird sehr enttäuscht sein.
Vishy Anand hat wieder einmal gezeigt, dass die pragmatische Behandlung des Wettkampfendes mehr für ihn einbringen könnte, als das sture, eintönige, vom prinzipiellen Leitgedanken geprägte Festhalten an dem selben Wettkampftenor. Vielleicht hat das Team Anand auch erkannt, dass es sinnvoller ist, mit dem Herausforderer Topalov und dessen Team, einfach Schach zu spielen. Vergleichbar mit den alten Regeln beim Wahl der Waffen im mittelalterlichen Ritterstreit: dem "Schwert und Schild" mit dem "Netz und Morgenstern" zu begegnen. Es ist kein allzu großes Wagnis für den Allrounder und schachlich sehr beweglichen Inder, um Zins und Zinseszins einzukassieren, allerdings aufpassen muss er schon auf einen weiteren "Lucky Punch".
Die Auswahl der zehnten Tür der Alexander Newski Kathedrale zeigt den mittleren Eingang, die Haupttür des Hauptportals. Der indische Weltmeister Vishy Anand zeigte wieder große Klasse und produzierte mit dem Herausforderer Veselin Topalov ein glasklare und staubtrockene Partie. Eine fast fehlerfreie Partie, viel leichter zu bewältigen von großen Schachmeistern bei solchen Materialverhältnissen, als noch in der Vorgängerpartie, die einem heute noch den Atem rauben könnte. Wir glauben, dass sich durch diese Schwarzpartie der Weltmeisters sein Selbstbewusststen so stark wird, dass er auch das Match noch vor dem Stechen für sich entscheiden kann!
Impressionen vom WM-Match in Sofia und Umgebung
Die zehnte der zwölf Türen in der Alexander Newski-Kathedrale
10.Partie: der obligatorische Handschlag vor der Partie, nach der Partie klappte es auch schon mit dem "totremis" machen, ohne die Schiedsrichter zu befragen!
10.Partie: in Erwartung, dass es 15:00 Uhr Ortszeit wird
10.Partie: der Kampf hat begonnen, Grünfeldindisch, Anand nimmt auf Sxc3
Der Blick von ganz hinten im Military Club auf die Bühne ...
... der Blick nach 5 Minuten nach dem Abdunkeln
Der indische Journalist Vijay Kumar immer noch von der 9.Partie ermattet ...
... Bundesliga Chefredakteur Georgios Souleidis ist da noch frischer!
Vijay Kumar (All Indien Chess) wieder voll fit, in der Mitte Jan Dirk ten Geuzendam (New in Chess) und rechts Dirk Poldauf (Schach)
Die Alexander Newski Kathedrale um 14:41 Uhr
Der Military Club in aller Pracht mit typischer Ampelsteuerung
Makabrer Anblick: unmittelbar vor Spielbeginn musste diese Taube vorm Military Club vor den Augen des Schreibers ihr Leben lassen - nicht ganz einfach zu verdauen, wenn man ein bisschen der symbolische Abergläubigkeit anhängt!
Das Betrachten der Skulpturengruppe direkt neben dem Military Club hat einzeln gesehen etliche Motive, die differenzierte Gefühle von Depression bis Resignation wiederspiegeln können
... auch aus einem anderen Blickwinkel ändert sich das nicht - ein Mahnmal!
Hier wird vor dem Grand Hotel Sofia um den Einsatz von 2-10 Leva (1-5 Euro) gezockt, teilweise sind über 50 Schachspieler und Kiebitze gezählt worden - im Military Club bei den WM-Spielen kaum die Hälfte. Wie erkären sich das die bulgarischen Ausrichter und der Manager von Veselin Topalov?
Eric van Reem versucht sich an einen echten Leva-Schachjuxplatz-Artisten
Hans-Walter Schmitt musste extrem genau spielen, um dieses kompliziertes Endspiel zu halten.