Nachrichten FIDE-Weltrangliste im März ohne Linares ... ... und wird Anatoly Karpov neuer FIDE Präsident?
02.03.2010 - Der Weltschachverband hat seine neue Weltrangliste veröffentlicht und mal wieder gibt es Anlass, sich zu wundern. Am 24. Februar endete das Top Turnier in Linares mit ganzen sechs Spielern, doch die FIDE war offenbar nicht in der Lage, es in die Berechnung der Liste einzubeziehen. Während Hans-Arild Runde in seiner privaten Live Top List schon wenige Stunden nach dem letzten Zug in Linares die neuen Zahlen veröffentlicht hatte, ist die offizielle Weltrangliste nicht zum ersten Mal mit ihrer Veröffentlichung bereits veraltet. Da kommt eine weitere Meldung, die gerade die Runde macht, zu einem denkbar günstigen Zeitpunkt: Anatoly Karpov, seines Zeichens zwölfter Weltmeister und einer der besten Spieler der Schachgeschichte, scheint seine Kandidatur für das Präsidentenamt in der FIDE zu erwägen, um den amtierenden Kirsan Ilyumzhinov abzulösen.
Auf die Führung in der Weltrangliste hat die schwache Performance der FIDE in Sachen Auswertung keinen Einfluss, da Magnus Carlsen auch mit Linares hauchdünn vor Veselin Topalov geblieben wäre. Dennoch, wir leben schon lange in einer Welt, in welcher Informationen von gestern heute bereits veraltet sind, doch statt die Gelegenheit beim Schopf zu packen und in dieser Hinsicht eine Vorbildfunktion zu übernehmen, lässt sich unser Weltschachverband von der privat betriebenen Live Top List die Butter vom Brot nehmen. Selbst die DWZ-Onlinedatenbank des Deutschen Schachbundes wird mindestens ein Mal im Monat aktualisiert, weil man erkannt hat, welch hohen Stellenwert die Rating nicht nur für professionelle Schachspieler hat.
Da kommt die Meldung der russischen Nachrichtenagentur SarInform, dass Anatoly Karpov (58) plant, sich für die in diesem Jahr fällige Präsidentschaftswahl der FIDE aufstellen zu lassen, gerade richtig. Stattfinden wird die Wahl bei der Generalversammlung des Weltschachverbandes im Rahmen der 39. Schacholympiade im russischen Khanty-Mansiysk im September. Wirklich offiziell ist die Kandidatur Karpovs allerdings noch nicht, denn dafür müsste ihn der russische Verband direkt vorschlagen, was aber bisher nicht geschehen ist. Spätestens drei Monate vor Beginn der Versammlung muss die Nominierung bei der FIDE schriftlich eingegangen sein. Wie die Chancen von Tolja stünden, das Duell mit Kirsan Nikolayevich Ilyumzhinov für sich zu entscheiden, ist kaum vorherzusagen. Zuletzt war 2006 der Niederländer Bessel Kok an dem Versuch, den Planet Kirsan aus seiner Umlaufbahn zu befördern, gescheitert, doch Karpov ist in der Schachwelt natürlich nochmals eine ganz andere Hausnummer!
Die alten Erzrivalen Garry Kasparov und Anatoly Karpov - hier beim 200. Jubiläum der Schachgesellschaft Zürich 2009 - haben sich versöhnt. Gut möglich, dass Kasparov seinem "alten Freund" bei dessen Kandidatur sogar unterstützen würde! Immerhin hat er aktuell mit Magnus Carlsen vermutlich den zukünftigen Weltmeister unter seinen Fittichen.
So viel weltmeisterliches Prestige auf einem Bild ... Garry Kasparov, Viswanathan Anand und Anatoly Karpov
Bei SarInform wird Karpov jüngst zitiert: „Es ist nötig, die alte Ordnung wieder herzustellen!“ und “Die Probleme mit der Weltmeisterschaft, dem Kalender, dem Ändern von Entscheidungen, Änderungen während eines Zyklus, das gab es früher nicht. Zudem sollte das Prestige des Weltmeisters wieder das alte Niveau erreichen.” Was zunächst nicht verkehrt klingen mag, wird wohl schwerlich ausreichen, an Ilyumzhinovs Thron zu rütteln. Mal davon abgesehen, dass der amtierende Weltmeister Vishy Anand schon lange weiß, dass er von der FIDE nicht mehr Respekt und Entgegenkommen zu erwarten hat, als unbedingt nötig, und zusammen mit seiner Frau und Managerin Aruna selbst für sein enormes Prestige Sorge trägt. Statt sich jedoch in Selbstherrlichkeit zu ergeben, ist der Inder ganz seinem Charakter entsprechend zwischen seinen Turnieren auf der ganzen Welt als Botschafter des Schachs unterwegs und dabei völlig unabhängig vom Weltschachverband. Weder um Anand und wohl auch nicht um seine potentiellen Nachfolger wird man sich bei der FIDE sorgen müssen, sondern um die eigene Außenwirkung, Zuverlässigkeit und Glaubwürdigkeit sowie die Bereitschaft, auch mal innovativ zu denken. Schön wäre auch etwas mehr „Gens una sumus“ und dafür weniger „Pecunia non olet“. Ob Anatoly Yevgenyevich Karpov dafür wirklich der rechte Mann an der Spitze ist? Schwer zu sagen, aber einen Versuch könnte es wert sein.