TopTurniere Tal Memorial 2009 - Fünf Remis zum Auftakt Trotz schönem Schach kein Blutvergießen in Moskau
05.11.2009 - Gut gespielt, aber doch nicht gewonnen, das kennen auch die besten Spieler der Welt. Ein Paradebeispiel dafür war die heutige erste Runde des stärksten Rundenturniers im auslaufenden Jahr. Im Fokus standen natürlich die Partien zwischen Weltmeister Viswanathan Anand und Vorjahressieger Vassily Ivanchuk sowie Magnus Carlsen gegen Vladimir Kramnik. Es sollten tatsächlich die längsten und interessantesten Begegnungen werden, obwohl sie letztlich wie die anderen drei Partien im Remishafen endeten. Somit führen alle zehn Teilnehmer des Tal Memorial 2009 nach der ersten Runde einträchtig die Tabelle an.
Vladimir Kramnik konnte Magnus Carlsen mit den schwarzen Steinen aus der Eröffnung heraus vor enorme Probleme stellen. Er wählte als Schwarzer gegen den jüngsten 2800er der Schachgeschichte die gleiche Variante im Nimzoinder wie Anand jüngst im Schnellschach-Match gegen Karpov und griff mit 11...g5!? auch zu einer ähnlichen Idee wie der Inder. Tatsächlich schien er Carlsen damit eiskalt erwischt zu haben, denn in der Folge geriet dieser in eine Stellung, in welcher er bangen musste, überhaupt ein Remis zu erreichen. Doch im entscheidenden Augenblick nahm Kramnik nicht zum ersten Mal nur den sicheren, kleinen Vorteil mit, statt das Risiko nochmals zu erhöhen. Damit zwang er seinen Gegner zwar immer wieder zu großer Genauigkeit, doch trotz der Tatsache, dass der Russe diese Stellung fortan engagiert auf Gewinn spielte, Carlsen behielt die Ruhe und nach 58 Zügen hatte er ein echtes Kampfremis erreicht.
Zwischen Vishy Anand und Vassily Ivanchuk führte Letzterer die weißen Steine und erspielte sich ebenfalls aus der Eröffnung heraus einen beachtlichen positionellen Vorteil. Spätestens nach dem indischen Rückzug 13...Sb8 war deutlich, dass Ivanchuk drauf und dran war, Anand eine schmerzliche Auftaktniederlage beizufügen. Aber der Ukrainer verbrauchte dabei mal wieder so viel Bedenkzeit, dass er die zweite Partiehälfte quasi im Blitzmodus bestreiten musste. Das schaffte er zwar, doch der Vorteil verflüchtigte sich alsbald und Anand gewann sogar einen Bauer. Doch angesichts der Tatsache, dass sich dieser auf Dauer nicht behaupten ließ, willigte er nach 44 Züge in die Punktteilung ein. Möglich, dass der Weltmeister zwischendurch sogar die Chance verpasste, größeren Vorteil zu erzielen, aber nach dem Eröffnungsverlauf wird er sicherlich mit dem Remis leben können und sich bereits auf die zweite Schwarzpartie in Serie gegen Kramnik einstimmen.
Und auch das Remis zwischen Alexander Morozevich und Peter Leko hatte durchaus interessante Momente. Mit Geduld und Geschick schaffte es der Russe als Weißspieler, die h-Linie zu öffnen und zum Königsangriff auf selbiger die Türme zu verdoppeln. Vielleicht hätte Morozevich, als sich die Gelegenheit bot, den verteidigenden Läufer auf g7 gegen seinen weißen Kollegen abzutauschen, nutzen sollen, aber sein temporäres Figurenopfer sah auch zunächst stark aus. Als man bereits Schlimmstes für den Ungarn befürchten musste, zeigte Leko erneut seine außerordentlichen Qualitäten als Verteidiger und opferte im rechten Moment eine Qualität und bewegte beziehungsweise zwang Moro zu einem Dauerschach.
Im Grünfelder zwischen Levon Aronian und Peter Svidler betrat der Armenier als Weißer mit 10.Le2!? bereits früh wenig erforschtes Terrain. Aber der Russe zeigte sich nur mässig beeindruckt und glich rasch aus. Es folgte ein spannendes Mittelspiel, in dessen Verlauf Svidler der aktuellen Nummer 4 der Weltrangliste für das Endspiel einen schwachen Bauer auf c3 verpasste, sodass man gar schwarzen Vorteil vermuten mochte. Doch Aronian wies nach, dass dem nicht wirklich der Fall war und wickelte gekonnt in ein totremises Turmendspiel ab. Zwar konnte diese Partie vom Spannungsgehalt nicht mit den drei zuvor beschriebenen mithalten, aber die Tatsache, dass Aronian offenbar etwas Neues im Gepäck hatte und Svidler darauf am Brett sehr gut reagierte und den häuslichen Analysen seines Gegners standhielt, ist durchaus lehrreich. Und wenn schon kein Blut fliesst, dann ist es doch wenigstens schön, wenn man als Zuschauer etwas lernen kann, oder?
Die kürzeste Partie spielten Boris Gelfand und Ruslan Ponomariov. Nach 29 Zügen hatte man sich in ein Doppelturmendspiel heruntergetauscht, in welchem jeder seine Türme auf des Gegners vorletzter Reihe platziert hatte. Damit "drohten" sich beide Spieler gegenseitig das Dauerschach an und so reichte man sich kurzum die Hände zum Friedensschluss. Dabei war der Katalane, der gespielt wurde, sicherlich nicht uninteressant, aber wirklich Druck konnte Gelfand als Weißer mit der gewählten Nebenvariante nicht erzeugen. Ponomariov, der FIDE-Weltmeister von 2002, ist nach ELO das Schlusslicht der Setzliste - immerhin mit 2739! -, und so kann man es ihm vermutlich nicht verdenken, dass er die Partieanlage seines israelischen Gegners nutzte, um zu tauschen, was das Brett hergab. Der Ukrainer könnte sich durch das komplette Turnier remisieren und würde dabei automatisch eine schöne Anzahl ELO-Punkte kassieren.