Nachrichten Schach und Wirtschaft Weltmeister Anand im Interview
25.05.2009 - Gleich zwei hochinteressante Interviews hat jüngst der amtierende Schachweltmeister Viswanathan Anand österreichischen Wirtschaftsmagazinen gegeben, welche wir Ihnen hiermit im Doppelpack servieren. Dabei ging es nicht vornehmlich um Schach, denn Anand ist ebenfalls ein studierter Wirtschaftsexperte, der immer wieder um seine Meinung zur aktuellen Weltwirtschaft gebeten wird. Und so ganz nebenbei erfährt man noch kurz und knackig, wie Anand seine Chancen bei der nächsten Weltmeisterschaft gegen Veselin Topalov einschätzt. Den Anfang macht das Magazin "FORMAT" und dann folgt das Interview auf "derStandard.at".
"Die Weltwirtschaft ist schachmatt. Jetzt beginnt ein neues Spiel."
Der „Tiger von Madras“, Schachweltmeister Viswanathan Anand, über Parallelen zwischen Management und Schach, Karriereplanung und Krisenbewältigung.
FORMAT: Steht die Weltwirtschaft aus Ihrer Sicht derzeit unter Schach, oder ist sie bereits schachmatt?
Anand: Schachmatt. Jetzt beginnt ein neues Spiel.
FORMAT: Haben Sie für Manager, denen in dieser Situation nun seit geraumer Zeit ein sehr rauer Wind um die Ohren weht, ein paar Tipps parat?
Anand: Wenn man daran Spaß hat, was man macht, dann fühlt es sich nicht wie Arbeit an. Das gilt auch in Phasen, in denen es schlecht läuft. Es gibt immer ein Licht am Ende des Tunnels. Das ist im derzeitigen wirtschaftlichen Umfeld das Wichtigste, das sich Manager vor Augen halten sollen.
FORMAT: Haben sich die Firmenlenker zu sehr in Sicherheit gewiegt, nachdem die Wirtschaft jahrelang boomte und neue Lösungen scheinbar nicht wichtig waren?
Anand: Es ist wie beim Schach. Wenn während des Spiels keine Probleme auftauchen, sinkt die Aufmerksamkeit, weil die Herausforderung zu gering ist. Schwache Schachspieler erkennt man daran, dass sie sich sehr stark an Theorien halten, die lange gut funktionierten. Das ist ein Muster, das leider auch in der Wirtschaft häufig zu beobachten ist.
FORMAT: Sie müssen als Schachweltmeister eine Menge Strategien in der Schublade haben. Sind nun in der Wirtschaft neue Konzepte nötig?
Anand: Egal ob im Schach oder in der Geschäftswelt, wer wirklich gut sein möchte, muss immer neue Strategien entwickeln, um den Gegner und den Mitbewerb zu überraschen. Das gilt besonders, wenn man in eine Sackgasse gerät. Ich arbeite immer hart an neuen Konzepten. In Trainingsphasen kostet das oft zehn Stunden oder mehr täglich. Nur wer ängstlich ist, hält sehr lange an alten Theorien fest.
FORMAT: Sollen Manager deswegen gleich alle bewährten Rezepte über Bord werfen?
Anand: Nein. Ich hatte bereits zwischen 1991 bis 2001 einen festen Platz unter den besten Schachspielern der Welt. Dann kam eine achtmonatige Krise. Ich lernte, dass sich nicht alle Fähigkeiten wegen eines Rückschlags in Luft auflösen. Das trifft auch auf erstklassige Unternehmen zu, deren Stärken unter der Wirtschaftskrise leiden.
FORMAT: Die Karriere vieler Manager weist wegen der Wirtschaftskrise einen Knick auf. Wie gehen Sie persönlich mit Niederlagen um?
Anand: Erfolg und Versagen sind Teile eines ganz normalen Zyklus. Wenn ich schlechte Ergebnisse erziele, nehme ich eine Auszeit und spiele ein oder zwei Wochen nicht Schach. Das wirkt Wunder, wenn man den Kopf frei kriegen will. Nach Niederlagen muss man emotionale Distanz aufbauen. Der Schmerz des Verlierens verblasst, die Pause öffnet die Chance, an etwas Neuem zu arbeiten.
FORMAT: Bedeutet das, dass Manager einfach nicht mehr ins Büro kommen sollen, wenn es nicht rund läuft? Glauben Sie wirklich, dass Konzernchefs die Möglichkeit haben, eine Karrierepause einzulegen?
Anand: Viele Unternehmen müssten jetzt eigentlich glücklich sein, wenn ihre Manager einen Monat nicht ins Büro kommen. Das würde auch den Betroffenen ganz gelegen kommen, weil die Angst vor dem Jobverlust grassiert, die teils übertrieben ist. Während der Auszeit können Strategien überdacht und hinterfragt werden.
FORMAT: Was hält Sie davon ab, bei Niederlagen die Flinte ins Korn zu werfen?
Anand: Wenn ich bei einem Schachturnier die ersten Runden über schlecht spiele, kann ich nicht einfach zusammenpacken und abreisen. Mir hilft es am meisten, negative Gedanken zu verbannen.
FORMAT: Was ist zu tun, um nicht mehrmals in dieselbe Falle zu tappen?
Anand: Im Schach gibt es keine neuen Fehler, man kann immer nur alte Fehler wiederholen. Das Problem ist, dass Fehler immer ihre Gestalt ändern. Schachspieler und Manager sind gut beraten, alte Fehlermuster zu erkennen und ihnen rechtzeitig zu begegnen.
FORMAT: Was können jene, die noch auf einer unteren Stufe der Karriereleiter stehen, daraus lernen?
Anand: Schachprofis behaupten nie, dass sie einzig wegen ihrer brillanten Züge gewinnen. Oft geht genau der Spieler als Sieger vom Brett, der weniger Fehler macht. Meist wird erst gegen Ende eines Spieles klar, dass ein Bauer, der vorher geopfert wurde, dringend nötig wäre. Die Lehre daraus: Auch aufstrebende Talente müssen mehrere Züge im Voraus planen.
FORMAT: Wann haben Sie begonnen, Schach zu spielen? Ab wann wurde Ihnen klar, dass Sie Profi werden wollten?
Anand: Als ich sechs Jahre alt war, brachte mir meine Mutter das Schachspielen bei. Obwohl ich später Wirtschaft studierte, blieb ich beim Schach, weil ich nur zu 95 Prozent davon überzeugt war, mit einer Karriere in der Geschäftswelt Erfolg zu haben.
FORMAT: Was sollten jene, die eine Managementfunktion anstreben, beachten?
Anand: Als ich mich in der Schachweltrangliste bis auf Rang fünf nach oben gearbeitet hatte, war mein weiterer Lebensweg vorgezeichnet. Ich wusste, dass ich einen sehr guten Grund gebraucht hätte, um mich nicht voll und ganz dem Spiel der Könige zu widmen. Ich kann auch dem aufstrebenden Wirtschaftsnachwuchs nur empfehlen, ausschließlich das zu tun, woran das Herz hängt.
FORMAT: Und was raten Sie etablierten Managern, um mit den Wirtschaftsturbulenzen zurechtzukommen?
Anand: Beim Schach ist es wie in der Geschäftswelt oft fast unmenschlich schwer, die Nerven zu behalten. Besonders Perfektionisten haben Probleme, Niederlagen einzustecken. Aber es sind nicht die Perfektionisten, die die Marktanteile steigern, sondern jene, die zur richtigen Zeit die richtige Leistung anbieten.
FORMAT: Wie wichtig ist Erfahrung für die Karriere jedes Einzelnen und für den Erfolg von Unternehmen?
Anand: Mir kommt beim Schach all die Arbeit, die ich über die Jahre hinweg investiert habe, zugute. Dieser Erfahrungsschatz ist die Basis für weitere Erfolge.
FORMAT: Teamwork ist ein wirksamer Erfolgsfaktor in gut geführten Unternehmen. Sehen Sie Parallelen zum Schach?
Anand: Gnadenlose Objektivität steht an erster Stelle. Ich beschäftige in Turnierphasen vier Trainer, die auch dafür sorgen, dass die Informationsflut beherrschbar bleibt. Der große Vorteil eines Teams ist, dass jedes Teammitglied Dinge wahrnimmt, die man selbst übersieht. Das hilft bei der Selbsteinschätzung. Die Trainer haben auch die Aufgabe, mir zu sagen, was ich falsch mache. Ich rate jedem Manager, direktes Feedback von Mitarbeitern zuzulassen.
FORMAT: Im Frühjahr 2010 finden die nächsten Schachweltmeisterschaften statt. Was ist Ihr Ziel? Werden Sie wieder Weltmeister?
Anand: Ja.
Das Interview führten Carolina Burger und Robert Winter
Bild: Lukas Beck
Schachweltmeister Anand verlässt sich auf sein Bauchgefühl und hielte auch in der Wirtschaft mehr Demut für angebracht
Standard: Die Weltwirtschaft scheint schachmatt gesetzt, nichts geht mehr. Sehen Sie einen Ausweg?
Anand: Es gibt Anzeichen, dass sich die Wirtschaft stabilisiert, wenn auch auf sehr tiefem Niveau. Ich habe viel über die große Depression in den 1930er-Jahren gelesen und immer gedacht, das liege weit zurück. Nie hätte ich geglaubt, dass wir uns mit etwas Ähnlichem herumschlagen müssten. Die jetzige Krise wird sich hoffentlich nicht über sechs, sieben Jahre hinziehen.
Standard: Sie wird kürzer sein?
Anand: Ich glaube schon. Das ist mein Bauchgefühl, ich kann es nicht begründen. Aber wer weiß? Wenn vor zwei Jahren jemand gesagt hätte, wir würden total vom Weg abkommen, hätte das niemand geglaubt. Wir haben es mit einem Zyklus zu tun. Die Psyche ist stärker als die Ratio. Das ist auch der Grund, warum wir jetzt da sind, wo wir sind.
Standard: Was ist geschehen?
Anand: Es ist unglaublich attraktiv geworden, auf volles Risiko zu gehen. Dabei ist das Augenmaß verlorengegangen. Das Ganze ist aus dem Ruder gelaufen.
Standard: Beim Schachspiel heißt es zurück an den Start, wenn nichts mehr geht. Auch in der Wirtschaft?
Anand: Nicht so radikal. Ein gewisses Maß an Spekulation ist gut, weil das die Wirtschaft ölt. Aber das, was wir an Spekulation gesehen haben, ist absurd. Eine so große Industrie kann nicht überleben mit nichts. Es sind ja keine realen Werte geschaffen worden.
Standard: Wirtschaftstheorien basieren auf Modellen, in die zigtausende Variable eingehen. Eine Parallele zum Schachspiel?
Anand: Da gibt es gar nicht so viele Modelle. Wir verfolgen Ideen und versuchen zu ergründen, wie der Gegner darauf reagieren wird - und umgekehrt. Es gibt langfristige strategische Elemente, aber der Großteil des Spiels ist Taktik.
Standard: Was eint die Welt der Wirtschaft und jene des Schachs?
Anand: Die Psychologie. Deren Stellenwert ist in beiden Welten sehr hoch. Das Gerede vom rationalen Verhalten der Märkte ist Nonsens. Die Menschen sind instinktgetrieben. Das gilt auch für Schach. Beim Spielen ist wichtiger, was ich fühle und was mein Gegner denkt, als das, was sich objektiv auf dem Brett abspielt.
Standard: Was kann man von Schach lernen für die Wirtschaft?
Anand: Demut. Man kann nicht alles unter Kontrolle haben, auch nicht in der Wirtschaft. Im Spiel gibt es Momente, wo ich mit Nachdenken nicht weiterkomme. Ich verlasse mich dann auf meine Intuition. Überhaupt glaube ich, dass es wichtig wäre, mehr auf Intuition zu setzen und weniger auf logisches Denken zu vertrauen, auch in der Ökonomie.
Standard: Wenn Sie an die Weltwirtschaft denken, sehen Sie dann ein großes Schachbrett oder viele kleinere nebeneinander, auf denen gleichzeitig gespielt wird?
Anand: Ich stelle mir viele kleine Spiele vor, die simultan ablaufen, die aber, glaube ich, Teil eines großen Spiels sind. Das ist aber schwer vergleichbar, weil die Komplexität der realen Welt ungleich größer ist als die des Schachspiels.
Standard: Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz hat bemängelt, dass es bei Schach nur ums Gewinnen gehe, um sonst nichts. Bei der Wirtschaft hingegen gehe es wirklich um etwas: um die Beseitigung von Arbeitslosigkeit, Inflation, Hunger, Elend. Was sagen Sie dazu?
Anand: Das ist gar nicht so abwegig. Obwohl Schach eine Metapher für viele Dinge ist, sollten wir eines nicht vergessen: Schach ist und bleibt ein Spiel.
Standard: Sie werden im Dezember 40 - wie lange wollen Sie noch Schach spielen?
Anand: Solange es mir Spaß macht. Wenn sich alles gegen mich wendet und das Spiel mir keine Freude mehr macht, trete ich ab.
Standard: Und danach?
Anand: Ich weiß es nicht. Vielleicht mache ich ein Jahr Pause und denke über meine Zukunft nach.