Nachrichten Aktuelles Tagesschach 53/09 - Carlsen entzaubert Nr. 1 der Welt UEP und FIDE stoppen Verhandlungen um WM-Ausrichtung
14.05.2009 - Mtel Masters in Sofia mit Siegen für Magnus Carlsen gegen Veselin Topalov und Alexei Shirov gegen Vassily Ivanchuk gestartet / Bürgermeister verursacht Zusammenbruch der Live-Übertragung +++ Universal Event Promotion und Weltschachverband können sich nicht einigen und beenden einvernehmlich Gespräche um WM-Ausrichtung +++ Yury Shulman und Varuzhan Akobian führen nach sechs Runden bei der US-Meisterschaft in St. Louis +++ Rybka und Junior führen souverän bei 17. World Computer Chess Championship in Pamplona +++ Newsletter Nr. 3 zur Frankfurter Stadtmeisterschaft 2009 von Hans-Dieter Post +++ 21. Internationale Hessische Schnellschachmeisterschaft am 11. & 12. Juli in Bad Vilbel +++ Chess Tiger Hartmut Metz spricht über seinem Beinahe-Sieg gegen Arkadij Naiditsch beim Neckar-Open in Deizisau
Sofia (BUL) - Gestern startete die diesjährige Auflage des Mtel Masters in Bulgariens Hauptstadt und sorgte nicht nur auf dem Schachbrett für einige Aufregung, indem gleich mal die Live-Übertragung zusammenbrach und man vor Ort auch nicht in der Lage war, die Züge von lediglich drei Partien irgendwie ins Netz zu speisen. Statt aber zuzugeben, dass man sich offenkundig technisch nicht professionell vorbereitet hatte, musste der Bürgermeister von Sofia, Boiko Borisov, als Erklärung herhalten. Der ehemalige General, bekannt für seinen subtilen Humor, kam nicht nur zu spät zur ersten Runde, er sollte auch für Magnus Carlsen den ersten Zug gegen Veselin Topalov ausführen. Anstatt, wie vom Norweger gewünscht, nun den d-Bauer zwei Felder vorzurücken, spielte er 1.b3 und krönte seine Comedy-Einlage gar noch, indem er gleich noch 2.Lb2 spielte und meinte, so habe man in seiner Jugend gespielt. Sowohl Carlsen als auch die Übertragungssoftware waren davon jedoch wenig begeistert. Ersterer konnte zwar erwirken, dass er doch noch 1.d4 spielen durfte, aber die Software weigerte sich angeblich fortan, auch nur einen einzigen weiteren Zug aus dem Glaskasten zu übertragen und konnte auch nicht mehr dazu bewegt werden, ihre Meinung zu ändern. So entging den Fans an den heimischen Bildschirmen nicht nur, die 24-zügige Niederlage von Vassily Ivanchuk gegen Alexei Shirov, sondern auch der Sieg von Carlsen gegen Topalov. Wang Yue und Leinier Perez Dominguez trennten sich nach 65 Zügen verdient friedlich.
Kurz und bündig haben just sowohl die Universal Event Promotion (UEP) als auch der Weltschachverband FIDE in einer Presseerklärung mitgeteilt, dass die Verhandlungen um die Austragung des Weltmeisterschaftszyklus 2010-2011 (Kandidatenturnier 2010 und WM-Match 2011) gescheitert sind. Von UEP-Seite heißt es: "Die Parteien konnten wegen unterschiedlicher Vorstellungen im Zusammenhang mit Fragen der Organisationshoheit sowie im Bereich der kommerziellen Rechte keine Einigung erzielen. Erschwerend kam hinzu, dass die finanziellen Vorstellungen der FIDE über die Ausschreibungskriterien hinaus gingen." Die FIDE gibt an, bereits mit weiteren anderen interessierten Organisatoren und Sponsoren in Kontakt zu stehen. Warten wir also mal ab, ob tatsächlich jemand bereits ist, nicht nur für eine Weltmeisterschaft sondern auch für die Dekadenz der FIDE-Offiziellen zu zahlen.
St. Louis - Nach sechs von insgesamt neun Runden führen Yury Shulman und Varuzhan Akobian gemeinsam die US-Meisterschaft an. Im Spitzenduell trennten sich die beiden friedlich und profitierten davon, dass Gata Kamsky gegen den jungen IM Robert Hess trotz der weißen Steine nicht über ein Remis hinauskam und sich zudem auch Alexander Onischuk und Hikaru Nakamura friedlich trennten. Alle weiteren Ergebnisse, die Paarungen der siebten Runde, die Partien sowie auch eine Vielzahl netter Videos und Bilder finden Sie auf der Veranstalterseite des Chess Club and Scholastic Center of Saint Louis. ChessBase überträgt trotz der enormen Zeitverschiebung dennoch täglich ab 21 Uhr live.
Pamplona - Denkt man an die Stadt in der spanischen Hochebene, schiessen einem unwillkürlich Bilder von panischen Stieren, die noch panischere Menschenmassen durch enge Gassen jagen und zur Freude der johlenden Zuschauer den einen oder anderen Läufer auf die Hörner nehmen durch den Kopf. Die Hauptstadt der spanischen autonomen Region Navarra kann aber auch anders. So findet dort im Augenblick beispielsweise die 17. World Computer Chess Championship statt, bei welcher sich in einem 9-rundigen Turnier noch bis Sonntag zehn Programmierer mit ihren Engines um den höchsten Titel im traditionellen Computerschach streiten. Mit am Start natürlich das Beste vom Besten, was die Szene aktuell zu bieten hat. Vier Runden sind bisher gespielt und zwei Programme sind noch ohne Punktverlust. Vasik Rajlichs Titelverteidigerin Rybka und Junior von Amir Ban und Shay Bushinsky konnten bisher alle Gegner schlagen und führen damit die Tabelle bereits mit 1,5 Punkten Vorsprung an. Während der aktuell dritte Platz für die deutsche Engine Jonny von Johannes Zwanzger keine Sensation aber doch durchaus überraschend scheint, dürften sich Landsmann Stefan Meyer-Kahlen mit Shredder und der Brite Mark Uniacke mit Hiarcs sicherlich erhofft haben, näher an den beiden Führenden dran zu sein. Sollten Rybka und Junior das Geschehen weiter so dominieren, erwartet uns in der Schlussrunde das Duell der Giganten als großes Finale. Auch dieses Turnier überträgt ChessBase täglich live.
leider hat sich am Dienstag mein DSL-Anschluss zu Hause verabschiedet und das, ohne vorher gefragt zu haben, ob ich denn schon die Paarungen der 4. Runde ins Internet hochgeladen habe. Deshalb konnte das Ganze erst am Mittwochmorgen geschehen. Ein Grund mehr, meiner Frau ein schickes neues UMTS-Handy aufzuschwatzen, was dann natürlich einem sinnvolleren Einsatzgebiet zugewiesen werden würde .. :-)
Kein dreckiges, sondern im Gegenteil, ein blütenreines Dutzend bleibt nach Abschluss der 3. Runde ohne jeden Verlustpunkt an der Spitze der Frankfurter Stadtmeisterschaft bestehen.Somit kommt es folgerichtig zu den ersten Duellen der Titelträger in gehäufter Zahl in der vierten Runde. An Brett 1 trifft dabei der aktuelle Sieger des Hessischen Pokals, FM Ryhor Isserman, auf seinen Vorgänger und späteren Dähnepokal-Sieger IM Sven Telljohann. An Tisch 2 werden wir die interessante Paarung zweier Spieler sehen, die vor nicht allzu langer Zeit ihren FM-Titel gesichert haben, und als Schrecken der Etablierten durch die Tabellen mancher Turniere ziehen. An Brett 3 schließlich trifft der aktuelle Hessische und Internationale Meister Erik Zude auf den Frankfurter Stadtmeister von 2004, FIDE-Meister Oliver Uwira.
Die Top-Bretter kurz vor dem Start der 3. Runde
Nicht alle Titelträger sind bisher ohne Punktverlust geblieben. Während die Nummer 1 der Startrangliste nach einer Niederlage in der 2. Runde entnervt aus dem Turnier ausstieg, fängt für andere das Kämpfen nun erst richtig an. Natürlich macht es die Zweitwertung nicht gerade leichter mit einem frühen Punktverlust fertig zu werden, doch hat man in der Vergangenheit schon oft erlebt, wie die "Buchholz" einen Überraschungssieger gekürt hat!
Besiegte in der 2. Runde IM Pavel Govciyan - Andreas Göbel
Und fünf Mal bereits gelang es in den letzten 10 Jahren dem Sieger der FSM, mit "nur" sechs Punkten Meister zu werden. Viermal wurden 6,5 Punkte gebraucht, um das zu schaffen. Und seit 1982 und dem legendären Durchmarsch von Michael Mirtsching ist es keinem mehr gelungen, alle Partien zu gewinnen und damit den Turniersieg zu erzwingen. Kein Grund zum frühzeitigen Weinen und als Taschentuch für ganz schlimme Fälle wurde der Preisfond für die Meisterklasse immerhin in der Breite auch aufgestockt.
Als „Beste/Schönste Partie“ zog der Ehrengast der 3. Runde, Frau Karin Fichtmüller-Walper aus Bad Homburg, die Partie an Brett 5 aus der letzten Runde, IM Erik Zude gegen Stefan Hierling, aus dem Angebot. Ähnlich wie beim Tor des Monats im Fußball kommen ca. 3 Partien in eine Vorauswahl, allerdings findet dann keine Abstimmung statt, sondern das Los ermittelt die beiden glücklichen Empfänger je eines Restaurant-Gutscheines.
Karin Fichtmüller-Walper ermittelt die schönste Partie der 2. Runde
Frau Fichtmüller-Walper ist engagierte Lehrerin an der im Frankfurter Holzhausen-Viertel gelegenen Fürstenberger Schule. Ihr letztes Projekt, das auch durch die lokalen Medien ging, war thematisch angesiedelt beim "längsten Lesesaal der Stadt". Dabei ermunterte sie ihre Schüler, sich mit einem Buch zu bewaffnen und den Passagieren der U-Bahn während der Fahrt entlang der Eschersheimer Landstrasse vorzulesen. Nun hat sie sich die längste Turnier-Tischreihe der Stadt angesehen, und war durchaus begeistert vom Trubel kurz vor aber auch von der Turnierdisziplin mit Rundenbeginn.
Am 25. Mai fällt an dieser 1898 gegründeten Lehranstalt mit einem Simultanangebot der Startschuss für das Projekt Schach und die Frankfurter Stadtmeisterschaft wird als etwa gleich alter Pate unterstützend zur Seite stehen.
Bad Vilbel - Am 11. und 12. Juli findet in Bad Vilbel die 21. Internationale Hessische Schnellschachmeisterschaft unter dem Namen "Werner-Adolar-Falck-Gedenkturnier 2009" statt. Gespielt werden elf Runden Schweizer System mit einer Bedenkzeit von 30 Minuten pro Spieler und Partie. Gestartet wird am Samstag im Bad Vilbeler Kurhaus um 12 Uhr und am Sonntag um 10 Uhr. Der Preisfonds beträgt €1.800,-, wovon €400,- auf den Erstplatzierten warten. Bei Punktgleichheit wird nach dem Hort-System verfahren. Das Startgeld beträgt €15,-, Jugendliche und FIDE-Meister zahlen €10,- und IM und GM sind gratis dabei.
Remis gegen Weltranglisten-31. - danach Schlappe gegen die Nummer 51325 Hartmut Metz kommentiert seinen verpassten Sieg über Arkadij Naiditsch
Beim Neckar-Open in Deizisau hat ein Teilnehmer schon vor dem ersten Zug zu seiner Verwunderung Glückwünsche erhalten! Als Ihr Berichterstatter am Morgen in die Halle eilte, wusste er wegen der langen Erstrundenpartie am Abend zuvor nicht, dass auf ihn der Star des 13. Neckar-Open an Brett eins wartete! Wenn einem die Auslosung einen 2700er beschert – und dazu noch den herausragenden deutschen Spieler -, Schach-Herz, was willst du mehr? Das Resultat ist da schließlich zweitrangig. Am Tag zuvor hatte ich noch im kleinen Kreis vor der Halle mit dem deutschen Meister Arik Braun und David Baramidze (beide enttäuschten mit 6 bzw. 6,5 Punkten) sowie Naiditsch geulkt: „Arkadij, ich würde so gerne gegen dich spielen! Wenn ich dann in 25 Zügen verliere, macht mir das nichts aus.“ Dass aus dem Spaß ein Ernst wurde, der durchaus in 25 Zügen hätte enden können, schien später wie eine Vorahnung – es hätte durchaus sein können, dass Naiditsch in 25 Zügen verliert!
Viele weitere Glückwünsche und Sendezeiten im Fernsehen gab es auch nach dem Remis! Doch Vorwürfe von Mannschaftskameraden („Das hättest du gewinnen müssen!“) mengten sich in die bittere Erkenntnis: So eine Chance auf einen Sieg gegen einen Weltklassespieler kommt nie wieder! Die Wege im Turnier trennten sich hernach umgehend. Naiditsch gab nur noch zwei Remis ab und spielte gegen Oleg Boguslavskyy (Hockenheim), der eine IM-Norm verzeichnete, eine grandiose Angriffspartie. Ich hingegen traf nach dem Remis gegen den Weltranglisten-31. auf den Lemgoer Matthias Blübaum. Der Elfjährige mit einer DWZ von 1993 sollte natürlich überfahren werden. Ungelenk vermied ich eine Remisabwicklung, was mit einer herben Schlappe gegen die Nummer 51325 der Welt (mit 2051 Elo in der FIDE-Liste) bestraft wurde! Dass man von Blübaum noch hören wird, belegte der furchtlose kleine Lemgoer mit 5,5 Zählern und einer Performance von 2342 Elo. Selbst bei seiner einzigen Niederlage gegen IM Chiel van Oosterom stand der „Kleine Killer“, wie ihn seine Opfer tauften, nach dem 40. Zug noch deutlich besser. Der blonde Junge hatte am Karfreitag gefühlte 300 Elo stärker gespielt gegen mich als Naiditsch – mindestens!
Der ausführliche Bericht von Hartmut Metz über das spannende Neckar-Open, das Naiditsch zusammen mit Fernando Peralta (Argentinien) und Axel Bachmann (Paraguay/alle 7,5 Punkte) gewann, findet sich im neuen Schach-Magazin 64. Wer mehr vom Schachjournalisten Metz lesen möchte, dem sei beispielsweise der jüngst in der taz erschienene Artikel zu Sergey Karjakin empfohlen: "Auf den Spuren des Ungeheuers"
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