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WELTMEISTER AUF DRAHT
Von Wolfram Runkel im Kulturellen Schachmagazin KARL erschienen!
17.01.2009 - Der Journalist Wolfram Runkel fiel in den letzten 20 Jahren durch tiefgründige Artikel über das Schachspiel im Allgemeinen und den Turnierbegebenheiten um das Schach herum im Besonderen auf. Unter anderem auch durch einen Artikel im Jahre 1992 über den "charismatischsten Spieler der Gegenwart", Viswanathan Anand, in der wöchentlich erscheinenden "Zeit". In diesem Artikel beschrieb Runkel die Leichtigkeit, wie der junge Mann aus dem Mutterland des Schachs, Indien, den tiefgründigsten, deutschen Theoretiker der Nachkriegszeit Dr. Robert Hübner in einer "Russischen Verteidigung" scheinbar mühelos und ohne große Theoriekenntnisse auseinander spielte. Er wurde als größtes Naturtalent seit Robert James "Bobby" Fischer außerhalb der sowietischen Schachhegemonie eingeschätzt, ein Junge mit den schnellsten Reflexen und der höchsten Rechenkapazität im Schach. Hier, bei der WM in Bonn muss der sehr erfahrene Schachjournalist Runkel jedoch einen bedeutenden Wandel - sagen wir besser Ergänzung - in seiner Turniertaktik sehen. Viswanathan Anand hat seine eigene interne Denkfabrik, um externe Kapazitäten, wie Berater und Sekundanten, erweitert und natürlich die Nutzung von stark verbesserten Ressourcen in Form von Schachcomputerprogrammen zur Vergrößerung der eigenen Kapazität in seiner Denkfabrik systematisch zusammengefügt. Dass seine psychologischen Fähigkeiten, das Antizipieren der gegnerischen Strategie und seine Wettkampfhärte in den letzten 15 Jahren gewachsen sind, durfte er jetzt endlich auch beim Zweikampf um die Weltmeisterschaft in Bonn unter Beweis stellen.

Dieser Artikel ist im Kulturellen Schachmagazin KARL 4/2008 erschienen und wird hier mit freundlicher Genehmigung des KARL-Verlags veröffentlicht.

Homepage der KARL-Verlags

Weltmeister Viswanathan Anand aus Indien
Pressekonferenz in Bonn 2008 (Foto: Harry Schaack)

WELTMEISTER AUF DRAHT
von Wolfram Runkel

Das Bonner Weltmeister-Match hat das Interesse am Schach in Deutschland viel stärker geweckt, als zu erwarten war. Noch nie, seit Bobby Fischer 1972, bin ich mit so vielen Fragen zum Thema Schach gelöchert worden. Von Verwandten, Schachfreaks und -Laien, Partylöwen und -löwinnen, Wein- und Feinschmeckern, Abstinenzlern und Vegetariern, Fußballfans und Philosophen, Großmüttern und Enkeln wurde ich nach Einzelheiten des Matches befragt. Ich musste die Schachgeschichte aufrollen von der Erfindung bis zu den Meistern der Neuzeit, ihren Wundertaten, ihren Siegen und Niederlagen, ihren Schönheitspreisen. Die Leute hören gerne Anekdoten über die Marotten und Allüren der Matadoren, von Psychoterror, großmeisterlichen Fußtritten unterm Schachtisch, farbigen Joghurtbotschaften in Bagio und Latrinengerüchten in Elista. Beliebt sind auch die Themen Betrugsvorwürfe und Betrugsversuche. Caisssa in Hollywood. Sogar der Philosoph und Schachlaie Rüdiger Safranski fand es „ja richtig spannend“, als wir über die romantische Epoche des Schach redeten.

Journalist Wolfram Runkel
(Foto: Hans-Walter Schmitt)

Am meisten faszinierte die Zuhörer immer wieder die Beschreibung der Atmosphäre an den WM-Brettern, wenn die Weltmeisterkandidaten sich auf den Theater-Bühnen der ganzen Welt gegenüber sitzen – in einem stummen Drama, bei dem die Gedanken der Matadoren unsichtbar und unhörbar im Saal herumwabern. Das Publikum starrt gespannt auf die Bretter, die die Welt bedeuten und versteht, ahnt nur einen Bruchteil von dem, was da passiert beziehungsweise nicht passiert.

Stille und Starre können bis zu einer Stunde dauern, wenn zum Beispiel ein Spieler mit einer Neuerung des Gegners unangenehm überrascht wird. Vor der Neuerung ist die Partie ein, mehr oder weniger abtastendes Geplänkel, erst nach dem neuen Zug wird die aktuelle Partie ein Novum, ein neues Werk, ein Unikat. Was die Zuhörer an dieser Stelle irritiert, ja oft ärgert, ist die Tatsache, das dieser neue Zug außerhalb der aktuellen Sitzung von dem Team des Erneuerers in oft wochenlanger, monatelanger Heimarbeit gesucht und entdeckt, analysiert und schließlich empfohlen wurde.

Erstaunen und Empörung macht sich Luft: „Dann ist das ja gar keine individuelle Leistung“. „Dann gewinnt ja der, der das bessere Team hat.“ „Dann ist das Geschehen auf der Bühne ja eine Farce.“ „Dann ist das ja tatsächlich nur Theater.“ Oder: „Dann würde ich lieber die Vorgänge in der Suite sehen, als die auf der Bühne“. Der Einwand, dass auch bei anderen Sportarten, etwa beim Boxen oder Tennis, die Spieler sich auf jedes Match und den Stil jeden Gegners genau vorbereiten, lassen die Kritiker nicht gelten: „Es ist etwas anderes, ob ein Tennisspieler bestimmte Schläge trainiert, die er aber im Match noch bringen muss, oder ob er Schlagabtäusche auswendig lernt, um sie am Brett wie eine Marionette auszuführen.“ Die meisten meiner schachbegeisterten Zuhörer weisen auch Kramniks Argument, die Vorbereitung sei eben der wissenschaftliche Aspekt des Schach, die Grundlage für den Erfolg beim sportlichen Kampf oder für die Schöpfung eines Kunstwerkes am Brett, zurück: „Um so schlimmer, wenn die Hauptarbeit einer Partie gar nicht der Meister am Brett, sondern seine Adlaten und Computer verrichten“.

Karl-Verleger Harry Schaack
Pressesprecher Chess Classic Mainz
(Foto: Eric van Reem)

Tatsächlich verfügten beide WM-Kämpfer über regelrechte Denk- und Rechenfabriken, die nicht nur aus mehreren Großmeistern, sondern auch einer Reihe von Computern mit Schachprogrammen bestehen. Allein wegen der dutzend laufenden Computer herrscht in den „Warrooms“ eine Hitze wie in einem Maschinenraum. Im Suchmaschinenraum glühten die Drähte. Die Computer werden zum Überprüfen von Neuerungen eingesetzt, oder sie spielen gegeneinander, um den Menschen Neuerungen zu offenbaren.

Die Computerneuerungen sind meist Züge, deren Qualität für das Schachempfinden von Großmeistern auf den ersten (und auch auf den zweiten) Blick zu absonderlich erscheinen, deren Qualität aber die Computer gegebenenfalls dank ihrer Rechenpower herausfinden und nachweisen.

Nehmen wir zum Beispiel Anands 14. Zug in der dritten Partie, Läufer b7, den Großmeister in Turnierpartien noch nie gespielt hatten. Der Zug opfert nicht nur einen Bauern, sondern gönnt dem Gegner zusätzlich ein Freibauernpaar am Damenflügel, das auf den ersten Blick gefährlicher wirkt als der Angriff, den Schwarz im Gegenzug erhält. Deshalb verwarfen erfahrene Spieler den Zug relativ schnell. Als Anand intern den Zug erwähnte, stellte sich heraus, dass der Sekundant Rustam Kasimdzhanov 14.Lb7 schon vor Monaten gefunden und analysiert hatte. Die Analyse überzeugte Anand. Die Annahme des Bauernopfers führt zwar keineswegs zwingend zum Sieg für Schwarz. Aber der überraschte Gegner muss die richtigen Antwortzüge, die Kasimszhanov stunden- und tagelang mit Computern gecheckt hat, am Brett innerhalb der Bedenkzeit von durchschnittlich drei Minuten pro Zug finden. Die Rechnung der Denkfabrik ging auf. Der übertölpelte Kramnik brauchte allein für zwei Züge eine Stunde, geriet in Zeitnot und machte den Fehlzug, der ihn die Partie kostete. Den Gegner in Zeitnot zu treiben, ist eines der Hauptziele von Neuerungen. Oft weiß der Neuerer sogar, dass der neue Zug schlechter ist als der sattsam bekannte Zug, aber die zu erwartende Zeitnot des Gegners macht die Schwäche wett. Um den Gegner zum Nachdenken und Zeitverbrauch zu zwingen, wechselte Anand, der stärkste e4-Spieler der Welt, von seinem geliebten Eröffungszug auf das sonst verschmähte d4. Das ist zwar keine Neuerung, aber eine Überraschung in Anands Repertoire, die Kramniks gesamte e4-Vorbereitung nutzlos machte.

Anand kennt die Leiden des überraschten Matadoren aus eigener Erfahrung. Er war selbst schon Opfer von Neuerungen aus dem feindlichen „War room“. Am spektakulärsten traf es ihn bei der WM 1995 auf dem Dach des New Yorker World Trade Center. Nachdem er mit dem „Offenen Spanier“ mehrmals locker Kasparows Gewinnversuche pariert hatte, rüstete sich der Weltmeister mit seinem Team und seinen Computern zum Gegenschlag. Tatsächlich fand seine Truppe in einem 48-Stunden-Marathon die Widerlegung von Anands Verteidigungsidee. Kasparow erschien nach Anands Zügen immer nur kurz im Spielraum, um seine auswendig gelernten Team-Züge so aufs Brett (im Wortsinn) zu knallen, dass der Inder zusammenzuckte. Er verlor Partie und Match.

In Bonn entdeckte auch die Kramnik-Fabrik bei der Analyse nach der ersten Niederlage in der dritten Partie eine sogar sehr chancenreiche Maßnahme gegen Anands 14. Lb7. Kramnik entschied sich, in der fünften Partie das Bauernopfer erneut anzunehmen und zu widerlegen. Aber wieder war der Igel schon vor ihm da. Bevor Kramnik seine Neuerung aufs Brett bringen konnte, kam nämlich schon Anand mit seiner neuerlichen Neuerung in seiner eigenen Neuerungsvariante. Schon im nächsten Zug machte er mit 15.Tg8 (statt 15.Ld6, wie in der dritten Partie), die gesamte Analysearbeit des Kramnik-Teams zunichte. Er gewann auch diese Partie. Und die beiden Schwarzsiege reichten dem Inder zum Gesamtsieg.

Es ist nun müßig, darüber zu richten, ob der Matchsieg Anands Erfolg oder der seines Teams ist, ob der computerbasierte Sieg fair, gerecht, schön, glücklich oder sonst was ist. Selbst wenn man wollte, man kann die Computereinschaltung in Schachzweikämpfen weder verbieten noch verhindern.

Oder doch? Der geniale Bobby Fischer, Gott hab ihn selig, hat schon vor Jahren sein „Fischer-Random“-Schach auf den Markt gebracht, weil er frische Kreativität interessanter fand als auswendig gelernte Zugfolgen. Beim System „Chess960“, bei dem vor jeder Partie die Grundstellung neu ausgelost wird, hilft Eröffnungstheorie und dementsprechend die Entdeckung von Neuerungen wenig. Die Idee realisiert zwar Hans-Walter Schmitt bei seinen berühmten Chess-Classic in Mainz mit großem Erfolg, aber bei der FIDE ist die Idee nicht besonders populär.

Wahrscheinlich auch nicht bei den Schachfans in aller Welt. Sie wollen beim Schach wenigstens den Anfang ein wenig verstehen. Auf die klassische Aufstellung sind sie besser vorbereitet.

Zwei großartige faire Schach-Wettkämpfer

Weltmeister Viswanathan Anand aus Indien
Pressekonferenz in Bonn 2008 (Foto: Hans-Walter Schmitt)

Herausforderer Vladimir Kramnik aus Russland
Pressekonferenz in Bonn 2008 (Foto: Hans-Walter Schmitt)

Lautlose Diagramme des Finales der 5.Partie

Vladimir Kramnik hat noch 19min ...
... nach dem Zug 27.Te1

Vladimir Kramnik ist zufrieden ...
... nach dem Zug 27.Te1

Vladimir Kramnik steht auf
... nach dem Zug 27.Te1

Vladimir Kramnik zieht ...
... nach dem Zug 28.b4

Viswanathan Anand spielt ...
... nach dem Zug 28.Tc3

Vladimir Kramnik trinkt genüsslich ...
... nach dem Zug 29.Sd4 ??

Vladimir Kramnik sieht das Maleur ...
... nach dem Zug 34. ... Se3 !!
unerträgliche Spannung, Viswanthan Anand nicht am Brett
... Vladimir Kramnik muss leiden!

... auch bei der Pressekonferenz.
Viswanthan Anand nach dem "Big Point"!

Hans-Walter Schmitt

Published by HWS

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