01.12.2008 - Da denkt man, dass man mit einer gelungenen Weltmeisterschaft in Bonn und einer Rekord-Olympiade in Dresden auf ein erfolgreiches Schachjahr in Deutschland zurückblicken kann, und dann das. Der ukrainische Top-GM Vassily Ivanchuk (39) wurde nach der katastrophalen 0,5:3,5-Niederlage seines Teams in der letzten Runde der Olympiade gegen die USA von einem Schiedsrichter zur Dopingprobe bestellt, doch statt in den Becher zu pullern, soll Ivanchuk Fersengeld gegeben haben. Das Reglement sieht in diesem Fall vor, dass damit dem ukrainischen Team alle Punkt aberkannt und den jeweiligen Gegnern zuerkannt werden. Doch das Schiedsgericht in Dresden griff nicht ein, denn in der Endabrechnung hätte dann nicht die USA sondern Ungarn die Bronzemedaille gewonnen. Deutschland würde übrigens von 13 auf 9 in die Top 10 springen, aber unter solchen Umständen wäre das keineswegs ein Grund zur Freude. Dafür plant man, den Übeltäter persönlich zur Rechenschaft zu ziehen und erwägt, Ivanchuk für zwei Jahre vom laufenden Turnierbetrieb auszuschließen. Ein willkommener Anlass, das Thema Doping & Schach mal wieder heiß zu reden, wie sowohl der Stern als auch die FAZ in ihren Artikeln belegen.
"Ausgerechnet Ivanchuk", war mein erster Gedanke, als ich lesen musste, man erwäge, den unglaublich sympathischen Ukrainer dafür zu bestrafen, dass er im Ärger einer verpassten Medaille nicht gewillt war, sich beim sinnlosen Urinieren in einen Becher beobachten zu lassen. Über Sinn oder Unsinn dieser Kontrollen zu debattieren ist allerdings zunächst mal zweitrangig. Nüchtern betrachtet muss besonders einem Weltklassesportler klar sein, dass er bei einer Sportart, die offiziell olympisch werden möchte, spätestens bei der Olympiade selbst damit rechnen muss, auf verbotene Substanzen getestet zu werden. Dass es den zuständigen Herren einerlei ist, ob der betreffende Spieler gerade gesiegt oder eine herbe Niederlage eingesteckt hat, kann man auch schwerlich anprangern. Tatsache ist jedoch, dass es in der Schachwelt sicherlich einen lauten Aufschrei geben wird, wenn man an ihren "Chucky" tatsächlich ein Exempel statuiert. Und unweigerlich wird doch wieder die Diskussion aufkommen, ob es überhaupt möglich ist, beim Schach zu dopen, und ob Ivanchuk nicht ein Held ist, weil er sich weigerte. Ersteres ist ein zweischneidiges Schwert, doch Letzteres lässt sich leicht beantworten, wenn man ehrlich ist: Nein, Ivanchuk hat sich in einem ungünstigen Augenblick dazu hinreißen lassen, gegen die Regeln zu verstoßen, die ihm die ganze Zeit über gewahr gewesen sein müssen. Der Europameister von 2004 ist ein äußerst erfahrener Schachprofi, sodass ein schlichtes "Vergessen der Regel" überhaupt kein Grund sein darf und kann. Ich bin selbst ein großer Fan von Vassily Ivanchuk, und so drücke ich ihm die Daumen, dass er irgendwie einen Weg findet, den Schaden zu begrenzen. Allerdings wird da wohl mehr nötig sein, als ein Becher voll Urin ...
Dopingsünder oder nur ein schlechter Verlierer? - Vassily Ivanchuk in Dresden
Bevor ich so tue, als wäre ich medizinisch kompetent, lasse ich lieber jemanden zu dem Thema Schach & Doping sprechen, der sich sowohl mit Medizin als auch mit Schach auskennt. Schon vor Jahren hat sich der promovierte Mediziner und Großmeister Dr. Helmut Pfleger mit diesem Thema eingehend beschäftigt und selbst Untersuchungen durchgeführt. Er erlebte gar am eigenen Leib, wie es ist, wenn ein Betablocker - welcher ausdrücklich laut der offiziellen Doping-Liste der WADA (World Anti-Doping Agency) unter dem "Punkt III. / P2. Betablocker" beim Schach verboten ist - seine Wirkung tut. Ich zitiere auszugsweise aus einem Interview, welches Pfleger 2003 Hartmut Metz gab:
Hartmut Metz: Ich kenne einen Amateur, der wirft sich vor jeder Partie Beruhigungspillen ein. Steigern
Beta-Blocker, die den Herzschlag vermindern und den Blutdruck senken, die Leistung in Stressphasen
bei knapper Bedenkzeit oder schwierigen Stellungen auf dem Brett?
Dr. Helmut Pfleger: Es gibt Spieler, die zur Übererregbarkeit und so zu gelegentlichen Blackouts neigen,
so dass Beta-Blocker sinnvoll erscheinen mögen. Doch auch hier sind, abgesehen vom heutigen
Verbot, grosse Bedenken anzumelden. Bei einer Schachpartie ist von vornherein nicht abzusehen,
wann es eine besonders spannende Partiephase gibt. Bei meinen eigenen Untersuchungen experimentierte
ich auch bei geeignet erscheinenden Spielern mit Beta-Blockern, die damals noch nicht
auf der Dopingliste standen. Die Ergebnisse waren widersprüchlich, einmal sogar eindeutig
schlecht. Als warnendes Beispiel möchte ich mich selbst anführen. Zwei Jahre zuvor nahm ich
bei einem Weltklasse-Turnier in München, bei dem ich die Teilnehmer untersuchte, vor meiner
Partie mit Ex-Weltmeister Boris Spassky einen Beta-Blocker mit katastrophalen Folgen: Pulsfrequenz
und Blutdruck sanken in den Keller. Mit grossem Gleichmut spielte ich einen ziemlichen
Käse und verlor sang- und klanglos die Partie.
Hartmut Metz: Bringt die gegenteilige Doping-Form, Stimulanzien, etwas? In Italien erwischte man bei
einem Turnier einen Akteur mit Amphetaminen.
Dr. Helmut Pfleger: Bei einer länger andauernden Schachpartie besteht die Gefahr, dass gerade in der Abklingphase
des Amphetamins mit ihrer „deprimierenden“ Wirkung besondere Wachheit erforderlich
wäre. Dies ist z. B. bei Auto-Rennfahrern ganz anders, bei denen eine bestimmte Rennzeit
vorgegeben ist. Soweit ich weiss, sind dann sogar Kombinationen von Weckaminen mit Beta-
Blockern beliebt.
Hartmut Metz: Viele Schachspieler bevorzugen während ihrer Partien Kaffee, um hellwach zu bleiben –
obwohl angeblich die besten russischen Schachspieler immer schwarzen Tee wegen der länger
anhaltenden Wirkung bevorzugten. Wie viele Gläser Cola oder wie viele Tassen Kaffee müsste
man trinken, um den erlaubten Koffein-Wert zu überschreiten?
Dr. Helmut Pfleger: Das ist schwer zu bestimmen. Zum einen hängt das sehr stark von Faktoren wie dem
Körpergewicht des Sportlers ab. Zum anderen besitzen Cola-oder Kaffeesorten unterschiedliche
hohe Koffein-Werte. Bei Stoffwechsel-Störungen können schon zwei Tassen Kaffee für eine
positive Probe genügen. Generell gilt aber: Der Koffein-Wert, bei dem Doping vorliegt, wurde
so hoch gewählt, dass er bei normalen Lebensgewohnheiten nicht erreicht wird.
Das vollständige Interview mit weiteren interessanten Informationen rund ums Doping im Schach gibt es hier.